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Medizin

Geburtshilfe: Verzögerte Abnabelung für die Mutter sicher, „Ausmelken“ für Frühgeborene riskant

Freitag, 22. November 2019

/bevisphoto, stock.adobe.com

New York/San Diego – Die verzögerte Abnabelung, die die Startchancen des Kindes nach der Geburt verbessert, hat sich in einer randomisierten Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 322: 1869-1876) auch nach einem Kaiserschnitt für die Mutter als sicher erwiesen. In einer weiteren randomisierten Studie zum populären „Ausmelken“ der Nabelschnur ist es jedoch bei Frühgeborenen zu einer erhöhten Zahl von Hirnblutungen gekommen (JAMA 2019; 322: 1877-1886), weshalb die Studie frühzeitig abgebrochen werden musste.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) empfiehlt, die Nabelschnur nach der Geburt nicht sofort zu durchtrennen, sondern mindestens 60 Sekunden abzuwarten. In dieser Zeit kann Blut aus der Nabelschnur in den kindlichen Kreislauf fließen. Diese „Transfusion“ erhöht die Eisenvorräte des Neugeborenen, was laut einer aktuellen Meta-Analyse in den Cochrane Database Systematic Reviews (2019; 9: CD003248) bei Frühgeborenen mit einer Reduktion des Sterberisikos vor der Entlassung aus der Geburtsklinik um 27 Prozent verbunden ist (Risk Ratio 0,73, 95-%-Konfidenzintervall 0,54 bis 0,98).

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Bei Geburtshelfern gab es bei Schnittentbindungen Sicherheitsbedenken. Es wurde ein erhöhtes postpartales Blutungsrisiko befürchtet. Eine randomisierte klinische Studie an zwei US-Kliniken könnte die Befürchtungen jetzt entkräften. Insgesamt 113 Frauen mit einer elektiven Sectio wurden auf 2 Gruppen randomisiert. In der ersten Gruppe sollte die Nabelschnur innerhalb von 15 Sekunden nach der Entbindung durchtrennt werden. In der zweiten Gruppe sollten die Geburtshelfer damit mindestens 60 Sekunden warten. Der primäre Endpunkt der Studie war die Veränderung des mütterlichen Hb-Werts am ersten Tag nach der Entbindung.

Wie das Team um Cynthia Gyamfi-Bannerman vom Irving Medical Center der Columbia Universität in New York berichtet, fiel der Hb-Wert der Mutter nach der verzögerten Durchtrennung der Nabelschnur um 1,90 g/dl gegenüber einem Abfall von 1,78 g/dl nach der sofortigen Durchtrennung. Die Differenz von 0,12 g/dl war klinisch nicht relevant und mit einem 95-%-Konfidenzintervall von minus 0,22 bis 0,46 g/dl auch statistisch nicht signifikant. Auch in 15 von 19 sekundären Endpunkten wurden keine signifikanten Unterschiede gefunden. Der mittlere Hb-Wert der Neugeborenen verbesserte sich dagegen von 16,4 auf 18,1 g/dl. Die Differenz von 1,67 g/dl war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,75 bis 2,59 g/dl signifikant.

In einer zweiten Studie wurde untersucht, ob ein zusätzliches Ausstreichen der Nabelschnur den Nutzen für das Kind weiter verbessern kann. An der internationalen PREMOD2-Studie (deutsche Beteiligung: Universität Ulm) sollten ursprünglich 1.200 Frühgeborene (Geburt vor der 32. Woche) teilnehmen. Bei allen Kindern war eine verzögerte Abnabelung (nach mindestens 60 Sekunden) geplant. Bei der Hälfte sollte während dieser Zeit die Nabel­schnur ausgestrichen werden, um den Rückfluss des Blutes in den kindlichen Organismus weiter zu erhöhen.

Dieses „Ausmelken“ erwies sich als riskant. Die Studie musste nach Einschluss von 474 Kindern vorzeitig abgebrochen werden. Bei 29 von 239 Kindern (12 Prozent) war es nach dem „Ausmelken“ der Nabelschnur zum Tod oder zu einer intraventrikulären Blutung gekommen. Dieser primäre Endpunkt der Studie war nach verzögerter Abnabelung ohne „Ausmelken“ nur bei 20 von 238 Kindern (8 Prozent) aufgetreten. Die Differenz von 4 Prozentpunkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von minus 2 bis 9 Prozentpunkten nicht signifikant. Auch in der Zahl der Todesfälle (17 von 236 oder 7 % versus 15 von 238 oder 6 %) gab es keine wesentlichen Unterschiede (Risikodifferenz 1 %; -4 bis 5 %.

Die Zahl der Neugeborenen, die eine intraventrikuläre Blutung erlitten, war jedoch nach dem „Ausmelken“ mit 20 von 236 (8 %) deutlich erhöht gegenüber 8 von 238 Kindern (3 %) ohne „Ausmelken“. Die Risikodifferenz von 5 % war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1 bis 9 % signifikant.

Die jetzt von Anup Katheria vom Sharp Mary Birch Hospital for Women & Newborns in San Diego und Mitarbeitern vorgestellte Post-hoc-Analyse ergab, dass die intraventrikulären Blutungen vor allem bei den extremen Frühgeburten (23 bis 27 Wochen) aufgetreten sind. Hier kam es nach dem „Ausmelken“ bei 20 von 93 Neugeborenen (22 %) zur intraven­tri­kulären Blutung gegenüber 5 von 89 Neugeborenen (6 %), bei denen kein „Ausmelken“ vorgesehen war.

Die Risikodifferenz von 16 % war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 6 bis 26 % hochsignifikant. In dieser Gruppe sollte deshalb auf ein „Ausmelken“ verzichtet werden. Bei Kindern, die ab der 28. Woche geboren wurden, scheint das Risiko sehr gering zu sein. Diese Gruppe soll jetzt noch 2 Jahre nachbeobachtet und auf eventuelle Entwicklungsstörungen hin untersucht werden. © rme/aerzteblatt.de

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