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Medizin

Prävalenz zur Gewalt in der Geburtshilfe weiterhin unklar

Freitag, 29. November 2019

Ein Simulationstraining einer Notfallsituation bei einer Geburt im Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin. /picture alliance
Ein Simulationstraining einer Notfallsituation bei einer Geburt im Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin. /picture alliance

Berlin – Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtshilfe könnten auch in Deutschland ein relevantes Problem sein. Darauf deutet eine nicht-repräsentative Umfrage unter 2.045 Frauen hin, die sich vor allem an Betroffene gerichtet hat. Die Ergebnisse wurden gestern auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin in Berlin vorgestellt. Sie zeigen, welche Formen der Misshandlung besonders relevant sind. Die Prävalenz des Problems bleibt aber weiterhin unklar. Immer mehr betroffene Frauen würden aber auch in Deutschland über ihre Erfahrungen von solcher Gewalt berichten, etwa unter dem Hashtag #RosesRevolution, warnte kürzlich Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis 90/Die Grünen).

Die Hebammenwissenschaftlerin und freiberufliche Hebamme Claudia Limmer hatte die Befragung Ende 2018 im Rahmen ihrer Masterarbeit durchgeführt. Ziel war es, eine Fragebogenvalidierung für zukünftige Studien durchzuführen. Dafür hatte sie unter anderem den Mothers in Respect Index (MOR) und die Mother’s Autonomy in Decision Making Skala (MADM) angepasst und ins Deutsche übersetzt. Limmer ergänzte soziodemografische Fragen und allgemeine Fragen zu Schwangerschaft und Geburt. Nicht erfragt wurden traumatische Vorerfahrungen der Frauen, die ebenfalls einen Einfluss auf die Wahrnehmung von Gewalt im Kreißsaal haben könnten.

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Der Link zur Umfrage wurde im November 2018 auf der Facebookseite Roses Revolution Deutschland – die globale Bewegung gegen Gewalt in der Geburtshilfe – veröffentlicht. Diesen Weg der Datenerfassung wählte Limmer, um eine große Zahl betroffener Frauen zu erreichen. Die Resonanz war groß: Innerhalb von zwei Tagen hatten mehr als 1.000 Frauen den Fragebogen beantwortet, bis zum Abschluss waren es mehr als 2.000.

42,8 % der befragten Frauen berichteten, dass Interventionen ohne ihre Einwilligung vorgenommen worden waren. Dazu zählten etwa ein Dammschnitt, Kaiserschnitt, vaginale Untersuchung, Anlegen eines Wehentropfs, Fruchtblaseneröffnung, Injektion eines Medikaments und ein venöser Zugang. 33,6 % hatten physische Gewalt erfahren (zum Beispiel: vaginale Untersuchung, nicht ausreichende Betäubung beim Nähen eines Dammschnitts und aggressiver Körperkontakt), 32,7 % sahen ihre Privatsphäre verletzt. Darüber hinaus gaben etwa 30 % Vernachlässigung und 18,9 bis 29,9 % verbale Gewalt an. 4,6 % berichteten über Verletzungen des Datenschutzes.

Limmer konnte zudem beobachten, dass in ihrer Teilnehmergruppe Erstgebärende, Frauen mit Migrationshintergrund und jene mit niedrigem sozioökonomischen Status besonders betroffen waren. Jedoch waren letztere beiden in der Studie deutlich unterrepräsentiert.

Respektlosigkeit und Gewalt in der Geburtshilfe

2015 hat eine Forschungsgruppe im Auftrag der Welt­gesund­heits­organi­sation in einem systematischen Review eine evidenzbasierte Typologie der Misshandlung unter der Geburt entwickelt. Diese soll als Grundlage für die Entwicklung von Erhebungsinstrumenten für quantitative Studien dienen:

Übergeordnete Themen sind: physische Gewalt, sexuelle Gewalt, verbale Gewalt, Diskriminierung, Nichteinhalten professioneller Qualitätsstandards, mangelnde Kommunikation und Unterstützung, Mängel des Gesundheitssystems

Quelle: PLoS Med. 2015

Häufiger über Gewalt berichteten auch Frauen mit einem ungeplanten Kaiserschnitt und jene, die trotz geplanter außerklinsicher Geburt im Krankenhaus geboren haben. Nicht auszuschließen ist, dass hierbei die nicht erfüllte Erwartung der Frau eine Rolle gespielt haben könnte. Als protektive Faktoren zählte die Hebamme aus Berlin Spontangeburten, eine 1 zu 1 Hebammenbetreuung sowie die außerklinische Geburt vor. Sie konnte zudem Assoziationen zwischen Erfahrungen von Respektlosigkeit und Gewalt unter Geburt mit Symptomen posttraumatischer Belastung erkennen.

Auf das Thema Gewalt in der Geburtshilfe machte kürzlich auch Kirsten Kappert-Gonther aufmerksam. In ihrer Stellungnahme spricht sie davon, dass geschätzte 10 bis 25 % der Gebärenden in Deutschland Gewalt unter der Geburt erleben würden. Laut dem Deutschen Hebammenverband umfasse dies die Durchführung fragwürdiger Routinen wie Bewegungseinschränkungen, medizinisch nicht indizierter oder ohne Einverständnis durchgeführter Untersuchungen und Interventionen, den verordneten Verzicht auf Flüssigkeit oder Nahrung, das Alleingelassen-Werden während der Geburt sowie einen geringschätzigen und respektlosen Umgang mit der Gebärenden.

Wir brauchen eine Studie, die nicht direkt nach Gewalt fragt, sondern nach Geburtserfahrungen. Claudia Limmer, Hebamme in Berlin

Ihre Validierungsstudie will Limmer demnächst publizieren, kündigte sie an. Die Resonanz aus dem Publikum im Anschluss an die Präsentation zeigte Unstimmigkeiten zwischen Ärzten und Hebammen zu der Thematik. Eine Ärztin forderte, dass das „Problem der Gewalt nicht hochgekocht werden sollte“, bevor die subjektiv berichteten Empfindungen der Teilnehmerinnen nicht objektivierbar seien. Matthias David von der Klinik für Gynäkologie an der Charité Universitätsmedizin, Campus Virchow, lobte den Fragebogen und betonte: „Die Zahlen sind nicht belastbar und nicht repräsentativ für Deutschland.“ Erst die Zahlen, die jetzt mithilfe des validierten Fragebogens erhoben würden, könnten das Problem beziffern, so David. Dem stimmte Limmer auch zu: „Wir brauchen eine Studie, die nicht direkt nach Gewalt fragt, sondern nach Geburtserfahrungen.“

Charité führt Umfrage zu Gewalt gegen Kreißsaalpersonal durch

Gewalt im Kreißsaal findet aber nicht nur gegenüber Gebärenden statt. Auch umgekehrt können Ärzte und Hebammen über Gewalterfahrungen in geburtsmedizinischen Einrichtungen berichten. Eine entsprechende Erhebung dazu wird unter Leitung von Matthias David in den kommenden 3 Monaten durchgeführt. Die Ergebnisse sollen laut David beim Kongress der Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) im Oktober 2020 vorgestellt werden.

„Es gibt durchaus Parallelen zur Situation in der Notfallmedizin“, sagt Tobias Lindner, in einem weiteren Vortrag der Kongresssession zu Gewalt in der Geburtshilfe. Der Leiter der Notfallmedizin/ Rettungsstellen Campus Virchow Klinikum hat eine Trainerausbildung für Professionelles Deeskalationsmanagement. Ursachen von Gewalterleben und Maßnahmen zur Deeskalation in der Norfallmedizin seinen auch im Kreißsaal anwendbar. Auf Organisationsebene nannte Lindner etwa Personalmangel, Wartezeiten und „unge­schriebene Gesetzte“ als gemeinsame Ursachen. Aus Sicht der Patienten und Angehörigen könnten Angst, Unerfahrenheit mit der Situation und Autonomieverlust als gemeinsame Ursachen zählen.

Hebammen fordern Auflösung starrer hierarchischer Strukturen

Der Deutsche Hebammenverband (DHV) sieht die Hauptursache für Gewalt in der Geburtshilfe in den Klinikstrukturen. „Personalmangel, permanente Überforderung und Stress sind heute feste Bestandteile des Arbeitsalltages in vielen Kliniken“, sagt Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des DHV. „Ob Ärztinnen und Ärzte, Pflegende oder Hebammen in den Kreißsälen, sie alle leiden darunter.“ Die Auswirkungen seien überall sichtbar – im schlimmsten Fall als Gewalterfahrung für die Frauen im Kreißsaal, so Geppert-Orthofer.

Die Lösung für das Problem ist für Andrea Ramsell, Präsidiumsmitglied im DHV klar: „Die Eins-zu-eins-Betreuung ist der Schlüssel, um strukturbedingte Gewalt in der Geburtshilfe zu verhindern. Unter anderem benötigen wir hierfür die Auflösung der starren hierarchischen Strukturen in den Kliniken.“ © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #802075
Klippel-Heidekrüger, Marita
am Donnerstag, 5. Dezember 2019, 22:31

Prävalenz zur Gewalt in der Geburtshilfe weiterhin unklar.

Dipl. Marita Klippel-Heidekrüger
am Donnerstag 5.12.2019
Als Referentin zum Thema: Beeinträchtigungen der Mutter/Kind-Einheit während Schwangerschaft und Geburt, begrüße ich es außerordentlich, dass das Ärzteblatt (29.11.2019) das Thema "Gewalt in der Geburtshilfe" aufgegriffen hat, auch wenn eine Prävalenz hierzu weiterhin unklar sei.
Ich selbst beziehe mich in meinen Vorträgen auf die Dokumentation von Iris Eichholz "Kinderrechtsverletzungen während Schwangerschaft, Geburt und in den ersten Lebenstagen" Hrsg. GreenBirth e.V. 2019) Die dort erwähnten folgenreichen Routinehandlungen werden durch evidenzbasierte Studien gestützt. Die Schrift weist vor allem auf wechselseitige Beeinträchtigungen durch direkte und indirekte Interventionen bei Mutter und/oder Kind während der für beide bedeutenden Entwicklungsphase der Geburt hin. In Kauf genommenen Kinderrechts- und Frauenrechtsverletzungen werden dargelegt.
Avatar #802175
Doris Lenhard
am Dienstag, 3. Dezember 2019, 22:57

Respektlosigkeit und Gewalt IST ein tägliches Thema. Es reicht! Jede Geburt ist eine zu viel!

In diesem Artikel wie in allen Diskussion sehe ich, dass MedizinerInnen und Hebammen die Grauzone nicht sehen/ nicht sehen wollen, in der ihre Routinehandlungen glasklare Gewalt in der Geburtshilfe sind. Sie wollen nicht sehen, dass sie schon jetzt in Gesetzen geregelte Patientenrechte für medizinisch und juristisch korrekte Aufklärung, für die Beachtung der Patientenwünsche, für einen menschenwürdigen Umgang in grober Weise missachten. Vor allem auf der Ebene der Kommunikation! Das auf die fehlende 1:1 Betreuung und auf belastete Frauen zu schieben nenne ich Borniertheit und Blindheit. Damit wird die Verantwortung für das eigene Tun verschoben. Patienten sind Patienten sind Patienten. Jeder einzelne muss darauf vertrauen können, dass man medizinisch und juristisch korrekt und menschenwürdig handelt.

Weil bis 2017 alle Mütter aus meiner Praxis ihre Kinder in gewaltfreien guten Geburten gebaren, glaubte ich, dass die Ergänzung der üblichen Schwangerschaftsvorsorge/Geburtsvorbereitung mit mentalen Methoden und der Bindungsanalyse Geburten vor unnötigen Interventionen und Gewalt schützt. 2017 und 2018 erlebten dann drei „meiner Praxismütter/Babys“ Gewalt. Ich selbst habe die letzte dieser Geburten begleitet und war schockiert. Ich wurde also selbst Zeugin und sah in einem langen Geburtsverlauf immer mehr Routinehandlungen, die in der geplanten und teilweise vollzogenen Ausführung als „Gewalt in der Geburtshilfe“ zu werten sind. Hiernach sah ich die Notwendigkeit etwas zu tun. Ich habe eine Patientenverfügung & Vorsorgevollmacht für die Geburt entwickelt

Wer einen medizinischen helfenden Beruf ausübt, hat ebensowenig eine ausgereifte Persönlichkeit wie alle anderen Menschen. Auch ÄrztInnen und Hebammen haben blinde Flecken und Unbewusstsein. Sie werden neurophysiologisch und psychologisch - wie wir alle - zu 95 % davon gesteuert. In der Kommunikation drücken sich diese unbewussten 95 % in der Körpersprache und im Tonfall aus. Dies hat einen direkten Einfluss auf den Geburtsverlauf. Hier korellieren die Verletzungen aus der Kindheit und der eigenen Geburtserfahrung von Hebammen und ÄrztInnen mit denen der Eltern, die sich ihnen anvertraut haben. Da ÄrztInnen und Hebammen jedoch aufgrund ihres Berufes in der "überlegenen" Position sind, sprechen wir hier von Abhängigkeitsverhältnissen und dann wird Gewalt in der Geburtshilfe zu Machtmissbrauch! Eltern müssen sich schon alleine aufgrund der Klinikregeln unterlegen fühlen, denen sie sich zu "unterwerfen" haben (Beispiel Branüle legen, CTG). Zur Eleminierung von Gewalt in der Geburt sehe ich, dass dies nur Hebammen und ÄrztInnen wirklich durch ihre Arbeit an sich selbst leisten können. Das bedeutet, dass sie sich selber auseinandersetzen mittels Selbsterfahrung, die die vorgeburtliche Zeit mit einbezieht, und Persönlichkeitstraining.

Ich war schockiert, sekundär traumatisiert und empört, was ich während einer 24-stündigen Geburt einer Klientin, die ich begleitet habe, gesehen und gehört habe. In einer großen Klinik in Kölner Umland, in der Hebammen ausgebildet werden und die vor 30 Jahren ihre Geburtshilfe im Sinne der natürlichen Geburt umgestellt hat und von diesem guten Ruf noch heute profitiert. Neun Mal!!! waren Routinehandlungen glaskare Gewalt. Und wir hatten noch keinen Geburtsverlauf, in dem es dem Baby schlecht ging und sofort gehandelt werden musste. Im Gegenteil: Wäre ich nicht dabei gewesen, wären die Eltern in genau diese Situation mit ihrem Baby hineingeraten - trotz ihrer wirklich gründlichen Geburtsvorbereitung und den vorbereitenden Gesprächen mit der Klinik. Darunter Missachtung vorher schriftlich in die Patientenakte abgegebene, mit dem Arzt im Geburtsplangespräch besprochene und von ihm zugesagte "PatientInnenwünsche" ganz allgemeiner Art. Dann eine Blutabnahme trotz Bitte zu warten, bis die Wehe vorbei sei. Dafür mit einem indiskutablen Spruch.

Der Gipfel war eine medizinisch und juristisch inkorrekte Aufklärung zum Medikament, das für die Geburtseinleitung dann nach 24 Stunden eingesetzt werden sollte mit den Worten "kommen Sie in den Kreißsaal, wir sagen Ihnen dann was wir machen werden." Das Medikament wurde bagattelisierend wie die Einladung zu einer Partie angeboten ohne Nennung der Risiken. Auf Nachfrage wurde ein Risiko benannt, das aber selten auftritt und wenn dann habe man dafür auch ein toll wirksames Medikament. Ich war sprachlos, weil mit der geplanten Einleitung die seelische und die körperliche Gesundheit von Mutter und Kind fahrlässig gefährdet wurde. Es wurde vorher keine vollständige Anamnese erhoben zur Kindslage und es wurde die Vorgeschichte nebst sämtlichen Gesprächen missachtet. Dass die Anamnesen nicht korrekt erhoben werden, dass Geräte nicht funktionieren haben mir Ärztinnen während der Aufarbeitung ihrer Geburtserfahrung erzählt, weil sie dies selbst erleben mussten. Darunter war auch eine Ärztin, die für den Fall eines Kaiserschnitts darum gebeten hatte, dass man sie nicht in OP Nr. ... bringen wolle, da sie dort während ihrer Arbeit miterlebt hat, dass eine Gebärende dort gestorben ist. Dies wurde missachtet. Sie kam mit einer Posttraumatischen Belastung und einem Baby mit Regulationsstörungen zu mir.

Ich glaube, dass es weit mehr als 50 % der Frauen sind, die Gewalt in der Geburt erleben.

Nur abgestumpfte Väter würden die Gefahr für das Baby und die Mutter bei solchem Vorgehen im Raum nicht spüren. Für jeden empathisch fähigen Menschen ist die Lebensgefahr und Bedrohung, in der die Gebärende und das Baby sind und deren Ohnmacht und Ausgeliefertsein greifbar. Deshalb kann ich jeden Vater verstehen, der dann aggressive Mordsgedanken ausspricht. Genau so eine Mordswut habe ich in dem Moment auch gefühlt. Das ist berechtigt.

Gewalt in der Geburt gibt es seit jeher. Als ob 1:1 Betreuung, Zahlen und Statistiken daran etwas ändern würden. 1957 mit unsäglicher Gewalt auf die Welt. Mein Kind 1987. Und seither ist es in der Geburtshilfe nach meiner Erfahrung nicht besser geworden. Im Gegenteil, der Druck auf die Mütter ist immens. Jede 5. Geburt wird eingeleitet, meistens ohne Not. Wenn nur noch 7 Babys von ihren Müttern ohne jeden Eingriff geboren werden, obwohl es nur für 10 bis 15 von 100 Babys einen eindeutig medizinischen Grund für Eingriffe gibt, dann stimmt da was nicht mit der Geburtshilfe in Kliniken.

Avatar #687997
Pro-Natur
am Sonntag, 1. Dezember 2019, 20:51

Gewalt ist, was die Mutter-Kind-Bindung stört

Eine wahre Begebenheit: Eine Frau entbindet im Krankenhaus. Ihr wird eine Periduralanäthesie empfohlen, der sie zustimmt. Nun fängt für sie den Leidensweg an: Die Wehen setzen aus, dafür bekommt sie die schlimmsten Kopfschmerzen ihres Lebens. Die Wehen werden künstlich wieder in Gange gesetzt; das Kind kommt schließlich mit Verspätung zur Welt. Weil die Mutter immer noch "außer Gefecht" ist, wird dem Vater das Kind in die Arme gelegt. Weil das Baby nicht gleich saugen darf, bekommt es mit Verspätung abgepumpte Muttermilch aus der Flasche. Wegen der Periduralanäthesie ist die Mutter wochenlang beeinträchtigt; die Großmutter muss einspringen. Die Mutter stillt nicht. Nennt man das eine Erfolgsgeschichte der Schulmedizin? Nein, das ist eine Gewalterfahrung. Heute: Der Vater hat eine wunderbare Beziehung zum Kind; die Mutter ist außen vor. Sie steht ganz am Anfang des Leidenswegs mit ihrem Kind, weil Erziehungs-/Beziehungsprobleme vorgezeichnet sind. Wie soll eine Mutter ihr Kind ohne Bindung erziehen?
Avatar #801719
SLeipner
am Sonntag, 1. Dezember 2019, 01:32

Wo leben wir eigentlich?

Ich finde es großartig, dass dieses Thema hier aufgegriffen wird. Ich bin leider selbst betroffen und Sie können sich nicht vorstellen wie schlimm es ist, wenn der eigentlich schönste Tag im Leben einer Frau und eines Neugebohrenen in einem Trauma endet. Ich habe ein hohes Maß an Verständnis, dass die Arbeitsbedingungen in vielen Kliniken sehr schwierig sind. Das man einen schlechten Tag haben kann und das eine Geburt für ein Krankenhaus auch irgendwo ein Geschäft ist. Aber es kann einfach nicht sein, dass man so mit uns Frauen - gerade auch bei Erstgebährenden - umgeht. Das man uns quasi so „misshandelt“ egal ob physisch oder verbal. Da kommt ein neuer Mensch auf diese Welt. Das ist für eine Frau eine absolute Grenzerfahrung und man ist Ihnen (Ärzte, Hebammen) in dieser Situation hilflos ausgeliefert. Wir vertrauen Ihnen uns, unseren Körper und unser Baby an und werden dann teilweise wie ein Stück Vieh behandelt. Das ist eine Schande. Auch wenn es noch so hektisch und stressig ist kann man nett und freundlich bzw. emphatisch sein. Und es ist Ihr Job das wir aufgeklärt werden. Sie müssen uns motivieren und nicht einfach gegen unseren Willen intervenieren nur damit es schneller geht. Sie haben sich diesen Job ausgesucht also vermute ich mal Sie haben Freude an dem was Sie tun. Also denken Sie ab sofort bitte immer daran. Sie tragen nachhaltig dazu bei wie wir gebären. 🌹
Avatar #558732
e.a.n
am Samstag, 30. November 2019, 19:42

Unterschiedliche Ziele, nicht kommuniziert

Das Ziel der Verantwortlichen im Kreißsaal, d.h. der Hebammen und der Ärztinnen und Ärzte, ist vor allem das gesicherte Überleben von Mutter und Kind.
Das Ziel der Gebärenden wäre, so rückgeschlossen auch aus den vorliegenden Kommentaren, die selbstbestimmte Geburt. Das bestehende Lebensrisiko - die Geburt ist einer der gefährlichsten Lebensabschnitte für jeden Menschen und dann nochmals jeweils für die Frau - erscheint wohl nicht als wahrgenommen.
Aus dieser Diskrepanz, gepaart mit Personalmangel und, Schwächen in der Kommunikationsfähigkeit (wohlgemerkt, auf beiden Seiten, dabei sind evtl. bestehende Sprachbarrieren nicht unerheblich), durch kurzfristige negative Ereignisse unter der Geburt, die keine ausführliche Diskussionen für die erzwungene direktive Geburtsleitung zulassen, die im Versorgungspfad nicht obligat vorgesehende nachgelagerte Reflektion der Geburt mit allen Beteiligten führt zu unterschiedlichen Wahrnehmungen und Bewertungen aller Ereignisse.
Gewalt im Kreißsaal ist keine Einbahnstraße. Drohungen wie z.B. " Wenn Du meiner Frau weh tust oder meinem Kind was passiert, bist Du tot" sollten in diesem Kontext als inzwischen reale Gefahr im Gesundheitswesen genauso gewürdigt werden.
Avatar #801635
Thorbjörn
am Samstag, 30. November 2019, 17:05

Väter als Opfer

Ich möchte mich meiner Vorrednerin absolut anschließen und ergänzen:

Täter werden geschützt.
So erging es mir, als mir die helfenden Hände von der Hebamme körperlich weggeschlagen wurden und ich mich wehrte.

Ich wurde nur als hysterischer Vater dargestellt. Mobbing, Verunglimpfung und Respektlosigkeit war während der Zeit als ich für Frau und Kind da war an der Tagesordnung.

Im Nachhinein logisch.
Wo Opfer sind kummulieren sich auch Täter. Quasi ein Naturgesetz.

Avatar #801577
Marion König
am Samstag, 30. November 2019, 15:43

Marion König

...noch ein Zusatz zu meinem unteren Kommentar - Außerdem sollten alle Berufsgruppen rund um Schwangerschaft und Geburt in Supervision traumatische Erfahrungen aus ihrer Arbeit aufarbeiten können, viele sind sekundär (re)traumatisiert. Leider findet diese Aufarbeitung wenn überhaupt nur unzureichend statt, wie ich es von Klientinnen, Freundinnen oder in meinem Netzwerk miterlebe. Was fatalerweise wiederum dazu führt, daß zumeist empathische und engagierte Fachfrauen irgendwann nicht mehr können und ausgebrannt aussteigen.
Avatar #801577
Marion König
am Samstag, 30. November 2019, 12:03

Marion König

Für mich hört es sich hier, wie auch bei anderen Diskussionen zum Thema immer so an, als wenn sich Gewalterfahrungen durch 1:1 Betreuung in Luft auflösen würden. Doch diese Sichweise ist faktisch falsch! Schon bei meinen drei Geburten 1981,1983, 1987 (drei verschiedene Krankenhäuser) war Gewalt im Spiel und das bei 1:1 Betreuung - mitnichten ist das ein Strukturproblem! Das verschärft oder verstärkt nur noch schon vorhandene Gewalt. Und ähnliches erfahre ich ebenfalls von meinen Klientinnen.
Gewalt erfahren sie auch mit der Hausgeburtshebamme zuhause, im Geburtshaus oder als selber gebärende Hebamme oder Gynäkologin mit der Kollegin im Krankenhaus bei 1:1 Betreuung. Manchmal erzählen Klientinnen von ihren Geburten, die ich sofort als gewaltvoll wahrnehme, sie aber (noch) nicht, für sie scheint das (noch) eine normale Geburt gewesen zu sein. Das habe ich damals auch nicht so wahrgenommen nur, daß es mir nicht gut ging danach, doch das schien etwas Normales zu sein, vielen Frauen ging und geht es heute nach der Geburtserfahrung nicht gut. Schlimmstenfalls rutschen sie in eine Depression, leiden unter PTBS, worunter dann die Bindung zum Kind und die gesamte Familie leidet. Väter sind zudem sekundär traumatisiert, sie konnten ihre Frauen nicht schützen, was später die Paarbeziehung zusätzlich belastet.

Ich halte es nach wie vor für unerläßlich, von allen in der Geburtshilfe Tätigen, die eigene pränatale Zeit, als auch die eigene Geburt, in Selbsterfahrung durchzuarbeiten. Das ist in meinem Empfinden der Anfang für Veränderung. In diesen sehr frühen eigenen (Gewalt)Erfahrungen liegen die unbewußten Ursachen für blinde Flecken und Gewalt im Umgang gegenüber schwangeren Frauen. Und natürlich ist die Abwehr ggü. Selbsterfahrung und diesem Thema überhaupt, sehr hoch, denn dabei kommt man/frau mit dem eigenen tief vergrabenen, verdrängten Schmerz in Kontakt – und wer will das schon freiwillig? Ich erlebe immer wieder, sobald sich Menschen aus diesem beruflichen Umfeld (Hebammen, GynäkologInnen, AnästhesistInnen, NeonatologInnen – auch andere MedizinerInnen) mit der eigenen frühen Erfahrung beschäftigen, findet eine Veränderung ihrer Sichtweise und damit ihrer Haltung statt!

Avatar #791906
Königin Mirabelle
am Samstag, 30. November 2019, 05:57

Gewalt in der Geburthilfe

Gewalt in der Geburtsthilfe habe ich selbst erfahren müssen und wurde dadurch extremst traumatisiert. Anzeige gegen die Hebamme und Ärztin hat überhaupt nichts gebracht. Das Opfer (ich) sucht die Schuld bei sich, andere sagten ich sei Schuld gewesen. Ein Vergewaltigungsopfer fühlt sich bestimmt genauso. Schande!!!!!!
LNS