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Medizin

Wie risikoreich ist der pränatale Ultraschall?

Dienstag, 13. Februar 2018

/dpa

Boston – Die Häufigkeit und Dauer von Ultraschalluntersuchungen in der Schwanger­schaftsvorsorge war in einer Fall-Kontroll-Studie in JAMA Pediatrics (2018; doi: 10.1001/jamapediatrics.2017.5634) nicht mit Autismus-Spektrum-Störungen der Kinder verbunden. Es gab jedoch eine Assoziation mit der Eindringtiefe der Ultraschallwellen.

Die Zunahme von Autismus-Spektrum-Störungen (ASD), die in den USA mittlerweile bei einem von 68 Kindern diagnostiziert werden, hat zu der Frage geführt, ob die Zunahme von vorgeburtlichen Ultraschalluntersuchungen dafür mit verantwortlich sein könnte. Tatsache ist, dass deutlich mehr Ultraschalluntersuchungen durchgeführt werden, als medizinisch notwendig sind.

Der American Congress of Obstetrics and Gynecology hält bei unkomplizierten Schwan­ger­schaften 1 bis 2 Untersuchungen für angemessen. Im klinischen Alltag sind es meistens deutlich mehr. Tatsache ist auch, dass die Leistungsfähigkeit der Geräte seit den 1980er-Jahren, als die meisten Untersuchungen zur Sicherheit des medizi­nischen Ultraschalls durchgeführt wurden, deutlich zugenommen hat und damit auch die Ultraschall-Exposition der Kinder vor der Geburt.

Es gibt deshalb gute Gründe, dem Verdacht nachzugehen. Der pädiatrische Neurologe Paul Rosman vom Boston University Medical Center (BUMC) hat hierzu die Kranken­akten von 107 Kindern ausgewertet, deren Mütter während der Schwangerschaft am BUMC betreut wurden. Als Vergleichsgruppe dienten 104 Kinder mit verzögerter Entwicklung und 209 gesunde Kontrollen. Es handelt sich damit um eine kleinere epidemiologische Untersuchung, die als Fall-Kontroll-Studie naturgemäß anfällig für Verzerrungen ist. Andererseits werden am BUMC leistungsstarke Geräte eingesetzt und die Dokumentation der Befunde ist relativ genau.

Am BUMC wurden im Durchschnitt 6 pränatale Ultraschalluntersuchungen durchgeführt. Eine auffällige Häufung der Diagnostik bei Müttern, bei deren Kindern später eine ASD diagnostiziert wurden, gab es nicht. Die Zahl der Untersuchungen war sogar etwas niedriger als in den Vergleichsgruppen. Dies traf auch auf das 1. und 2. Trimenon zu, die als vulnerable Phase für die Hirnentwicklung gelten.

Auch in andere Parametern der Untersuchung, wie der Bildwiederholungsrate, dem „mechanischen Index“ (Schalldruck dividiert durch die Wurzel aus der Ultraschall­frequenz), dem thermischen Index (ein Maß der Temperaturerhöhung) oder bei der Doppler-Exposition gab es keine Auffälligkeiten.

Die einzige Anweichung ermittelte Rosman bei der Eindringtiefe der Ultraschallwellen: Sie betrug bei Kindern mit späterer ASD-Diagnose im 1. Trimenon 12,5 cm gegenüber 11,6 cm bei Kindern mit normaler Entwicklung. Im 2. Trimenon betrug der Unterschied 12,9 versus 12,5 cm. Die Unterschiede waren somit minimal und nebenbei auch nicht signifikant.

Ob die Eindringtiefe ein prinzipielles Risiko darstellt, ist unklar. Eine größere Eindringtiefe wird beim Ultraschall nicht, wie man annehmen könnte, durch eine Verstärkung des Ultraschalls erzielt, sondern im Gegenteil durch eine Abschwächung. Niederfrequente Schallwellen werden weniger stark reflektiert. Sie dringen tiefer in das Gewebe ein. Allerdings ist dann die Bildqualität schlechter. Die Unter­sucher gehen diesen Kompromiss häufig bei adipösen Patienten ein. Eine Adipositas der Mutter wird (neben sozioökonomischen Faktoren, für die sie häufig steht) als Risikofaktor für die ASD diskutiert. Allerdings waren in der BUMC-Kohorte die Mütter von Kindern mit ASD nicht häufiger adipös als die gesunden Kontrollen.

Rosman vermutet, dass eine größere Eindringtiefe aus einem anderen Grund nachteilig sein könnte. Mit der Tiefe steigt auch bei einem konstanten Winkel des Schallfelds die Ausdehnung des exponierten Gewebes. Dadurch könnte das Gehirn häufiger und länger exponiert sein.

Bei einem Unterschied der Eindringtiefe von etwa 7 mm kann der Effekt allerdings nicht sehr groß sein, meint die Editorialistin Sara Jane Webb vom Seattle Children’s Research Institute. Webb findet die Argumentation von Rosman deshalb nicht überzeugend.

Sie ist jedoch wie Rosman der Ansicht, dass die Sicherheit des pränatalen Ultraschalls wieder auf den Prüfstand gehört. Immerhin gebe es Hinweise aus tierexperimentellen Studien, in denen ein hochdosierter Ultraschall zu Störungen des Gedächtnisses, des Lernens und in einer Studie auch zu einem veränderten sozialen Verhalten der Tiere geführt habe. © rme/aerzteblatt.de

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