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Ärzteschaft

Erste S3-Leitlinie zum Kaiserschnitt soll Entscheidung für Geburtsmodus erleichtern

Freitag, 12. Juni 2020

/Gordon Grand, stock.adobe.com

Berlin − Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) hat heute die erste S3-Leitlinie zur Sectio caesarea vorgelegt. Sie soll für mehr Klarheit sorgen, wann einer Schwangeren zu einem Kaiserschnitt geraten werden soll und wann nicht.

„Die evidenzbasierte Leitlinie zum Kaiserschnitt gibt allen Beteiligten die Möglichkeit, auf der Basis des aktuellen Wissens die beste Entscheidung zu fällen“, sagte Frank Lou­wen, Koordinator der Leitlinie.

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Das betreffe auch die Beratung, den sichersten Zeitpunkt zur Geburt, die optimale Durch­führung, den frühestmöglichen direkten Hautkontakt von Mutter und Kind. Und die Leit­linie setze sich mit den häufigsten Gründen für einen geplanten Kaiserschnitt und mögli­chen Alternativen auseinander.

Die Kaiserschnittrate ist in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren stark gestiegen. Während laut Statistischem Bundesamt 1991 noch 15,3 Prozent der Entbindungen per Kaiserschnitt erfolgten, waren es 2018 mit 29,1 Prozent fast doppelt so viele. Das Institut für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) kommt für 2018 auf 30,66 Prozent.

Da die stetig steigende Sectiorate in Deutschland nicht mit einer Verbesserung des kind­lichen Outcomes assoziiert ist, befürworten viele Experten aus dem Bereich Geburtshilfe eine Senkung der Kaiserschnittrate.

„Die Sectiorate in Deutschland ist unnötig hoch und führt zu kurz- und langfristigen ge­sundheitlichen Nachteilen für Mütter und Kinder“, sagte Patricia Van de Vondel, Chefärz­tin der Frauenklinik am Krankenhaus Porz am Rhein, Köln. In Skandinavien liegt die Se­ctiorate unter 20 Prozent und das Ergebnis für Mutter und Kind ist dort besser als in Ländern mit deutlich höheren Sectioraten.“

Die Vorgabe einer spezifischen Sectiorate sei nicht Bestandteil dieser Leitlinie, schreiben die Autoren. Aufgrund fehlender Daten zur mütterlichen und kindlichen Morbidität sei derzeit keine zuverlässige Aussage über eine optimale Rate möglich. Die von der WHO im Jahr 1985 formulierte Grenze von 10 bis 15 Prozent wurde in einem WHO-Statement im Jahr 2015 aus eben diesem Grund relativiert.

Nur zehn Prozent der Kaiserschnitte medizinisch notwendig

Nur zehn Prozent aller Kaiserschnitte in Deutschland sind zwingend notwendig, um das Leben von Mutter oder Kind zu retten. Absolute Indikationen sind etwa eine Querlage des Kindes, ein (drohender) Gebärmutterriss oder eine Unterversorgung des Kindes mit Sau­er­stoff (fetale Azidose).

Die häufigsten medizinischen Gründe für einen Kaiserschnitt in Deutschland zählen zu den relativen Indikationen (medizinisch nicht zwingend notwendig), etwa ein vorheriger Kaiserschnitt, auffällige Herztöne des Kindes oder eine protrahierte Geburt.

Die Autoren der neuen S3-Leitlinie stellen den aktuellen Stand des Wissens zur Sectio caesarea zusammen und formulieren Handlungsempfehlungen für die Beratung und Be­handlung der Schwangeren. Diese sind teils sehr vorsichtig formuliert, denn die Daten­lage ist mitunter schwierig.

Ein gutes Beispiel ist die Beckenendlage, hier lautet die Leitlinienempfehlung: „Bei Be­ckenendlage sollte unabhängig von Parität oder Z. n. Sectio der Patientin frühzeitig eine Beratung zum Geburtsmodus in einem mit beiden Modi erfahrenen Zentrum angeboten werden.“

Bei einer Beckenendlage am Termin soll den Schwangeren mitgeteilt werden, dass „der­zeit kein Geburtsmodus für die Kinder präferiert werden kann“, die vaginale Beckenend­lagengeburt aber eine Alternative mit niedrigerer mütterlicher Morbidität darstelle.

„Es ist in der Leitlinie gut gelungen, die existierende Evidenz zusammenzutragen und weiteren Forschungsbedarf zu ermitteln“, so Van de Vondel. „Sie stellt übersichtlich dar, welche Evidenz – oder eben keine Evidenz – es für manch ‚klassische‘ Sectio-Indikation gibt, wie zum Beispiel bei einer Beckenendlage des Feten oder Infektion der Mutter“.

Hohe Sectiorate auch durch nicht-medizinische Faktoren begünstigt

Die Kölner Geburtshelferin sieht die Ursachen für die hohe Sectiorate allerdings nicht nur im medizinischen Bereich: Auch die mangelnde Ausbildung und Organisation, dazu zähl­ten auch Vergütung und Personalschlüssel, sowie der juristische Druck spielten eine Rolle. Sie geht davon aus, dass es „in den bestehenden Strukturen (…) nicht gelingen wird, die Sectiorate zu senken“.

Derzeit sind die Kaiserschnittraten der insgesamt 686 Geburtskliniken in Deutschland extrem unterschiedlich, sie reichen von 10,4 bis 66,7 Prozent. Die Leitlinie empfiehlt die systematische Einführung des Robson-Score, der es ermöglichen soll, verschiedene Ge­burtskliniken in ihrem Sectioverhalten miteinander zu vergleichen. Er wird auch von der WHO empfohlen, in Deutschland aber bisher nur teilweise angewendet.

Er sieht eine Unterteilung der Schwangeren in zehn Gruppen vor, die sich nach der ge­burtshilflichen Ausgangssituation richtet. Kriterien für die Einstufung sind unter anderem vorausgegangene Geburten (mit oder ohne Kaiserschnitt), die Schädellage des Kindes, die Schwangerschaftswoche und ob die Wehen spontan begonnen haben.

Robson-Score soll internationale Vergleiche ermöglichen

Die Klassifikation nach Robson soll den Leitlinienautoren zufolge dazu führen, dass „Ver­gleiche sowohl national als auch international möglich werden“. Aus dänischer Perspek­ti­ve etwa, berichtet Katrin Löser, Leitende Oberärztin der Geburtshilfe am Krankenhaus Südjütland, Dänemark, sei „die deutsche Kaiserschnittrate eine sehr hohe Rate“.

Dänemark weist, wie Skandinavien insgesamt, einen Trend zu weniger Kaiserschnitten auf und liegt zurzeit national bei circa 23 Prozent. Einzelne Krankenhäuser liegen jedoch auch seit Jahren stabil bei Raten um und unter 15 Prozent – „ohne dabei die Gesundheit von Mutter oder Kind zu kompromittieren“, so Löser. Die Überwachung von Qualitäts­in­di­katoren zum Vergleich der Krankenhäuser und zur Qualitätssicherung hat in Däne­mark Tradition und ist zentraler Bestandteil der sicheren Geburtshilfe. © nec/aerzteblatt.de

Leserkommentare

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Avatar #762657
brandmeyer
am Dienstag, 16. Juni 2020, 17:18

Beckenendlage / ökonomische Fehlsteuerung

Es ist schon interessant, daß mancher Befürworter der vaginalen Beckenendlagengeburt diese in seiner Klinik nur von wenigen Auserwählten begleiten läßt - ist es vielleicht doch gefährlicher als oft behauptet ?
Ich mache als Honorararzt regelmäßig in den verschiedensten Kliniken aushilfsweise Bereitschaftsdienste - ich habe noch nie auch nur den leisesten Eindruck gehabt, daß ökonom. Gründe in die Entscheidung für einen Kaiserschnitt eingeflossen sind.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 13. Juni 2020, 07:07

@ "gtianint"

@ "gtianint"
Sie finden die neue Leitlinie unter
https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-084.html

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #728316
gtianint
am Freitag, 12. Juni 2020, 21:03

404

die S3-Leitlinie sectio cesarea on-line ist "404 not found"
LNS

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