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Medizin

SARS-CoV-2: „Lebende“ Meta-Analyse untersucht Gefährdung von Schwangeren und Neugeborenen in Echtzeit

Mittwoch, 2. September 2020

/MIA Studio, stock.adobe.com

Birmingham – Die Sorge um die Gesundheit der als besonders vulnerabel eingestuften Schwangeren und ihrer Neugeborenen hat ein internationales Forscherteam zu einem „Living Systematic Review“ veranlasst, der regelmäßig durch neue Studienergebnisse aktualisiert werden soll.

Eine erste Auswertung im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2020; 370: m3320) ergab, dass Schwangere bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 seltener Symptome haben, bei einer Erkrankung aber häufiger auf Intensivstation behandelt werden und möglicherweise häufiger frühzeitig gebären.

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„Living Systematic Review“ (LSR) ist ein relativ neues Instrument, um bei dynamischen Erkrankungen rasch auf neue Entwicklungen reagieren zu können. Diese Notwendigkeit besteht bei COVID-19, da das Virus neu und noch immer wenig erforscht ist. Der Wissens­zuwachs ist allerdings enorm. Fast täglich werden neue Studien zu Epidemiologie und zu möglichen Therapien veröffentlicht. Den einzelnen Fachgruppen fällt es schwer, den Überblick zu behalten.

Ein internationales Forscherteam um Shakila Thangaratinam vom WHO Collaborating Centre for Global Women’s Health an der Universität Birmingham hat eine LSR-Gruppe zu der als besonders bedroht eingestuften Gruppe der Schwangeren eingerichtet.

Das „PregCOV-19LSR“ will wöchentlich neue Informationen sammeln und 1 oder 2 Mal monatlich Übersichten zu neuen Erkenntnissen liefern. Bislang ist die Informationslage noch unsicher.

Die Forscher konnten zwar die Informationen aus 77 Studien zusammen­tragen. Überwiegend handelt es sich jedoch um Erfahrungsberichte aus einzelnen Kliniken, und es bleibt unklar, ob die Ergebnisse alle Schwangeren umfassen oder nur eine Unter­gruppe, wendete Marian Knight von Nuffield Department of Population Health der Universität Oxford gegenüber dem Science Media Centre in London ein.

Die bisherigen Ergebnisse sollten deshalb mit Vorsicht interpretiert werden. Dies gelte vor allem für den hohen Anteil an Frühgeburten, der laut der LSR derzeit bei 17 % und damit 3-fach über dem Durchschnitt liegt. Es könnte sich um die selektionierte Gruppe handeln, bei der andere Ursachen für die Frühgeburtlichkeit vorliegt.

Auch der deutlich erhöhte Anteil der Frauen, die auf einer Intensivstation behandelt wurden (9,4 versus 0,1 %) könnte eher darauf beruhen, dass die Ärzte bei Schwangeren, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind, besondere Vorsicht walten lassen.

Der Anteil der Schwangeren, die invasiv beatmet werden mussten, war mit 0,5 % nicht deutlich höher als in einer Vergleichsgruppe, wo er bei 0,3 % lag (Die Odds Ratio von 1,88 war allerdings mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,36 bis 2,60 signifikant).

Laut der Analyse sind 5 von 427 Schwangeren (1,2 %) gestorben, während es in der Kontrollgruppe unter 694 Schwangeren keinen einzigen Todesfall gab. Dies ergibt eine Odds Ratio von 18,08, die allerdings mit einem sehr weiten 95-%-Konfidenzintervall von 1,00 bis 327,83 erst eine erste Annäherung an das tatsächliche Risiko sein dürfte.

Auch bei den Kindern scheinen die Kliniken vorsichtig zu agieren. Der Anteil der Neuge­borenen, die auf Intensivstation behandelt wurden, lag bei 15,0 % gegenüber 5,3 % in einer Kontrollgruppe (Odds Ratio 3,13; 2,05 bis 4,79). Beim Apgar-Index gab es dagegen keine Unterschiede, und ein Trend zu mehr Totgeburten oder neonatalen Todesfällen hat bisher die statistische Signifikanz nicht erreicht.

Plausibel erscheinen die Risikofaktoren, die bei Schwangeren zu einem schweren Verlauf von COVID-19 führen. Dies waren ein höheres Alter (Odds Ratio 1,78), ein hoher Body-Mass-Index (Odds Ratio 2,38), eine chronische Hypertonie (Odds Ratio 2,0) und ein vorbestehender Diabetes (Odds Ratio 2,51) sowie eine Komorbidität, die das Risiko auf eine Behandlung auf Intensivstation (Odds Ratio von 4,21) oder eine intensive Beatmung (Odds 4,48) signifikant erhöhte.

Insgesamt scheint das Risiko einer COVID-19 für Schwangere nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 nicht höher zu sein als für nicht-schwangere Frauen. Thangaratinam ermittelt eine Odds Ratio von 0,33 (0,08 bis 1,41). Diese Berechnung beruht allerdings im wesentlichen auf einer US-Kohorte, so dass Verzerrungen nicht ganz auszuschließen sind.

Dies trifft auch auf die derzeitigen Erkenntnisse zu den Symptomen zu. Nach dem derzeitigen Stand der LSR erkranken schwangere Frauen selten an Fieber und Myalgien, während bei Husten und Dyspnoe keine Unterschiede zu nicht schwangeren Frauen mit COVID-19 erkennbar waren. © rme/aerzteblatt.de

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