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MEDIZINREPORT

SARS-CoV-2: Pandemie in Kinderschuhen

Dtsch Arztebl 2020; 117(8): A-380 / B-332 / C-320

Eckert, Nadine

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Viele Experten sind der Meinung, dass sich eine SARS-CoV-2-Pandemie kaum noch aufhalten lasse. Wirklich gut ist die Welt darauf nicht vorbereitet, trotz bester Absichten nach dem Ebolaausbruch 2014 in Westafrika. Deutschland sieht sich allerdings ausreichend gerüstet für eine Erkrankungswelle.

Testkits für SARSCoV- 2 werden in China rar. Bei einer Pneumonie geht man dort mittlerweile ohne weitere Tests von einer Infektion mit dem neuen Coronavirus aus. Foto: picture alliance/Bernd Thissen/dpa
Testkits für SARSCoV- 2 werden in China rar. Bei einer Pneumonie geht man dort mittlerweile ohne weitere Tests von einer Infektion mit dem neuen Coronavirus aus. Foto: picture alliance/Bernd Thissen/dpa

Als die Berliner Charité und die London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) beschlossen, ihre neue Vorlesungsreihe zu globalen Gesundheitsthemen mit einer Veranstaltung zur Pandemiebereitschaft zu starten, ahnte noch niemand, dass just zu diesem Zeitpunkt ein neuer Krankheitserreger die Welt in Atem halten würde. Andererseits: „Es war nie wirklich eine Frage, ob es eine neue Epidemie geben wird. Nur wann, wo und durch welches Virus sie verursacht würde, wussten wir nicht“, sagte Dr. Matshidiso Moeti, Regionaldirektorin der Welt­gesund­heits­organi­sation für Afrika bei der Auftaktveranstaltung im Berliner Naturkundemuseum.

Viele Experten gehen davon aus, dass der neue Erreger SARS-CoV-2 das Stadium der Epidemie – sprich der örtlichen Begrenztheit – bald hinter sich lassen wird: „Das Virus findet sich mittlerweile auf mehreren Kontinenten, wir haben es hier mit einer Pandemie in ihren Kinderschuhen zu tun“, meinte der Virologe Prof. Dr. med. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité.

Infektionsketten verhindern

Andere haben noch Hoffnung, dass sich SARS-CoV-2 eindämmen lassen wird: „Bislang ist es uns außerhalb Chinas gelungen, lange Infektionsketten zu verhindern, es gibt noch genügend Optimismus, dass wir das Virus in Schach halten können“, sagte Prof. Dr. med. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), bei einer Pressekonferenz der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und dem Science Media Center in Berlin.

Allerdings: Die Fähigkeit, eine Epidemie einzudämmen, hängt davon ab, wie gut Gesundheitssysteme darauf vorbereitet sind, rasch zu handeln. „Man stellt nicht erst eine Feuerwehr auf, wenn das Haus schon brennt“, sagte der Direktor des LSHTM und Entdecker des Ebolavirus, Prof. Dr. Peter Piot.

Die globale „Pandemic Preparedness“ zu verbessern, hatte sich die internationale Gemeinschaft auf die Fahnen geschrieben, als von 2014 bis 2016 bei der bisher größten Ebolaepidemie in Westafrika mehr als 11 000 Menschen starben. Ein Expertengremium unter Piots Leitung erarbeitete damals essenzielle Reformen, die vor der nächsten Pandemie umgesetzt werden sollten (1). „Unter anderem kamen wir zu dem Schluss“, so Piot, „dass die öffentlichen Gesundheitssysteme in den Ländern gestärkt werden müssen.“

Insbesondere die Gesundheitssysteme in Afrika sind mit den Anforderungen einer Infektionswelle meist überfordert. Das zeigte die schleppende Reaktion auf die Ebolakrise in Westafrika überdeutlich. Mittlerweile existieren auf dem Kontinent 15 Labors, die in der Lage sind, die für virale Epidemien notwendigen diagnostischen Leistungen zu erbringen. Die Bevölkerung wird effizienter über das richtige Verhalten bei Infektionsausbrüchen aufgeklärt. Und es wurden Africa Centres for Disease Control and Prevention eingerichtet. Kleine Schritte, aber „wir müssen versuchen, bei jeder Epidemie etwas besser vorbereitet zu sein als bei der vorherigen“, kommentierte Piot. Der erste SARS-CoV-2-Fall in Afrika wurde kurz nach der Veranstaltung gemeldet.

Auch Reformen aufseiten der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) und der globalen Gesundheitspolitik hatte das Expertengremium um Piot gefordert. Und tatsächlich sei die WHO heute besser auf Pandemien vorbereitet, sagte er. So hätten WHO und Weltbank zum Beispiel ein neues Gremium eingerichtet, dessen Aufgabe es sei, die Bereitschaft der Welt, auf Krankheitsausbrüche zu reagieren, zu überwachen. Ein Epidemic Preparedness Index (EPI) hilft, die Epidemiebereitschaft der Länder zu beurteilen (2).

Reformen erforderlich

Doch es gibt noch einiges zu tun: Die International Health Regulations (IHR), auf die sich 2005 insgesamt 196 Länder inklusive aller WHO-Mitgliedstaaten geeinigt hätten, müssten dringend überarbeitet werden, so Piot, speziell was die Ausrufung eines Public Health Emergency durch die WHO angehe. Bei den meisten Notfällen gebe es mehrere Alarmstufen – man denke nur an die Hurrikan-Kategorien. Es dürfe, wenn es um die Gesundheit gehe, nicht länger nur eine binäre Entscheidung sein, forderte er.

Der Ebolaausbruch 2014 habe zudem gezeigt, dass es in der Forschung und Entwicklung bei Infektionskrankheiten eine Lücke gebe, weil sie keinen ökonomischen Anreiz böten, so Piot weiter. Deshalb wurde 2017 die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) geschaffen. Deutschland ist Gründungsmitglied dieser öffentlich-privaten Partnerschaft, die zum Ziel hat, Impfstoffe gegen Pathogene zu entwickeln, die Epidemien auslösen könnten. Aktuell finanziert CEPI 3 Forschungsvorhaben, die eine Impfung gegen SARS-CoV-2 entwickeln sollen.

Auf einer Impfung gegen SARS-CoV-2 liegen große Hoffnungen. Erst kürzlich gab Bun­des­for­schungs­minis­terin Anja Karliczek in Berlin bekannt, dass CEPI das Tübinger Unternehmen CureVac beauftragt habe, einen Impfstoff zu entwickeln – und das innerhalb einiger Monate. Für die beschleunigte Impfstoffentwicklung stellt CEPI rund 7,5 Millionen Euro zur Verfügung (3). Für den Berliner Virologen Drosten ist das „gut gemeint, aber unrealistisch“. Er geht davon aus, dass ein Impfstoff nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen wird, um eine SARS-CoV-2-Pandemie zu verhindern. Auch die Querverwendung eines bereits früher entwickelten Impfstoffkandidaten gegen andere Coronaviren wie das SARS-assoziierte Coronavirus (SARS-CoV) von 2002/2003 schließt er aus: Dafür seien die Viren schlicht zu unterschiedlich.

Nach Aufkommen des neuen Virustyps in China ging man ursprünglich davon aus, dass es mit SARS-CoV vergleichbar sei. Die Bezeichnung SARS-CoV-2 legt es nahe. Beide sind Coronaviren, beide stammen wahrscheinlich von einem Tiermarkt und beide Erkrankungen sind Zoonosen (4). Dennoch geht Drosten davon aus, dass SARS-CoV-2 pandemisch werden wird, während SARS-CoV sich nicht weltweit ausgebreitet hatte.

Denn es gibt 2 entscheidende Unterschiede: „Patienten mit SARS-CoV zeigten bereits in der ersten Woche Symptome, waren in dieser Zeit aber noch nicht stark infektiös“, berichtete Drosten. Durch die Isolierung der erkrankten Personen ließen sich die Epidemien damals eindämmen (5). Bei SARS-CoV-2 ist das anders: Es wurde gezeigt, dass auch symptomfreie beziehungsweise oligosymptomatische Patienten das Virus bereits übertragen können.

Ein Grund, weshalb sich das Virus offenbar recht leicht übertragen lässt, könnte sein, dass es sich sehr effektiv im Rachenraum vermehrt, ähnlich dem Influenzavirus, wie Drosten berichtete. SARS-CoV dagegen dockt ausschließlich an Pneumozyten an, muss seinen Weg erst in die Lunge finden, um sich erfolgreich replizieren zu können (6, 7). Trotz dieser neuen Erkenntnisse mahnte Drosten zur Besonnenheit: „Statt auf die dramatischen Bilder aus China sollten wir uns auf das konzentrieren, was wir wissen.“ Bei den meisten Menschen verlaufe die Erkrankung nicht schlimmer als eine leichte Grippe, speziell Kinder seien kaum davon betroffen und offenbar bestehe auch für Schwangere kein zusätzliches Risiko.

Wie eine schwere Grippewelle

Aktuell sehe alles danach aus, dass SARS-CoV-2 „wie eine schwere Grippewelle durchlaufen“ werde, betonte auch RKI-Präsident Wieler. Und dass das deutsche Gesundheitssystem in der Lage sei, eine schwere Grippewelle zu managen, habe die Influenzasaison 2017/ 2018 gezeigt. „Wichtig ist, dass es uns gelingt, die beiden Wellen zu entkoppeln, sprich durch Eindämmungsmaßnahmen Zeit zu gewinnen, sodass SARS-CoV-2 erst auf Deutschland trifft, wenn die Grippewelle vorbei ist“, so Wieler.

Und auch Drosten ergänzt: „Wir werden bei einer Infektionswelle volle Arztpraxen und Wartebereiche haben, es wird schwierig sein, die Normalversorgung aufrechtzuerhalten.“ Darauf müsste sich die Bevölkerung einstellen. Doch auch dies werde nach ein paar Wochen wieder vorbei sein, erinnerte er. Nadine Eckert

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0820
oder über QR-Code.

Die Münchner Patienten

Seit dem 27. Januar wurden in der Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen der München Klinik Schwabing 9 der 16 deutschen Patienten betreut, die sich bei einer chinesischen Geschäftsreisenden angesteckt hatten. Bislang hätten fast alle Patienten sehr milde Verläufe mit leichtem Fieber und Husten gezeigt, berichtete Chefarzt Prof. Dr. med. Clemens Wendtner.

Nur ein Patienten habe Symptome einer Viruspneumonie gezeigt, die mit antiviralen Medikamenten behandelt wurde. Auch dieser befinde sich mittlerweile auf dem Weg der Besserung und sei absolut stabil. Nun gelte es, über Entlassungskriterien zu sprechen. Ein Patient wurde zu Redaktionsschluss bereits aus der Quarantäne entlassen. Er war sowohl nasopharyngeal als auch im Bronchialsekret wiederholt negativ auf SARS-CoV-2 getestet worden.

Prof. Dr. med. Christian Drosten vom Institut für Virologie an der Berliner Charité, der den ersten Test auf SARS-CoV-2 entwickelt hat, ergänzte, dass die empfindlichen Nachweismethoden das Virus auch dann noch anzeigten, wenn der Patient wahrscheinlich nicht mehr infektiös sei. Sobald es mehr Patienten gebe und die Klinikkapazitäten knapp würden, müssten pragmatischere Entlassungskriterien gefunden werden. Das könnten Zellkulturtests sein, die schon deutlich früher negativ ausfallen, sowie eine Entlassung vorerst in die Heimisolierung.

1.
Moon S, Sridhar D, Pate MA, et al.: Will Ebola change the game? Ten essential reforms before the next pandemic. The report of the Harvard-LSHTM Independent Panel on the Global Response to Ebola. Lancet 2015; 386 (10009): 2204–21 15)00946-0 ">CrossRef
2.
Oppenheim B, Gallivan M, Madhav NK, et al.: Assessing global preparedness for the next pandemic: development and application of an Epidemic Preparedness Index. BMJ Global Health 2019;4:e001157 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Eckert, N. Tübinger Unternehmen soll Impfung gegen nCoV-2019 finden: Deutsches Ärzteblatt online, 31. Januar 2020; https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/109078/Tuebinger-Unternehmen-soll-Impfung-gegen-nCoV-2019-finden.
4.
Xu RH, He JF, Evans MR, et al.: Epidemiologic Clues to SARS Origin in China. Emerg Infect Dis 2004; 10 (6): 1031–7 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Leung GM, Hedley AJ, Ho LM, et al.: The Epidemiology of Severe Acute Respiratory Syndrome in the 2003 Hong Kong Epidemic: An Analysis of All 1755 Patients. Ann Intern Med 2004; 141 (9): 662–73 CrossRef MEDLINE
6.
Drosten C, Chiu LL, Panning M, et al.: Evaluation of advanced reverse transcription-PCR assays and an alternative PCR target region for detection of severe acute respiratory syndrome-associated coronavirus. J Clin Microbiol 2004; 42 (5): 2043–7 CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.
Holshue ML, DeBolt C, Lindquist S: First Case of 2019 Novel Coronavirus in the United States. N Engl J Med 2020 Jan 31; doi: 10.1056/NEJMoa2001191 CrossRef MEDLINE
1.Moon S, Sridhar D, Pate MA, et al.: Will Ebola change the game? Ten essential reforms before the next pandemic. The report of the Harvard-LSHTM Independent Panel on the Global Response to Ebola. Lancet 2015; 386 (10009): 2204–21 CrossRef
2.Oppenheim B, Gallivan M, Madhav NK, et al.: Assessing global preparedness for the next pandemic: development and application of an Epidemic Preparedness Index. BMJ Global Health 2019;4:e001157 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Eckert, N. Tübinger Unternehmen soll Impfung gegen nCoV-2019 finden: Deutsches Ärzteblatt online, 31. Januar 2020; https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/109078/Tuebinger-Unternehmen-soll-Impfung-gegen-nCoV-2019-finden.
4.Xu RH, He JF, Evans MR, et al.: Epidemiologic Clues to SARS Origin in China. Emerg Infect Dis 2004; 10 (6): 1031–7 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Leung GM, Hedley AJ, Ho LM, et al.: The Epidemiology of Severe Acute Respiratory Syndrome in the 2003 Hong Kong Epidemic: An Analysis of All 1755 Patients. Ann Intern Med 2004; 141 (9): 662–73 CrossRef MEDLINE
6.Drosten C, Chiu LL, Panning M, et al.: Evaluation of advanced reverse transcription-PCR assays and an alternative PCR target region for detection of severe acute respiratory syndrome-associated coronavirus. J Clin Microbiol 2004; 42 (5): 2043–7 CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.Holshue ML, DeBolt C, Lindquist S: First Case of 2019 Novel Coronavirus in the United States. N Engl J Med 2020 Jan 31; doi: 10.1056/NEJMoa2001191 CrossRef MEDLINE

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