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Weitere tödliche Borna-Virus-Infek­tionen in Deutschland

Mittwoch, 8. Januar 2020

Die undatierte Aufnahme zeigt einen Anitkörpernachweis zum Borna-Virus im Gewebe. picture alliance/-/Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin/dpa

Insel Riems – Das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1), das seit langem als Erreger der Borna’schen Krankheit bei Pferden, Schafen und anderen Säugetieren bekannt ist, führt häufiger als bisher angenommen auch beim Menschen zu einer tödlich verlaufenden Enzephalitis. Eine Studie in Lancet Infectious Diseases (2020; doi: 10.1016/S1473-3099(19)30546-8) dokumentiert 14 Erkrankungen, die zwischen 1999 und 2019 in Bayern aufgetreten sind. Ein Infektionsrisiko besteht auch außerhalb Bayerns überall dort, wo die Feldspitzmaus, das einzige bekannte Reservoir, verbreitet ist. Katzen könnten ein möglicher Überträger sein.

Die Borna-Krankheit wurde erstmals 1813 als „Hitzige Kopfkrankheit der Pferde“ beschrieben. Den heutigen Namen erhielt sie, als in der gleichnamigen Stadt in Sachsen 1894 ein ganzer Stall voller Kavalleriepferde erkrankte. Der Erreger wurde 1935 als Virus identifiziert. Es wird heute als Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) bezeichnet. Das natürliche Reservoir bildet die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon), die mit BoDV-1 infiziert ist, ohne zu erkranken. Die Viren werden vermutlich mit Speichel, Urin und Kot ausgeschieden.

Seit längerem wird vermutet, dass BoDV-1 auch den Menschen infizieren kann. Das neurotrope Virus war zunächst als möglicher Erreger von affektiven oder psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen und Schizophrenie in der Diskussion, was jedoch niemals belegt werden konnte. Ein Zusammenhang mit schweren Enzephalitiden wie bei den Tieren wurde lange nicht vermutet.

Dies änderte sich im Jahr 2015, als ein Team um Martin Beer vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems bei Greifswald zeigen konnte, dass das mit BoDV-1 verwandte Bunthörnchen-Bornavirus 1 (VSBV-1) für mehrere Todesfälle unter Züchtern dieser Hörnchenart in Sachsen-Anhalt verantwortlich war. Die Patienten waren an einer schweren Enzephalitis gestorben.

Vor 2 Jahren konnten die Virologen vom Friedrich-Loeffler-Institut erstmals auch Erkrankungen durch BoDV-1 bei 3 Empfängern von Organtransplantaten nachweisen. Der Spender konnte eindeutig als Quelle der Infektion identifiziert werden. Er hatte selbst zwar keine neurologische Symptomatik und war möglicherweise an einer anderen Ursache gestorben. Für eine Übertragung durch den Spender sprach, dass die BoDV-1-Gensequenzen, die bei den beiden Empfängern gefunden wurden identisch waren. Sie wiesen zudem Ähnlichkeiten mit Sequenzen von BoDV-1 auf, die in der Heimatregion des Spenders gefunden worden waren.

Zentrale Stelle in Bayern

Das bayerische Ge­sund­heits­mi­nis­terium richtet eine zentrale Stelle zur Erforschung sogenannter Borna-Viren (BoDV-1) ein. Das Projekt „Borna Focal Point Bayern“ soll voraussichtlich im Sommer 2020 starten, wie ein Sprecher des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums am Mittwoch auf Anfrage mitteilte. Universität und Gesundheitsamt Regensburg sollen dafür mit dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) zusammenarbeiten.

Das Ministerium beobachte „das Infektionsgeschehen bei Borna-Viren sehr aufmerksam“, sagte Ministerin Melanie Huml (CSU). „Zwar handelt es sich bisher nur um eine vergleichsweise geringe Zahl an nachgewiesenen Infektionen. Wir sensibilisieren aber weiter die Ärzteschaft für dieses Thema.“

Für die aktuelle Studie haben die Forscher das Hirngewebe von allen 56 Personen untersucht, die seit 1995 in Bayern an einer Enzephalitis mit vermuteter viraler Ursache erkrankt waren, bei denen die Pathologen der Universität Regensburg bisher jedoch keinen Erreger nachweisen konnten. Bei 7 der 56 Patienten konnte bei einer erneuten Analyse jetzt RNA von BoDV-1 in dem archivierten Hirngewebe nachgewiesen werden.

2 weitere Fälle einer BoDV-1 wurden an der TU München und der LMU München entdeckt und ebenfalls analysiert. Zusammen mit 5 früher erkannten Fällen sind damit in Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten 14 Menschen nachgewiesenermaßen an einer von BoDV-1 verursachten Enzephalitis erkrankt.

6 der 8 mit BoDV-1 infizierten Patienten, die die Forscher in der aktuellen Publikation näher vorstellen, wiesen vor Ausbruch der tödlichen Krankheit keine Immunsuppression auf. Die anderen beiden waren nach einer Organtransplantation mit Immunsuppressiva behandelt worden.

Die Erkrankung begann bei den Patienten mit Kopfschmerzen, Fieber und Verwirrtheit. Es folgten Gehstörungen, Gedächtnisverluste und Krämpfe. Alle 8 Patienten fielen in ein Koma und starben 16 bis 57 Tage nach der Krankenhausaufnahme.

Mit 14 Erkrankungen in 20 Jahren dürfte die Erkrankung insgesamt selten sein. Der relativ hohe Anteil unter den Patienten, die wegen einer unklaren Enzephalitis an Kliniken behandelt wurden, lässt Beer jedoch vermuten, dass es weitere Erkrankungen gegeben haben könnte. Unklar ist, ob die Viren auch weniger schwere Hirnerkrankungen auslösen.

Das Borna-Virus kommt in Deutschland auch außerhalb von Bayern vor. Ein Merkblatt des Robert-Koch-Instituts zählt auch Regionen in Sachsen-Anhalt und Thüringen zu den Kerngebieten. Eine erweiterte Endemie-Region reicht im Norden bis Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern, im Osten bis Brandenburg und Sachsen und im Westen bis Hessen und Baden-Württemberg. In diesen Regionen ist die Feldspitzmaus (nach heutigem Wissensstand) mit BoDV-1 infiziert. Die Feldspitzmaus selber ist in weiten Teilen Zentraleuropas verbreitet.

Die Übertragungswege sind nicht genau erforscht. Am wahrscheinlichsten ist nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts, dass sich Menschen wie die betroffenen Tiere über den Kontakt mit Ausscheidungen der Spitzmäuse anstecken. Es wird vermutet, dass das Virus in der Umwelt über längere Zeit infektiös bleibt. Ein direkter Kontakt mit den Tieren wäre dann für eine Infektion nicht unbedingt erforderlich. Die Ansteckung könnte auch über verunreinigte Lebensmittel, Wasser oder das Einatmen von kontaminiertem Staub erfolgen.

Auch Haustiere kommen als Überträger infrage. Laut der Studie hielten 3 der 8 untersuchten Patienten Hunde, 5 besaßen Katzen oder hatten anderweitig engen Kontakt zu ihnen. Es wurde berichtet, dass die Katzen von 2 Patienten von ihren Streifzügen regelmäßig kleine Säugetiere, einschließlich Spitzmäuse, mit nach Hause brachten.

Eine Übertragung auf natürlichem Wege von Mensch zu Mensch, Pferd zu Pferd oder Pferd zu Mensch schließen die Virologen nach gegenwertigem Erkenntnisstand aus. Die Viren seien ausgesprochen neurotrop und würden sich in den Fehlwirten vermutlich ausschließlich im Nervengewebe vermehren.

Eine nachgewiesene effektive Therapie gibt es derzeit nicht. Alle Patienten der Fallserie waren mit Antibiotika oder Aciclovir oder Ganciclovir behandelt worden. Bei 4 Patienten wurden Steroide verabreicht. Einige Patienten erhielten zusätzliche Behandlungen wie Cidofovir, Cyclophosphamid oder einen Plasmaaustausch, aufgrund des tödlichen Ausgangs offenbar ohne Erfolg.

Der Virologe Tomoyuki Honda von der Universität Osaka vermutet im Editorial, dass Ribavirin und das in Japan zugelassene Virostatikum Favipiravir wirksam sein könnten. Der Forscher hat kürzlich in Frontiers in Microbiology (2019; doi: 10.3389/fmicb.2019.02781) einen „Cocktail“ aus RNA-Molekülen (Small interfering RNA, siRNA) vorgeschlagen, die die Replikation der Viren im Hirngewebe verhindern sollen.

Um eine bessere Datenlage zum Vorkommen der Infektion beim Menschen zu schaffen, tritt in Deutschland zum 1. März 2020 eine Meldepflicht in Kraft. © rme/aerzteblatt.de

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