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SARS-CoV-2: Wie das Virus nach Europa und Nordamerika kam

Montag, 14. September 2020

/alexlmx, stock.adobe.com

Tucson/Arizona und Seattle – Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 hat die derzeitigen Epidemien in Nordamerika und Europa erst im zweiten Anlauf ausgelöst. Die ersten Infektionen im US-Staat Washington und in Bayern konnten noch erfolgreich abgewehrt werden, wie 2 Studien in Science (2020; DOI: 10.1126/science.abc0523 und abc8169) zeigen.

Auch zwei Ausbrüche in Kalifornien blieben folgenlos. Die derzeitige Epidemie begann erst nach einer erneuten Einschleppung der Viren in den US-Staat Washington und in die Lombardei, von wo aus sie nach New York weitergereicht wurden.

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Die erste Infektion in Nordamerika wurde am 19. Januar im US-Staat Washington bei einer Person („WA1") festgestellt, die am 15. Januar aus China eingereist war. Die eigent­liche Epidemie begann erst 6 Wochen später Ende Februar. Die erste Infektion in Europa wurde am 28. Januar in Bayern festgestellt (“BavPat1“). Auch hier vergingen mehrere Wochen bis zum Ausbruch in der Lombardei, die um den 20. Februar herum einsetzte.

Bisher wurde vermutet, dass die beiden ersten Ausbrüche nicht kontrolliert werden konnten und dass das Virus eine zunächst „kryptische“ Epidemie ausgelöst hat, die von den Gesundheitsbehörden nicht bemerkt wurde. Nach einer in der Öffentlichkeit disku­tierten Hypothese soll sich das Virus von Bayern aus in die Lombardei ausgebreitet haben (von wo es dann über Ischgl wieder nach Deutschland gelangte).

Für diese Annahme sprachen Ähnlichkeiten in der Virussequenz. Ein Genomvergleich von 455 SARS-CoV-2-Isolaten, den Trevor Bedford vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle durchgeführt hat, schien dies auf den ersten Blick auch zu bestätigen. Die genauere Analyse ergab dann jedoch, dass das Virus wohl erst um den 2. Februar eingetroffen ist (95-%-Konfidenzintervall 22. Januar bis 10. Februar). Dieses Datum lässt sich aus der Annahme einer Mutationsgeschwindigkeit und den Unterschieden in den Genomsequenzen der Viren berechnen, die später isoliert wurden.

Gegen eine „kryptische“ Epidemie nach der ersten Infektion spricht auch eine Analyse der „Seattle Flu Study“. Dort waren zwischen dem 1. Januar und dem 15. März insgesamt 10.382 Abstriche aus den Atemwegen entnommen worden. Der erste positive Test wurde am 21. Februar gefunden, mehr als einen Monat nach der Infektion bei „WA1“.

Nach dem 21. Februar hat sich das Virus dann rasch ausgebreitet. Von den 5.112 Proben der „Seattle Flu Study“, die bis zum 15. März entnommen wurden, waren 65 positiv auf SARS-CoV-2. Die Dynamik nach dem 21. Februar lässt sich schwer mit einem früheren Eintreffen des Virus mit „WA1“ vereinbaren.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommen Michael Worobey von der Universität von Arizona in Tucson und Mitarbeiter. Die Forscher haben die Entwicklung der Epidemien am Computer nachgestellt. Auch hier fügen die beiden frühen Fälle sich nicht in das Bild der späteren Ausbrüche.

In Bayern hätte es in der Zwischenzeit zu einer Häufung von Infektionen kommen müssen (nach den Berechnungen von Worobey zwischen 140 und 2.847 in den ersten 36 Tagen), die kaum übersehen worden wären. Hinzu kommt, dass keines der Viren, die in Italien isoliert wurden, mit dem Virus von “BavPat1“ genetisch identisch war.

Die Computersimulationen sprechen eher dafür, dass die Epidemie in der Lombardei von einem Virus ausgelöst wurde, das um den 28. Januar herum (20. Januar bis 6. Februar) direkt aus China importiert wurde. Dieses Virus gelangte dann 2 Wochen später (12. Februar; 3. bis 22. Februar) nach New York, von wo aus es sich über die USA ausbreitete.

Auch die Viren, die heute im US-Staat Washington nachgewiesen werden, lassen sich teilweise auf den Import aus Italien zurückführen. Sie unterscheiden sich genetisch von den Viren, die direkt aus China an die Westküste gelangten.

Die Fälle „WA1“ im Staat Washington und “BavPat1“ in Bayern sind nicht die einzigen, die rechtzeitig erkannt und erfolgreich bekämpft wurden. Das Virus war Mitte Februar auch zwei Mal in Kalifornien nachgewiesen worden, ohne dass es zu einem Ausbruch kam. Worobey führt auch diese Fälle auf einen Direktimport aus China zurück. © rme/aerzteblatt.de

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