Umfragen

Umfrage: Braucht Deutschland ein Präventionsgesetz?

Sonntag, 1. Juni 2014

Bundestagswahl 2017

120. Deutscher Ärztetag

Patientenversorgung unter Druck

Umfragen

119. Deutscher Ärztetag

Weitere Videos

118. Deutscher Ärztetag

117. Deutscher Ärztetag

116. Deutscher Ärztetag

115. Deutscher Ärztetag

114. Deutscher Ärztetag

113. Deutscher Ärztetag

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 4. Juni 2014, 11:46

Prävention vs. Früherkennung?

In den Videobeiträgen wird deutlich, dass Möglichkeiten und Grenzen eines "Bundes-Präventionsgesetzes" unzulässiger weise mit "Früherkennung von Krankheiten" vermengt wird. Der gefällige Sinnspruch "Krankheiten zu verhindern, ist allemal besser als sie zu heilen" ist ebenso populistisch wie irreführend – er trifft nicht Lebenswelt und berufsspezifische Sichtweisen von Ärztinnen und Ärzten in Klinik und Praxis.

Ich empfehle Nichtmedizinern und der meist Medizin-bildungsfern agierenden Politik ausdrücklich die unvoreingenommene Betrachtung der US-TV-Serie „Emergency Room“. Wie ein Taifun brechen dort Krankheiten, Unfälle, Seuchenalarm, Not- und Krisensituationen über das Team um Dr. Green und seine Nachfolger/-innen herein; selbst George Clooney entgleisten die damals noch ebenmäßigeren Gesichtszüge.

In der Realität ist es noch viel dramatischer. In der Not-Aufnahme der Universitätsklinik „Bergmannsheil“ der Bochumer RUB sieht es manchmal scheinbar katastrophal aus. Ebenso im Klinikum Dortmund (KLIDO), dem Haus der Maximalversorgung mit 24 Fachkliniken und 1.559 Betten als zweitgrößtem kommunalen Krankenhaus in Deutschland. Dito im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn, das erst kürzlich ein Beispiel seiner Notfall-Versorgungskapazität wissenschaftlich illustriert hat: http://www.springermedizin.de/traumatische-brustwirbelkoerperdislokation/4930892.html

Die fürs Deutsche-TV produzierten Arztserien pendeln zwischen kommunikativem Kaffeetrinken, Selbsterfahrung auf dem Petzi-Ball und leichtem Tätscheln des Thorax bei der maximal 30 Sekunden dauernden kardiopulmonalen Reanimation (CPR) mit achselzuckendem Aufgeben bis zum nächsten "take" im OP mit differenzial-diagnostischen Kontemplationen angesichts einer explorativen Laparotomie. In der Realität gibt es schätzungsweise 30.000 bekannte Krankheits-Entitäten, und täglich werden uns Medizinern mehr bewusst: "Von den ca. 30.000 bekannten Krankheiten werden über 7.000 zu den 'Seltenen Erkrankungen' gezählt" http://www.bmbf.de/de/1109.php

Davon sind nur ein Bruchteil und auch nur der Schwerpunkt „Zivilisationskrankheiten“ primär-präventiv verhinderbar. Impfungen als medizinische Primärprävention funktionieren insgesamt sehr gut, wenn sozial ausreichend akzeptierte Impf-B e r e i t s c h a f t und eine entsprechende Durchimpfungsrate zusammentreffen. Isolierte Ausbrüche von Polio-Erkrankungen bei einer Sekte mit prinzipieller Impfgegnerschaft in den Niederlanden, kleinräumige Epidemien bei den „Amish-People“ in den USA, Masern-Ausbrüche bei mangelhafter Impfstoff-Wirkung oder unzureichender Zweit-Impfungsrate in Duisburg, München und Stuttgart bzw. Legionellen-Erkrankungen mit mangelhafter Abwasser-Hygiene in Warstein/NRW sprechen dagegen eine andere Sprache. Weltweite Neuerkrankungen an zahlreichen Influenza-Varianten t r o t z Einsatz von Massenimpfungen und spezifischer Virustatika-Anwendung kommen hinzu.

Sozial- und seuchenmedizinische Fortschritte waren und sind im Wesentlichen immer noch auf Forschungen und praxisnahe Umsetzungen von Prof. Dr. med. Robert Koch an der Berliner Charité zurückzuführen: Insbesondere bei bakteriell-viralen Erkrankungen, die fäkal-oral durch Kontakt- oder Schmierinfektionen übertragen werden, durch verbesserte Trink-, Brauch- und Abwasser- bzw. Toiletten- und Waschhygiene ("nach dem Klo und vor dem Essen wird immer noch viel zu oft das Händewaschen vergessen") kam es unmittelbar nach deren Einführung und Propagierung zu einem deutlichen Rückgang von Typhus, Cholera, Paratyphus und Hepatitis A. Das damalige gesetzliche Verbot von „Spuckschüsseln“ im öffentlichen Raum trug zur Hygiene bei; wird aber heutzutage durch unsere männlichen Fußballstars im G e g e n s a t z zum Frauenfußball auf dem grünen Rasen intensiv perseverierend konterkariert.

Sexuell übertragbare („STD“) oder primär aerogen übertragbare Erkrankungen (Pocken, Varizellen, Influenza, TBC etc.) sind weitgehend resistent gegenüber allgemeinen Verbesserungen des Wohnumfeldes, des kollektiven Volkswohlstands und der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen (z. B. im Kohle-Bergbau). Da haben tatsächlich Impfungen (historisch: Scarifikation mit Kuhpocken durch Dr. Jenner) aus medizinischer Sicht zur Eindämmung von Epidemiegefahren ihren Schwerpunkt.

Effektive und wirksame Primär- und Sekundärprävention muss mit gelebter Lebenswirklichkeit in Kindergarten, Hort, Schule, Beruf, Freizeit, Familie und „Peer-Group“ als Orte primärer und sekundärer Sozialisation verschränkt werden. Der schon zeitlich viel zu kurze, k r a n k h e i t s d i a g n o s t i s c h bzw. -therapeutisch geprägte und oft hektische Patienten-Arzt-Kontakt ist prinzipiell n i c h t der richtige Ansatz zur Umsetzung von prioritären Gesundheitszielen. Deshalb erfolgreiche Präventionsbemühungen primär bei den Ärzten in ihren Praxen, MVZs und Klinikambulanzen verorten zu wollen, halte ich für äußerst gewagt. Frustran bis ergebnislos verlaufenden Bemühungen zu Alkohol-, Nikotin-, Medikamenten-, Sucht- und anderen Abhängigkeitserkrankungen mit Verhaltens- und Ess-Störungen in der Alltagspraxis sprechen eher für interdisziplinäre, multiprofessionelle Ansätze.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Aktuelle Kommentare

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort