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Bewertungssysteme: Wenn Farben sprechen

Dtsch Arztebl 2019; 116(41): A-1801

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Wie muss ein Bewertungssystem aussehen, um die Bevölkerung gut und sinnvoll zu informieren? Was verpackte Lebensmittel betrifft, können sich Verbraucher nun auf Ampelfarben freuen. Vereinfacht gesagt zeigen Rot, Grün oder Gelb, ob das, was man isst, einen rank und schlank bleiben lässt. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte dazu eine repräsentative Umfrage zu verschiedenen Kennzeichnungsmodellen machen lassen. Das Ergebnis war eindeutig: 57 Prozent der Verbraucher entschieden sich für den sogenannten Nutri-Score (Seite 1824). Selbst die Jüngsten werden es verstehen: Mit Rot und Grün an der Ampel wird jedes Kind groß.

Den umgekehrten Weg ist man bei der Bewertung der Qualität von Pflegeheimen gegangen (Seite 1816). Hier gab es bislang ebenfalls ein Bewertungssystem, das jedes Kind kennt: die Schulnoten. Die Crux in diesem Fall waren aber die Ausgleichsmöglichkeiten. Während man in der Schule nicht mit gutem Betragen die sechs in der Klassenarbeit ausgleichen kann, war dies bei den sogenannten Pflegenoten möglich und gängig. Eine schlechte gesundheitliche Betreuung konnten die Heime problemlos mit gutem Essen oder einer gepflegten Gartenanlage wettmachen. Folge war eine bundesweit durchschnittliche und damit nicht glaubhafte Note von 1,2. Ohne Zweifel musste sich etwas ändern. Das neue Kriteriensystem ist jetzt detaillierter, Ausstattungsmerkmale treten in den Hintergrund. Dafür ist eine Gesamtnote wissenschaftlich nicht mehr möglich. Der Ansatz ist sicher richtig und bildet die Realität besser ab. Dennoch wird sich der Verbraucher nur schwer zurechtfinden. Viele verschiedene Symbole machen die Ergebnisse unübersichtlich. Die abschreckende Wirkung für Heime, eine schlechte Note oder Farbe (Rot) zu bekommen, ist so nicht möglich. Ein solch einfaches Bewertungssystem, das dann allerdings auf einer soliden wissenschaftlichen Basis beruhen muss, würde einen Qualitätsvergleich auf den ersten Blick ermöglichen – die Dokumentation detaillierter Ergebnisse schließt dies nicht aus.

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Das sollte auch für die Bewertung der momentan diskutierten Personalbemessungsinstrumente in der Pflege gelten. Warum das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium bei der Frage nach dem Personalbedarf bislang den ärztlichen Bereich außen vor lässt, bleibt unverständlich. Schließlich leiden beide Berufsgruppen – Ärzte und Pflegekräfte – unter hoher Belastung und Nachwuchsmangel. Die Bundes­ärzte­kammer hat nun einen Vorschlag gemacht, wie eine sinnvolle ärztliche Personalausstattung aussehen könnte. Auch hier kommen die Ampelfarben ins Spiel (Seite 1810). Die mit Rot gekennzeichneten Krankenhäuser hätten demzufolge eine so schlechte Personalausstattung, dass die Patientensicherheit gefährdet wäre und Ärztinnen und Ärzte unter einer unzumutbaren Arbeitssituation und Arbeitsbelastung litten. Würde ein solches System bundesweit eingeführt, entstünde ein Wettbewerbsdruck zwischen den Krankenhäusern, der bei manchem Krankenhausmanager, der bislang die Personalausstattung nach rein ökonomischen Gesichtspunkten ausrichtet, zu einem Umdenken führen könnte. Denn eine gute Personalausstattung bedeutet mehr Qualität: Nicht nur für die Patienten, sondern auch bei der Gewinnung von Fachkräften. Dass eine einfache Bewertung mit Farben oder Sternen Steuerungswirkung hat, ist nicht neu: Amazon und Co. lassen grüßen.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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