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Gesundheitskompetenz: Gesundheitsportal im Sommer online

Dtsch Arztebl 2020; 117(7): A-306 / B-272 / C-264

Osterloh, Falk

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Die Hälfte der Deutschen verfügt über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Mit einem eigenen Internetportal will das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium künftig die Suche nach seriösen Informationen erleichtern. Auch von anderen Akteuren mehren sich Angebote zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz.

Statt über Google sollen Interessierte künftig auf dem nationalen Gesundheitsportal nach Gesundheitsinformationen suchen. Foto: twinsterphoto/stock.adobe.com [m]
Statt über Google sollen Interessierte künftig auf dem nationalen Gesundheitsportal nach Gesundheitsinformationen suchen. Foto: twinsterphoto/stock.adobe.com [m]

Die Studie hat hohe Wellen geschlagen: Im Januar 2017 veröffentlichte Prof. Dr. phil. Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld mit zwei Kolleginnen im Deutschen Ärzteblatt die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zur Gesundheitskompetenz der Deutschen ( Heft 4/2017). 54,3 Prozent der Befragten wiesen demnach eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf (siehe Kasten).

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In der Folge gründeten zahlreiche Akteure des Gesundheitswesens noch im selben Jahr die „Allianz für Gesundheitskompetenz“, darunter auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). 2018 legten Experten zudem den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz vor, der 15 Empfehlungen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz enthält. Der damalige Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) kündigte vor diesem Hintergrund die Einrichtung eines Internetportals an, auf dem „unabhängige, wissenschaftlich belegte und leicht verständliche Gesundheitsinformationen“ zusammengefasst sind.

Seriöse Quelle schaffen

Mitte dieses Jahres soll das nationale Gesundheitsportal nun freigeschaltet werden, wie die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), Sabine Weiss, Anfang Februar auf der Fachtagung „Gesundheitskompetenz im digitalen Zeitalter“ erklärte. „Wir wollen mit dem nationalen Gesundheitsportal einen zentralen Beitrag dazu leisten, dass Gesundheitsinformationen im Internet leichter zu finden und als seriöse Quelle zu erkennen sind“, sagte sie.

Zunächst soll dem BMG zufolge mit den Themen „Häufige Krankheiten“, „Gesundheit digital“ und „Pflege“ begonnen werden. Weitere Gesundheitsbereiche werden folgen. „Wir werden mit einer kleinen Anzahl an wissenschaftlichen Partnern starten“, sagte Weiss. Dazu zählten das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das Deutsche Krebsforschungszentrum und das Robert Koch-Institut. Nach und nach werde der Kreis der Partner erweitert werden.

Weiss erklärte, dass der Bundestag bereits die erforderlichen Haushaltsmittel für die Einrichtung des nationalen Gesundheitsportals zur Verfügung gestellt habe. Es gebe im BMG ein neues, eigenes Referat, das sich nur darum kümmern werde. Das Problem der eingeschränkten Gesundheitskompetenz verschärfe sich noch durch die Digitalisierung, die das Gesundheitssystem immer komplexer mache, fuhr Weiss fort. Die Digitalisierung habe zu einer ungeheuren Informationsfülle geführt. Schaeffer von der Universität Bielefeld erklärte, dass es mittlerweile 1,3 Millionen gesundheitsbezogene Apps gebe. Allein das zeige, dass Digitalisierung und Gesundheitskompetenz nicht mehr trennbar und zu Schlüsselkompetenzen geworden seien.

Compliance verbessern

„Wir müssen uns die Frage stellen, wozu die digitale Kompetenz dienen soll“, betonte BÄK-Präsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt auf der Fachtagung des BMG. In erster Linie gehe es darum, das eigene Verhalten so zu verändern, dass die Gesundheit erhalten und eine Krankheit vermieden werde. Das zweite Ziel sei, die Compliance bei der Therapie zu verbessern.

Dr. med. Monika Lelgemann, unparteiisches Mitglied im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss, betonte: „Das nationale Gesundheitsportal ist ein Riesenschritt in die richtige Richtung. Denn durch das Portal haben wir eine Quelle mit Informationen, auf die wir uns verlassen können.“ Die digitale Transformation sei eine strukturelle Veränderung, die Kommunikation mit den Patienten bedeute, erklärte sie. Das ziehe höhere Anforderungen an Ärzte und Pflegekräfte im Hinblick auf die Kommunikation nach sich.

Der Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe, Dr. jur. Martin Danner, meinte, ein Internetportal, das die Bürger von sich aus aufsuchen müssten, sei „so 90er“. Er befürwortete, die Informationen für die einzelnen Patienten über die elektronische Patientenakte zu transportieren. Zudem müsse man versuchen, die Menschen in den Netzwerken zu erreichen, in denen sie sich bewegten.

Eva Bröckelmann, Leiterin des Projekts „Selbsthilfe der Zukunft“ bei der BAG Selbsthilfe, nannte in diesem Zusammenhang die Aktivitäten der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS) als gelungenes Beispiel. Die BVSS sei unter anderem bei Facebook und Instagram aktiv und betreibe ein Forum auf seiner Webseite, in dem sich die Mitglieder des Verbandes austauschen können. Ziel dieser Aktivitäten sei, die Gesundheitskompetenz der eigentlich schwer erreichbaren Betroffenen zu steigern, sagte Bröckelmann. Die sozialen Medien seien sehr gut dafür geeignet, diese Kompetenz niedrigschwellig zu vermitteln. Wichtig sei dabei, dass es um einen lockeren Austausch und ein zwangloses Informationsangebot gehe.

Die Leiterin des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in Hamburg, Ulrike Peifer, nannte Beispiele, wie die Stadt versuche, die Gesundheitskompetenz vulnerabler Gruppen zu verbessern. Das Ziel sei es, die Menschen in ihren Lebenswelten zu erreichen, zum Beispiel mit Schulgesundheitsfachkräften, die Lehrer, Schüler und Eltern an Brennpunktschulen unterstützen, oder mit einem Notizzettel, auf dem Patienten vor ihrem Arztbesuch drei Fragen notieren können, die sie ihrem Arzt stellen wollen, und den Ärzte in ihren Wartezimmern auslegen können.

Ärzte sensibilisieren

Auch viele Menschen mit Migrationshintergrund weisen eine niedrige Gesundheitskompetenz auf. Matthias Hofmann von der KBV verwies in diesem Zusammenhang auf die KBV-Broschüre „Vielfalt in der Praxis“. „Der kulturelle Hintergrund beeinflusst das Krankheitsverständnis“, sagte Hofmann. „Die individuelle Arzt-Patienten-Beziehung ist von sprachlichen, kulturellen, ethischen und religiösen Hintergründen beeinflusst.“ Dabei gehe es zum Beispiel um Scham, unterschiedliche Rollenbilder und auch religiöse Aspekte wie die Medikamenteneinnahme im Ramadan. „Mit unserer Broschüre wollen wir Ärzte für dieses Thema sensibilisieren“, sagte Hofmann. Falk Osterloh

Umfrage zur Gesundheitskompetenz

Die Anfang 2017 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichte Studie „Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland“ ergab, dass zehn Prozent der Deutschen über eine unzureichende Gesundheitskompetenz verfügen und weitere 44 Prozent über eine deutlich eingeschränkte. Eine der Autorinnen, Prof. Dr. phil. Doris Schaeffer, definierte Gesundheitskompetenz bei einer Präsentation dabei als „die Motivation und die Fähigkeit, gesundheitsrelevante Informationen zu suchen, richtig zu verstehen, zu beurteilen und verwenden zu können, um ein angemessenes Gesundheitsverhalten zu entwickeln, sich bei Krankheiten die nötige Unterstützung durch das Gesundheitssystem zu sichern und die dazu nötigen Entscheidungen treffen zu können“.

Menschen mit einer eingeschränkten Gesundheitskompetenz hätten beispielsweise große Schwierigkeiten dabei, Information einzuschätzen, etwa unterschiedliche Behandlungsoptionen zu beurteilen oder Packungsbeilagen für Arzneimittel zu verstehen und zu bewerten. Aber auch die Einschätzung von Gesundheitsinformationen in den Medien stelle sie vor Probleme. „Diese Menschen werden häufiger im Krankenhaus behandelt und sie nehmen häufiger den ärztlichen Notdienst in Anspruch“, erklärte Schaeffer. Zudem hätten sie häufiger einen schlechten subjektiven Gesundheitszustand. „Die Studie offenbart zugleich große soziale Unterschiede, denn bestimmte Bevölkerungsgruppen sind besonders oft betroffen“, so Schaeffer weiter. „Das gilt für Menschen mit niedrigem Bildungsgrad, niedrigem sozialen Status, Menschen mit Migrationshintergrund und für ältere Menschen.“

Überraschend sei der hohe Anteil an chronisch Erkrankten mit niedriger Gesundheitskompetenz, weil bislang immer unterstellt worden sei, dass Erfahrungsakkumulation, wie sie durch die Krankheitssituation automatisch gegeben ist, zu Kompetenzgewinn und Expertise führe“, heißt es in der Studie. „Stattdessen schienen Irritation, Verunsicherung und empfundene Schwierigkeiten die Folge zu sein.“

Die Studie im Internet: http://daebl.de/FE75

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