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Coronakrise: Beifall reicht auf Dauer nicht

Dtsch Arztebl 2020; 117(12): A-567 / B-491

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Deutschland im Ausnahmezustand: Kurz vor Redaktionsschluss (16. März) wurde bekannt, dass der Staat seinen Bürgern auf absehbare Zeit ein Leben fast nur zu Hause verordnet. Die schnelle Ausbreitung des SARS-CoV-2 soll mit allen Mitteln eingedämmt werden. Den Weg dorthin mögen viele als viel zu langsam empfunden haben, dennoch sollte man den Empfehlungen der Experten, die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) beraten, vertrauen und sich vor allem nicht in ständiger Kritik verlieren. Das gilt auch für die Medien. Ja, die journalistische Arbeit verlangt es, den Finger in die Wunde zu legen und Fehler aufzuzeigen. Aber ausschließlich nach Fehlern oder sogar der Sensation zu suchen, Experten immer und immer wieder nach der möglichen Anzahl an Sterbefällen zu befragen, verunsichert die Bevölkerung und sorgt für leere Regale in Geschäften. Mehr sachliche Information statt Sensation ist geboten. Nur so kann man zudem den Fake News entgegentreten, die eine Hiobsbotschaft nach der anderen in die Köpfe der Bevölkerung pflanzen.

Auch der Förderalismus macht die Informationspolitik von Ländern und Kommunen nicht einfacher. Beispiel Schulschließungen: Keine gemeinsame Erklärung, nein, eine Pressekonferenz nach der anderen kündigten zeitverzögert die Schließungen an. Dies machte es für die Eltern noch schwieriger, die Betreuung ihrer Kinder zu organisieren, zumal die Großeltern als gefährdete Bevölkerungsgruppe ausfallen. Vor allem müssen jetzt die Eltern unter den medizinischen Berufen unterstützt werden, denn ohne Kinderbetreung fehlen sie in der ohnehin unterbesetzten Versorgung.

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Foto: CDC Alissa Eckert, MS
Foto: CDC Alissa Eckert, MS

Die gute Nachricht ist das große Engagement aller Beteiligten, das allerdings zu wenig beachtet wird. Politik und Robert Koch-Institut informieren täglich und geben Empfehlungen. Die Vertragsärzte und der öffentliche Gesundheitsdienst versuchen, dem Ansturm von verunsicherten Patienten Herr zu werden. Die Krankenhäuser ziehen ihre Ressourcen zusammen, um intensivpflichtige Menschen zu behandeln. Pharmaindustrie und medizinische Forschung arbeiten mit Hochdruck an einem Impfstoff und medizinische Fachverlage stellen die neuesten Studien zu COVID-19 kostenfrei zur Verfügung. Man darf die derzeitige Krisensituation nicht schönreden, aber Anerkennung für die in Praxen und Krankenhäuser Handelnden muss kommuniziert werden, trägt es doch zur Beruhigung der Bevölkerung bei. Und es macht deutlich, wie wichtig gute Rahmenbedingungen für die medizinischen Berufe sind. Diese Krise kann daher auch Chance sein. Denn eine grundsätzliche Fehleranalyse muss nach der Coronakrise gemacht werden. Der öffentliche Gesundheitsdienst wird hier sicher im Fokus stehen wie auch die (personelle) Struktur in der Versorgung. Die Forderung, aus dem Beruf Ausgeschiedene zurückzuholen, gab es schon vor COVID-19. Eine Chance bietet jetzt die Digitalisierung: Die Videosprechstunde ist wie gemacht für diesen Fall. Gesellschaftlich sind Solidarität und soziale Achtsamkeit gefragt. Das bedeutet, die empfohlenen Regeln zu beachten. Alte und Kranke werden auch künftig besonderer Zuwendung bedürfen. So freut man sich über Zettel in Hausfluren und an Bäumen, auf denen junge Leute älteren Menschen Hilfe anbieten. Was die Anerkennung der Arbeit von Ärzten und Pflegekräften betrifft, haben die Spanier eine bewegende Aktion veranstaltet: Tausende dankten dem medizinischen Personal mit lautem Beifall in Fenstern und auf Balkonen. Dennoch: Auf Dauer reicht Beifall aber nicht.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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