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COVID-19: Klare Kommunikation

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Wir Deutschen sind im disziplinierten Umgang mit der Corona-Pandemie bisher positiv aufgefallen. In diesem Sommer, so spiegeln es die Medien, zeigen wir hingegen die Kehrseite unserer Corona-Medaille: „Wilde“ Parties, überfüllte Strände, Maskenmuffel, „anti-pandemische“ Demonstrationen und aus Risikogebieten Heimkehrende, die auf Familienfeiern dem Virus seinen Hotspot für punktuelle Comebacks verschaffen. Erkennbar schimmert Sorglosigkeit, Überdruss und Leichtfertigkeit durch. Dazwischen ein Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter, der „kein Spielverderber“ sein möchte. Angesichts steigender positiver Testergebnisse fordert er aber bürgerliche Räson ein, reagiert zum Teil sogar mit Staatsräson.

Dabei ist im Umgang mit COVID-19 gar kein Platz für Spiele. Die sozialpsychologischen Erklärungen für das Verhalten von Teilen der Gesellschaft sind zwar nachvollziehbar. Sie ändern aber nichts an der Tatsache, dass im Zuge der Pandemie weltweit viele Menschen sterben. Ein unter Experten offen geführter Disput zur Frage, ob das für eine Pandemie überproportional oder wenig ist, wirkt dabei kaum als positiver kommunikativer Schachzug.

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Bei mehr als 2 000 gemeldeten positiven Infektionstests pro Tag (22. August) ist wieder pragmatische Achtsamkeit angesagt. Bisher hat die Strategie, egal ob durch Zufälle oder gute Aufstellung bedingt, erfolgreiche Wege geebnet. Heute ist der Wissensstand – auch wenn Impfstoffe und funktionell erprobte Medikamente noch auf sich warten lassen – trotz vielfachem „try and error“ ein anderer als zu Beginn von COVID-19. Experten haben deutlich gemacht, dass das Virus ein komplizierter Gegner ist, und dass es Wissenschaft ausmacht, Aussagen zu treffen, bei neuen Erkenntnissen dann aber auch zu revidieren.

Dass auch die politische Umsetzung nicht in Stein gemeißelt ist, zeigt die aktuelle Entwicklung der Coronateststrategie. Die Forderung nach am besten kostenlosen, flächendeckenden Tests für alle Urlaubsrückkehrer stößt an die Grenzen des Machbaren. Bund und Länder müssen – nicht zum ersten Mal – Entscheidungen zurücknehmen und sich neu aufstellen.

Die Ärzteschaft hat vermehrt zu Pragmatismus aufgefordert, Bundes­ärzte­kammerpräsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt zuletzt mit der Forderung nach Schnelltests, die dazu beitragen können, die Abläufe zu verbessern. Coronaabwehr heisst, Entscheidungen auf Machbarkeit zu prüfen, heißt vor allem auch, wie es der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Andreas Gassen, ausdrückt, mit den Ärzten zu reden (siehe Interview ab Seite 1594). Auch der Einsatz eines kontinuierlich arbeitenden interdisziplinären Pandemie-Beirates, ebenfalls eine Forderung der Ärzteschaft, ist geeignet, strategische Kontinuität zu schaffen. Das alles wären Beiträge zum Besseren.

Aber alles das wäre in einer modernen Gesellschaft nichts ohne klare Kommunikation gegenüber den Bürgern. Wer heute flächendeckende Tests fordert, aber am nächsten Tag mangels Umsetzbarkeit revidiert, muss auch das Warum erklären. Mediziner und andere Wissenschaftsdisziplinen können beraten, am besten nicht punktuell, sondern kontinuierlich und mit Verantwortung. Aber Politik muss auch zu ihrer eigenen Fehlbarkeit stehen. Und die in diesen Zeiten von den Bürgern verlangte Disziplin erfordert klare Kommunikation, Vernunft und Verstehen, nicht Gehorsam.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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