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Coronapandemie: Elf Prozent weniger Herzinfarkte

Osterloh, Falk

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Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat einen Bericht über die Entwicklung der stationären Fälle während der Coronapandemie vorgelegt. Demnach gingen weniger dringende Fälle stärker zurück als dringende. Manche Entwicklungen sind mit den vorliegenden Zahlen jedoch nicht zu erklären.

Die Zahl von STEMI-Infarkten ging weniger stark zurück als die Zahl von NSTEMI-Infarkten. Foto: Chalabala/stock.adobe.com
Die Zahl von STEMI-Infarkten ging weniger stark zurück als die Zahl von NSTEMI-Infarkten. Foto: Chalabala/stock.adobe.com

Zwischen Januar und Mai 2020 ging die Zahl der stationären Fälle in Deutschland um 15 Prozent zurück – während der akuten Phase der COVID-19-Krise zwischen Mitte März und Ende Mai um etwa 30 Prozent. Das geht aus dem Abschlussbericht des Expertenbeirats hervor, der im Auftrag des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums die Auswirkungen des Krankenhausentlastungsgesetzes auf die Krankenhäuser analysiert hat.

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Basis der Untersuchungen sind Daten, die die Krankenhäuser dem Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) kurzfristig zur Verfügung gestellt haben. Für den Bericht wurden die Krankenhausdaten des Zeitraums vom 1. Januar bis zum 31. Mai dieses Jahres mit dem Mittelwert der Jahre 2018 und 2019 verglichen. Die absolute Zahl der Fälle ging demnach von 8,1 Millionen auf 6,9 Millionen zurück. Dabei verlief die Entwicklung der Fallzahlen bei den verschiedenen Indikationen – gemessen nach Hauptdiagnosen (Major Diagnostic Category, MDC) – sehr unterschiedlich.

Weniger Krebsbehandlungen

„Die vorliegende Auswertung konnte zeigen, dass der Rückgang bei Notfällen mit zehn Prozent nur halb so hoch wie bei den stationären Einweisungen mit 20 Prozent ausfällt und sich – zumeist auch gut erklärbar – unterschiedlich in den MDC zeigt (mit Geburten an einem Ende des Spektrums und HIV am anderen)“, schreibt Prof. Dr. med. Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin, der die InEK-Daten hinsichtlich der medizinischen Entwicklung während der COVID-19-Pandemie im Auftrag des Beirats ausgewertet hat. „Bei praktisch allen Diagnose(gruppe)n, bei denen die vorliegenden Routinedaten eine Einteilung in ‚dringend(er)‘ und ‚weniger dringend‘ beziehungsweise ‚vermeidbar‘ erlaubt, zeigt sich, dass der Rückgang bei Ersten wesentlich weniger ausgeprägt war als bei Letzteren.“

So sank die Zahl der stationär behandelten Krebserkrankungen in den ersten fünf Monaten des Jahres 2020 im Vergleich zu den Vorjahren nur relativ wenig. Beim kolorektalen Karzinom sank die Zahl der stationären Fälle um neun Prozent, beim Mammakarzinom um vier Prozent und beim Speiseröhrenkarzinom um zwei Prozent. Beim Pankreaskarzinom nahm die Zahl der Fälle um zwei Prozent zu. Die Zahl der Schlaganfälle ging dem Bericht zufolge um sechs Prozent zurück. Die stationär behandelten Herzinfarkte gingen in dem betrachteten Zeitraum um elf Prozent zurück. Bei den ST-Hebungs-Infarkten (STEMI), die mit einer höheren Sterblichkeit assoziiert sind, war der Rückgang mit neun Prozent allerdings geringer als bei den NSTEMI-Diagnosen, die um zwölf Prozent zurückgingen. Der Rückgang bei den Herzinfarktfällen sei auch durch diese Zahlen noch nicht gut erklärbar, betont Busse. Hier müssten mit detaillierteren klinischen Daten mögliche negative Auswirkungen überprüft werden.

Dennoch konnte mit den Daten des InEK keine Übersterblichkeit von Nicht-COVID-19-Patienten festgestellt werden. „Für die zehn Kalenderwochen zwischen dem 23. März und dem 31. Mai lag die Übersterblichkeit 2020 gegenüber dem Schnitt der vier Vorjahre bei insgesamt 8 850 Personen“, schreibt Busse in seinem Bericht. „Dies entspricht ziemlich genau der Zahl der an COVID-19 verstorbenen 8 511 Personen. Es gibt diesbezüglich daher keine Hinweise auf eine erhöhte Sterblichkeit an anderen Todesursachen.“

Weniger Sepsisfälle

In absoluten Zahlen gab es die größten Fallzahlrückgänge bei MDC 8 (Bewegungsapparate) mit –210 000 Fällen, gefolgt von MDC 5 (Kreislaufsystem) mit –180 000 Fällen, MDC 6 (Verdauungsorgane) mit –170 000 Fällen und MDC 4 (Atmungsorgane) mit –125 000 Fällen. Knieprothesen-Implantationen gingen um 23 Prozent zurück, Hüftprothesen-Implantationen um 17 Prozent. Auffällig ist der starke Rückgang der Sepsisfälle. Über alle Diagnosen betrachtet, gingen diese um 34 Prozent zurück, bei den Sepsis-DRGs um 46 Prozent. Busse betonte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ), dass die deutlich geringeren Zahlen an Sepsisdiagnosen zeigten, dass zum Beispiel das Ernstnehmen von Hygienemaßnahmen eine positive Wirkung habe.

Busse geht davon aus, dass „das Inanspruchnahmeverhalten der Patienten bei der Fallzahlentwicklung eine größere Rolle als die Absage von Behandlungen durch die Krankenhäuser gespielt hat“. Das zeige sich zum Beispiel daran, dass die Rückgänge bei Gastroenteritis deutlich ausgeprägter seien als bei den elektiven Operationen.

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Als „beruhigend niedrig“ bezeichnet Busse die Belegung sowohl von Krankenhausbetten als auch von Intensivbetten mit COVID-19-Patienten. Denn im Betrachtungszeitraum seien im Durchschnitt weniger als zwei Prozent der gesamten Betten sowie vier Prozent der Intensivbetten für die Versorgung von COVID-19-Patienten benötigt worden. Insgesamt wurden in deutschen Krankenhäusern 34 000 Nachweise von SARS-CoV-2-Erregern kodiert. Das sind 0,5 Prozent aller Krankenhausfälle im Erhebungszeitraum.

Dem Bericht zufolge ging die Zahl der stationären Fälle insbesondere in den kleineren Krankenhäusern zurück – die auch über weniger Intensivbetten verfügen. So ging die Fallzahl bei Krankenhäusern mit weniger als 150 Betten um 20 Prozent zurück. Diese Häuser verfügen im Durchschnitt über 5,2 Prozent Intensivbetten. Bei Krankenhäusern mit 600 und mehr Betten ging die Fallzahl um 13 Prozent zurück. Diese Häuser verfügen im Durchschnitt über 8,5 Prozent Intensivbetten.

Busse bezeichnete es gegenüber dem als paradox, „dass genau die Krankenhäuser am meisten profitiert haben, die am wenigsten Intensivbetten und am wenigsten COVID-19-Patienten hatten und zugleich den stärksten Nachfragerückgang – die also auch in normalen Zeiten am wenigsten benötigt werden“. Er rechnet mit einer dauerhaft niedrigeren stationären Inanspruchnahme. „Dabei könnte das derzeitige verbesserte Pflegepersonal-Patienten-Verhältnis bei dauerhafter Stilllegung überflüssiger Betten, ob in kleinen Krankenhäusern oder in Dreibettzimmern in größeren Häusern, dabei zu einer großen Pflegeverbesserungsinitiative genutzt werden.“

Erlössituation verbessert

Der Beirat hat zudem die finanziellen Auswirkungen des Krankenhausentlastungsgesetzes auf die Krankenhäuser untersucht, unter anderem die Zahlung einer Pauschale für freigehaltene Betten und Fördermittel für eingerichtete Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit. „Insgesamt konnte durch die pauschalen Ausgleichszahlungen rund die Hälfte der somatischen Krankenhäuser ihre Erlössituation verbessern. Die Erlöszuwächse beliefen sich über alle Häuser auf durchschnittlich rund zwei Prozent“, heißt es in dem Abschlussbericht. Die Erlöszuwächse seien bei kleineren Krankenhäusern am höchsten ausgefallen, mit zunehmender Krankenhausgröße seien sie gesunken. „Krankenhäuser mit über 800 Betten verzeichneten Erlösrückgänge, Universitätskliniken hierbei von minus sechs Prozent“, heißt es weiter.

Der Beirat empfiehlt, dass es den Krankenhäusern ermöglicht werden soll, bei Verhandlungen mit den Krankenkassen Erlösrückgänge auszugleichen, die ihnen durch die Coronapandemie entstanden sind. Dafür sollen die Erlöse des Jahres 2020 mit den Erlösen des Vorjahrses verglichen werden. Diesen Vorschlag hat die Regierung in den Entwurf des Krankenhauszukunftsgesetzes mit aufgenommen (siehe vorherigen Artikel). Falk Osterloh

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