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Coronaskeptiker: Zu einfache Antworten

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Als der erste Coronafall im Januar dieses Jahres in Deutschland auftrat, hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass man im jetzt beginnenden Herbst über Meinungsfreiheit, Grundrechtseingriffe bis hin zu einer vermeintlichen Coronadiktatur diskutiert. Das Politikum Maskenpflicht ist zu einem Sinnbild dieser Auseinandersetzung geworden, bei der es vonseiten der eingefleischten Coronaskeptiker weniger um die Zweifel an den Maßnahmen geht, als darum, es besser zu wissen. Die Gegner der Coronamaßnahmen, Medien und Politiker spielen die Hauptrollen.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hatte bereits im April im Bundestag eingeräumt, es werde Zeiten geben, an denen man einander verzeihen müsse. Vergangene Woche las man dann die Bild-Schlagzeile „Spahn: Man hätte Friseure und Altenheime nicht schließen müssen.“ Suggeriert wird, dass der Minister sich der Meinung der sogenannten Querdenker annimmt, die seit Wochen mit diesem Argument gegen die Coronapolitik der Großen Koalition protestieren. Der richtige Zusammenhang fand sich auf Seite drei der Boulevardzeitung. Der verkürzten Schlagzeile fehlte der Zusatz „mit dem Wissen von heute“. Spahn hatte auf einer Wahlkampfveranstaltung in Nordrhein-Westfalen gesagt, dass man mit diesem Wissen heute einen so rigorosen Lockdown nicht mehr beschließen würde.

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Die Bild-Zeitung gehört sicher nicht zu den sogenannten Qualitätsmedien, eine journalistische Verantwortung sollte sie dennoch haben. Denn die Schlagzeile verbreitet die Stimmung „der Lockdown war unnötig, denn SARS-CoV-2 ist ja nur eine Grippe“. Diese Argumentation machen sich nicht nur die Anhänger der „Querdenker 711“ zunutze, sondern erst recht diejenigen, die solche Demonstrationen wie Ende August in Berlin für sich instrumentalisieren wollen: Rechtspopulisten samt der rechtsextremen „Identitären Bewegung“. Sie geben einfache Antworten auf schwierige Fragen. Damit kann man in der Bevölkerung punkten und dafür sind einfache Schlagzeilen geeignet.

Eine noch größere Verantwortung als die Medien tragen daher in dieser gereizten Anti-Corona-Stimmung sowohl die Regierungs- als auch die Oppositionspolitiker. Umso schlimmer ist es, wenn ein Bundestagsabgeordneter wie Robby Schlund (AfD) – neben weiteren Fraktionsmitgliedern – auf der Querdenker-711-Demo in Berlin mitläuft. Und nicht nur das: Er posiert auf einem Bild in den sozialen Medien mit drei Plakaten in der Hand, auf denen der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und der Virologe Prof. Dr. med. Christian Drosten in Sträflingskleidung mit dem roten Schriftzug „Schuldig“ zu sehen sind. Fast noch schlimmer ist, dass Schlund Arzt ist. Das macht erschreckend deutlich, dass er (und seine Partei) weder am politischen noch am wissenschaftlichen Diskurs interessiert sind.

Künftig wird es daher noch wichtiger sein, dass die Politik klare Entscheidungen trifft und diese ohne Panikmache erklärt: Man sagt, was man weiß und was man eben nicht weiß und erläutert notwendige Korrekturen. Denn ist ein Impfstoff gegen SARS-CoV-2 erst da, werden viele der Querdenker, die schon heute die Ängste vor Impfschäden schüren, erst recht demonstrieren und die sozialen Medien mit ihren Ansichten fluten. Circa 70 Prozent der Bundesbürger halten die derzeitigen Proteste nicht für gerechtfertigt. Es gilt also, das Vertrauen der Bevölkerung weiter zu pflegen, damit diese nicht den einfachen und damit gefährlichen Antworten der Besserwisser aufsitzen.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

Leserkommentare

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Avatar #585674
Mario Vogel
am Donnerstag, 24. September 2020, 21:55

wahre Worte vom stellvetr. Chefredakteur!

auch wenn es manchen ärgert: es ist wichtig, ein paar deutliche Worte in Richtung auch und gerade von ärzten zu sagen, die sich vor rechtsradikale Karren und absurde Verschwörungstheorien spannen lassen und an der allgemein hysterischen pseudointellektuellen vedummungsdiskussion mit vermeintlichen Diktaturbestrebungen usw. spannen lassen oder gar selbst damit die Stimmung vergiften. Eine sachliche Diskussion ist immer richtig und vernünftig, aber Bilder mit Sträflings-Diffarmierung und rechtsradikale Parolen gehören nicht dazu - und es ist erschütternd und beschämend, dass selbst Ärzte, bei denen man etwas Anstand und Verstand vermuten sollte, da leider in einer Reihe mit Nazis, Esoterikern und schlicht Hetzern und Antidemokraten zu finden sind - und nicht mal einen Anflug von Scham oder schlechtem Gewissen haben...
Avatar #760158
wilhem
am Freitag, 18. September 2020, 15:58

Dr Dr. Burke

wenn ich die Plakate richtig gesehen habe, hat Dr. med. Robby Schlund Herrn den Kollegen Prof. dr. med. Drosten eher auf Stammtischniveau kritisiert, nämlich in Sträflingskleidung verkleidet...daher verstehe ich Ihre Argumentation nicht?
Avatar #633205
drdrburke
am Freitag, 18. September 2020, 15:18

Für mich stellvertretender Chefredakteur untragbar

Sehr geehrter Herr Schmedt,
mit ihrem unsäglichen Artikel haben Sie sich und das Deutsche Ärzteblatt diskreditiert. Auf der einen Seite nehmen Sie den armen Jens Spahn, gegen die „BILD“ Zeitung in Schutz auf der anderen Seite stellen Sie einen Kollegen, Robby Schlund an den Pranger, der offensichtlich in der falschen Partei auch von seinem Demonstrationsrecht Gebrauch macht. Deswegen wird ihm wohl auch der akademische Grad aberkannt, den Sie aber bei Herrn „Prof. Dr. med“ Christian Drosten sehr wohl bemühen können. Auch wenn unter den Ärzten vielleicht viele die „derzeitigen Proteste für nicht gerechtfertigt“ halten gibt es Ihnen nicht das Recht in einem Standesorgan wie dem Ärzteblatt den vielen anderen den Verstand und noch schlimmer die politische Legitimation abzusprechen. Ihre private Einstellung können Sie am Stammtisch zum Besten geben. Das Ärzteblatt sollte sich auf sein Kerngeschäft, die Fortbildung, Mitteilungen und Anzeigen konzentrieren und nicht durch Editorials wie diese eine Spaltung der Ärzteschaft befördern.
Avatar #651376
susanne.strauss
am Mittwoch, 16. September 2020, 16:08

Wir benötigen sachliche Debatten

Es ist m.E. dringend erforderlich, dass sich alle Experten, die an der Einschätzung der jetzigen Lage (nötige und unnötige Massnahmen) interessiert sind, an einen Tisch setzen.

Bitte voreilige Ausgrenzung nicht wiederholen.

Wir brauchen in unserer Demokratie Debatten,
keine Angst vor einer anderen Meinung und Bedacht bei der Synthesenfindung.
Avatar #651376
susanne.strauss
am Mittwoch, 16. September 2020, 16:08

Wir benötigen sachliche Debatten

Es ist m.E. dringend erforderlich, dass sich alle Experten, die an der Einschätzung der jetzigen Lage (nötige und unnötige Massnahmen) interessiert sind, an einen Tisch setzen.

Bitte voreilige Ausgrenzung nicht wiederholen.

Wir brauchen in unserer Demokratie Debatten,
keine Angst vor einer anderen Meinung und Bedacht bei der Synthesenfindung.
Avatar #760158
wilhem
am Samstag, 12. September 2020, 12:44

Keine normale Grippe

Grippe

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Und der Vergleich von Covid-19 mit der Grippe hinkt gewaltig. Es gibt Unterschiede auf vielen Ebenen: Kommt es zu schweren Verläufen, ist die Infektion mit Sars-CoV-2 gefährlicher, beeinträchtigt mehr Organe und führt zu einer höheren Sterblichkeit als eine Infektion mit Influenza-Viren.

Beide Erkrankungen befallen als erstes Organ nach dem Rachen die Lunge. Bei der Grippe bleibt es dabei. Zwar erleiden Patienten bei schwerer Virusgrippe auch häufiger Infarkte, oder eine Herzinsuffizienz verschlimmert sich, weil der Körper geschwächt ist und ein eventuell vorgeschädigtes Herz schneller versagt. Doch bei Covid-19 werden fast alle Organe in Mitleidenschaft gezogen, buchstäblich von Kopf bis Fuß. Das Virus nutzt den ACE-2-Rezeptor als Eingangspforte in die Zellen, und der kommt fast überall im Körper vor.

Ärzte haben daher früh gefordert, neben Beatmungsgeräten auch Dialysegeräte anzuschaffen. Viele Covid-Patienten starben an Nierenversagen, gestörter Blutgerinnung oder Herzversagen. „Wir haben Patienten mit fulminanten Embolien gesehen“, sagt Intensivmediziner Stefan Kohlbrenner aus Freiburg. „Es kommt zum Multiorganversagen. Bei der Grippe muss man vom Ein-Organ-Versagen der Lunge sprechen.“

Kardiologen haben gerade im Fachblatt Jama Cardiology gezeigt, dass akute Herzschäden bei 22 Prozent der Patienten mit Covid-19 beobachtet wurden. Bei der Grippe liegt der Anteil bei einem Prozent. Infarkte, Thrombosen, Embolien, Nierenversagen, aber auch Schlaganfälle und kognitive Ausfälle nach Infektionen mit Sars-CoV-2 wurden vielfach beschrieben. Deshalb ist die Sterblichkeit bei schweren Verläufen mit Covid-19 ungleich größer als bei der Grippe.

In der Diskussion um die Sterblichkeit kursiert oft die Zahl von 25 000 Toten in der besonders schlimmen Grippesaison 2017/18. Corona-Tote gibt es in Deutschland bisher knapp 8000, womöglich sind es bis Sommer 10 000. Die Zahl ist deswegen niedriger, weil von März an drastische Einschränkungen galten, sonst hätte es mehr Opfer gegeben.

Zudem wurden in der ungewöhnlich schweren Grippesaison 2017/18 tatsächlich „nur“ 1674 Todesfälle an Grippe im Labor bestätigt. Da in Jahren, in denen die Grippe stark wütet, mehr Menschen sterben als sonst („Übersterblichkeit“) und Influenza oft nicht als Todesursache angegeben wird, stellt das RKI jedoch Hochrechnungen an, wie hoch die tatsächliche Zahl der Opfer sein könnte. So kommen die 25 000 Todesfälle für 2017/18 zustande. In der elfwöchigen Grippesaison 2019/20, die beendet ist, liegt die Zahl der Todesopfer bei 509.

Gegen die Grippe gibt es zudem eine Impfung und eine – wenn auch schwache – Therapie. Insofern sind die Menschen dem Virus nicht völlig schutzlos ausgeliefert, wie es die Welt gegenüber Sars-CoV-2 ist. Werner Bartens
Avatar #659995
Claus Günther
am Freitag, 11. September 2020, 16:37

Komplizierte Wahrheitssuche

Falls in der turbulenten Corona-Zeit versucht wurde darüber zu debattieren, „was man weiß und was man eben nicht weiß“, wie der Leitkommentar von Michael Schmedt suggeriert, dann wären diese Debatten medizinisch-wissenschaftlich fundiert zu führen gewesen. Vielleicht hätte die Bundesärztekammer ein Forum dafür abgeben können. Stattdessen waren TV-Talkrunden die beliebteste Plattform der deutschen Virologen, was ich bereits im März kritisiert hatte (https://www.aerzteblatt.de/studieren/forum/133570). Bereits damals war aber einerseits auf Basis italienischer Zahlen auffällig, dass überwiegend hochbetagte – im Durchschnitt 81 Jahre alte – Menschen an COVID-19 versterben, während andererseits anhand der Berichte des Robert-Koch-Institutes deutlich wurde, dass COVID-19 weit überwiegend als grippaler Infekt komplikationslos überstanden wird. Wenn Infektionen mit SARS-CoV-2 mehrheitlich so verlaufen, dass sie keiner medizinischen Behandlung bedürfen, ist eine Strategie, die auf Ausrottung setzt, infrage zu stellen. Während sich Hochbetagte und Menschen mit Vorerkrankungen vor COVID-19 schützen müssen beziehungsweise vor der Krankheit geschützt werden müssen, ist die Akzeptanz des Risikos für jüngere Gesunde zu diskutieren – nicht zuletzt mit den Betroffenen. Die Unterschiede zwischen COVID-19 und Grippe sind quantitativ und nicht qualitativ. Ein Lockdown und insbesondere die Schließung von Kindergärten und Schulen hätten vermieden werden müssen. Insbesondere sind ordnungspolitische und polizeiliche Zwangsmaßnahmen falsch (https://www.aerzteblatt.de/studieren/forum/134262).
Statt ‚gelassene Vorsicht‘ zu praktizieren (https://www.aerzteblatt.de/studieren/forum/134262) wurden in Deutschland Angst geschürt und Verwirrung gestiftet. Die stets bemühten 70 bis 80 % der Bundesbürger, die die Corona-Maßnahmen vorbehaltlos unterstützen, sind insofern Verwirrte, als sie COVID-19 für die faktisch größte und gefährlichste Gesundheitsgefahr halten, die die intensivmedizinischen Kapazitäten in Deutschland am meisten beansprucht und die meisten Todesopfer fordert. Die neurotische Angst, die einem auf Schritt und Tritt begegnet, halte ich für paranoid: Corona-Wahnsinn (https://www.aerzteblatt.de/studieren/forum/135984/Auf-dem-falschen-Gleis-in-die-Sackgasse). Die Querdenken-Initiativen erfordern Differenzierung, das steckt schon im Namen. Ein großes Plakat auf der Berliner Demo am 29.08.2020 hatte meine volle Unterstützung: „Coronawahnsinn stoppen!“
Avatar #841833
F. P.
am Freitag, 11. September 2020, 12:55

Zu einfache Erklärung

@Nico Franze
Sie finden es bedenklich, dass ein Chefradakteur angeblich in die gleiche Kerbe wie Politik und Medien schlägt? Ich finde es viel bedenklicher, dass Sie als Ingenieur, der wohl häufig mit Zahlen arbeitet den Veröffentlichungen des RKI nicht folgen kann.

Jeden Mittwoch werden die Zahlen zur Testhäufigkeit etc veröffentlicht. Ferner berichten auch die Medien ständig über gesteigerte Testraten...

Man darf halt nicht nur die Überschriften lesen.

Bitte entschuldigen Sie aber genau Ihr Kommentar verdeutlicht das Problem der Skeptiker. Die Skepsis ist so groß, dass die Augen mittlerweile vor allem verschlossen werden und generell alles in Frage gestellt wird.

Oder anders formuliert:
Egal ob Sie die AfD wählen, Ingenieur sind oder sonst was: Wer mit Trägern einer Reichkriegsflagge in einer Reihe steht, macht sich mit schuldig - Punkt
Avatar #841824
N. Franze
am Freitag, 11. September 2020, 12:23

Zu einfache Erklärung

Sehr geehrter Herr Schmedt,

ich finde es bedenklich, wenn der stellvertretene Chefredakteur einer renomierten deutschen Ärzte-Fachzeitschrift in die gleiche Kerbe schlägt wie Poltik und Medien, nämlich einzelne Menschen von den vielen tausenden herausnehmen und deren politische Gesinung einfach auf alle andern Übertragen, anstatt bei fachlichen/wissenschaftlich fundierten Zahlen und Fakten zu bleiben. Ich selbst bin Ingenieur, muss also auch regelmäßig Zahlen analysieren und bewerten. Ich bin kein AFD-Wähler und war trotzdem auf der Demo. Genauso wie viele Pädagogen, Ärzte und andere Menschen. Es gibt durchaus berechtigte Zweifel an der öffentlichen Darstellung und ich würde mir wünschen, dass hier fachlich und professionell berichtet wird. Z.b. könnten mal die Anzahl der aktiven Infektionen, die für sich allein viel zu große Aufmerksamkeit genießt, in Relation mit der Anzahl der Tests gesetzt werden. Am besten einfach mal alle Argumente der Skeptiker aufnehmen und objektiv/wissenschaftlich bewerten, statt die politische Gesinnung einzelner.

Viele Grüße

Nico Franze

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