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THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin: Mit Transparenz zum Erfolg

Dtsch Arztebl 2018; 115(35-36): A-1536 / B-1297 / C-1287

Richter-Kuhlmann, Eva; Maibach-Nagel, Egbert

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Deutschlands größte Universitätsklinik, die Berliner Charité, schreibt schwarze Zahlen, agiert erfolgreich. Ihr Vorstandsvorsitzender Karl Max Einhäupl weiß um die Stärken und Schwächen des Giganten, kennt das Rezept bisheriger Erfolge und benennt die künftigen Herausforderungen.

Karl Max Einhäupl (71) ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Charité. Sein Vertrag läuft 2020 aus, über seine Nachfolge wird derzeit spekuliert. 1993 wechselte Einhäupl von München als Direktor der Klinik für Neurologie nach Berlin. Von 2001 bis 2006 war er Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Foto: Svea Pietschmann
Karl Max Einhäupl (71) ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Charité. Sein Vertrag läuft 2020 aus, über seine Nachfolge wird derzeit spekuliert. 1993 wechselte Einhäupl von München als Direktor der Klinik für Neurologie nach Berlin. Von 2001 bis 2006 war er Vorsitzender des Wissenschaftsrates. Foto: Svea Pietschmann

Seit zehn Jahren sind Sie Vorstandsvorsitzender der größten Universitätsklinik Deutschlands. Ihr Ziel war es, die Charité zu einem führenden Zentrum zu machen. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

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Wenn ich zurückblicke, würde ich sagen, dass wir das gut hingekriegt haben. Das ist sicher nicht die alleinige Leistung eines Vorstandsvorsitzenden. Es hat sich viel geändert in den zehn Jahren. Die Charité hat gezeigt, dass sie ihre wirtschaftlichen Probleme in den Griff bekommen und ihre wissenschaftliche Entwicklung in eine positive Richtung gestalten kann. Heute ist sie eine in Berlin und darüber hinaus geachtete Einrichtung, die im internationalen Raum als Marke wahrgenommen wird.

Seit 2011 schreibt die Charité schwarze Zahlen. Wie ist das gelungen?

Das Wichtigste war, die Charité-Mitarbeiter auf allen Ebenen davon zu überzeugen, dass der Anspruch der Steuerzahler, schwarze Zahlen zu schreiben und damit zuverlässig zu sein, erfüllt werden muss. Anderenfalls hätten wir auch so manche Investitionen in den letzten Jahren sicher nicht bekommen. Es hat sich gelohnt, diesen Weg zu gehen.

Wie sah dieser Weg genau aus? Gibt es ein Erfolgsrezept?

Es ist Transparenz. In den ersten Tagen meiner Amtszeit habe ich gemeinsam mit den Klinikchefs festgelegt, dass erstens jeder nur so viel Geld ausgeben kann, wie er auch einnimmt. Zweitens: Jeder weiß, was der andere ausgibt. Das hat zu einer Rot-Grün-Liste und zunächst zu Ernüchterung geführt, weil jeder glaubte, er subventioniere die anderen und müsse für weniger Input mehr leisten. Wir haben außerdem im Controlling, Finanz- und Personalbereich eine hohe Professionalität entwickelt und somit die Zuverlässigkeit der Indikatoren zur Steuerung der Charité unter Beweis gestellt.

Der „große Tanker“ Charité scheint in gutem Fahrwasser. Aber es wird doch nicht leichter: Die medizinischen Möglichkeiten steigen. Lässt sich das auf Dauer finanzieren?

Darüber muss noch viel nachgedacht werden. Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme, vielleicht das beste der Welt. Die personalisierte Medizin wird die Zukunft sein. Das wird nicht preiswerter als herkömmliche Medizin. Zelluläre Therapien oder der Einsatz komplexer Moleküle werden viel teurer als die Therapien, die wir heute kennen.

Lässt sich das kompensieren?

Die Möglichkeiten werden immer geringer. Eine davon wird die Spezialisierung sein. Sie wird Kosten sparen, andererseits wird dadurch die ganzheitliche Sicht auf die Patienten in den Hintergrund treten. Das ist schade, aber die Frage wird sein, wie wir damit umgehen. An der Basis wird sicher immer noch der Generalist gefragt sein.

Sehen Sie noch weitere Möglichkeiten?

Ja, wir haben zu viele Krankenhäuser in Deutschland. Es gibt Aufruhr, wenn Schließungen angesprochen werden. Aber das ist ein Thema, das in den nächsten Jahren von der Politik entschieden angegangen werden muss – trotz des Widerstands der Regionen. Fehlanreize müssen ständig hinterfragt werden.

Ist Digitalisierung ein Ausweg aus der Versorgungsproblematik?

Wir haben in den letzten Jahren an der Charité viel in diesen Bereich investiert, um den Anforderungen gerecht zu werden. Digitalisierung ist eine Grundvoraussetzung für personalisierte Medizin – auf der Forschungs- wie auch auf der Anwendungsseite. Ich bin jedoch auch überzeugt, dass zukünftig dadurch eher mehr als weniger Kosten entstehen – einfach, weil die Patienten auch mehr auf sie persönlich zugeschnittene Möglichkeiten haben werden.

Zur Digitalisierung als Forschungsvoraussetzung: Die Medizininformatikinitiative ist gestartet. Was jetzt?

Das Konzept der letzten Bundesregierung, Verbünde im Datenbereich zu schaffen, war ein Schritt in die richtige Richtung. Das reicht natürlich nicht, um Deutschland an die europäische und internationale Spitze zu bringen. Deutschland liegt laut Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft nur auf Platz 14 von 28, wenn es um die Digitalisierungsfortschritte der EU-Mitgliedstaaten geht. Auch im medizinischen Bereich sind uns die meisten europäischen Länder bezüglich der Digitalisierung voraus.

Ist Deutschland in Sachen Datenschutz zu restriktiv?

Es muss eine Balance geben zwischen Datenschutz und der Möglichkeit, Daten zum Patientenwohl zu nutzen. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens, inwieweit wir Daten nutzen können. Als ich auf dem evangelischen Kirchentag ein Referat hielt, stand ein junger Mann auf und sagte, Daten zu spenden, sei eine Christenpflicht. Das zitiere ich jetzt viel, weil ich dies auch denke. Wer seine Daten für sich behält, tut das auf Kosten derer, die ihre Daten preisgeben, damit wir in der medizinischen Entwicklung vorankommen. Wer gesund ist, kann gut auf der Datenschutzseite stehen. Viele Kranke wünschen sich, dass Menschen ihre Daten für die Forschung freigeben.

Haben wir hierzulande ausreichend ärztlichen Nachwuchs?

Es stellt sich vor allem die Frage, ob wir eine richtige Verteilung von Ärzten haben. Wir haben in einigen Gebieten eine ärztliche Überversorgung, in anderen eine Unterversorgung – selbst innerhalb von Berlin. Die gleichen Probleme gibt es zwischen Stadt und Land. Ich glaube, dass hier die Politik etwas tun muss. Wir werden nicht umhin kommen, denen, die bereit sind, auf‘s Land zu gehen, auch mehr zu bezahlen. Eine unterschiedliche Ausbildung halte ich jedoch nicht für richtig.

Warum nicht?

Der ärztliche Beruf ist ein wissenschaftsbasierter Beruf. Jede Ärztin, jeder Arzt muss wissenschaftliche Methoden verstehen und bewerten können – ein gesamtes Berufsleben lang. Ich empfehle allen Studierenden, eine Promotion zu machen, damit sie mal wissenschaftlich gearbeitet haben und einen Blick bekommen, wie Wissen entsteht. Und dass es Risiken gibt, dass falsches Wissen entsteht. Hier in Berlin haben wir das Quest-Center etabliert, um sicherzustellen, dass Forschungsergebnisse auch valide sind. Schließlich gehen sie ja in die Versorgung ein.

Haben Sie Probleme, Nachwuchs für die Forschung zu finden?

Als ich hier als Chef in der Neurologie angefangen habe, habe ich jeden Tag einen Stapel Bewerbungen auf den Tisch bekommen, mein Nachfolger – und viele weitere Kolleginnen und Kollegen – erhält bereits deutlich weniger. Dabei gehört Berlin zu den begehrten Standorten. In anderen Städten gibt es noch größere Schwierigkeiten, junge Wissenschaftler zu kriegen.

Wo liegen die großen Herausforderungen für die medizinische Forschung?

Da komme ich noch mal auf die Digitalisierung zurück: Neue Erkenntnisse über Erkrankungen zu gewinnen, wird nur über große Datenpools gehen. Die nächste große Herausforderung ist die molekulare Subdifferenzierung von Erkrankungen. Sie findet bereits statt und wird immer weitergehen. Wir werden in der Lage sein, aufgrund von genomischen Analysen Voraussagen über bestimmte Erkrankungen zu machen. Wir werden aber auch die genomischen Mechanismen vieler Krankheiten verstehen. Die molekulare Medizin bestimmt quasi die gesamte Medizin. Zudem gibt es einen großen Bedarf an Epidemiologie. Man muss schauen, welche Erkrankungen in welcher Form wo vorkommen und daraus Schlüsse ziehen, was die biologischen Grundlagen dieser Krankheiten sind, um gesundheitspolitische Konsequenzen abzuleiten.

Was heißt das für die medizinische Ethik?

Die Möglichkeiten der modernen Medizin werden uns vor riesige Herausforderungen stellen, insbesondere die Voraussagbarkeit von Erkrankungen.

Welche Ziele bleiben für die Charité?

Dazu muss ich etwas ausholen: Berlin war vor 30 Jahren nicht gerade der Ort, wo man hinging, um Wissenschaft zu machen. Heute gehört Berlin mit München und Heidelberg zur Spitze der biomedizinischen Forschung. Der größte Vorteil der Charité ist ihre Größe. Sie erlaubt es uns, in vielen Bereichen Konsortien zu bilden, die international mitspielen können. Eines meiner vor zehn Jahren formulierten Ziele war, die Charité auf einen der vorderen drei Plätze in der europäischen Forschungslandschaft zu bringen. Das haben wir noch nicht ganz erreicht, das bleibt ein Ziel.

Das Interview führten Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann und Egbert Maibach-Nagel

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