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Digitaler Wandel: International aufholen

Dtsch Arztebl 2018; 115(48): A-2222 / B-1830 / C-1807

Gießelmann, Kathrin; Krüger-Brand, Heike E.

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Ohne Digitalisierung gibt es keine Künstliche Intelligenz. Für beides hat die Bundesregierung daher im November eine Strategie verabschiedet. Vergleichbare Fahrpläne haben die meisten anderen Länder in Europa längst vorgelegt.

Foto: iconimage/stockadobe.com
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Spät, aus Sicht mancher Experten vielleicht zu spät, hat die Bundesregierung zur Aufholjagd bei der Digitalisierung angesetzt. Auf einer Klausurtagung am 15. November 2018 in Potsdam hat das Bundeskabinett eine „Umsetzungsstragie“ zur Gestaltung des digitalen Wandels als auch eine Strategie für künstliche Intelligenz (KI) beschlossen. Damit will die Bundesregierung verhindern, dass Forschung und Entwicklung von digitalen Schlüsseltechnologien gegenüber Ländern wie den USA und China weiter ins Hintertreffen geraten. „Wir müssen vorankommen und zwar schnell“, sagte Nadine Schöne, stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag.

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Die Digitalstrategie besteht aus fünf Handlungsfeldern: digitale Kompetenz, Infrastruktur und Ausstattung, Innovation und digitale Transformation, Gesellschaft im digitalen Wandel sowie moderner Staat. Im Gegensatz zur KI-Strategie beinhaltet sie konkretere, teilweise bereits begonnene Maßnahmen, darunter etliche mit Bezug zum Gesundheitsbereich.

Unter dem Handlungsfeld „Innovation“ sollen etwa die Potenziale von Big Data, KI und weiteren Technologien wie etwa Blockchain für die Gesundheitsversorgung nutzbar gemacht werden. Ziele sind unter anderem, Therapien individueller an den Patienten auszurichten und dafür zu sorgen, dass Erkankungen früher erkannt werden. Ein Beispiel dafür ist das Anfang 2018 gestartete Projekt „Data Box – patientenzentriertes Gesundheitsmanagement durch digitale Intelligenz“ des Deutschen Krebsforschungszentrums. Geplant ist zudem ein Ideenwettbewerb zum Thema „Blockchain“, bei dem es um Anwendungen für diese Technologie im Gesundheitswesen gehen wird.

Daten integrieren

Ebenso soll die Forschung für eine digitale Medizin und Pflege verbessert werden, etwa durch die standortübergreifende Verknüpfung und Nutzung von Forschungs- und Versorgungsdaten. Die Grundlagen dafür legt die Medizininformatikinitiative, die vom Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF) im Jahr 2016 initiiert und mit 150 Millionen Euro gefördert wird. Die Initiative baut derzeit Datenintegrationszentren auf und arbeitet an einer forschungskompatiblen elektronischen Patientenakte.

Darüber hinaus haben die Politiker im Rahmen der Digitalstrategie beschlossen, innovative Assistenzsysteme für die Pflege voranzutreiben. Das BMBF fördert dafür ein Projekt an einem Pflegeinnovationszentrum und vier Pflegepraxiszentren, um den Einsatz moderner Technologien in der Versorgung zu erproben. Hierfür stellt das BMBF bis 2022 bundesweit 20 Millionen Euro bereit.

Das Handlungsfeld „Gesellschaft im digitalen Wandel“ beinhaltet beispielsweise, mobile Anwendungen für das Gesundheitswesen zu erschließen. Kriterien für den Nutzennachweis und die Erstattungsfähigkeit digitaler Produkte durch Kranken- und Pflegekassen sollen bis zum Jahr 2021 erarbeitet werden.

Auch bei der Frage, wie sich Probleme des ländlichen Raums durch digitale Innovationen und Vernetzung lösen lassen, sind Gesundheit und Pflege zentrale Themen. Projekte sollen unter anderem im Rahmen des Bundesprogramms für ländliche Entwicklung im nächsten Jahr vorbereitet werden.

Im Handlungsfeld „moderner Staat“ findet sich das Vorhaben, ein digitales nationales Gesundheitsinformationsportal mit qualitätsgesicherten und verständlichen Informationen aufzubauen. Auf der Grundlage einer vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) beauftragten Machbarkeitsstudie sollen „in Kürze die Entscheidungen über Trägerstrukturen und Finanzierungsfragen getroffen“ werden, heißt es in dem Papier. Erste Portalmodule sind danach für 2020 geplant.

Basisinfrastruktur schaffen

Schwerpunkte im Handlungsfeld „Infrastruktur und Ausstattung“ sind der Aufbau und Betrieb der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) als Grundlage für weitere Anwendungen wie den Not­fall­daten­satz, den elektronischen Medikationsplan und die sichere Arztkommunikation. Sie sollen sukzessive ab Mitte 2019 eingeführt werden, 2021 folgt die elektronische Patientenakte. Bis Ende 2019/20 soll die Anbindung der Kranken- und Altenpflege an die TI geklärt werden.

Weitere Themen der Digitalstrategie sind der Schutz vor Cyberangriffen im Gesundheitswesen und die Verbesserung der IT-Sicherheit nicht nur in den Krankenhäusern, die mit mindestens 30 000 vollstationären Fällen zur kritischen Infrastruktur zählen, sondern auch in kleineren Häusern und Arztpraxen. So soll die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) künftig „verbindliche IT-Sicherheitsvorgaben für die Arztpraxis“ erlassen können.

Die Anfang September eingerichtete Datenethikkommission zu Datenpolitik, Algorithmen, KI und digitale Innovation soll noch 2018 einen Abschlussbericht mit Handlungsempfehlungen vorlegen. Roadmaps für KI im Sinne der Gesellschaft zu erarbeiten, ist auch Aufgabe der 2017 vom BMBF gestarteten Plattform Lernende Systeme.

Weit weniger konkret in Sachen Medizin wird die von der Bundesregierung präsentierte KI-Strategie. Sie umfasst zwölf Handlungsfelder. Eines davon lautet, die Forschung zu stärken. Eine zentrale Herausforderung sei dabei die Zusammenführung und Interoperabilität von Gesundheitsdaten aus Versorgung und Forschung. Es sollen beispielsweise bilaterale KI-Cluster realisiert werden. Um die derzeit noch mangelhafte Interoperabilität zu gewährleisten, bedarf es nach Ansicht des Bundesverbandes Deutscher Pathologen (BDP) zweier Voraussetzungen: ein Bundesinstitut für digitale Medizin, das verbindliche Rahmenbedingungen festlegt, und eine Mitgliedschaft bei SNOMED-CT, die Deutschland etwa eine Million Euro jährlich kosten würde, um eine einheitliche Terminologie einzuhalten (Kasten). Beides hat das BMG bisher abgelehnt. Stattdessen wurde die KBV damit beauftragt, die Interoperabilität sicherzustellen. Facharztverbände, Standardisierungsorganisationen, Vertreter aus Forschung und Wissenschaft sowie Branchenverbände der Gesundheitsindustrie haben daher in einem gemeinsamen Aufruf „einen transparenten, koordinierten und ressortübergreifenden Prozess zur Festlegung der technischen und semantischen Spezifikationen medizinischer Inhalte“ angemahnt. Die KBV kontert dies mit dem Hinweis: „Wir wollen gute, praktische Lösungen – und das zügig und möglichst nah an der Praxis. Jeder ist dazu eingeladen, mitzuwirken.“

Drei Milliarden für KI

Für die Umsetzung der KI-Strategie stellt die Bundesregierung drei Milliarden Euro bis 2025 zur Verfügung, also 500 Millionen pro Jahr. Diese geplante Förderung aus dem Bundeshaushalt entspreche „bei Weitem nicht der erkannten und formulierten Bedeutung von KI für Wachstum und Wohlstand“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Eine ähnliche Einschätzung teilt auch der BDP. Positiv bewertet Berg hingegen, dass mindestens 100 zusätzliche KI-Professuren geplant sind. Sein Fazit fällt dennoch zurückhaltend aus: „Die KI-Strategie kann ein Aufbruchsignal sein, die eigentliche Arbeit beginnt erst.“

Kathrin Gießelmann, Heike E. Krüger-Brand

www.ki-strategie-deutschland.de

Meinungen zur KI-Strategie

Foto: Weedezign
Foto: Weedezign

„Deutschland ist kein Einzel-Player, sondern spielt im europäischen Team. Die KI-Strategie fordert zu Recht den Aufbau von Datenpools, um mehr Daten verfügbar zu machen und so neue Anwendungen zu entwickeln. Patienten werden ihre Informationen aber nur bereitstellen, wenn sie von der Sicherheit ihrer persönlichen Daten und dem Mehrwert für ihre Gesundheit überzeugt sind. Unsere Plattform bündelt daher verschiedene Perspektiven und veranschaulicht sie in Anwendungsszenarien, die wir in die öffentliche Debatte einbringen.“

Karl-Heinz Streibich, Co-Vorsitzender der Plattform Lernende Systeme und Präsident acatech

Foto: privat
Foto: privat

„Die KI-Strategie der Bundesregierung ist nicht speziell darauf ausgelegt, die medizinische Versorgung voranzutreiben. Die Fördersumme von drei Milliarden Euro kann nur ein bescheidener Anfang sein. Essenziell für die Medizin wäre eine Bundesagentur für digitalisierte Medizin, die die Interoperabilität digitaler Systeme regelt, etwa zwischen Patientenakte und den Primärsystemen der Leistungserbringer. Die KBV kann diese Aufgabe nicht erfüllen. Eine wichtige Komponente der Interoperabilität wäre zudem eine Mitgliedschaft in SNOMED, um eine einheitliche Terminologie zu gewährleisten. Viele Länder benutzen dieses Kodiersystem bereits.“

Prof. Dr. med. Gunter Haroske, Leiter der Kommission digitale Pathologie, Bundesverband Pathologen

Foto: UK Essen
Foto: UK Essen

„Es ist sehr gut, dass die Bundesregierung erkannt hat, dass KI eine der Zukunftstechnologien überhaupt ist und Geld zur Verfügung stellt. In der jetzigen Phase sollten nicht zu viele Regulierungen erfolgen. In der Medizin werden wir nur dann zu einer ‚personalisierten‘ Medizin kommen, wenn Digitalisierung und KI zusammengeführt werden. Das Hauptproblem dabei sind valide Daten. Kliniken benötigen daher Unterstützung, um ‚Data validation‘-Zentren einzurichten. Programme dafür fehlen noch.“

Prof. Dr. med. Michael Forsting, Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie, Universitätsklinikum Essen

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