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Tankred Stöbe, Notarzt, humanitärer Helfer und ehemaliger Präsident von Ärzte ohne Grenzen: „Humanitäre Hilfe ist immer nur ein Pflaster auf einer Wunde“

Dtsch Arztebl 2019; 116(31-32): A-1423 / B-1178 / C-1162

Korzilius, Heike

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Tankred Stöbe will etwas Sinnvolles tun, sich mit den existenziellen Fragen des Lebens beschäftigen, mit Geburt, Leid und Tod. Das hat ihn bewogen, Arzt zu werden, und es treibt ihn an, immer wieder aufzubrechen, um Menschen in Kriegs- und Krisenregionen medizinische Hilfe zu leisten.

Einsatz im Mittelmeer: 2015 versorgt Tankred Stöbe schiffbrüchige Flüchtlinge an Bord eines Rettungsschiffes von Ärzte ohne Grenzen. Es empört ihn, wie zurzeit Flüchtlinge und Helfer kriminalisiert werden. Foto: Anna Surinyach/MSF
Einsatz im Mittelmeer: 2015 versorgt Tankred Stöbe schiffbrüchige Flüchtlinge an Bord eines Rettungsschiffes von Ärzte ohne Grenzen. Es empört ihn, wie zurzeit Flüchtlinge und Helfer kriminalisiert werden. Foto: Anna Surinyach/MSF

Pünktlich auf die Minute klingelt es an der Tür. Dr. med. Tankred Stöbe erscheint, ein wenig atemlos, aber mit strahlendem Lachen, obwohl ganz Berlin unter der Sommerhitze ächzt. Der Optimismus, den der Notarzt ausstrahlt, wirkt ansteckend. Und man wundert sich, woher jemand, der seit fast 20 Jahren in den Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt mit den Folgen von Not, Elend und menschlicher Grausamkeit kämpft, die Kraft nimmt, sich nicht entmutigen zu lassen.

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„Ich versuche, meinen Blickwinkel ein wenig einzuengen“, sagt Stöbe dazu. „Wie ein Pferd mit Scheuklappen. Wenn ich die zu weit öffne und um mich herum das große Ganze wahrnehme, dann ist die Ohnmacht groß und frustrierend.“ Eine Hilfsorganisation könne keine militärischen Konflikte lösen, ein einzelner Arzt erst recht nicht. „Humanitäre Hilfe ist immer nur ein Pflaster auf einer Wunde“, meint Stöbe. „Ich muss den Blick darauf richten, was an einem Tag möglich ist.“ Zu sehen, dass man auch in einem korrupten System motivierte Mitarbeiter finde, die Patienten qualitativ gut versorgen wollten, zu sehen, dass man auch in Kriegswirren in einem Krankenhaus ein Stück Normalität herstellen und Patienten helfen könne, all das schaffe Hoffnung. „Es ist das Nachhaltigste, was wir tun können“, sagt Stöbe. „Wir wissen nicht, was in fünf oder zehn Jahren ist. Die Menschen brauchen jetzt unsere Hilfe und wir können sie ihnen geben.“ Sein erster Einsatz führte den Notarzt 2002 mit der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen nach Myanmar. Es folgten weitere in Somalia, Gaza, Libyen, Jemen, Syrien, um nur einige zu nennen.

Unabhängig und unparteilich

Als Stöbe 2004 in den Vorstand der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen und 2007 zu deren Präsidenten gewählt wird, muss in Politik und Gesellschaft noch Überzeugungsarbeit für die Prinzipien der humanitären Hilfe geleistet werden, die sich als neutral, unabhängig und unparteilich versteht. In Deutschland spielte die klassische Entwicklungszusammenarbeit eine stärkere Rolle, die eher an langfristigen Strukturveränderungen orientiert und politisch eingebunden ist. Doch inzwischen habe die humanitäre Hilfe deutlich an Ansehen gewonnen, meint Stöbe.

Dazu dürfte auch die Rolle von Ärzte ohne Grenzen im Kampf gegen die Ebola-Epidemie beigetragen haben, die von 2014 bis 2016 in Westafrika wütete und Tausende Menschen das Leben kostete. Die Organisation war dort lange Zeit als einzige vor Ort, um Hilfe zu leisten. Trotz unermüdlicher Lobbyarbeit habe es Monate gedauert, bis die Verantwortlichen in Politik und Welt­gesund­heits­organi­sation vom Ernst der Lage überzeugt werden konnten, kritisiert Stöbe im Rückblick.

Während in Westafrika vor allem internationale Hilfsstrukturen versagten, behindert bei der aktuellen Ebola-Epidemie im Ostkongo der Bürgerkrieg den Kampf gegen die tödliche Seuche. „Der Krieg konterkariert alles, was angesichts des medizinischen Fortschritts zur Prävention und Behandlung von Ebola möglich wäre“, meint Stöbe. Die Sterberate liege aktuell bei viel zu hohen 70 Prozent. „Denn wenn Krankenhäuser attackiert werden, trauen sich die Menschen nicht mehr dorthin, um sich behandeln zu lassen“, sagt der Notarzt. Die Folge: Beim zweitschlimmsten Ebola-Ausbruch aller Zeiten ist kein Ende in Sicht.

Krankenhäuser als Angriffsziel

Dass Gesundheitseinrichtungen gezielt angegriffen werden, beschränkt sich jedoch nicht auf den Ostkongo. Stöbe zufolge sind solche Attacken immer häufiger Teil der Kriegstaktik, obwohl es sich dabei um einen klaren Bruch des Völkerrechts handelt. Auch Ärzte ohne Grenzen hat immer wieder Verluste zu beklagen. Der bisher schwerste Zwischenfall trug sich 2015 in Afghanistan zu. Dort wurde ein Krankenhaus der Organisation von einem US-amerikanischen Kriegsflugzeug bombardiert. Es gab 40 Tote. Befriedigend aufgearbeitet ist der Fall bis heute nicht.

„Bei den Einsätzen ist die Sicherheit der Mitarbeiter das Wichtigste. Wir können sie aber nicht garantieren“, sagt Stöbe. „Bei Ärzte ohne Grenzen sprechen wir von verhandelter Sicherheit. Wir versuchen, mit den Konfliktparteien Zusicherungen zu erzielen, die uns erlauben, unsere Arbeit zu machen.“ Dabei helfe insbesondere die Unabhängigkeit von sämtlichen staatlichen, politischen oder religiösen Akteuren. Ganz praktisch gibt es für die Mitarbeiter in unsicheren Lagen oft mehrmals täglich Sicherheitsbriefings. Zum Teil dürfen sie sich nur zwischen Unterkunft und Krankenhaus bewegen. „Wird die Sicherheitslage zu prekär, müssen die internationalen Mitarbeiter das Land verlassen“, sagt Stöbe. Ein Dilemma für die Helfer. Denn: „Mit der Entscheidung zu gehen, schnellen die Todeszahlen in die Höhe.“ Wie aber geht man als Helfer mit der eigenen Angst um? Um in Kriegsgebieten zu arbeiten, bedürfe es sicher einer gewissen Robustheit, so Stöbe: „Ich brauche ein gewisses Vertrauen, dass die Sache gut ausgehen wird.“

Die Entscheidung, Arzt zu werden, hat Stöbe erst relativ spät getroffen. Der Entschluss reifte auf einer langen Reise durch Australien, Neuseeland und Fidschi, bei der er sich immer wieder gefragt habe, was er im Leben machen wolle. „Ich wusste, ich will mich mit den existenziellen Fragen des Lebens beschäftigen. Mit Geburt, Leid und Tod. Das sind vielleicht die echtesten Momente im Leben“, meint der 50-Jährige. Nach Medizinstudium, Facharzt-Weiterbildung und mehreren Jahren Tätigkeit in verschiedenen Krankenhäusern erreichte Stöbe jedoch einen Punkt, an dem er sich fragte, ob sein Alltag noch das widerspiegelt, was ihn zur Medizin geführt hatte. Ein Freund gab ihm damals den Rat, sich für einen Einsatz bei Ärzte ohne Grenzen zu bewerben. Seither pendelt Stöbe zwischen den Welten.

Leben in zwei Welten

Eine starke Motivation für sein humanitäres Engagement sei die unmittelbare Notwendigkeit medizinischer Hilfe. Zu wissen, wenn er jetzt nicht helfe, tue es keiner. Das treibe ihn an, sagt Stöbe: „Es sind die Patienten und deren Geschichten, die mich immer wieder aufbrechen lassen.“ Dabei sei er zwar häufig mit unfassbaren menschlichen Gräueltaten konfrontiert. „Ich treffe aber genauso häufig Menschen, die angesichts der Katastrophe über sich hinauswachsen.“

Die Rückkehr nach Berlin, wo er lebt und arbeitet, sei nach jedem Einsatz ein großer Sprung. Dabei habe er relativ früh verstanden, dass er keine Vergleiche ziehen dürfe. „Das würde mich innerlich zerreißen“, sagt Stöbe. „Ich habe akzeptiert, dass es diese zwei Welten gibt, die an mich als Mensch und Arzt unterschiedliche Anforderungen stellen.“ Er versuche in beiden Kontexten, sein Bestes zu geben.

Stöbe ist es wichtig, die Geschichten der Menschen zu erzählen, denen er in seinen Einsätzen begegnet. Regelmäßig hat er deshalb über die Jahre unter anderem im Deutschen Ärzteblatt über seine Einsätze berichtet. Zuletzt hat er über seine Erlebnisse als Helfer ein Buch geschrieben (siehe Kasten). Zeugnis abzulegen über die Lage der Menschen auch in den vergessenen Krisen weltweit, gehört zu den Gründungsimpulsen von Ärzte ohne Grenzen. „Diese Menschen haben sonst niemanden, der für sie spricht“, sagt Stöbe. Er höre häufig von Patienten: „Vergessen Sie uns nicht, wenn Sie zurück nach Deutschland gehen. Erzählen Sie unsere Geschichte.“

Für Stöbe steht der nächste Einsatz für Ärzte ohne Grenzen im August an. Wohin es geht, erfährt er oft erst Stunden vorher. „Ich hoffe, das noch viele, viele Jahre weitermachen zu können“, sagt er zum Schluss. Heike Korzilius

Zur Person

Foto: dpa
Foto: dpa

Nach dem Medizinstudium in Greifswald, Berlin und Witten-Herdecke absolviert Tankred Stöbe eine Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin. Er erwirbt die Zusatz-Weiterbildungen Intensiv- und Notfallmedizin und arbeitet seit 2004 im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Von 2007 bis 2015 war Stöbe Präsident der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, von 2015 bis 2018 Mitglied des internationalen Vorstands der Organisation. Stöbe berichtet regelmäßig im Deutschen Ärzteblatt über seine Einsätze. Im Mai dieses Jahres erschien im Fischer-Verlag sein Buch „Mut und Menschlichkeit: Als Arzt weltweit in Grenzsituationen“. 2016 verlieh ihm die Bundes­ärzte­kammer für seine vorbildliche ärztliche und humanitäre Haltung die Paracelsus-Medaille.

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