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Medizinstudium: Kongruenz von Lehre und Prüfungen

Dtsch Arztebl 2019; 116(46): A-2127 / B-1742 / C-1702

Richter-Kuhlmann, Eva

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Dem Masterplan Medizinstudium 2020 zufolge sollen der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin und die Gegenstandskataloge überarbeitet werden. Der Prozess ist gestartet.

Foto: picture alliance/Waltraud Grubitzsch/dpa
Foto: picture alliance/Waltraud Grubitzsch/dpa

Mit Spannung wird für die nächsten Wochen aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium ein Arbeitsentwurf für eine neue ärztliche Approbationsordnung entsprechend des Masterplans Medizinstudium 2020 erwartet. Doch bereits jetzt werden der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin (NKLM) und die Gegenstandskataloge (GK) weiterentwickelt – und zwar gemeinsam.

Dies ist kein leichtes Unterfangen, wie sich beim letzten Arbeitstreffen von Vertretern des Medizinischen Fakultätentags (MFT) und des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) Ende September in Berlin zeigte. Denn nicht immer stimmen ihre Ansichten überein. Hinzu kommt, dass in diesen Weiterentwicklungsprozess rund 700 Expertinnen und Experten aus den Fakultäten, Fachgesellschaften, Verbänden und von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) in 30 Arbeitsgruppen eingebunden sind.

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Neue Studienstrukturen

Ausgangspunkt für diese nicht einfachen Kooperationsstrukturen ist der bereits im Frühjahr 2017 von Bund und Ländern beschlossene Masterplan Medizinstudium 2020. Er sieht eine kompetenzorientierte Neugestaltung der ärztlichen Ausbildung vor. Dazu sollen sowohl der 2015 veröffentlichte NKLM als auch die in den GK definierten Inhalte der Staatsprüfungen kompetenzorientiert weiterentwickelt werden. Beide Kataloge sollen entsprechend den Vorgaben des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums in enger Abstimmung zwischen Fakultäten und dem IMPP bis März 2020 ein Kerncurriculum definieren, welches das Medizinstudium komplett neu ausrichtet. Zudem sollen die Fakultäten neue kompetenzorientierte Lehr- und Prüfungsformate erproben und weiterentwickeln und vor dem Praktischen Jahr eine „Objektive Structured Clinical Examination“ (OSCE) zum Beleg der klinisch-praktischen Fähigkeiten implementieren.

Die Medizinstudierenden begrüßen das alles. Sie fordern schon seit Langem eine grundlegende Reform des Medizinstudiums. Auf die Umsetzung des Masterplans, dessen Ziele und Maßnahmen in einer novellierten Ärztlichen Approbationsordnung münden sollen, warten sie seit zwei Jahren.

Auch eine Synchronisierung von GK und NKLM hält die bvmd für dringend notwendig. Denn nur so haben künftige Studierende die Garantie, dass Lehre und Prüfung tatsächlich aufeinander abgestimmt sind. Aktuell werden die Prüfungsinhalte wesentlich durch die vom IMPP veröffentlichten Gegenstandskataloge für das Erste (GK1) und Zweite Staatsexamen (GK2) bestimmt. Der NKLM hat hingegen bisher nur Empfehlungscharakter. Dem Masterplan zufolge soll er aber künftig verbindlicher Bestandteil der neuen Ärztlichen Approbationsordnung werden.

Zwei verbindliche Kataloge

Mit zwei verbindlichen Katalogen – zum einen für Lehre und fakultäre Prüfungen (NKLM) und zum anderen für staatliche Prüfungen (GK) – muss in einer novellierten Approbationsordnung aber auch das Verhältnis der beiden Kataloge zueinander festgeschrieben werden, meint Peter Jan Chabiera, Präsident der bvmd. Es müsse vor allem eine inhaltliche Kongruenz sichergestellt werden. Entsprechend hat sich auch die Expertenkommission des Wissenschaftsrates unter Leitung von Prof. Dr. phil. Manfred Prenzel zum Masterplan Medizinstudium 2020 in ihrem Papier zur „Neustrukturierung des Medizinstudiums und Änderung der Approbationsordnung für Ärzte“ Ende vergangenen Jahres geäußert.

Konflikte zwischen den „Machern“ der Kataloge würden die Studierenden gern vermeiden. „Momentan haben wir eine Vermittlerrolle inne“, erklärt Chabiera dem Deutschen Ärzteblatt. „Wir brauchen im Einklang mit den neuen Katalogen dringend Veränderungen in der Lehre. Allerdings sind wir uns bewusst, dass die Fakultäten mindestens zwei Jahre Vorlauf brauchen, um sich mit ihrer Lehre auf geänderte Anforderungen einzustellen.“ Hierfür müsse auch frühzeitig klar sein, was am Ende geprüft werde.

Leichte Modifikationen in den Staatsexamina können nach Ansicht der Studierenden aber fortlaufend vorgenommen werden. „Hierfür ist kein Warten auf die neue Approbationsordnung notwendig“, meint Aurica Ritter, Bundeskoordinatorin für Medizinische Ausbildung. In dieser müsse dann aber festgeschrieben sein, wie sich eine gemeinsame NKLM-GK-Kommission abstimmen müsse. „Diese klare Absprache und der Einklang von Lehre und Prüfung sind für uns das A und O.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Foto: IMPP
Foto: IMPP

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Jana Jünger, Direktorin am Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP)

Die neue ärztliche Approbationsordnung liegt noch nicht vor. Warum aktualisieren Sie bereits die Gegenstandskataloge?

Das IMPP hat den Auftrag, die Gegenstandskataloge (GK) regelmäßig zu aktualisieren. Mit meinem Amtsantritt im Jahr 2016 haben wir damit begonnen. Während früher die Prozesse der Weiterentwicklung der Gegenstandskataloge und des Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin (NKLM) nicht miteinander abgestimmt waren, findet jetzt ein wechselseitiger Austausch statt. Verbindlich sind für die Studierenden derzeit jedoch nur die Gegenstandskataloge. Wir haben die Verantwortung, diese anzupassen, wenn wir die Staatsexamina neu ausrichten. Während wir in den schriftlichen Examina die jeweils gültige Approbationsordnung berücksichtigen, müssen wir für die Neugestaltung der mündlich-praktischen Prüfungen entsprechend des Masterplans Medizinstudium 2020 auf die neue Approbationsordnung für Ärzte warten.

Wird das IMPP auch Inhalte, die sich nicht im NKLM finden, in die GK bringen und prüfen?

Ziel ist eine größtmögliche Übereinstimmung der beiden Kataloge. Aufgabe des IMPP ist, versorgungsrelevante Themen im GK abzubilden. Beispiele dafür sind ethische Themen wie Aufklärung zur Organspende und Impfungen, Schwangerschaftsabbruch, aber auch bisher in den Fakultäten nur vereinzelt gelehrte Themen wie Interessenkonflikte.
Aktuell fordern die Studierenden ein erweitertes fächerübergreifendes Lehrangebot zu Interessenkonflikten in der Medizin, eine konsequente Offenlegung von Interessenkonflikten von Dozierenden gegenüber Studierenden und einen regulierten Rahmen für den Kontakt mit der Industrie auch für Studierende. Um die Studierenden in ihrer Forderung zu unterstützen, werden wir zum Jahr 2021 Fragen dazu aufnehmen.

Werden künftig noch zwei Kataloge benötigt?

Die Kataloge (NKLM und GK) haben unterschiedliche Funktionalitäten: Die Inhalte des NKLM müssen gelehrt werden. Die Inhalte der Gegenstandskataloge können geprüft werden. Es ist jedoch sinnvoll, die Kataloge in einem geregelten Prozess stetig aufeinander abzustimmen, um nahezu Deckungsgleichheit zu erreichen.

Foto: MFT/Sablotny
Foto: MFT/Sablotny

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT)

Der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog (NKLM) wird künftig verbindlicher Bestandteil der Ärztlichen Approbationsordnung sein. Wie ist das Verhältnis zum Gegenstandskatalog (GK)?

Das Verhältnis der beiden Kataloge, die ja beide rechtlich verbindlich sein sollen, muss in der neuen, novellierten Approbationsordnung klar geregelt werden. Der Teil der Ausbildungsinhalte, der im Staatsexamen geprüft werden kann und soll, muss mit dem übereinstimmen, was vorher an den Fakultäten gelehrt wurde. Auch die Expertenkommission des Wissenschaftsrates hat die inhaltliche Anschlussfähigkeit von Curricula und staatlichen Prüfungen empfohlen.

Sind trotzdem weiterhin zwei Kataloge erforderlich?

Lehre und Prüfungen müssen einheitlich gedacht werden. Das stellt zwei getrennte Kataloge eigentlich infrage. Es sollte ja nicht geprüft werden, was nicht gelehrt wurde. Unser Ziel ist es, Inhalte von NKLM und GK in einer einheitlichen Datenbank abzubilden und die beiden Kataloge, die unter getrennten Zuständigkeiten von IMPP und MFT stehen, zukünftig synchronisiert weiterzuentwickeln.

Wieviel Einfluss sollte die Politik auf die Prüfungsinhalte und das Absolventenprofil haben?

Wir sind nicht glücklich mit der Aussage der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz, dass „die Gegenstandskataloge des IMPP die staatliche Aufsicht sicherstellen“ und „nicht durch Vorgaben des NKLM ersetzt werden können“. Das ist ein anderer Zungenschlag als noch bei Arbeitsaufnahme unserer gemeinsamen Kommission. Die Politik sollte den Blick nicht allein auf das Staatsexamen und die Berufsbefähigung verengen. Das Medizinstudium ist ein universitäres Studium. Mit dem Abschluss sind eine Promotion und weitere akademische Qualifikationen möglich. Die zurückliegenden Diskussionen um die Wissenschaftlichkeit des Medizinstudiums und das kritische Hinterfragen der Qualität der medizinischen Promotionen unterstreicht, dass die Medizinischen Fakultäten die Chancen der neuen Approbationsordnung für die akademische Qualifizierung des Nachwuchses nutzen müssen. Für diesen Teil des Absolventenprofils sind nur die Fakultäten selbst, nicht aber Politik und den Ge­sund­heits­mi­nis­terien nachgeordnete Behörden verantwortlich.

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Avatar #799020
Sivend
am Samstag, 23. November 2019, 10:34

Endlich!

Endlich ist der Masterplan Medizinstudium 2020 in Gange!
Lange hat man darauf warten dürfen. Ich denke allein schon die Änderungen der Zulassungsbeschränkungen könnten viele Probleme wie Ärztemangel und das Verteilungsproblem lösen.
Ich hoffe, dass diese Chance, welche mit dem Projekt kommt nun ernst genommen wird und damit für die Medizin neue Türen geöffnet werden können.
Avatar #799020
Sivend
am Samstag, 23. November 2019, 10:34

Endlich!

Endlich ist der Masterplan Medizinstudium 2020 in Gange!
Lange hat man darauf warten dürfen. Ich denke allein schon die Änderungen der Zulassungsbeschränkungen könnten viele Probleme wie Ärztemangel und das Verteilungsproblem lösen.
Ich hoffe, dass diese Chance, welche mit dem Projekt kommt nun ernst genommen wird und damit für die Medizin neue Türen geöffnet werden können.

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