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Promotionen in der Medizin: Die Qualität steigt

Dtsch Arztebl 2019; 116(48): A-2235 / B-1832 / C-1781

Chuadja, Maryam; Meyer, Michael; Schäfer, Michael; Oestmann, Jörg Wilhelm

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Untersuchungen an der Charité – Universitätsmedizin Berlin zeigen eine deutliche Tendenz: Die Qualität der Promotionen in der Medizin steigt ebenso wie die Zahl der Publikationspromotionen.

Hohe Promotionszahlen in der Medizin ließen in der Vergangenheit die Öffentlichkeit an der Qualität der Arbeiten zweifeln. Foto: picture alliance/imageBROKER
Hohe Promotionszahlen in der Medizin ließen in der Vergangenheit die Öffentlichkeit an der Qualität der Arbeiten zweifeln. Foto: picture alliance/imageBROKER

Während die Qualität der Promotionen in Deutschland weiterhin im medialen Fokus bleibt, ist die Diskussion darüber in den letzten Jahren zunehmend mit wissenschaftlichen Daten hinterlegt worden (1, 2, 3). Viele medizinische Fakultäten haben die Gelegenheit ergriffen und den Druck von außen für grundlegende Erneuerungen des Promotionswesens zu nutzen gewusst. Die Verlaufsbeurteilung verfügbarer Parameter ermöglicht es, den Effekt der erfolgten Reformen einzuschätzen, Fehlentwicklungen zu erkennen und die Analyse zu vertiefen.

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Interessant ist die Entwicklung an der Charité – Universitätsmedizin Berlin: Von 1998 bis 2008 kam es dort zu einem signifikanten Anstieg der Publikationen pro Promotion. Der Anteil der Publikationen, bei denen die Promovierenden Erstautoren waren, verharrte allerdings bei etwa 26 Prozent. 2012 und 2017 ist die Promotionsordnung der Charité auch deshalb nochmals grundlegend überarbeitet worden (4, 5).

Publikationen werden Standard

Eine erneute Analyse der Promotionsdatenbank parallel zu einer PubMed-Recherche (6) auf Promotionsnote, Anzahl der Publikationen je Promovierender, Position der Promovierenden in der Autorenliste sowie Journal-Impact-Faktor (7) verdeutlicht: Die strukturelle Entwicklung der Charité und des Gesamtumfeldes spiegelt sich in der Qualität der Promotionen. Der Anteil der Publikationen mit Promovierenden als Erstautoren stieg auf 33 Prozent in 2015. Der Anteil der förmlichen Publikationspromotionen wuchs von 2005 bis 2018 deutlich (8) (Grafik). Der Prozentsatz der publizierenden Promovierenden stieg von 38 Prozent in 1998 auf 53 Prozent in 2008. Zudem stieg der Anteil der Mehrfachpublizierenden mit mehr als zwei Publikationen deutlich an und blieb für den Jahrgang 2015 mit 22 Prozent auf konstant hohem Niveau (Tabelle).

Prozentualer Anteil der Publikationspromotionen an der Gesamtanzahl der Promotionen des jeweiligen Jahres
Prozentualer Anteil der Publikationspromotionen an der Gesamtanzahl der Promotionen des jeweiligen Jahres
Grafik
Prozentualer Anteil der Publikationspromotionen an der Gesamtanzahl der Promotionen des jeweiligen Jahres
Publikationszahl der Promovierenden
Publikationszahl der Promovierenden
Tabelle
Publikationszahl der Promovierenden

Worauf sind die Veränderungen zurückzuführen? Große Anstrengungen hat die Charité unternommen, um den Promovierenden bessere Arbeitsbedingungen zu bieten sowie Pflichten und Rechte zu verdeutlichen. Die Promotion anhand von Publikationen in wissenschaftlichen Journalen anstatt der Anfertigung von Monografien wurde an der Charité schon früh – seit 2005– als Königsweg gefördert. In der Promotionsordnung der Charité von 2012 wurde festgelegt, dass die Publikationspromotion mit mindestens einer Erstautorenschaft in einem „Topjournal“ beziehungsweise einer Erstautorenschaft und zwei Co-Autorenschaften in normalen „peer reviewed“-Journalen primäres Ziel ist. Dieser Weg wurde in 2018 von fast 40 Prozent genutzt. Begleitend stieg der Anteil der Erstautorenschaften. Die Zunahme der Quote der Mehrfachpublizierenden von 13 Prozent in 1998 auf mehr als 22 Prozent in 2008 und 2015 deutet eine verbesserte „Ausbeute“ an langfristig wissenschaftlich Interessierten an.

Das Publikationsverhalten zeigt eine starke Beziehung zum erlangten Grad: Beim Dr. rer. med. publizierten 76 Prozent, bei den Humanmedizinern 40 Prozent und bei den Zahnmedizinern nur 19 Prozent im Jahrgang 2015. Da der Impactfaktor trotz vielfacher Nutzung in seiner puren Form als Qualitätsparameter angezweifelt (9) wird und durch editorische Aktionen der Zeitschriften Schwankungen (10) unterliegt, wurde das geometrische Mittel des Fünf-Jahres-Impact-Faktors 2009 der genutzten Journale angewandt. Dieser Wert stieg über die Jahre signifikant an mit einer besonderen Dynamik nach 2008. Parallel dazu wurde die Note „Summa cum laude“ in 2015 (12 Prozent) doppelt so häufig vergeben wie 2008 (6 Prozent). „Magna cum laude“ wurde zur häufigsten Note (1998: 21 Prozent; 2015: 44 Prozent). Den höchsten Anteil an „summa“-Benotungen hatten die PhD- (60 Prozent) und die Dr.-rer.- med.-Doktoranden (29 Prozent).

Fünf Jahre bis zur Promotion

Die Dauer der medizinischen Promotion war im Median mit etwa fünf Jahren hoch und stabil auf diesem Niveau. Sie lag damit deutlich höher als in der öffentlichen Diskussion wahrgenommen (13). Durch den vielfach studienbegleitenden Charakter des Dr. med. ist zwar eine geringere Intensität der Befassung zu postulieren, jedoch werden von etlichen Promovierenden Forschungssemester in Anspruch genommen. Auf der anderen Seite führt eine längere Dauer nicht zu einer besseren Note – mit der Dauer fiel die Benotung der Promotion sogar ab. Die Dauer bis zur ersten Publikation unterschied die angestrebten Grade: Die Hälfte der „Dr. rer. med.“-Absolventen hatten nach 2,2 Jahren die erste Publikation, die Hälfte der „Ph. D.“ Absolventen erreichten die erste Publikation in 3,2 Jahren, „Dr. med.“-Absolventen publizierten zu 25 Prozent binnen vier Jahren. Bei den Humanmedizinern kam es auch fünf bis acht Jahre nach Promotionsbeginn noch zu Veröffentlichungen.

„Summa“-Promotionen zum „Dr. med.“ unterschieden sich qualitativ nicht wesentlich von „PhD“-Promotionen: Nur 15 Prozent der Dr.-med.-Arbeiten mit „summa“ endeten ohne Publikation, während es bei den PhDs 33 Prozent waren. Etwa 50 Prozent in beiden Gruppen erzielten mehr als zwei Publikationen. Die vergleichbaren Leistungsparameter beim PhD und beim Dr. med. mit „summa cum laude“ sprechen dagegen, in internationalen Bewertungsverfahren weiterhin den Dr. med. summarisch zu ignorieren und dem PhD nachzuordnen. Vielmehr sollte die größere Ausdifferenzierung der Benotung bei medizinischen Promotionen anerkannt werden.

Bemerkenswert war ein isolierter Abfall der Publikationen der Charité-Angestellten von 2008 auf 2015. Eine Erklärungsmöglichkeit ist von besonderer Brisanz, da sie kontraproduktive Konsequenzen restriktiver Maßnahmen dokumentieren würde: Im Frühling 2015 wurde an der Charité eine neue Habilitationsordnung verabschiedet. In der davorliegenden Diskussion wurde eine Anrechnung von Publikationen aus der Promotion für die Habilitation abgelehnt. Publikationen sind daraufhin von Promovierenden mit Blick auf eine potenzielle Habilitation möglicherweise bewusst verzögert worden.

Der Anteil der weiblichen Promovierenden stieg weiter an von 51 Prozent in 1998 auf 60 Prozent in 2015 und reflektierte damit den zunehmenden Anteil der Frauen im Humanstudium (14). Frauen holten auch bei den Noten auf. Bei „summa“ zogen sie 2015 fast gleich, bei „magna“ lagen sie bereits geringfügig höher als die Männer. Ein Unterschied in der Publikationstätigkeit verblieb: Generell ist der Anteil der Frauen, die bis ein Jahr nach Abschluss der Promotion publiziert haben, etwas geringer als der Anteil der Männer. Weibliche Promovierende benötigen je nach Jahrgang zudem 10 bis 30 Prozent länger bis zur ersten Publikation.

Reformen waren erfolgreich

Zusammenfassend gibt es statistisch einen erfreulichen Qualitätsanstieg bei medizinischen Promotionen. Die öffentliche Diskussion, weitreichende Reformen des Promotionsverfahrens und begleitende Maßnahmen des Bundes und der Länder im Rahmen der Exzellenzinitiative bilden die Basis für eine Professionalisierung der medizinischen Promotion. Die Weiterentwicklung der Promotionsumgebungen, wie sie an vielen medizinischen Fakultäten stattfindet und an der Charité seit 2017 implementiert ist, sollte diesen Trend noch weiter verstärken.

Maryam Chuadja, Dr. med. Michael Meyer, Prof. Dr. med. Michael Schäfer,
Prof. Dr. med. Jörg Wilhelm Oestmann

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4819
oder über QR-Code

1.
Ziemann E, Oestmann JW: Publikationen von Doktoranden 1998–2008: das Beispiel Charité. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(18): 333–337 VOLLTEXT
2.
Der Tagesspiegel: Promotionen – Wer ein „summa“ verdient. http://www.tagesspiegel.de/wissen/promotionen-wer-ein-summa-verdient/7467740.html (letzter Abruf: 02.03.2019).
3.
Oestmann JW, Meyer M, Ziemann E: Medizinische Promotionen: Höhere wissenschaftliche Effizienz. Dtsch Arztebl 2015; 112(42): A 1706–10 VOLLTEXT
4.
Promotionsordnung der Medizinischen Fakultät Charité – Universitätsmedizin Berlin 2012. https://www.charite.de/fileadmin/user_upload/portal/charite/presse/publikationen/amtl-mitteilungsblatt/2012/AMB121203–099.pdf (letzter Abruf: 02.03.2019).
5.
Promotionsordnung der Medizinischen Fakultät Charité – Universitätsmedizin Berlin 2017. https://bibliothek.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/sonstige/bibliothek/Downloads/Promotionsordnung_AMB198.pdf (letzter Abruf: 02.03.2019).
6.
Falagas ME, Pitsouni EI, Malietzis GA, Pappas G. Comparison of PubMed, Scopus, Web of Science, and Google Scholar: strengths and weaknesses. FASEB J. 2008, 22, S. 338–42 CrossRef MEDLINE
7.
Garfield, E. The Agony and the Ecstasy — The History and Meaning of the Journal Impact Factor. International Congress on Peer review And Biomedical Publication. Chicago, September 16, 2005. (garfield.library.upenn.edu/papers/jifchicago2005.pdf) (letzter Abruf: 23.07.2019).
8.
Promotionsstatistik der Charité. https://promotion.charite.de/ueber_das_promotionsbuero/promotionsstatistik/ (letzter Abruf: 1.03.2019).
9.
Opthof T. Sense and nonsense about the impact factor. Cardiovascular Research 1997, 33 (1):1–7, https://doi.org/10.1016/S0008–6363(96)00215– CrossRef
10.
Chew M, Villanueva EV, Van der Weyden MB. Life and times of the impact factor: retrospective analysis of trends for seven medical journals (1994–2005) and their Editors’ views. JRSM 2007; 100(3):142–150 https://doi.org/10.1177/01410768071000031 CrossRef MEDLINE PubMed Central
11.
Else H. Impact factors are still widely used in academic evaluations. Nature online 2019 https://www.nature.com/articles/d41586–019–01151–4 (letzter Abruf: 12.07.2019).
12.
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13.
Auratikum. https://auratikum.de/blog/dauer-der-promotion-wie-viel-zeit-du-in-deinem-fach-einplanen-solltest/ (letzter Abruf: 20.06.2019).
14.
Hibbeler B, Korzilius H. Die Medizin wird weiblich. Deutsches Ärzteblatt 2008. 105 (12): A 609– A 61 VOLLTEXT
Prozentualer Anteil der Publikationspromotionen an der Gesamtanzahl der Promotionen des jeweiligen Jahres
Prozentualer Anteil der Publikationspromotionen an der Gesamtanzahl der Promotionen des jeweiligen Jahres
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Prozentualer Anteil der Publikationspromotionen an der Gesamtanzahl der Promotionen des jeweiligen Jahres
Publikationszahl der Promovierenden
Publikationszahl der Promovierenden
Tabelle
Publikationszahl der Promovierenden
1.Ziemann E, Oestmann JW: Publikationen von Doktoranden 1998–2008: das Beispiel Charité. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(18): 333–337 VOLLTEXT
2.Der Tagesspiegel: Promotionen – Wer ein „summa“ verdient. http://www.tagesspiegel.de/wissen/promotionen-wer-ein-summa-verdient/7467740.html (letzter Abruf: 02.03.2019).
3.Oestmann JW, Meyer M, Ziemann E: Medizinische Promotionen: Höhere wissenschaftliche Effizienz. Dtsch Arztebl 2015; 112(42): A 1706–10 VOLLTEXT
4.Promotionsordnung der Medizinischen Fakultät Charité – Universitätsmedizin Berlin 2012. https://www.charite.de/fileadmin/user_upload/portal/charite/presse/publikationen/amtl-mitteilungsblatt/2012/AMB121203–099.pdf (letzter Abruf: 02.03.2019).
5.Promotionsordnung der Medizinischen Fakultät Charité – Universitätsmedizin Berlin 2017. https://bibliothek.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/sonstige/bibliothek/Downloads/Promotionsordnung_AMB198.pdf (letzter Abruf: 02.03.2019).
6.Falagas ME, Pitsouni EI, Malietzis GA, Pappas G. Comparison of PubMed, Scopus, Web of Science, and Google Scholar: strengths and weaknesses. FASEB J. 2008, 22, S. 338–42 CrossRef MEDLINE
7.Garfield, E. The Agony and the Ecstasy — The History and Meaning of the Journal Impact Factor. International Congress on Peer review And Biomedical Publication. Chicago, September 16, 2005. (garfield.library.upenn.edu/papers/jifchicago2005.pdf) (letzter Abruf: 23.07.2019).
8.Promotionsstatistik der Charité. https://promotion.charite.de/ueber_das_promotionsbuero/promotionsstatistik/ (letzter Abruf: 1.03.2019).
9.Opthof T. Sense and nonsense about the impact factor. Cardiovascular Research 1997, 33 (1):1–7, https://doi.org/10.1016/S0008–6363(96)00215– CrossRef
10.Chew M, Villanueva EV, Van der Weyden MB. Life and times of the impact factor: retrospective analysis of trends for seven medical journals (1994–2005) and their Editors’ views. JRSM 2007; 100(3):142–150 https://doi.org/10.1177/01410768071000031 CrossRef MEDLINE PubMed Central
11.Else H. Impact factors are still widely used in academic evaluations. Nature online 2019 https://www.nature.com/articles/d41586–019–01151–4 (letzter Abruf: 12.07.2019).
12.Neuberger J, Counsell C. Impact factors: uses and abuses. Eur J Gastroenterol Hepatol. 2002; 14(3):209–11 CrossRef MEDLINE
13.Auratikum. https://auratikum.de/blog/dauer-der-promotion-wie-viel-zeit-du-in-deinem-fach-einplanen-solltest/ (letzter Abruf: 20.06.2019).
14.Hibbeler B, Korzilius H. Die Medizin wird weiblich. Deutsches Ärzteblatt 2008. 105 (12): A 609– A 61 VOLLTEXT

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