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Forschende Ärzte in Weiterbildung: Clinician Scientist als Option

Dtsch Arztebl 2019; 116(50): A-2337 / B-1920 / C-1863

Richter-Kuhlmann, Eva

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Nach Möglichkeiten, Forschung und klinische Weiterbildung sinnvoll miteinander zu verknüpfen, sucht derzeit ein vom Bun­des­for­schungs­minis­terium initiierter Steuerungskreis zum Thema Clinician Scientist. Involviert in den Prozess sind neben den Medizinischen Fakultäten auch die Ärztekammern.

Wenn klinische Forschung auch am Krankenbett und nicht nur im Labor stattfindet, erkennen sie viele Landesärztekammern nach individueller Prüfung als Weiterbildungszeit an. Foto: mauritius images
Wenn klinische Forschung auch am Krankenbett und nicht nur im Labor stattfindet, erkennen sie viele Lan­des­ärz­te­kam­mern nach individueller Prüfung als Weiterbildungszeit an. Foto: mauritius images

Junge Ärztinnen und Ärzte sind nahezu überall in der Versorgung gefragt. Nachwuchsärzte, die sich zusätzlich noch in der Forschung engagieren, sind allerdings regelrecht „Mangelware“. Die Gründe, weshalb sich nur wenige Absolvierende des Medizinstudiums für eine wissenschaftliche Karriere interessieren, sind vielfältig. Zum einen verlängere sich dadurch die Facharztweiterbildung, kritisieren Nachwuchsmediziner. Zum anderen seien Forschungsprojekte neben der Krankenversorgung eine Zusatzbelastung, die auf Kosten der Work-Life-Balance gehe. Fakt ist: Wer forschen will, muss das nicht selten am Feierabend, in seiner Freizeit, machen. Dies müsse sich ändern, meinen ärztliche Nachwuchsforscher, Fakultäten und verschiedene Verbände. Selbst die Bundesregierung hat das Anliegen in ihrem Koalitionsvertrag verankert.

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Fachgesellschaften setzen sich für junge Forscher ein

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) gehört zu den Organisationen, die sich seit Jahren dafür einsetzen, dass wissenschaftliches Arbeiten von Ärzten stärker gefördert wird. Initiativen des Bun­des­for­schungs­minis­teriums (BMBF) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die Clinician-Scientist-Programme unterstützen, sind nach ihrer Ansicht der richtige Weg. Allerdings fehle es noch an attraktiven Karrierewegen und einer verlässlichen Anerkennung der Forschungszeiten auf die Weiterbildung.

Forschung und Patientenversorgung sind dabei für die AWMF kein Widerspruch: „Die enge Verknüpfung von Forschung und Versorgung ist in der Medizin wichtig, um Forschungserkenntnisse rasch in die Versorgung zu überführen oder um Erfahrungen aus der Versorgung unmittelbar in die Forschung einfließen zu lassen“, betont AWMF-Präsident Prof. Dr. med. Rolf Kreienberg.

Auch der Medizinische Fakultätentag (MFT) möchte während der ärztlichen Weiterbildung Wissenschaft und Forschung stärker miteinander verzahnt wissen. Die Dekane forderten daher zuletzt auf dem diesjährigen Medizinischen Fakultätentag im Juni in Tübingen, patientenorientierte klinische Forschung in der Weiter­bildungs­ordnung zu berücksichtigen.

Clinician-Scientist-Programme als sinnvolle Verknüpfung

Bislang würden drittmittelfinanzierte Forschungszeiten von den Ärztekammern für die klinische Weiterbildung zu wenig anerkannt, kritisieren die Dekane. Nach Ansicht des MFT müssten verbindliche Karrierewege für die Universitätsmedizin implementiert werden, die sowohl die wissenschaftliche Tätigkeit als auch die spezifische klinische Ausbildung berücksichtigen. Beispielsweise könnte mithilfe strukturierter Programme der Medizinischen Fakultäten (dem Clinical-Scientist-Programm und dem MD/PhD-Programm) während der ärztlichen Weiterbildung sichergestellt werden, dass auf allen Stufen der Karrierewege in der Universitätsmedizin die klinische Weiterbildung mit einer wissenschaftlichen Tätigkeit in sinnvoller Weise verbunden werden kann.

Doch bislang ist die Anrechnung von Forschungszeiten auf die Weiterbildung für viele Ärztinnen und Ärzte unklar. Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) weist auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes darauf hin, dass in der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (MWBO) grundsätzlich keine Anerkennung von Forschungszeiten vorgesehen ist. „Eine generelle Öffnungsklausel in der MWBO wurde von den Ärztekammern nicht befürwortet, da dies auch dem neuen Kompetenzgedanken widersprechen würde“, betont sie. Die Vermittlung von Weiterbildungsinhalten müsse im Vordergrund stehen. Die (anteilige) Anerkennung von Forschungszeiten könne nur erfolgen, wenn auch Weiterbildungsinhalte für die angestrebte Qualifikation vermittelt werden. Dies werde durch eine Einzelfallprüfung der jeweiligen Lan­des­ärz­te­kam­mer überprüft werden müssen.

Forschungszeiten sind nicht in der Weiterbildung vorgesehen

Ähnlich äußerte sich bereits der ehemalige Präsident und jetzige Ehrenpräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. med. Theodor Windhorst, der im Juni für die Bundes­ärzte­kammer an einer Diskussion zu diesem Thema mit den Fakultäten teilnahm. „Die Kammern sind keine Verhinderungsanstalten“, betonte Windhorst auf dem diesjährigen Medizinischen Fakultätentag in Tübingen. Aber sie müssten sich an EU-Vorgaben halten, die keine Forschungszeiten in der Weiterbildung vorsehen würden – wenngleich ein gewisser Spielraum bestehe.

Doch wie lässt sich Forschung und Klinik sinnvoll verzahnen? Nach Möglichkeiten sucht derzeit ein vom Bun­des­for­schungs­minis­terium initiierter Steuerungskreis zum Thema Clinician Scientist. Neben dem MFT und der BÄK nehmen an diesen regelmäßigen Treffen auch Vertreter einiger Lan­des­ärz­te­kam­mern teil. Gemeinsam diskutieren sie die bundesweite Implementierung von Clinician-Scientist-Programmen, mit denen neben Ärzten in Weiterbildung auch jungen Fachärzten attraktive Karrierewege eröffnet werden sollen. Ein weiterer Schritt in diese Richtung sind „Advanced Clinician-Scientist-Programme“ (siehe nachfolgender Beitrag).

Steuerungskreis diskutiert die Anerkennungsmöglichkeiten

Zu den Teilnehmern am Steuerungskreis gehört unter anderem die Ärztekammer Rheinland-Pfalz. Sie gehört zu den Lan­des­ärz­te­kam­mern, die Forschungszeiten nicht generell auf die Weiterbildung anrechnen. Ihre Ansicht vertritt sie deutlich: „Wir sind restriktiv mit der Anerkennung von Forschungstätigkeiten im Rahmen der Weiterbildung“, erläutert Dr. med. Jürgen Hoffart, Hauptgeschäftsführer der Ärztekammer Rheinland-Pfalz, dem Deutschen Ärzteblatt.

„Die Weiterbildung ist inhaltlich bereits vollgepackt und wird zudem generell immer spezialisierter. Häufig ist es in den großen Fächern – wie in der Inneren Medizin – bereits schwierig, Rotationen so zu organisieren, dass die jungen Ärzte das gesamte Fachgebiet kennenlernen können und nicht nur schmalspurmäßig in Subdisziplinen weitergebildet werden.“ Durch Zeiten im Labor würden die Möglichkeiten für das Erlernen von fachärztlichen Kompetenzen noch weiter reduziert. „Bei der Vergabe des Facharztstatus ist für uns in erster Linie die klinische Kompetenz entscheidend“, erklärt Hoffart. „Dann kommen erst Forschungskompetenzen.“

Eine individuelle Anerkennung von klinischer Forschung auf die Weiterbildung ist jedoch nach Prüfung auch in Rheinland-Pfalz möglich. „Mehr als sechs Monate erkennen wir aber meist nicht an“, so Hoffart.

Besonders aufgeschlossen gegenüber einer Verknüpfung von Klinik und Forschung zeigt sich die Ärztekammer Berlin, die ebenfalls am BMBF-Steuerungskreis teilnimmt. In Berlin tätige Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung müssen zwar auch bei der Ärztekammer um Anerkennung der Forschungszeiten bitten. Dafür gibt es zwei Wege: Zum einen prüfen auch hier die Weiterbildungsausschüsse als Einzelfallentscheidung, ob es sich bei den anzurechnenden Zeiten um Forschungstätigkeiten gehandelt hat, die hinreichenden klinischen Bezug aufgewiesen haben.

Zusätzlich zu diesem herkömmlichen Weg gibt es in Berlin das
Clinician-Scientist-Programm der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Berlin Institute of
Health (BIH), für das gemeinsam mit der Ärztekammer Berlin Rahmenbedingungen vereinbart wurden, innerhalb derer Forschungszeiten verlässlich anerkannt werden. Es gilt deutschlandweit als Best-Practice-Modell und diente als Vorbild für die Positionspapiere der DFG und des Wissenschaftsrats. Konkret wurde in Berlin ein Passus in den aktuellen 11. Nachtrag der Weiter­bildungs­ordnung eingefügt, die seit 27. Juli dieses Jahres in Kraft ist.

„Der Clinician Scientist hat sich aus unseren Augen mittlerweile bewährt“, erklärt Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, dem Deutschen Ärzteblatt. „Allerdings hat es zumindest in der Anfangsphase durchaus Anlass zur Sorge gegeben, dass die Weiterbildung eher leidet und der Anspruch auf eine vollständige Weiterbildung nicht umgesetzt wird“, räumte er ein. Während der Weiterbildungszeit seien viele Inhalte und Kompetenzen für eine Facharztqualifikation zu erwerben und es stelle sich immer die Frage, ob die verbleibende rein klinische Zeit ausreiche, diese Inhalte und Kompetenzen zu erwerben.

Um mehr Aufschluss darüber zu erlangen, evaluiert die Berliner Ärztekammer das Clinician-Scientist-Programm seit Mai 2016 kammerintern. Bislang hätten sich aber keine Auffälligkeiten oder Abweichungen von der Qualität der sonstigen Facharztprüfungskandidaten ergeben, so die Ärztekammer Berlin. Deshalb unterstütze sie dieses Projekt weiterhin, an dem mittlerweile 115 Ärztinnen und Ärzte teilnehmen beziehungsweise teilgenommen haben. 73 von ihnen haben während ihrer Programmteilnahme oder im Anschluss die Facharztprüfung bereits absolviert; viele habilitierten sich zwischenzeitlich. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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