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Venezuela: Medizinischer Ausnahmezustand

Dtsch Arztebl 2020; 117(1-2): A-20 / B-16 / C-16

Stöbe, Tankred

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Die medizinische Versorgung in dem krisengeschüttelten südamerikanischen Land ist zusammengebrochen. In den Krankenhäusern gibt es nichts mehr: keine Medikamente, kein Verbandmaterial und 50 Prozent der medizinischen Fachkräfte sind ins Ausland geflohen.

Foto: picture alliance/ZUMA Press
Foto: picture alliance/ZUMA Press

Als sich die Krise in ihrer Heimat Venezuela immer weiter verschärfte, floh Ingrid mit ihrer Familie nach Peru. Aber auch dort fanden sie keine Arbeit und das Leben in der Ferne wurde so schwierig, dass sie sich zur Rückkehr entschlossen. In ihrer Heimatstadt erlitt sie drei Tage später mit ihrem Mann einen schweren Motorradunfall. Dabei brach sie sich den rechten Unterarm und den Nasenrücken und erlitt diverse Hautverletzungen. Ihr Mann liegt auf einer Spezialstation, das Motorrad hatte Feuer gefangen und große Teile seiner Haut verbrannt.

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Eigentlich ist die medizinische Behandlung in Venezuela kostenfrei. Aber zurzeit gibt es in den meisten Krankenhäusern nichts mehr: keine Medikamente, kein Verbandmaterial, nichts um die Wunden zu versorgen. Also müssen die Patienten alles mitbringen. Ingrids Behandlungskosten belaufen sich bereits auf 500 US-Dollar. Bis zur Entlassung kommt ein ähnlicher Betrag dazu. Wie die 40-jährige Mutter von zwei Kindern das aufbringen soll, zudem die Kosten für die Behandlung ihres Mannes, das weiß sie nicht.

Offiziell sind auch Wasser, Strom und Benzin in Venezuela kostenlos und reichlich verfügbar – tatsächlich aber sind sie für die Bevölkerung rar geworden. Die absolute Armutsquote (weniger als ein US-Dollar pro Tag) stieg im Jahr 2014 auf über 50 Prozent an, bis Ende 2018 betraf sie 90 Prozent der Bevölkerung. Über vier Millionen Venezolaner haben bisher das Land verlassen, die größte Flüchtlingskrise in Südamerikas Geschichte. Beispielhaft zeigt sich der wirtschaftliche Kollaps an der Ölproduktion, die für 95 Prozent aller Deviseneinnahmen verantwortlich ist. Im Jahr 2018 schrumpfte die Wirtschaft um fast 20 Prozent. Für dieses Jahr hat der Internationale Währungsfonds eine Inflationsrate von zehn Millionen Prozent prognostiziert.

Unhaltbare Zustände: Die Krankenhäuser wie hier in Caracas sind kaum instandgehalten. Das Pflegepersonal verdient kaum genug zum Leben und protestiert oder verlässt das Land. Foto: picture alliance/AP Photo
Unhaltbare Zustände: Die Krankenhäuser wie hier in Caracas sind kaum instandgehalten. Das Pflegepersonal verdient kaum genug zum Leben und protestiert oder verlässt das Land. Foto: picture alliance/AP Photo

Nach der Ankunft unseres kleinen Evaluationsteams in der Hauptstadt Caracas ist der nächste Halt der Bundesstaat Anzoategui an der Ostküste, eines der am dichtesten besiedelten Gebiete. Viele Tage verbringen wir in der größten Klinik der Region, sie ist eine von 13 Gesundheitsstationen, die wir untersuchen, um einen Überblick über die sekundären Behandlungsstrukturen zu gewinnen.

Die Befunde sind ernüchternd

Mühsam arbeiten wir uns durch die verschiedenen Stationen, reden mit den Klinikdirektoren, den Abteilungsärzten, den Pflegenden. Zählen die vorhandenen Betten, prüfen die medizinischen Geräte, besichtigen die Labors und Röntgenabteilungen. Die Befunde sind ernüchternd. Die meisten Kliniken wurden in den 1960er-Jahren gebaut und kaum eine instand gehalten. Es fehlt an Betten, Matratzen, Monitoren, Dialysegeräten und Medikamenten. Ganze Operationstrakte wurden geschlossen, lediglich Notfalleingriffe können noch durchgeführt werden. Ebenso besorgniserregend sind die Zustände auf den neonatologischen Stationen, hier fehlen zusätzlich Inkubatoren und Beatmungsgeräte und bei den häufigen Stromausfällen müssen die Neugeborenen dann mechanisch beatmet werden, was wiederum an fehlenden Ärzten und Pflegenden scheitert.

Mikrobiologische Untersuchungsverfahren, essenziell für eine rationale Antibiotikatherapie und verlässliche Krankenhaushygiene, existieren in keiner der untersuchten Kliniken. Ärzte und Pflegende, die bisher so unermüdlich wie tapfer gegen den Notstand ankämpften, verlassen das Land, kaum erstaunlich bei Gehältern von vier bis zehn US-Dollar pro Monat. Nach aktuellen Angaben sind 50 Prozent der medizinischen Fachkräfte ins Ausland geflohen.

Unsere Analysen decken sich mit den offiziellen Zahlen, die noch verfügbar sind. Und die sind dramatisch: Verhütungsmittel gibt es praktisch nicht mehr, als Folge haben Jugendschwangerschaften seit 2015 um 65 Prozent zugenommen. Für chronische Leiden wie Bluthochdruck, Diabetes und Atemwegserkrankungen fehlen in 80 Prozent der Fälle die Medikamente. Ähnlich sieht es für Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen aus, mit Dialysepflicht, HIV/AIDS-Infektion, Tuberkulose oder Krebs.

Bestandsauf - nahme in Bolivar: Gerätschaften und Krankenwagen sind in einem beklagenswerten Zustand. Fotos: Alejandro Cegarra/MSF
Bestandsauf - nahme in Bolivar: Gerätschaften und Krankenwagen sind in einem beklagenswerten Zustand. Fotos: Alejandro Cegarra/MSF

Goldgräber im Elend

Weiter geht unsere Erkundung nach Bolivar, den größten, aber am dünnsten besiedelten Bundesstaat im Südosten, der an Guyana und Brasilien grenzt. Hier leben viele indigene Völker – und hier liegt das viele Gold. Zehntausende Glückssucher aus allen Landesteilen und Gesellschaftsschichten leben hier unter erbärmlichsten Bedingungen, ohne sanitäre Einrichtungen, hoffend etwas Gold zu finden und sich damit im Ausland eine neue Existenz aufbauen zu können. Die riesigen Gräberstellen – matschige Krater – durchziehen den Regenwald und Naturschutzgebiete. Das zur Abtrennung vom Gestein angewendete Quecksilber vergiftet die Flüsse. Der Ort Las Claritas liegt mitten im Urwald an Routa 10, der einzigen Verbindungsstraße zwischen der Küste und Brasilien. Anders als in den meisten Städten, die immer mehr verwaisen, ist hier reges Leben zu beobachten. Die Nähe zur Grenze und zu den Goldminen sorgt für einen Boom. Gold ist die wichtigste Währung und zunehmend das einzige akzeptierte Zahlungsmittel. Und weil auch immer etwas verloren geht aus den kleinen Säckchen, aus Hosentaschen und anderen Verstecken am Körper, kehren die Einwohner emsig die Gehsteige, der Straßendreck ist wertvoller als die Landeswährung.

In diesem Umfeld fühlen sich Malariamücken wohl. In den Pfützen finden sie ideale Brut- und Verbreitungsbedingungen und Menschen, die sich in ihren provisorischen Verschlägen nicht schützen können. Über die Hälfte aller Malariafälle werden im Bundesstaat Bolivar diagnostiziert. Sie ist inzwischen dort die häufigste Krankheits- und Todesursache. Dabei zertifizierte die WHO Venezuela 1961 als erstes Land als malariafrei. Nun breitet sich die Krankheit von Bolivar aus epidemisch auch über die Landesgrenzen aus. Im Jahr 2018 litten etwa eine Million Venezolaner an der gefährlichen Fiebererkrankung. Deshalb hat Ärzte ohne Grenzen im letzten Halbjahr allein um die Stadt Las Claritas mit zehn Behandlungsstützpunkten etwa 50 000 Malariakranke behandelt. Zur Prävention verteilte die Organisation zudem Zehntausende Moskitonetze und sprühdesinfizierte Tausende Haushalte. Deutlich schwieriger zu beantworten ist aber auch hier die Frage, wie man die sekundäre Gesundheitsversorgung verbessern kann. Dafür besuchen wir die einzige Distriktklinik, eigentlich mit einer Kapazität von 60 Betten, Anlaufstation für komplexer kranke Patienten.

Die Klinik wird gemieden

De facto wird die Distriktklinik gemieden, weil keine verlässliche Behandlung mehr geboten wird. Auf den Punkt bringt es eine erfahrene Mitarbeiterin: „Seit 2014 sind wir kein Krankenhaus mehr.“ Und die Diagnose stimmt für alle von uns untersuchten medizinischen Einrichtungen. Aufgrund der Krise müssen die Kliniken um mindestens eine Versorgungsstufe abgewertet werden. Ambulanzen sind leer, kleine Krankenhäuser wurden zu Ambulanzen und Großkliniken degradiert zur minimalen Notversorgung.

Zurück an der Küste, in Anzoátegui, besuche ich die Ambulanz-Sprechstunde, die Ärzte ohne Grenzen dort betreibt und die über 800 Kinder im Monat behandelt. Dort treffe ich Maria. Das zehnjährige Mädchen trägt lange dunkle Haare und schaut etwas müde und traurig aus. Ihre Unterschenkel sind übersät von offenen Hautulzera, die jucken und nässen, eine schwere Form der Krätze. Ihr Vater berichtet, dass sie immerhin eine Bleibe haben, mit funktionierender Wasserversorgung. Auf meine Frage, wie sie denn mit der Krise umgehen, erzählt er, dass sie sich mit sieben Familienmitgliedern eine enge Wohnung teilen müssen, er arbeite als Verkäufer und verdiene als Einziger etwas Geld, aber das decke nur die Hälfte der Unkosten. Wir tragen Salbe auf die entzündeten Hautstellen auf, verbinden die Beine und bitten Maria wiederzukommen.

Die Schicksale von Ingrid und Maria sind nicht außergewöhnlich, wir sind uns zufällig begegnet. Ihre Geschichten stehen für die verzweifelte Situation in Venezuela.

Dr. med. Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen

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Carlbene
am Sonntag, 12. Januar 2020, 16:55

Medizinischer Notstand in Venezuela

Sehr geehrte Damen und Herren,

zu Ihrem Artikel "Medizinischer Ausnahmezustand" bezüglich der Situation in Venezuela möchte ich Folgendes bemerken.
Der Artikel schildert sehr eindrücklich und ausführlich den Mangelzustand in den medizinischen Versorgungseinrichtungen Venezuelas. Dafür sei dem Autor Dank.

Allerdings fragt man sich als Leser, wie es in einem Land, in dem wohl die größten Erdölvorkommen der Erde schlummern und zum Teil schon gehoben werden, zu einer solchen Situation kommen kann.
Das ginge zwar über die rein medizinischen Belange des Berichts hinaus, würde einen aber nicht gar so ratlos dastehen lassen.
Ziemlich erhellend wäre dazu ein Artikel der Südd. Zeitung vom 7.2.19 gewesen, in dem es um die völkerrechtswidrigen Sanktionen gegen Venezuela und die völkerrechtswidrige Anerkennung des selbsternannten "Präsidenten" Guaido ging ( Völkerrechtler Chistoph Vedder, Juraprofessor Kai Ambos - s.a. Wissenschaftl. Dienst des Bundestages).
Und der Sonderberichtserstatter des UN-Menschenrechtsrats Idriss Jazairy stellte im Mai 2019 fest: Die Verhängung von Sanktionen für politische Zwecke verletzt die Menschenrechte und die Normen des internationalen Verhaltens, so Jazairy. Sie könnten "von Menschen verursachte humanitäre Katastrophen von beispiellosem Ausmaß" auslösen. -
Leider hat der Mann recht, wie man Im Irak, in Syrien, in Libyen, im Jemen und nun auch in Venezuela sieht.
Sicher ist es an uns Ärzten, die entsprechenden Hilfsorganistionen wie "Ärzte ohne Grenzen", "Cap Anamur - Deutsche Notärzte" u.a. tatkräftig zu unterstützen und über die Ursachen dieser menschengemachten Katastrophen aufzuklären.

Karl-Heinz Böhnisch
FA für Allgemeinmedizin
Psychotherapie - Naturheilverfahren

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