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SNOMED CT: Meilenstein für die Standardisierung

Krüger-Brand, Heike E.

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Die internationale medizinische Nomenklatur SNOMED CT wird mit einer Pilotlizenz auch in Deutschland eingeführt. Sie gilt als ein grundlegender Baustein für die künftige E-Health-Strategie und ermöglicht es, klinische Daten weltweit zu nutzen und Forschungsergebnisse auszutauschen.

Foto: bakhtiarzein/stock.adobe.com
Foto: bakhtiarzein/stock.adobe.com

Die Medizininformatik-Initiative (MII) kann seit Mitte März bundesweit die internationale medizinische Nomenklatur SNOMED CT nutzen. Möglich macht das eine Pilotlizenz, die das Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF) in einer Spezialvereinbarung mit dem Rechteverwalter SNOMED International ausgehandelt hat. Sie gilt für zunächst drei Jahre und sieht eine limitierte Anzahl von Sublizenzen für die MII-Teilnehmer und deren Kooperationspartner vor. In dem vom BMBF bis zum Jahr 2021 mit rund 160 Millionen Euro geförderten Forschungsprojekt arbeiten derzeit alle deutschen Universitätskliniken daran, digitale Infrastrukturen für eine einrichtungs- und standortübergreifende Datennutzung aufzubauen.

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„Wir freuen uns sehr, dass hiermit ein grundlegender Baustein für die Digitalisierung und die künftige E-Health-Strategie nach Deutschland kommt“, erklärte Sebastian C. Semler, Geschäftsführer der Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung (TMF e.V.). Die TMF koordiniert die MII und fungiert künftig auch als National Release Center für SNOMED CT, das heißt als Anlaufstelle für die Lizenzvergabe und das -management. Das BMBF trägt die Gebühren für die Testlizenz. Diese beinhalte keine inhaltlichen Einschränkungen und sei nicht nur auf Forschungszwecke beschränkt, betonte Semler. Vielmehr handelt es sich um eine Volllizenz, die etwa auch in IT-Systemen der Versorgung eingesetzt werden könne.

Einführung längst überfällig

Die SNOMED-Einführung ist nach Meinung vieler Experten überfällig. „In der Tat blicken wir auf fast 15 Jahre zurück, seit die Forderung einer Einführung zum ersten Mal erhoben wurde“, meinte Semler. Zuletzt hatte das MII-Steuerungsgremium im April 2018 beschlossen, dass SNOMED CT für die Datenstandardisierung im Rahmen der MII flächendeckend verwendet werden soll.

Darüber hinaus hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium im aktuellen Entwurf zum Patientendaten-Schutzgesetz (PDSG) bereits zum Jahr 2021 eine Fortführung der Lizenz auch für den Versorgungsbereich in Form einer Nationallizenz angekündigt. Hierfür muss Deutschland Mitglied bei SNOMED International werden. „Das begrüßen wir sehr“, sagte Semler. Dadurch erhalte die MII Planungssicherheit für den Zeitraum nach Ablauf der Pilotphase.

Frühzeitig sollen zudem auch die betreffenden Akteure der Patientenversorgung, vor allem die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), in die weiteren Arbeiten einbezogen werden. Gemäß PDSG (§ 355) soll das BfArM bis 2021 ein nationales Kompetenzzentrum für medizinische Terminologien aufbauen. Außerdem soll SNOMED CT auch als semantische Basis für die medizinischen Informationsobjekte (MIOs) dienen, die die KBV derzeit als standardisierte Dateneinheiten für die elektronische Patientenakte (ePA) entwickelt. Daher ist die KBV seit Ende März auch offizieller Kooperationspartner der MII. Damit Forschende künftig auch die strukturierten Inhalte der angestrebten forschungskompatiblen ePA nutzen können, müssen die Partner sowohl die Entwicklung der MIOs für die ePA als auch den MII-Kerndatensatz, auf den sich die Unikliniken in ihren Datenintegrationszentren verständigt haben, abgleichen und aufeinander abstimmen.

„SNOMED CT ist ein wichtiger Baustein für die Digitalisierung in der Medizin und in der medizinischen Forschung“, erläuterte Semler. Mit ihr lasse sich grundsätzlich jeder freisprachlich formulierte medizinische Begriff „bis in die Feinheiten hinein“ in international eindeutige sprachunabhängige Codes ausdrücken. „Damit werden diese Begriffe maschinenlesbar“, erklärte er (Kasten). Die Nomenklatur lasse sich in bestimmten Wertelisten verwenden, könne Lücken zwischen bestehenden Klassifikationen füllen, das Cross-Mapping zwischen bestehenden und einzuführenden Katalogen und Nomenklaturen unterstützen und auch natürlichsprachliche Informationen aufbereiten. Das ist nicht nur für die grenzüberschreitende Patientenversorgung wichtig.

Auch für die international kooperierende Forschung ist die automatisierte Übersetzbarkeit von einer in die andere Sprache über die SNOMED-Codes unerlässlich. Denn die internationale Zusammenführung von Daten zu Forschungszwecken erhält zunehmend einen höheren Stellenwert – nicht nur in einer Krisensituation wie der Corona-Pandemie. Mit SNOMED CT können künftig klinische Daten aus verschiedenen Kontexten und Ländern miteinander verglichen und für Forschungszwecke verwendet werden.

SNOMED CT ist jedoch ein sehr komplexes Werkzeug und muss zunächst an deutsche Gegebenheiten angepasst werden. Aus den Erfahrungen anderer Länder sei klar, dass die Nomenklatur nicht die Lösung für alles und erst recht keine schnelle und einfache Lösung sei, sondern der Umgang damit noch der Forschung bedürfe, so Semler. Entsprechende Kompetenzen müssten erst aufgebaut werden.

Es gelte, mit dem „mächtigen Tool“ Erfahrungen zu sammeln, um den Ärzten eine „möglichst gut automatisierte Unterstützung bereitzustellen“, bevor ab 2021 eine breitere Nutzung in der Versorgung starte, ergänzte der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages, Dr. Frank Wissing, aus der Perspektive der Hochschulmedizin.

Für den Erfolg der MII sei die Einführung der Nomenklatur ein „systemkritischer Meilenstein“, erklärte Prof. Dr. rer. nat. Roland Eils, Koordinator des HiGHmed-Konsortiums in der MII und Gründungsdirektor des BIH Digital
Health Center. Um standort- und sektorenübergreifend Daten auszutauschen, sei ein gemeinsames Vokabular nötig. SNOMED CT biete in der Praxis Vorteile durch die inhärente logische Semantikstruktur, mit der sich auch bislang nicht katalogisierte Sachverhalte ableiten und beschreiben ließen, erläuterte er.

Beispiele für Anwendungen

SNOMED CT soll Eils zufolge in allen klinischen Anwendungsfällen (Use Cases) der MII eingesetzt werden. Ein besonders prägnantes Beispiel sei die automatisierte Freitextanalyse von Entlass- und Arztbriefen oder einer Dokumentation eines radiologischen oder pathologischen Befundes. Zwar könne prospektiv dafür gesorgt werden, dass diese Befunde nicht mit Freitext, sondern strukturiert dokumentiert würden, aber mit SNOMED ließen sich auch schon vorhandene Daten für retrospektive Studien nutzen.

Die Nomenklatur ist zudem auch im Kontext seltener Erkrankungen hilfreich. Im Rahmen der MII befasst sich das Projekt CORD-MI (Collaboration On Rare Diseases) damit, die Forschung und Versorgung im Bereich seltener Erkrankungen zu verbessern. Von den circa 8 000 dokumentierten seltenen Erkrankungen seien lediglich 7 500 strukturiert erfasst, betonte Eils. Hier gebe es eine große Chance, diese Situation deutlich zu verbessern und „mit einheitlicher Sprache, einheitlichen Diagnosen und Begriffen diese Vielzahl von Erkrankungen in einem konsortialübergreifenden Use Case zu beschreiben“. Bei medizinischen Diagnosen, die bundesweit vielleicht nur 100-mal vorkommen, kann dieser digitale Austausch lebensrettend sein. Heike E. Krüger-Brand

Was leistet eine universelle Nomenklatur?

Für ein und dasselbe Krankheitsbild werden in der medizinischen Dokumentation häufig verschiedene Bezeichnungen verwendet. Zudem können mit Klassifikationen wie ICD (Diagnose-Codes für Krankheiten) oder LOINC (Nomenklatur für medizinische Untersuchungen) nicht alle medizinischen Begriffe ausgedrückt werden. Die fehlende semantische Klassifizierung erschwert die Digitalisierung im Gesundheitswesen.

SNOMED CT („Systematized Nomenclature of Medicine Clinical Terms“) ist eine universelle Nomenklatur, die das gesamte Spektrum der Medizin abdeckt. Mit dem Terminologiestandard, der sich international für den interoperablen Austausch von Gesundheitsdaten durchgesetzt hat, können Programme unterschiedliche medizinische Fachbegriffe in einen einheitlichen Code übersetzen. Die Nomenklatur:

  • verhindert Begriffsverwechslungen durch die eindeutige Codierung medizinischer Begriffe,
  • ermöglicht die Vereinheitlichung unterschiedlicher Beschreibungen identischer medizinischer Sachverhalte,
  • unterstützt „Übersetzungen“ von Freitext etwa aus Arztbriefen in computerlesbare Einheiten.

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