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Nationalsozialismus: Forschungsprojekt verlängert

Haserück, André

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Anlässlich der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung wurde die finanzielle Förderung seitens des KV-Systems für das Forschungsprojekt „KBV übernimmt Verantwortung“ einstimmig um ein weiteres Jahr verlängert.

Es habe in der Zeit des Nationalsozialismus ein klar erkennbares Zusammenspiel zwischen „Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung“ der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD) gegeben, betonte Dr. phil. Ulrich Prehn im Rahmen der Präsentation erster Ergebnisse des Forschungsprojektes „KBV übernimmt Verantwortung“. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte das Projekt im Jahr 2018 initiiert, um die Rolle der KVD, als ein Zusammenschluss der 1932 vom Verband der Ärzte Deutschlands (Hartmannbund) gebildeten regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen der Vorläufer der KBV, bei der Vertreibung jüdischer Kollegen systematisch aufarbeiten zu lassen.

Finanzierung verlängert

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Anlässlich der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV am 12. Juni in Berlin wurde die finanzielle Förderung einstimmig um ein weiteres Jahr verlängert – zudem stellte der Historiker Prehn vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin den Abschlussbericht zur ersten Projektphase vor. Die Erschließung der Gesamtbestände mittels Durchsicht, Anlage einer Datenbank mit Verschlagwortung und auch, je nach Zustand der Archivalien, Digitalisierung von Dokumenten konnte vom Team der TU zu rund 70 Prozent abgeschlossen werden. Dieser Bearbeitungsstand zeige bereits eine „beeindruckende Bandbreite“ der relevanten Themen auf, so Prehn.

Deshalb sei von der Ausarbeitung einer Wanderausstellung über eine per Internet zur Verfügung gestellte kommentierte Quellendokumentation bis hin zur Berücksichtigung in Ethikinhalten der ärztlichen Aus- und Weiterbildung eine Vielzahl von Auswertungsmöglichkeiten des reichen Quellenmaterials denkbar. Dr. med. Petra Reis-Berkowicz, Vorsitzende der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV, dankte dem Wissenschaftlerteam der TU Berlin und sprach von „bedrückenden“ Erkenntnissen zur Beteiligung der Ärzteschaft am NS-Unrecht. Dies müsse unbedingt weiter aufgearbeitet werden – Ideen zur Aufbereitung und Nutzung der gewonnenen Informationen werde man gerne aufgreifen.

„Bittere Erfahrung“

Es stelle eine „bittere Erfahrung“ dar, dass die in heutigen Zeiten geschätzte Selbstverwaltung offenbar auch gefährdet ist, in regimeunkritische Verhaltensmuster abzugleiten – so KBV-Vize Dr. med. Stephan Hofmeister. Dies stelle für ihn die zentrale, zugleich erschreckende und wichtige Erkenntnis zusammen. Der nächste Deutsche Ärztetag würde einen guten Anlass für die Präsentation der endgültigen Ergebnisse des Projektes und die Ausarbeitung von Nutzungskonzepten bilden. Es müsse, egal für welche Instrumente man sich entscheide, darum gehen, das gewonnene Wissen möglichst vielen zur Verfügung zu stellen.

Dr. med. Norbert Metke, Vorsitzender des Vorstands der KV Baden-Württemberg, sprach sich dafür aus, entsprechende Projekte groß zu denken und breit aufzustellen. Die Ärzteschaft trage eine besondere Verantwortung, vergangenes Unrecht und die stets aktuelle Frage nach dem Wert des menschlichen Lebens gleichermaßen zu thematisieren. In seinem Vortrag legte Prehn eindringlich die schrittweise Annäherung der deutschen Ärzteschaft an das nationalsozialistische Regime dar. In der Folge habe die KVD antijüdische Maßnahmen unterstützt und auch selbst ergriffen – beispielsweise in der Gestalt methodischer Ausschlüsse jüdischer Ärzte aus der kassenärztlichen Versorgung. Zudem seien umfassende Restriktionen bei der medizinischen Versorgung bestimmter Bevölkerungsgruppen erfolgt – und im Gegenzug die Vorzugsbehandlung von sogenannten „deutschblütigen Patienten“.

Die KVD war ein Zusammenschluss der regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen, welche die Sicherstellung der ambulanten Versorgung gewährten und die medizinischen Leistungen zwischen Kassenärzten und Krankenkassen abrechneten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 stand die KVD unter der Aufsicht des Reichsarbeitsministers, führte das Reichsarztregister und regelte die Kassenzulassungen.

Gleichschaltung der KVD

So konnte die KVD unter anderem sowohl politisch oppositionellen als auch jüdischen Kassenärzten die Zulassung entziehen. Zum Gedenken an jüdische Ärzte, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus dem Beruf gedrängt und verfolgt wurden, hatten Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und KBV im Jahr 2018 gemeinsam mit dem Vizepräsidenten der Knesset, Yehiel Bar, der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau (Linke), Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) und dem Präsidenten des Weltärztebundes, Leonid Eidelman, am Sitz der KBV in Berlin eine Gedenktafel eingeweiht. André Haserück

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