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Embryonenschutzgesetz: Das Dilemma der Reproduktionsmedizin

Richter-Kuhlmann, Eva

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Viele neue reproduktionsmedizinische Verfahren sind in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten, andere gar nicht geregelt. Dies führt zu Gewissenskonflikten – für Ärztinnen und Ärzte sowie für betroffene Paare.

Foto: Science Photo Library/Kulyk, Mehau
Foto: Science Photo Library/Kulyk, Mehau

Oliver aus dem Glas“ – die Geburt des ersten deutschen „Retortenbabys“ 1982 in Erlangen war vielen Zeitungen eine Schlagzeile dieser Art wert. Damals handelte es sich bei diesem Erfolg der Reproduktionsmedizin noch um eine Sensation, obwohl bereits 1978 die Geburt von Louise Brown in England gezeigt hatte, dass die künstliche Befruchtung im Reagenzglas und die anschließende Übertragung des Embryos in den Mutterleib möglich ist.

Heute sind In-vitro-Fertilisationen (IVF) und weitere Methoden der künstlichen Befruchtung in Deutschland Alltag. Seit 1997 kamen hierzulande etwa 300 000 Kinder zur Welt, deren Mütter in den Zentren des Deutschen IVF-Registers mit einer Methode der künstlichen Befruchtung behandelt wurden.

Rasante Entwicklung der Fortpflanzungsmedizin

Während dieser Jahre verlief der medizinische Fortschritt in dem relativ jungen Fachgebiet der Reproduktionsmedizin rasant. Eine Erleichterung, könnte man meinen. Die Beratung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch wird jedoch für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland zunehmend schwieriger. Grund dafür ist das Embryonenschutzgesetz, das der Deutsche Bundestag 1990 verabschiedete. 2011 wurde es lediglich um die Regelungen zur Präimplantationsdiagnostik erweitert und gilt ansonsten bis heute unverändert. Für die Reproduktionsmedizinerinnen und -mediziner wird es zunehmend zu einem Dilemma.

„Wir sind als Ärzte in einer großen Zwickmühle“, erklärt Prof. Dr. med. Jan-Steffen Krüssel, Leiter des Universitären Interdisziplinären Kinderwunschzentrums Düsseldorf (UniKiD) an der Frauenklinik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Einerseits wolle man Kinderwunsch-Paare auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft beraten, sodass sie eine fundierte Entscheidung treffen können. Andererseits liefen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland Gefahr, sich der Anstiftung oder der Beihilfe zu einer Straftat schuldig zu machen, wenn sie über die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin informierten, die international zwar bestehen, in Deutschland jedoch verboten sind.

Besonders bedauert Krüssel, dass in Deutschland trotz der seit Jahren verbesserten Kulturbedingungen der Embryonen bis zum Blastozystenstadium und der deutlich differenzierteren Einschätzbarkeit der Entwicklung der pränidativen Embryonen immer noch die „Dreierregel“ gilt. Mit ihr einher gehen zum einen frustrane Behandlungszyklen für die betroffenen Paare und zum anderen Mehrlingsschwangerschaften. Es werden in Deutschland bei 69 Prozent der Behandlungen zwei Embryonen transferiert. „Etwa 22 Prozent aller Schwangerschaften nach IVF sind Mehrlingsschwangerschaften, die gesundheitliche Risiken für Frau und Kind mit sich bringen, insbesondere durch das erhöhte Risiko einer Frühgeburt“, berichtet der Reproduktionsmediziner.

Mehr Chancen, aber weniger Mehrlinge im Ausland

Um den Anteil der Mehrlingsschwangerschaften zu reduzieren, wird in vielen Ländern der elective Single Embryo Transfer (eSET) durchgeführt. Dabei werden im Labor bewusst mehrere Eizellen befruchtet und die so erzeugten Embryonen über einige Tage beobachtet. Dann wird nur derjenige ausgewählt, der die besten Entwicklungschancen aufweist, und der Frau übertragen. In Schweden wird beispielsweise bei der IVF in 81 Prozent der Fälle nur ein Embryo übertragen. Die Rate der Mehrlingsschwangerschaften liegt dadurch bei nur vier Prozent – und das bei einer Geburtenrate von 29,5 Prozent. Zum Vergleich: Die Geburtenrate nach IVF liegt in Deutschland bei 23,6 Prozent.

Der Single Embryo Transfer ist in Deutschland aufgrund der Regelungen des Embryonenschutzgesetzes nicht möglich. Es verbietet, bewusst mehr Embryonen zu erzeugen, als der Frau in einem Zyklus übertragen werden sollen. Zudem verbietet es die Eizellspende.

Die in Deutschland geltenden Verbote können allerdings leicht in Nachbarländern umgangen werden. Zwischen 2 000 und 3 000 deutsche Frauen – häufig mit Kinderlosigkeit aufgrund erschöpfter Eizellreserve – gehen jährlich ins Ausland, um eine Eizellspende zu erhalten. In vielen Ländern ist diese offiziell erlaubt (siehe Karte) und wird teilweise sogar offensiv beworben.

Die Eizellspende ist derzeit in vielen europäischen Ländern (grau) erlaubt. Verboten ist sie momentan (noch) neben Deutschland in Luxemburg, Norwegen und der Schweiz (rot). Foto: virtua73/stock.adobe.com [m]
Die Eizellspende ist derzeit in vielen europäischen Ländern (grau) erlaubt. Verboten ist sie momentan (noch) neben Deutschland in Luxemburg, Norwegen und der Schweiz (rot). Foto: virtua73/stock.adobe.com [m]

Gewissenskonflikte für Ärzte und Betroffene

Der Ausweg „IVF mit Eizellspende im Ausland“ ist jedoch aufgrund der bestehenden Rechtslage für betroffene Frauen und Paare in Deutschland häufig mit Gewissenskonflikten behaftet. Teilweise würden sie ihren behandelnden Gynäkologen in Deutschland ganz verschweigen, wenn sie planten, ein in Deutschland verbotenes Verfahren in anderen europäischen Ländern in Anspruch zu nehmen, berichtet Krüssel. Dies schütze zwar einerseits die Ärzte, die sich strafbar machen würden, wenn sie ihren Patienten den konkreten Rat geben würden, eine Klinik im Ausland zum Zweck der Eizellspende aufzusuchen, oder gar vorbereitende medizinische Untersuchungen vornehmen würden. Andererseits sei dies mit weiteren Problemen behaftet: Denn oft wird im Ausland lediglich eine anonyme Eizellspende praktiziert, wodurch dem Kind das in Deutschland verfassungsrechtlich verbriefte Recht auf Kenntnis seiner Abstammung versagt bleibt. Aufklären dürfen Ärzte in Deutschland über diese Problematik jedoch offiziell nicht.

De facto möglich ist die Eizellspende derzeit beispielsweise in Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Kroatien, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn. Verboten ist sie neben Deutschland in Luxemburg, Norwegen und der Schweiz. Doch auch hier tut sich etwas: Das norwegische Parlament beschloss in diesem Frühjahr, das Biotechnologiegesetz zu ändern. Künftig soll auch in Norwegen die Eizellspende zugelassen werden.

Für eine Reform des deutschen 30 Jahre alten Embryonenschutzgesetzes plädiert auch die Bundes­ärzte­kammer (siehe nachfolgender Beitrag). Tatsächlich in Sicht ist ein solcher Reformprozess jedoch nicht – wie die Reaktionen der Politik auf das jetzt vorgelegte Memorandum der Bundes­ärzte­kammer zeigen. So sprach sich CDU-Gesundheitspolitiker Alexander Krauß für eine „gelassene Debatte um das Embryonenschutzgesetz“ aus. „Wir brauchen keine Schnellschüsse“, sagte er. Da wohl ohnehin in dieser Wahlperiode das Gesetz nicht angefasst werde, könne in aller Ruhe diskutiert werden.

Sabine Dittmar, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, ist der Bundes­ärzte­kammer dankbar für ihren „Impuls zur Diskussion reproduktionsmedizinischer Fragestellungen“. „Persönlich stimme ich mit den Verfasserinnen und Verfassern vollkommen überein, dass wir dringend eine neue, gesellschaftliche und politische Debatte über Fortpflanzungsmedizin brauchen“, sagte sie dem Deutschen Ärzteblatt.

Aus der Sicht der Ärztin und Gesundheitspolitikerin haben sich das Verständnis von Selbstbestimmung, Familie und Gesellschaft und die Lebenswirklichkeit seit dem Inkrafttreten des Embryonenschutzgesetzes stark verändert. Die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare sei in diesem Zusammenhang ein Meilenstein, betonte sie. Aufgrund der rasanten wissenschaftlichen Entwicklung der Fortpflanzungsmedizin würden sich viele medizinische, rechtliche und ethische Fragen ergeben, die durch das Embryonenschutzgesetz nicht oder nur unzureichend beantwortet würden. „Das ist schwierig – sowohl für Menschen mit einem unerfüllten Kinderwunsch als auch für Ärztinnen und Ärzte und unsere Gesellschaft insgesamt“, erklärte sie. „Es besteht ein hoher Reformbedarf, um die bestehende erhebliche Rechtsunsicherheit zu beseitigen.“

Debatte über mögliche Reform derzeit nicht in Sichtweite

Doch auch Dittmar hält in der laufenden Legislaturperiode eine Debatte über die Reform des Embryonenschutzgesetzes für unwahrscheinlich. „Wir haben mit der Union zunächst Anpassungen des Abstammungsrechts unter Berücksichtigung der Empfehlungen des Arbeitskreises Abstammungsrecht vereinbaren können“, erläutert sie. Aus ihrer Sicht sei es auch richtig, als ersten Schritt das Abstammungsrecht zu modernisieren. „Die Folgen eines möglichen Auseinanderfallens von Mutterschaft, Wunschelternschaft und Familie durch Maßnahmen der Reproduktionsmedizin müssen zum Wohle des Kindes geklärt sein“, erklärt sie.

Wie Fragen zur „Dreierregel“, zur Eizell- oder Embryonenspende zu beantworten seien, müsse letztlich jede Abgeordnete und jeder Abgeordneten frei für sich beurteilen. Sie persönlich sei auch noch nicht in allen Punkten abschließend festgelegt, räumte sie ein. „Ich halte es aber für außerordentlich wichtig, diese Diskussion zielgerichtet zu führen.“ Vorstellbar wäre dazu für Dittmar eine Enquete-Kommission in der kommenden Legislatur.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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