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Zweite Pandemiewelle: Rückgang der Operationen variiert

Karaca, Olga; Rüggeberg, Jörg-Andreas; Schuster, Martin

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Sowohl finanziell als auch epidemiologisch unterschieden sich die Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser in der zweiten Pandemiewelle erheblich. Eine aktuelle Analyse zeigt, wie sehr sich der Rückgang der OP-Fallzahlen je Inzidenzgebiet und Versorgungstyp unterscheidet.

Foto: picture alliance/dpa/Marijan Murat
Foto: picture alliance/dpa/Marijan Murat

Während der ersten Welle der COVID-19-Pandemie im Frühjahr 2020 bat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Krankenhäuser, planbare Operationen zu verschieben. Ein finanzieller Ausgleich für die entstandenen Erlösausfälle wurde kurz darauf im Krankenhausentlastungsgesetz geregelt (1). Die Folge war ein drastischer operativer Fallzahlrückgang von 40 bis 70 Prozent während der ersten Welle (2, 3, 4).

Zu Beginn der zweiten Pandemiewelle blieben finanzielle Zusagen an die Krankenhäuser zunächst aus. Erst am 18. November wurden die neuen Ausgleichszahlungen definiert, deren Höhe sowohl von der Sieben-Tage-Inzidenz in den jeweiligen Kreisen (Landkreis und kreisfreie Stadt) abhing als auch von der Notfallversorgungsstufe und der Auslastung der Intensivstation (5).

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Die vorliegende Untersuchung hat das Ziel, die Entwicklung der OP-Fallzahlen unter den politischen Neuregelungen der zweiten Welle zu analysieren. Sie basiert auf dem Benchmark-Programm, mit dem der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA), der Berufsverband Deutscher Chirurgen (BDC) und der Verband für OP-Management (VOPM) seit 2009 den teilnehmenden Krankenhäusern strukturierte und standardisierte Analysetools zur Beurteilung von Prozessabläufen und Leistungsentwicklungen in ihren OP-Bereichen zur Verfügung stellt. Bislang haben im Rahmen dieses Programms über 320 Krankenhäuser ihre OP-Daten übermittelt (6). Für die Untersuchung wurden der Fallzahlentwicklung des Jahres 2020 die gemittelten Fallzahlen je Arbeitstag aggregiert auf Monatswerte der Jahre 2017 bis 2019 gegenübergestellt.

Zur weitergehenden Analyse wurden die Krankenhäuser nach Inzidenzbereichen eingeteilt (7). Für den Zeitraum vom 18. November bis 31. Dezember wurde dafür ein Inzidenzmittelwert je Kreis errechnet und jedem Krankenhaus entsprechend seines Kreises zugewiesen. Ausgehend von den Inzidenzmittelwerten wurden die Krankenhäuser in die Gruppen „Krankenhaus mit niedrigem Kreis-Inzidenzmittelwert“ (weniger als 100 Fälle pro 100 000 Einwohner im Sieben-Tages-Durchschnitt), „Krankenhaus mit mittlerem Kreis-Inzidenzmittelwert“ (zwischen 100 und 200 Fälle) und „Krankenhaus mit hohem Kreis-Inzidenzmittelwert“ (mehr als 200 Fälle) eingeteilt.

Deutliche Aufgliederung

Von allen am Benchmarking-Programm von BDA, BDC und VOPM teilnehmenden Krankenhäusern lagen für den Zeitraum vom 1. Januar 2017 bis zum 31. Dezember 2020 vollständige Datensätze von 144 Krankenhäusern vor. Das entspricht im Untersuchungszeitraum mehr als 5,7 Millionen Operationen. Die Einteilung der 144 Krankenhäuser nach Inzidenzbereich und Kreis ergab den Einschluss von 86 Kreisen. 22 Krankenhäuser lagen in 16 Kreisen mit einem niedrigen Inzidenzmittelwert, 101 Krankenhäuser lagen in 54 Kreisen mit einem mittleren Inzidenzmittelwert und 21 Krankenhäuser lagen in 16 Kreisen mit einem hohen Inzidenzmittelwert (siehe Grafik 1).

Prozentuale Veränderung der Fallzahlentwicklung nach Inzidenz
Grafik 1
Prozentuale Veränderung der Fallzahlentwicklung nach Inzidenz

Während sich die Fallzahlen in allen drei Gruppen in der ersten Pandemiewelle und im Sommer fast identisch entwickelten, zeigt sich eine deutliche Aufgliederung der drei Gruppen ab Oktober. So betrug der OP-Fallzahlrückgang in der Gruppe mit niedrigem Inzidenzmittelwert im Oktober ein Prozent, in der Gruppe mit mittlerem Inzidenzmittelwert neun Prozent und in der Gruppe mit hohem Inzidenzmittelwert zehn Prozent. Im November lag der prozentuale OP-Fallzahlrückgang in der Gruppe mit niedrigem Inzidenzmittelwert bei vier Prozent, in der Gruppe mit mittlerem Inzidenzmittelwert bei 15 Prozent und in der Gruppe mit hohem Inzidenzmittelwert bei 22 Prozent. Im Dezember stieg der OP-Fallzahlrückgang in allen Gruppen weiter an. In der Gruppe mit niedrigem Inzidenzmittelwert lag er bei 14 Prozent, in der Gruppe mit mittlerem Inzidenzmittelwert bei 23 Prozent und in der Gruppe mit hohem Inzidenzmittelwert bei 38 Prozent.

Der operative Fallzahlrückgang während der zweiten Welle war bei Weitem nicht so ausgeprägt wie in der ersten Welle, obwohl die Fallzahlinzidenz und die Krankheitslast in der zweiten Welle deutlich höher lagen (8). Dies kann unterschiedliche Ursachen haben, wie das verbesserte Wissen bezogen auf sichere Arbeitsabläufe auch unter Pandemiebedingungen, die ausgeweiteten Testmöglichkeiten, aber auch die bessere Verfügbarkeit von persönlicher Schutzausrüstung in den Krankenhäusern. Darüber hinaus sind aber auch ökonomische Gründe für die Reaktionen der Krankenhäuser zu diskutieren. Die Häuser starteten im Oktober ohne Gewissheit über Ausgleichszahlungen seitens der Bundesregierung in die zweite Welle und fuhren ihre Kapazitäten entsprechend nicht abrupt herunter.

Notwendige Reallokation

Interessant ist die differenzierte Antwort der Krankenhäuser je Inzidenzbereich. Hier zeigt sich, dass bereits zu Beginn der zweiten Welle eine Aufgliederung vonstattenging, die sich im Verlauf weiter verstärkte. Dies dürfte neben den genannten ökonomischen Gründen auch an der Notwendigkeit zur Reallokation von Pflegekräften und Ärzten insbesondere aus der Anästhesiologie in Richtung Intensivmedizin liegen und an der Umwidmung von operativen Normalstationsbetten in Betten für COVID-19-Normalstationen. Die Versorgung der COVID-Patienten verlangte den Häusern so viele Ressourcen ab, dass eine vollständige Aufrechterhaltung der elektiven Versorgung nicht mehr möglich war.

Zusätzlich wurden die Fallzahlentwicklungen der Krankenhäuser nach ihrer jeweiligen Versorgungsstufe ausgewertet (siehe Grafik 2). Die entsprechende Analyse stützt die oben diskutierten Annahmen und zeigt, dass sich die Leistungsträger individuell verhalten haben. Die ambulanten Operationszentren (Medizinische Versorgungszentren und Ambulante Operationszentren) sind die Leistungsbereiche, die beim Herunterfahren der Krankenhäuser als Erstes geschlossen wurden. Die dort durchgeführten Eingriffe sind in der Regel nicht akut und können daher eher verschoben werden. In dieser Versorgungsstufe war der Fallzahlrückgang über das ganze Jahr am stärksten und dieser Bereich hat auch nach dem Abflauen der ersten Welle das Leistungs-niveau der Vorjahre nicht erreicht. Dies könnte auch an den verschärften Abstandsanforderungen in den prä- und postoperativen Bereichen gelegen haben, auf die die bestehenden Baulichkeiten nicht ausgelegt sind. Die Fachkrankenhäuser verzeichnen nach einem ebenfalls starken Rückgang von 51 Prozent im April in einigen Folgemonaten sogar eine geringe Fallzahlsteigerung im Vergleich zu den Vorjahren. Da sie nicht an der Versorgung von COVID-Patienten beteiligt waren, hatten diese Fachkliniken in der zweiten Welle keinen Grund und ökonomisch gesehen auch keine Möglichkeiten, ihre Operationen zu reduzieren. Im Vergleich zu den anderen Versorgungstypen ist auffällig, dass es den Universitätskliniken am ehesten und am längsten gelungen ist, ihr Leistungsniveau aufrechtzuerhalten. Während der operative Fallzahlrückgang in der ersten Welle in allen Versorgungstypen noch fast identisch war, traten die Leistungsrückgänge – auch im Vergleich zu den anderen Maximalversorgern – später und schwächer auf.

Prozentuale Veränderung der Fallzahlentwicklung nach Versorgungsstufe
Grafik 2
Prozentuale Veränderung der Fallzahlentwicklung nach Versorgungsstufe

Die Reaktion der Krankenhäuser während der zweiten Welle der
COVID-19-Pandemie macht deutlich, dass in den Häusern eine individuell angepasste, an den Inzidenzzahlen orientierte Versorgung der Patienten stattfindet und die Krankenhäuser – abhängig vom Infektionsgeschehen und ihrem Versorgungsauftrag – in der Lage waren, ihr OP-Geschehen anzupassen und differenziert zu agieren.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2021; 118 (16): A 824–5

Anschrift der Verfasser:
Prof. Dr. med. Martin Schuster
Kliniken Landkreis Karlsruhe
Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie
Gutleutstraße 1–14, 76646 Bruchsal
martin.schuster@rkh-kliniken.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1621
oder über QR-Code.

1.
Gesetz zum Ausgleich COVID-19 bedingter finanzieller Belastungen der Krankenhäuser und weiterer Gesundheitseinrichtungen (COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz) vom 27. März 2020. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2020; Teil I Nr. 14.
2.
Günster C, Drogan D, Hentschker C, Klauber J, Malzahn J, Schillinger G, Mostert C: WIdO-Report: Entwicklung der Krankenhausfallzahlen während des Coronavirus-Lockdowns. Nach ICD-Diagnosekapiteln und ausgewählten Behandlungsanlässen. Berlin 2020.
3.
Bialas E, Schleppers A, Auhuber T:
COVID-19: Auswirkungen des Lockdowns auf die operative Patientenversorgung in Deutschland im April 2020. Anästh Intensivmed 2021; 62: 54–62. DOI: 10.19224/ai2021.054.
4.
Kuhlen R, Schmithausen D, Winklmair C, Schick J, Scriba P: The effects of the COVID-19 pandemic and lockdown on routine hospital care for other illnesses. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 488–9. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0489 VOLLTEXT
5.
Drittes Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite vom 18. November 2020. Bundesgesetzblatt 2020. Teil I Nr. 52.
6.
Bialas E, Schuster M, Taube C, Diemer M, Bauer M: Fünf Jahre OP-Prozessdaten Benchmarking (2009–2013). Der aktuelle Stand des Programms von VOPM, DGAI/BDA und BDC. Anästh Intensivmed 2014; 55: 594–613.
7.
Robert-Koch-Institut. Archiv Fallzahlen und 7-Tage-Inzidenzen nach Landkreis (seit
18. November 2020). Abgerufen 26. Januar 2021 von https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Fallzahlen_Archiv.html .
8.
Rommel A, von der Lippe E, Plaß D, Ziese T, Diercke M, an der Heiden M, Haller S, Wengler A, on behalf of the BURDEN 2020 Study Group: The COVID-19 disease burden in Germany in 2020—years of life lost to death and disease over the course of the pandemic. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 145–51. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0147 VOLLTEXT
digmed GmbH: Karaca

Berufsverband Deutscher Chirurgen: Dr. med. Rüggeberg

Berufsverband Deutscher Anästhesisten, Kommission OP-Management: Prof. Dr. med. Schuster
Prozentuale Veränderung der Fallzahlentwicklung nach Inzidenz
Grafik 1
Prozentuale Veränderung der Fallzahlentwicklung nach Inzidenz
Prozentuale Veränderung der Fallzahlentwicklung nach Versorgungsstufe
Grafik 2
Prozentuale Veränderung der Fallzahlentwicklung nach Versorgungsstufe
1.Gesetz zum Ausgleich COVID-19 bedingter finanzieller Belastungen der Krankenhäuser und weiterer Gesundheitseinrichtungen (COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz) vom 27. März 2020. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2020; Teil I Nr. 14.
2.Günster C, Drogan D, Hentschker C, Klauber J, Malzahn J, Schillinger G, Mostert C: WIdO-Report: Entwicklung der Krankenhausfallzahlen während des Coronavirus-Lockdowns. Nach ICD-Diagnosekapiteln und ausgewählten Behandlungsanlässen. Berlin 2020.
3.Bialas E, Schleppers A, Auhuber T:
COVID-19: Auswirkungen des Lockdowns auf die operative Patientenversorgung in Deutschland im April 2020. Anästh Intensivmed 2021; 62: 54–62. DOI: 10.19224/ai2021.054.
4.Kuhlen R, Schmithausen D, Winklmair C, Schick J, Scriba P: The effects of the COVID-19 pandemic and lockdown on routine hospital care for other illnesses. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 488–9. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0489 VOLLTEXT
5.Drittes Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite vom 18. November 2020. Bundesgesetzblatt 2020. Teil I Nr. 52.
6.Bialas E, Schuster M, Taube C, Diemer M, Bauer M: Fünf Jahre OP-Prozessdaten Benchmarking (2009–2013). Der aktuelle Stand des Programms von VOPM, DGAI/BDA und BDC. Anästh Intensivmed 2014; 55: 594–613.
7.Robert-Koch-Institut. Archiv Fallzahlen und 7-Tage-Inzidenzen nach Landkreis (seit
18. November 2020). Abgerufen 26. Januar 2021 von https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Fallzahlen_Archiv.html .
8.Rommel A, von der Lippe E, Plaß D, Ziese T, Diercke M, an der Heiden M, Haller S, Wengler A, on behalf of the BURDEN 2020 Study Group: The COVID-19 disease burden in Germany in 2020—years of life lost to death and disease over the course of the pandemic. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 145–51. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0147 VOLLTEXT

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