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Wissenschaftliche Publikationen: So erkennt man Raubjournale

Eckert, Nadine

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Die Länge der Publikationsliste ist für junge Mediziner, die in der Forschung Karriere machen wollen, entscheidend. Mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen beweisen sie ihre fachliche Kompetenz – nicht nur, wenn es um eine Stelle als Post-Doc oder die Einwerbung von Fördermitteln geht.

Foto: Corina Dragan/iStock
Foto: Corina Dragan/iStock

Medizinerinnen und Mediziner sollten sich im Bemühen um einen möglichst hohen „personal impact factor“ – ein Maß für die Häufigkeit, mit der eine Person beziehungsweise deren Arbeiten zitiert werden – vor „predatory journals“ in Acht nehmen. „Diese Räuberjournale unterwandern das Peer-Review-System, ihr einziger Zweck ist die Generierung finanzieller Gewinne, ethisches Vorgehen spielt dabei kaum eine Rolle“, warnen die American Medical Writers Association (AMWA), die European Medical Writers Association (EMWA) und die International Society for Medical Publication Professionals (ISMPP) in einer in Current Medical Research & Opinion veröffentlichten Stellungnahme.

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Die auch als Pseudo-Journals bezeichneten Publikationen stellen demnach eine „ernsthafte Gefahr“ für die Legitimität wissenschaftlicher Veröffentlichungen dar. Und dies betreffe sowohl die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Ergebnisse ihrer Arbeit publizieren wollten, als auch die seriöse medizinische Fachliteratur mit Peer-Review-Verfahren selbst. Die von AMWA, EMWA und ISMPP kritisierten Fachzeitschriften halten sich nicht an die Good-Practice-Richtlinien für wissenschaftliche Veröffentlichungen. Stattdessen nutzen sie das „goldene“ Open-Access-Publikationsmodell aus, für das Autorinnen und Autoren eine Veröffentlichungsgebühr zahlen.

Darauf ist zu achten

Aber der Stellungnahme zufolge hapert es bei den Pseudo-Journals nicht nur am Peer Review, sondern auch an Redaktion, Verbreitung, Indizierung und Archivierung der wissenschaftlichen Artikel. „Legitime Forschung, die mit den besten Absichten durchgeführt wurde, könnte verloren gehen, wenn sie nicht ordentlich erfasst, zitiert oder langfristig zugänglich gemacht wird“, so AMWA, EMWA und ISMPP. Die Fachgesellschaften warnen aber auch davor, dass die Publikation in räuberischen Fachzeitschriften der Reputation der Autoren schaden könne. Dies drohe auch, wenn Wissenschaftler – teils ohne es zu wissen – in das Editorial Board dieser Zeitschriften aufgenommen würden.

In den vergangenen 15 Jahren ist eine große Zahl neuer wissenschaftlicher Fachzeitschriften auf den Markt gekommen. Das macht es nicht leicht, „gute“ von „schlechten“ Journals zu unterscheiden. Aber es gibt Warnsignale, die Autoren helfen können, nicht auf möglicherweise reputationsschädigende Pseudo-Journals hereinzufallen: Werden Sie in E-Mails aggressiv als Autor für ein bestimmtes Journal angeworben? Dann liegt die Vermutung nahe, dass es sich nicht wirklich um eine seriöse Fachzeitschrift handelt. Klingt der Name der Zeitschrift irgendwie vertraut, weil er eine hinterlistige Permutation eines legitimen Journal-Namens ist? Auch dies sollte bei publikationswilligen Forschern die Alarmglocken schellen lassen, heißt es in der Stellungnahme.

Darüber hinaus kann die Webseite des fraglichen Journals Hinweise auf seine Seriosität geben. Schlecht gemachte Grafiken, sprachliche Fehler, tote Links und aggressive Werbung sprechen nicht für eine renommierte Fachzeitschrift, in der eine Publikation empfehlenswert wäre. Zu achten sei auch auf die Kontaktmöglichkeiten, raten die drei Fachgesellschaften: Fehlen eine Postanschrift oder Festnetznummer auf dem Journal oder der Website? Oder wird eine falsche Adresse beziehungsweise Telefonnummer angegeben?

„Echte“ wissenschaftliche Journals sind außerdem in anerkannten Datenbanken wie PubMed oder in einem legitimen Online-Verzeichnis wie dem Directory of Open Access Journals (DOAJ) indiziert. Auch dies liefert einen wichtigen Hinweis auf die Vertrauenswürdigkeit einer Zeitschrift. Vorsicht ist zudem geboten, wenn ein unrealistisch schneller Peer-Review-Prozess versprochen wird oder Informationen über das Peer-Review-Verfahren der Zeitschrift komplett fehlen.

Das „goldene“ Open-Access-Publikationsmodell, bei dem die Autoren für die Veröffentlichung ihrer Arbeit einen Obolus entrichten müssen, ist durchaus anerkannt und seriös. Problematisch wird es, wenn die Gebühren für die Bearbeitung der Artikel nicht transparent sind und entweder sehr hoch oder sehr niedrig ausfallen. Auch Zahlungsaufforderungen bereits bei Einreichung des Manuskripts – und nicht abhängig vom Ergebnis des Peer-Review-Prozesses – sollten als Warnsignale wahrgenommen werden.

Fachfremdes Editorial Board

Mitunter nehmen Pseudo-Journals für sich in Anspruch, eine Vielzahl medizinischer Fachgebiete abzudecken oder innerhalb einer Disziplin eine Vielzahl von Subspezialisierungen zu vertreten. Die Mitglieder des Editorial Board gehören aber fachfremden Disziplinen an, sind nicht in dem Land ansässig, in dem das Journal herausgegeben wird, oder sind „echten“ Expertinnen und Experten auf dem jeweiligen Fachgebiet gänzlich unbekannt.

Vorsicht ist AMWA, EMWA und ISMPP zufolge ebenfalls geboten, wenn der zuständige Verlag eine Vielzahl von dubiosen Journals herausgibt, die erst kürzlich aufgelegt wurden, wenig oder gar keine publizierten Artikel enthalten, nicht zugänglich oder von offensichtlich schlechter Qualität sind. Und auch das Einreichen von Manuskripten sollte nicht „zu einfach“ sein. Seriöse Journals stellen Fragen, zumindest nach potenziellen Interessenkonflikten und den Qualifikationen der Autoren

Ethische Verantwortung

In ihrer Stellungnahme sprechen AMWA, EMWA und ISMPP aber auch an, dass in jüngerer Zeit vermehrt die absichtliche Publikation in Pseudo-Journals zu beobachten sei. „Autoren entscheiden sich bewusst, in einem räuberischen Journal zu publizieren, um ihre Publikationsliste aufzuwerten“, berichten die drei Fachgesellschaften. Doch: „Das bewusste und absichtliche Publizieren von Manuskripten in räuberischen Journals ist unethisch. Medizinische Autoren, Redakteure und Wissenschaftler haben eine Verantwortung gegenüber der Integrität, Geschichte, Praxis und Reputation der Journals, in denen ihre Forschung veröffentlicht wird.“

Sie fordern deshalb alle Autoren auf, bei der Beurteilung der Reputation eines Journals gebührende Sorgfalt walten zu lassen. Ihre Arbeiten sollten sie demnach nur bei Fachzeitschriften einreichen, die ein ordentliches Peer-Review-Verfahren anwenden und wirklich einen Beitrag zur wissenschaftlichen Literatur leisten. Nadine Eckert

Zugang für alle

Wissenschaftliche Arbeiten im Rahmen des Open-Access-Verfahrens zu publizieren und dafür zu bezahlen, gewinnt zunehmend an Beliebtheit – und ist in renommierten Journals keineswegs unseriös. Angeboten werden vor allem zwei Publikationsmodelle: Gold und Grün – hinzu kommen zahlreiche Varianten und Mischmodelle.

Der goldene Weg des Open-Access-Publizierens sieht vor, dass der Autor seine Arbeit gegen eine Gebühr in einem Open-Access-Journal veröffentlicht. Die Publikationsbedingungen entsprechen denen traditioneller Verlage, der einzige Unterschied ist, dass das Paper der Öffentlichkeit kostenlos zugänglich ist. Dafür bezahlt der Autor der Arbeit für die Veröffentlichung. Manche Open-Access-Journals verzichten mittlerweile auf die Bezahlung.

Das grüne Open-Access-Modell bezieht sich auf die Selbstarchivierung von Forschungsarbeiten. Zusätzlich zur Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift stellt der Autor sein Paper frei zugänglich auf institutionellen oder disziplinären Dokumentenservern bereit, mitunter auch auf seiner eigenen Web-
site. Dies kann zeitgleich mit oder nachträglich zur Publikation der Inhalte in der Fachzeitschrift erfolgen.

Häufig sind im Zusammenhang mit dem Publizieren im Open-Access-Verfahren auch die Bezeichnungen Gratis oder Libre zu hören. Gemeint ist hiermit weniger ein Publikationsmodell als vielmehr die Eigenschaften eines im Open-Access-Verfahren publizierten Artikels. Ein Gratis-Open-Access-Artikel ist kostenfrei zugänglich. Ein mit dem Zusatz Libre publizierter Open-Access-Artikel darf darüber hinaus auch noch in verschiedener Weise weiterverwendet werden.

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