PraxisPraxismanagement Praxis
Praxismanagement

MANAGEMENT

Häusliche und sexualisierte Gewalt: Ärzte oft erste Anlaufstelle

Spielberg, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Seit Jahren steigt die Zahl der häuslichen und sexuellen Gewaltdelikte. Die kriminalpolizeiliche Statistik offenbart dabei nur die bekannt gewordenen Fälle. Ärztinnen und Ärzte spielen eine entscheidende Rolle beim Erkennen von psychischen oder physischen Gewalttaten.

Oft sind Scham und Schuldgefühle der Grund, warum es Betroffenen schwerfällt, über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen. Foto: FatCamera/iStock
Oft sind Scham und Schuldgefühle der Grund, warum es Betroffenen schwerfällt, über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen. Foto: FatCamera/iStock

Jede dritte Frau in Deutschland wird alljährlich Opfer von Gewalt, sei es in Form von Körperverletzungen, Vergewaltigungen, sexuellen Übergriffen, Bedrohungen, Stalking, Freiheitsberaubung bis hin zu Mord und Totschlag. Und etwa ein Viertel aller Frauen erlebt gewalttätige Übergriffe durch Ehemänner, Partner oder Ex-Partner. Sexuelle Gewalt und Gewalt in Paarbeziehungen gehören der WHO zufolge weltweit zu den größten Gesundheitsrisiken für Frauen. Im vergangenen Jahr betrug die Zahl der Betroffenen deutschlandweit nach einer Statistik des Bundeskriminalamtes 114 000. Doch auch Männer werden von ihren Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen bedroht, genötigt oder angegriffen. 2018 betraf dies rund 26 000 männliche Personen.

Anzeige

„In der Prävention und Intervention von häuslicher und sexualisierter Gewalt spielen Ärztinnen und Ärzte eine sehr wichtige Rolle“, sagt Dorothea Sautter, Psychologin bei der Koordinierungs- und Interventionsstelle der S.I.G.N.A.L. e.V. Der Berliner Verein, dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gesundheitsversorgung und der Zufluchts- und Beratungsarbeit angehören, engagiert sich seit Ende der 90er-Jahre für eine Beachtung von Gewalterfahrungen in der gesundheitlichen Versorgung und gilt als Vorreiter auf dem Gebiet. Inzwischen existieren in fast allen Bundesländern Beratungs- und Unterstützungsangebote.

Ärztinnen und Ärzte seien deshalb so wichtig, da sie oft die ersten, manchmal auch die einzigen Menschen seien, die die körperlichen und seelischen Folgen einer Gewalterfahrung zu Gesicht bekämen, so Sautter. „Das eröffnet ihnen die Möglichkeit zu einer frühzeitigen Intervention in einem vertraulichen Rahmen, unter anderem da sie der Schweigepflicht unterliegen.“

Ärzte als wertvolle Schnittstelle

Einrichtungen der Gesundheitsversorgung bildeten zugleich eine wertvolle Schnittstelle in das weitere Hilfesystem, wie spezifische Beratungs- und Versorgungsangebote, Frauenhäuser oder Hilfetelefone. Gefordert seien hierbei alle Fachrichtungen, betont Sautter.

Rona Torenz, Sexualwissenschaftlerin und Referentin der Koordinierungsstelle, verweist in diesem Zusammenhang auf die Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt aus dem Jahr 2011. Hierin fordert der Europarat die Schaffung geeigneter Aus- und Fortbildungsmaßnahmen für Angehörige all derjenigen Berufsgruppen, die mit Opfern und Tätern von Gewalttaten zu tun haben. Denn viele Ärztinnen und Ärzte seien unsicher, wie sie reagieren sollen, wenn sie den Verdacht auf eine Gewalterfahrung hegen.

„Es ist zunächst einmal wichtig, die Anzeichen zu erkennen und richtig zu deuten“, erklärt Sautter. Das Spektrum an Beschwerdebildern und Symptomen, bei denen Ärztinnen und Ärzte auch an häusliche oder sexualisierte Gewalt denken sollten, ist dabei sehr groß. Zu den typischen körperlichen Verletzungen gehören zum Beispiel Hämatome, Frakturen, Stich-, Biss- und Platzwunden vorrangig im Kopf- und oberen Körperbereich, Hör- und Sehschäden. Auch chronische Schmerzsymptome können ein Anzeichen sein.

Breite Palette an Symptomen

Darüber hinaus gibt es eine Reihe von psychischen oder psychosomatischen Symptomen und Erkrankungen, die ebenfalls auf eine Gewalterfahrung schließen lassen können. „Darunter fallen vor allem Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Angstzustände, Panikattacken, Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Essstörungen sowie Suizidversuche oder -gedanken“, so die Psychologin. Bei Medikamenten- und Drogenmissbrauch sowie einem übermäßigen Tabak- und Alkoholkonsum wiederum müsse an eine Bewältigungsstrategie nach Gewalterfahrungen gedacht werden.

„Auch in der Gynäkologie und Geburtshilfe gilt es, aufmerksam zu sein, beispielsweise bei sexuell übertragbaren Infektionen, unklaren Unterbauchbeschwerden, sexuellen Funktionsstörungen, aber auch bei häufigen und unerwünschten Schwangerschaften oder Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen“, sagt Sautter.

Teil der medizinischen Versorgung nach einer Gewalttat sollte außerdem auch eine gerichtsfeste ärztliche Befunddokumentation sein. „Wesentlich ist, dass jede Verletzung in Lage, Größe, Form und Farbe beschrieben wird. Außerdem sollte jede Verletzung in ein Körperschema eingezeichnet und wenn möglich fotografiert werden“, so Dr. med. Lars Oesterhelweg, stellvertretender Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charité, Berlin. Die Beurteilung der Befunde sollten dagegen ausschließlich Rechtsmediziner vornehmen.

Neben den Erkrankungs- und Beschwerdebildern gibt es zudem eine Reihe von situativen Anzeichen zu beachten. „Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn jemand nach einer Fraktur erst sehr spät eine gesundheitliche Versorgung in Anspruch nimmt oder wenn der oder die Betreffende nur vage oder sehr unplausible Erklärungen für eine Verletzung anführt beziehungsweise versucht, diese zu bagatellisieren“, so Torenz. Auch ein aufdringlicher Angehöriger, vor dem die Patientin oder der Patient augenscheinlich Angst hat, könnte ein Indiz sein.

„Entscheidend ist es dabei in jedem Fall, den Verdacht auszusprechen“, sagt Sautter. Denn die Betroffenen selbst scheuten oft, ein Gespräch über erlittene Gewalt von sich aus zu beginnen.

„Scham und Schuldgefühle, die Angst vor einer Eskalation der Gewalt oder davor, nicht verstanden und verurteilt zu werden, sind die typischen Beweggründe für die Zurückhaltung der Betroffenen“, erklärt Torenz. Es sei daher wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte das Thema in einer ruhigen, zugewandten und vertraulichen Atmosphäre aktiv ansprächen. Dies sollte ausschließlich in einem Vieraugengespräch stattfinden.

Keine Verhörsituation schaffen

„Seien Sie kreativ, indem Sie zum Beispiel sagen, ich führe meine Gespräche grundsätzlich zunächst allein mit meinen Patienten und hole Sie später dazu, oder bitten Sie die Begleitperson darum, für seine Partnerin oder Partner ein Glas Wasser zu holen.“

Beim Gespräch sei es ganz wichtig, klar, direkt und transparent zu sein. „Der Begriff Gewalt sollte dabei vermieden werden“, rät Torenz. Stattdessen sollte der Arzt oder die Ärztin zum Beispiel fragen: „Kann es sein, dass Sie von Ihrem Partner geschlagen werden?“ Denkbar wäre auch eine Aussage wie: „Ich mache mir Sorgen, denn die Verletzungen, die ich bei Ihnen sehe, kommen häufiger vor und sind typisch für Schläge.“

Nicht ratsam sei es, eine Art Verhörsituation zu schaffen oder einfach nur Ratschläge zu erteilen, mahnt Torenz. „Ärztinnen und Ärzte sollten vielmehr in erster Linie Gesprächsbereitschaft und Verständnis signalisieren, um Vertrauen herzustellen, es den Betroffenen aber selbst überlassen, ob sie hierauf näher eingehen wollen.“

Für die Psychologin ist es aufgrund internationaler Leitlinien, wie die der WHO, und gesetzlicher Grundlagen zudem keine Frage, ob gesundheitliche Einrichtungen Prävention und Intervention gegen häusliche und sexualisierte Gewalt anbieten, sondern lediglich in welcher Form, unabhängig von der Hektik und Bürokratie, unter denen Ärztinnen und Ärzte in ihrem beruflichen Alltag leiden. Petra Spielberg

Beratungs- und Hilfsangebote

Das Bundesfrauenministerium hat am 25. November die bundesweite Initiative „Stärker als Gewalt“ gestartet. Bislang haben sich 13 Organisationen unter dem Dach der Initiative zusammengeschlossen, die im Bereich Hilfe und Unterstützung aktiv sind. Die Initiative wendet sich sowohl an betroffene Frauen und Männer als auch an ihr Umfeld.

https://staerker-als-gewalt.de

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der kostenfreien Rufnummer 08000 116 016 können sich neben den betroffenen Frauen auch Angehörige, Freunde und Menschen aus dem sozialen Umfeld sowie Fachkräfte an das Hilfetelefon wenden. Die Hotline ist rund um die Uhr erreichbar, erfolgt anonym und wird in 18 Sprachen angeboten.

Das Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“ richtet sich speziell an Personen, die Fragen, Unterstützung und Beratung bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch von Mädchen und Jungen haben Tel.: 0800 22 55 530;

www.hilfetelefon-missbrauch.de

S.I.G.N.A.L.-Leitfaden

Setzen Sie ein Signal, sprechen Sie Gewalterfahrungen aktiv an.

Interview mit konkreten Fragen

Gründliche Untersuchung auf alte und neue Verletzungen.

Notieren und dokumentieren Sie alle Befunde.

Abklären einer aktuellen Gefährdung und des Schutzbedürfnisses.

Leitfaden mit Notrufnummern und Unterstützung anbieten.

Tel.: 030 275 95 353/246 30 579

Fax: 030 275 95 366

Mail: info@signal-intervention.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

NEWSLETTER