PraxisPraxismanagement Praxis
Praxismanagement

MANAGEMENT

Maritime Medizin: Ein Arbeitsplatz auf hoher See

Dtsch Arztebl 2020; 117(3): A-90 / B-78 / C-74

Klausmann, Heinz

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Tätigkeit als Schiffsärztin oder Schiffsarzt erfordert nicht nur ein Training in nautischen Grundlagen, sondern auch körperlichen Einsatz. Übungen in Brandbekämpfung und Überleben im Wasser müssen ebenso gemeistert werden wie hoher Wellengang bei Sturm.

Auf dem Schulschiff Alexander von Humboldt II werden auch Trainingseinheiten in Brandschutz- und Überlebensanzügen absolviert. Fotos: Klaus Heinzmann
Auf dem Schulschiff Alexander von Humboldt II werden auch Trainingseinheiten in Brandschutz- und Überlebensanzügen absolviert. Fotos: Klaus Heinzmann

Es ist kein Urlaub, für den sich die Teilnehmenden einer einwöchigen Schiffsreise im November 2019 auf den Kanarischen Inseln an Bord der Alexander von Humboldt II eingefunden haben. Statt Sonnenbäder auf dem Schiffsdeck erwartet sie ein siebentägiger Lehrgang in „Maritimer Medizin“. Denn die Kursteilnehmenden sind Medizinerinnen und Mediziner sowie angehende Schiffsärzte. Im Rahmen des Lehrgangs machen sie sich mit der Tätigkeit und den Anforderungen des Berufsbildes vertraut.

Anzeige

Die Schulung beginnt im Hafen mit einer Sicherheitseinweisung und Notfallübung. Die erste Lektion lautet: Bei Ertönen des Signaltons haben sich alle mitsamt ihrer Rettungsweste an der Sammelstelle einzufinden. Es folgen eine Brandschutzübung sowie eine Einweisung in den Aufbau und Gebrauch des Riggs, also des stehenden und laufenden Gutes des Schiffes. An Bord werden die Teilnehmenden direkt zur Wache eingeteilt und übernehmen gemeinsam mit den Mitgliedern der Stammcrew nautische Aufgaben an Deck. Neben den technischen Unterweisungen werden sie zudem vor Auslaufen des Schiffes vom Leiter der Fortbildungsveranstaltung mit dem Chester-Stufen-Test auf ihre körperliche Leistungsfähigkeit hin untersucht. Niemand soll durch die an Bord anfallenden Tätigkeiten und Übungen körperlich überfordert werden.

Theorie und Praxis an Bord

Im Laufe des einwöchigen Lehrgangs werden Elemente aus dem „Basic Safety Training” und aus den ACLS- und ATLS-Kursen (Advanced Cardiac/Trauma Life Support) im Rahmen von Übungen und Vorträgen vermittelt. Dabei wechseln sich praxisnahe Referate zu Traumamanagement, Intoxikationen und Crowd-and-Crisis-Management mit Vorträgen über astronomische Navigation, Brandlehre und Führungsmanagement ab. Ertrinkungs- und Cardio-Pulmonale Notfälle werden ebenso diskutiert wie Besonderheiten bei Erkrankungen und Verletzungen bei Kindern und Schwangeren an Bord.

Bei ruhigem Wetter üben die Teilnehmenden den Gebrauch von Überlebensanzügen. Diese können das Überleben im kalten Wasser durch ihre Isolationseigenschaften und Schwimmfähigkeit verlängern. Auch das Verlassen des Schiffes im Notfall und das Besteigen von Rettungsinseln wird trainiert. Eine besondere Herausforderung stellt zudem der im voluminösen Überlebensanzug vollbrachte Sprung in den kalten Atlantik dar – von der etwa fünf Meter hohen Bordwand aus. Eine ebenfalls anstrengende Erfahrung ist die Übung in Brandbekämpfung, die mit Atemschutzgeräten und unter sachkundiger Leitung durch einen ausgebildeten Berufsfeuerwehrmann durchgeführt wird. So erfahren die Teilnehmenden am eigenen Leib, wie schwer alleine das Bewegen mit komplett angelegter Schutzausrüstung ist. Mit der auf dem Rücken montierten Pressluftflasche und angelegter Atemmaske ist der Rundgang an Bord des schwankenden Schiffs und das Verlassen des Unterdecks über einen engen Notausgang mittels Sprossenleiter für alle eine Herausforderung.

Einsatz auch bei Sturm

Doch nicht nur die Lehrinhalte, auch das Wetter testet die Teilnehmenden. So sieht sich die Besatzung mit Windstärken bis zu 7 auf der Beaufortskala und entsprechend hohen Wellen konfrontiert. Der Unterricht unter Deck ist nur eingeschränkt möglich. Auch gehen die Wetterkapriolen nicht an allen spurlos vorüber. In dieser Situation übernehmen die erfahrenen Segler an Bord gerne das Ruder. Den Seekranken helfen Skopolamin-Pflaster oder ein fester Blick auf den Horizont und das aktive Ausgleichen der Schiffsbewegung mit dem eigenen Körper. Für diejenigen, die es schwer erwischt hat, wird die Koje zum Zufluchtsort – Cinnarizin als Monotherapie beziehungsweise in Kombination mit Dimenhydrinat helfen, die Übelkeit und den Schwindel zu überwinden.

Zurück im Hafen führt der Lehrgangsleiter als letzte Unterweisung in die Durchführung von Tauglichkeitsuntersuchungen und die Ausstattung des kleinen Bordhospitals ein. Beruhigend ist der Blick zur Telemedizin: Aus Bad Saarow erhält der Schiffsarzt der Alex II im Notfall per Satellitentelefon Hilfe bei Diagnostik und Therapie. Zum Abschluss der Veranstaltung erhalten die Teilnehmenden neben dem Fortbildungszertifikat eine Bestätigung der zurückgelegten Seemeilen und wichtige Informationen zum weiteren Weg hin zur Schiffsärztin oder zum Schiffsarzt.

Voraussetzung für eine Tätigkeit auf See – und somit auch für Ärzte – ist ein „Basic Safety Training“. Ein solches kann sowohl in Hamburg als auch in Bremen, Lübeck und Rostock im Rahmen eines einwöchigen Kurses absolviert werden. Angehende Schiffsmediziner in Deutschland müssen zudem nicht nur die Facharztanerkennung für Allgemeinmedizin, Anästhesiologie, Chirurgie oder Innere Medizin sowie ihre Approbationsurkunde vorweisen. Sie benötigen auch die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin oder den Fachkundenachweis Rettungsmedizin. Und schließlich werden eine mindestens vierwöchige praktische Erfahrung auf einem Seeschiff und umfassende Kenntnisse der gesundheitlichen Anforderungen im Schiffsdienst verlangt. Vorgeschrieben ist außerdem eine Tätigkeit oder das Tätigwerden auf einem Kauffahrteischiff unter deutscher Flagge als Schiffsarzt und insbesondere ein Heuervertrag. Das schreibt das Seearbeitsgesetz vor. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können sich Ärzte beim seeärztlichen Dienst der BG Transport und Verkehr registrieren und als Schiffsmediziner tätig werden.

Nachweis Leistungsfähigkeit

Neben den formellen Anforderungen müssen Interessierte zudem ihre Seediensttauglichkeit nachweisen. Dazu gehören ein ausreichendes Seh- und Hörvermögen und eine ebenfalls ausreichende körperliche Leistungsfähigkeit. Auch sollte, wer unter regelmäßiger medikamentöser Behandlung steht, nicht körperlich oder geistig beeinträchtigt sein. Die körperliche Leistungsfähigkeit muss alle zwei Jahre überprüft werden – so schreibt es die Maritime-Medizin-Verordnung vor.

Es gibt mehrere Anbieter von Lehrgängen zur Qualifizierung für eine Tätigkeit als Schiffsarzt. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Veranstaltungsorte und -konzepte sowie der Ausbildungsinhalte. Ziel aller Kurse ist es jedoch, die Teilnehmenden orientiert an den oben genannten Vorgaben auf die Tätigkeit an Bord vorzubereiten und zur Ausübung zu befähigen. Reedereien machen häufig die Teilnahme an solchen Kursen zur Bedingung. Auf Kreuzfahrtschiffen werden zudem regelmäßig Kenntnisse in der Röntgeneinstelltechnik, im Strahlenschutz und in der Sonografie erwartet. Dr. med. Heinz Klausmann

Schiffsarzt werden

Nach dem Seearbeitsübereinkommen müssen Schiffe mit mehr als 100 Personen an Bord und Fahrten über mehr als drei Tage mit einem Schiffsarzt besetzt werden. Diese Voraussetzungen sind nur bei sehr wenigen unter deutscher Flagge fahrenden Schiffen gegeben, wie zum Beispiel dem Segelschulschiff Alexander von Humboldt II und dem derzeit in der Arktis eingefrorenen Forschungsschiff Polarstern.

Es gibt bisher noch keine Zusatzbezeichnung „Maritime Medizin“ oder eine Facharztbezeichnung „Schiffsärztin/Schiffsarzt“. Interessierte können sich bei der Deutschen Gesellschaft für Maritime Medizin oder auf unten genannten Webseiten informieren. Empfehlenswert erscheinen praxisnahe Kurse. Sie helfen herauszufinden, ob man sich für die besonderen Anforderungen einer Tätigkeit an Bord eines Schiffes bereit fühlt.

Schiffsarztbörse
Kompaktkurse „Maritime Medizin“ auf Kreuzfahrtschiffen, Registrierung von Ärzten zur Stellenvermittlung gegen Provision

www.schiffsarztboerse.de

Kieler Schiffsarztlehrgang
Modulares Konzept mit drei Lehrgängen an Land (Basic, Advanced, Professional Course)

www.schiffsarztlehrgang.de

Maritime Medizin
Kurse auf dem Segelschulschiff Alexander von Humboldt II

http://daebl.de/VE86

Interview mit dem Kursleiter:

http://daebl.de/PQ72

Gesetzliche Vorgaben

  • für Schiffsärzte

http://daebl.de/QB57

  • zur Seediensttauglichkeit

http://daebl.de/FH16

  • zum Basic Safety Training

http://daebl.de/EG59

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:
NEWSLETTER