Karriere: Die Reportage

Allgemeinmedizin: Das „Landarztgefühl“

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 1/2012: 14

Protschka, Johanna

Ein Allgemeinmediziner auf dem Land ist Generalist, Erstversorger und Vertrauensperson in einem und nimmt damit einen wichtigen Platz im Leben der Patienten ein. Außerdem begleitet der Hausarzt die Patienten meist über Jahre hinweg und hat deshalb großen Einfluss auf Krankheitsverläufe.

Hausbesuche auf dem Land erfordern oftmals eine gute Routenplanung. Fotos: Anja Jungnickel
Hausbesuche auf dem Land erfordern oftmals eine gute Routenplanung. Fotos: Anja Jungnickel

Bahnhof Torgau, im Nordwesten Sachsens. Dr. med. Christina Lahn ist gerade mit der Regionalbahn aus Leipzig angekommen und schwingt sich auf ihr Fahrrad, das sie täglich mitbringt. Es geht in Richtung Praxis. Sie kommt an Schloss Hartenfels vorbei, das umgeben von Heidegebiet und Elbaue in den Himmel ragt. Vor den Toren weidet eine Schafherde, die Sonne dringt durch den Frühnebel. „Manchmal“, sagt die junge Ärztin „habe ich in diesem Moment die Titelmusik aus der Serie ‚Der Landarzt‘ in meinem Kopf.“ Wenn sie dann auch noch den ersten Patienten auf der Straße begegnet, die sie mit „Guten Morgen, Frau Doktor“ begrüßen und winken, müsse sie schon lachen.

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Christina Lahn ist Allgemeinärztin und angestellt in der Praxis von Prof. Dr. med. Hagen Sandholzer. Hier gibt er seinen Studenten die Möglichkeit, ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Das ist auch der Grund, warum man dort Caroline von Müller, Studentin im praktischen Jahr (PJ), antrifft. Sie absolviert das letzte Tertial ihres PJ in der Allgemeinmedizin; Lahn ist ihre Mentorin. Die PJlerin, deren Eltern in einem 3 000-Seelendorf in der Nähe von Heidelberg eine eigene Hausarztpraxis betreiben, ist somit schon von klein auf mit der Arbeitswelt der Hausärzte in Kontakt gekommen. Dass sie die Praxis ihrer Eltern irgendwann mal übernehmen möchte, war ihr schon früh klar. Die beiden jungen Frauen haben sich bewusst für ein Leben als Hausärztin in einem ländlichen Gebiet entschieden, was bei den allgegenwärtigen Diskussionen um den drohenden Nachwuchsmangel auf dem Land neugierig macht.

Gerade in Sachsen ist der Ärztemangel bereits zu spüren. Im Planungsbereich Torgau-Oschatz sucht die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen derzeit elf Hausärzte, die sich niederlassen wollen. Bis zu 60 000 Euro Investitionskostenzuschuss kann ein Arzt für die Neugründung einer Praxis erhalten, vorausgesetzt es handelt sich wie in Torgau-Oschatz um eine ausgeschriebene Förderstelle. Aber nicht nur Sachsen sucht Nachwuchs bei den Hausärzten; auch Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Baden-Württemberg bemühen sich beispielsweise mit Förderprogrammen und Stipendien dar- um, angehende Landärzte zu gewinnen. Um den Nachwuchs länderübergreifend zu fördern, hat darüber hin- aus die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin eine Nachwuchsaka

Die Volkskrankheiten: Hoher Blutdruck, Asthma und Diabetes. Sie sind mittlerweile häufige Krankheitsbilder im Praxisalltag.
Die Volkskrankheiten: Hoher Blutdruck, Asthma und Diabetes. Sie sind mittlerweile häufige Krankheitsbilder im Praxisalltag.
demie gegründet.

Im Wartezimmer sitzen bereits Patienten. Ein älterer Herr mit Stock bespricht mit der Medizinischen Fachangestellten Cindy am Empfang die letzten Erlebnisse in der Apotheke um die Ecke. Sie wirkt freundlich, aber bestimmt und ordnet während des Gesprächs die Krankenakten. „Das Praxisteam ist unglaublich wichtig“, betont Lahn. „Es steht und fällt immer mit den Mitarbeitern, die vorne sitzen.“ Sie müssen viel abpuffern und halten den Ärzten den Rücken frei, sowohl was die Verwaltung als auch was den Ansturm der Patienten betrifft. Eine fast familiäre Stimmung kommt zwischen medizinischem Personal und Patienten auf: Man kennt sich mit Namen, auch schon mal mit Vornamen. Deshalb ist auch „Manni“ gleich dran, der eigentlich Manfred Bernbach* heißt und wegen seines Diabetes regelmäßig in die Praxis kommt. Der Rentner hat einen Zeh verloren, da der Diabetes längere Zeit unentdeckt blieb. Nicht nur für ihn war es ein Glücksfall, dass die Praxis Sandholzer vor einem Jahr hier die Türen öffnete. Seither fühlt „Manni“ sich bestens betreut; es laufe jetzt auch mit dem „Zucker“ sehr gut.

Auf die Frage, was die häufigsten Krankheitsbilder im Praxisalltag sind, antwortet Lahn: „Ganz vorne mit dabei sind natürlich die Volkskrankheiten: Asthma, Adipositas, hoher Blutdruck, chronische Lungenleiden und Diabetes.“ Aber es gebe auch Tage, da habe sie ganz viel HNO-Krankheiten oder geballt jede Menge Kinder im Warteraum sitzen. Der Hausarzt habe aber meist den Vorteil, dass er die Familiensituation der Patienten kennt. Dies hilft dabei, die richtigen therapeutischen Maßnahmen bei unkomplizierten chronischen Krankheiten auszuwählen. Das Betreuen der Patienten über Jahre ermöglicht ohnehin, einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf zu nehmen, indem man die Patienten unterstütze

nd begleitet.

Auch Prävention gehört zu den Aufgaben der Hausärzte, deshalb spielt beispielsweise das Impfen, besonders vor der Grippesaison, eine große Rolle. Der Allgemeinmediziner ist außerdem Erstversorger und muss eine differenzierte Vordiagnostik gewährleisten, um bei Bedarf an einen Facharzt zu überweisen. Ein Grundwissen aus allen Teilgebieten der Medizin ist damit Voraussetzung. Von Müller hält das „Zuhörenkönnen“ und eine gewisse Begabung im Umgang mit Menschen für eine Hausarzttätigkeit für wesentlich. Diese Eigenschaften seien noch wichtiger als in anderen Fachgebieten: „Die psychische Betreuung durch den Hausarzt ist nicht zu unterschätzen“, meint die Medizinstudentin.

Christina Lahn und Caroline von Müller packen gegen Mittag ihre Taschen und besprechen kurz die Route für die Hausbesuche. Das Einzugsgebiet umfasst mehrere Dörfer, auch Gebiete östlich der Elbe, so dass diese Strecke mit dem Auto abgefahren wird. Eine halbe Stunde Fahrtzeit muss man durchaus mal einplanen. Die erste Station ist ein Hofgut im sechs Kilometer entfernten Graditz. Die jungen Frauen suchen auf der Landkarte nach dem schnellsten Weg, denn hier draußen versagt schon mal das Navigationsgerät. Hausbesuche sind nicht jeden Tag die Regel. Für bettlägerige Menschen sind sie aber oft notwendig. Es gibt viele ältere Patienten, die nicht mehr so ohne weiteres einen Arzt aufsuchen können, und die Lage wird sich aufgrund des demografischen Wandels in den nächsten Jahren auf dem Land wohl weiter verschärfen. Die Geriatrie ist deshalb ein wichtiger Teilbereich, in dem sich der Hausarzt auskennen muss.

Von Müller beschäftigt sich auch in ihrer Doktorarbeit mit alten Menschen, die chronisch krank sind. Sie hat geriatrische Assessments durchgeführt, also eine Art Rundumuntersuchung mit Fragebogen. „Ein paar wenige Leute in meiner Umgebung finden es schon komisch, dass mir der Umgang mit älteren Patienten so viel Spaß macht“, berichtet die PJlerin. Für sie ist das aber kein Problem. Sie mag ihre „Spezialisten“, die morgens zur Blutabnahme kommen und ihr dann freudestrahlend eine Tüte Äpfel in die Hand drücken. Ähnlich sieht das auch Christina Lahn, die erst während ihrer Weiterbildung zur Anästhesistin den Wunsch entwickelte, Hausärztin zu werden. Die Wertschätzung der Patienten hier auf dem Land wirke sehr motivierend: „Die bekommt man im Krankenhaus so nicht.“

Die beiden Frauen haben dennoch mit Nachteilen zu kämpfen. Anstrengend wird es, wenn Patienten kommen, die nur weinen. Das ist dann bei einem vollen Wartezimmer eine schwierige Situation. Auch die Wege zu den Fachärzten und die Wartezeiten sind in den ländlichen Gebieten sehr lang. Die Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus in Torgau funktioniere aber ziemlich gut. Alle sind froh, dass es das Krankenhaus hier gibt. Die Bürokratie im Praxisalltag störe sie nicht so sehr, überlegt Lahn, da sie „nur“ angestellt sei, müsse sie sich mit der Praxisorganisation nicht so intensiv beschäftigen. Die Entscheidung, sich niederzulassen, will sie sich noch eine Weile offenlassen: „Ich will mich jetzt noch nicht festlegen, wo ich endgültig bleibe. Momentan genieße ich es einfach, auf dem Land zu arbeiten und in einer Großstadt zu leben.

Nach dem letzten Hausbesuch geht es noch mal kurz in die Praxis. Cindy hat die wichtigsten Unterlagen für den nächsten Tag schon vorsortiert. Falls ihr noch etwas Dringendes einfällt, wenn alle schon weg sind, kann sie den Ärzten auch mal kurz eine SMS schicken. Das funktioniert hier ganz unkompliziert und zeitgemäß. Apropos zeitgemäß: Christina Lahn wünscht sich noch ein paar Neuerungen für die Praxis. Wenn sie ihre Zertifikate zusammenhat, wird sie hier auch Ultraschall anbieten.

Der Tag geht zu Ende, und die Ärztin bricht wieder gen Leipzig auf. Für ihre Generation sei es ein wichtiger Schritt, dass künftig die Verpflichtung für Hausärzte, am Praxissitz zu wohnen, wegfällt, sagt sie. So könnte sie auch als niedergelassene Ärztin die 80 Kilometer weite Strecke pendeln. Ein großer Vorteil: Sie hat dann das Großstadtleben und das „Landarztgefühl“ in einem. Johanna Protschka

*Name von der Redaktion

Von links.: Meri Avetisyan, Prof. Dr. med. Hagen Sandholzer, Caroline von Müller, Dr. med. Christina Lahn
Von links.: Meri Avetisyan, Prof. Dr. med. Hagen Sandholzer, Caroline von Müller, Dr. med. Christina Lahn
geändert


So wird man Hausarzt

Insgesamt fünf Jahre dauert die Weiterbildung zum „Facharzt für Allgemeinmedizin“. In der (Muster-)Weiterbildungsordnung der Bundes­ärzte­kammer sind während der Weiterbildung drei Jahre im Gebiet der Inneren Medizin im stationären Bereich vorgeschrieben. Davon können bis zu anderthalb Jahre in den Gebieten der Patientenversorgung im ambulanten Bereich angerechnet werden. Außerdem sind zwei Jahre in der ambulanten hausärztlichen Versorgung vorgesehen. Man kann aber auch bis zu sechs Monate dieser Zeit in der Chirurgie absolvieren. Die Inhalte umfassen ein weites Spektrum. Grundlagen der Palliativmedizin gehören genauso dazu, wie Grundlagen der Tumortherapie und die Versorgung chronisch kranker Patienten. Seit 1. Januar 2012 ist das sogenannte Landarztgesetz in Kraft getreten. Um das Arbeiten auf dem Land attraktiver zu machen, fällt von diesem Zeitpunkt an die „Residenzpflicht“ weg, das heißt,
ein Hausarzt muss nicht mehr vor Ort wohnen, wenn er eine Praxis führen will. Das Gesetz sieht auch vor, dass Ärzte auf dem Land keine Abschläge mehr auf ihr Honorar hinnehmen müssen, wenn sie viele Patienten betreuen.

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