Karriere

Arbeitsmedizin: Am Puls des Alltags

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 2/2012: 14

Richter-Kuhlmann, Eva

Ihre Arbeitsplätze sind nicht das Krankenhaus oder die Praxis, sondern kleinere und größere Betriebe. Potenziellen Gefahren machen Arbeitsmediziner, wie Susanne Wimmer, dort den Garaus.

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata

Mal Pumps mit hohen Absätzen, mal bequeme Arztschlappen, mal Turnschuhe mit fester Sohle – Dr. med. Susanne Wimmers Schuhwerk für den täglichen Dienst ist so abwechslungsreich wie ihre Tätigkeit selbst. Wimmer ist zwar Ärztin, aber sie klettert auch schon einmal in einem Tanklager rum, in voller Schutzmontur selbstverständlich, wie die Arbeiter auch. „Kälte, Nässe, Zugluft, Gefahrstoffe – dem sind die Mitarbeiter dort ausgesetzt“, erklärt sie. Und von ihren Arbeitsbedingungen müsse sie sich vor Ort ein Bild machen. Denn Wimmer ist Arbeitsmedizinerin und dabei unter anderem auch koordinierende Betriebsärztin des Mineralölkonzerns TOTAL Deutschland GmbH.

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„Das geht nicht vom Schreibtisch aus“, sagt sie. Denn als Betriebsärztin hat sie die Aufgabe, den Arbeitgeber beim Arbeitsschutz, bei der Unfallverhütung und in allen Fragen des Gesundheitsschutzes zu unterstützen. Die Arbeitsplatzbegehungen an den Tankstellen und im Tanklager sind da ein Teil ihrer Tätigkeit. Bei den TOTAL-Angestellten überprüft Wimmer beispielsweise regelmäßig die Benzolwerte im Blut und Urin sowie die Höhentauglichkeit, macht Sehtests und allgemeine Gesundheitschecks oder impft gegen Grippe. Das klingt nach Stress. Doch gerade diese Außentermine sind es, die für Wimmer den besonderen Reiz bei der Arbeitsmedizin ausmachen. „Man ist ganz nah an der Wirtschaft dran, arbeitet vor Ort mit verschiedenen Firmen und Berufsgruppen zusammen, sieht, wie anderswo die Uhren ticken“, schwärmt die junge Ärztin.

Angestellt ist Wimmer bei der BAD Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH, einem Unternehmen, das mit mehr als 2 500 Mitarbeitern in Deutschland und Europa etwa 200 000 Betriebe in den unterschiedlichsten Bereichen der Prävention, des Arbeitsschutzes und der Sicherheit betreut. Deutschlandweit gibt es ein dichtes Netz an Betreuungszentren – die gebürtige Kölnerin wählte, als sie sich 2005 bei der BAD bewarb, die Hauptstadt, Berlin. „Hier hatte ich die Gelegenheit, verschiedene Branchen kennenzulernen und nicht nur eine Firmenkultur“, erzählt sie. Nach vier Jahren Weiterbildung in der Inneren Medizin und weiteren zwei Jahren Weiterbildung in der Arbeitsmedizin bei der BAD konnte sie im Jahr 2008 ihre Facharztprüfung als Arbeitsmedizinerin ablegen. Seit 2009 ist sie stellvertretende Leiterin des Berliner BAD-Zentrums und betreut als Betriebsärztin selbstständig mehrere Firmen, darunter die TOTAL Deutschland. „In manchen bin ich wöchentlich oder monatlich vor Ort, in anderen nur einmal im Jahr, je nach Bedarf“, berichtet sie. Zum Teil kämen die Angestellten auch zu Untersuchungen oder Impfungen zu ihr ins BAD-Zentrum in Berlin-Mitte. „Da ich auch Reisemedizinerin bin, schicken viele Firmen ihre Manager und Ingenieure, die oft ins Ausland gehen, zu mir zur reisemedizinischen Beratung. Inzwischen habe ich im Haus auch eine Gelbfieber-Impfstelle aufgebaut und kann gegebenenfalls gleich selbst impfen“, erklärt Wimmer.

Begehung der Tankstellen- Backstube, Überprüfung der Chemikalien der Waschanlage, arbeitsmedizinische Untersuchungen im Zentrum – ihren Terminplan stellt sich Wimmer selbst zusammen.
Begehung der Tankstellen- Backstube, Überprüfung der Chemikalien der Waschanlage, arbeitsmedizinische Untersuchungen im Zentrum – ihren Terminplan stellt sich Wimmer selbst zusammen.

Langeweile im Job – das kenne sie nicht, sagt Wimmer. Bereits während des Studiums in Köln sei sie begeistert vom Fach Arbeitsmedizin gewesen. Zu Unrecht werde es oft „als langweilig in die Ecke gestellt“. „Wir Arbeitsmediziner kommen viel rum und haben mit vielen verschiedenen Menschen und ihren Problemen am Arbeitsplatz zu tun“, sagt sie. So gehöre beispielsweise die Gestaltung der Arbeitsplätze, des Arbeitsablaufs und der Arbeitsumgebung, die Eingliederung von Behinderten in den Arbeitsprozess, die Organisation der Ersten Hilfe im Betrieb sowie die Auswahl von Körperschutzmitteln und Sicherheitsausrüstung zu ihren Aufgaben.

„Unser Ziel ist natürlich die Prävention“, räumt sie ein. „Wer nach dem Studium operieren und Leben retten will, kann in der Arbeitsmedizin nicht glücklich werden.“ Die Kölnerin hat sich dagegen eigentlich schon immer für die Prävention interessiert. „Ich weiß, wenn ich bei jemandem pathologische Befunde finde, muss ich den Patienten an einen Kollegen abgeben“, berichtet sie. Dies störe sie jedoch nicht: „Die Therapie und die Arbeit in der Klinik vermisse ich nicht.“

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Ein Plus in diesem medizinischen Fachgebiet sind für Wimmer auch die planbaren und familienfreundlichen Arbeitszeiten: „Es gibt in der Regel keine Nacht- oder Wochenenddienste. Zudem bin ich sehr frei in der Gestaltung meiner Arbeit, plane viele meiner Termine selbst“, berichtet Wimmer. So bleibe ausreichend Zeit für ihre Fitness-, Pilates- und Yoga-Kurse, die sie mehrmals in der Woche besuche. „Schließlich muss ich den Leuten, denen ich eine gesunde Lebensweise mit viel Bewegung empfehle, diese auch vorle

ben“, meint sie.

Trotz dieser Vorteile hat das Fach Arbeitsmedizin – wie die meisten Fächer – Nachwuchssorgen. Der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) versucht dem gegenzusteuern, zum Beispiel mit der Aktion „Docs@Work“. Im Rahmen dieses Wettbewerbs sollen junge Ärztinnen und Ärzte für die präventive Arbeit gewonnen werden. In diesem Jahr ruft der Verband bereits zur vierten Staffel eines bundesweiten Ärzte-Castings auf. Diesmal öffnen ansässige Unternehmen in und um Weimar, dem diesjährigen Tagungsort der Betriebsärzte, ihre Tore. Eine mehrköpfige Jury soll dann über das Engagement des Nachwuchses bei der Bewältigung der Aufgaben in den Firmen entscheiden und den „docs@work-Award“ vergeben. „Mit docs@work bieten wir potenziellem Nachwuchs Gelegenheit, den Beruf zwei Tage lang unter Realbedingungen zu erleben und Testaufgaben zu lösen“, erläutert Dr. med. Wolfgang Panter, Präsident des VDBW. Die Arbeitsmedizin sei ein Fach mit Zukunft: Die Hälfte der Arbeitsmediziner sei mittlerweile 60 Jahre oder älter und erreiche somit bald das Rentenalter, erklärt Panter. „Durch die sich wandelnde Arbeitswelt bietet das Fachgebiet Arbeitsmedizin spannende Perspektiven. Der Nachwuchs kann direkt nachrücken.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

So wird man Facharzt für Arbeitsmedizin

Die Weiterbildungszeit zum Arbeitsmediziner beträgt insgesamt 60 Monate. Davon sind 24 in der Inneren Medizin und Allgemeinmedizin und 36 in der Arbeitsmedizin zu leisten. Auf die Arbeitsmedizin können bis zu zwölf Monate aus anderen Gebieten angerechnet werden. Vorgeschrieben ist ferner ein Weiterbildungskurs von 360 Stunden, der während der 60 Monate Weiterbildung abgeleistet werden kann und dessen Kosten häufig vom Arbeitgeber übernommen werden.

So funktioniert docs@work 2012

  • Bewerbung: Unter www.vdbw.de/Bewerbung.
    289.0.html können sich approbierte Ärztinnen und Ärzte (nach dem praktischen Jahr) ab sofort bewerben. Die Bewerbungsfrist endet am 31. Juli. 2012.
  • Teilnahme: Von allen eingehenden Bewerbungen werden acht Kandidaten für die Teilnahme am Wettbewerb ausgewählt und in vier Zweierteams eingeteilt.
  • Wann & Wo: Der Wettbewerb findet am 24. und 25. Oktober 2012 in Unternehmen in und um Weimar statt, dem diesjährigen Ort des Deutschen Betriebsärzte-Kongresses.
  • Was: Die approbierten Ärztinnen und Ärzte müssen in vier dort ansässigen Betrieben arbeitsmedizinische Aufgaben unter Realbedingungen meistern.
  • Award: Die feierliche Preisverleihung des docs@work-Awards findet am 26. Oktober 2012 im Rahmen des Deutschen Betriebsärzte-Kongresses in Weimar statt. Die Preisträger erhalten neben einer Einladung zum Deutschen Betriebsärzte-Kongress Fortbildungsgutscheine. Informationen zur Nachwuchsförderung der Verbandes unter: www.vdbw.de

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