Karriere

Sportmedizin: Traumjob für Sportfans

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2012: 16

Hibbeler, Birgit

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Belastungstest auf dem Laufband: Die Ärztin Ursula Hildebrandt überwacht Blutdruck, Herzfrequenz und EKG. Fotos: Frank May/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt
Belastungstest auf dem Laufband: Die Ärztin Ursula Hildebrandt überwacht Blutdruck, Herzfrequenz und EKG. Fotos: Frank May/picture alliance für Deutsches Ärzteblatt

Darf der 60-jährige Herzpatient noch joggen gehen? Wie kommt die Leichtathletin passend zu Olympia in Topform? Sportmediziner arbeiten sowohl mit Freizeit- als auch Leistungssportlern. Das Fach eignet sich besonders für Ärzte, die sich selbst gern bewegen.

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Es geht zu wie beim Zirkeltraining. Auf den Fluren des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin warten Jugendliche vor unterschiedlichen Räumen. Alle Stationen müssen sie abarbeiten, damit diese auf einem rosa Laufzettel abgehakt werden. Die Jugendlichen sehen sportlich aus – alle in T-Shirt, knielangen Shorts und Turnschuhen. Sie sind vergleichsweise groß. Einer von ihnen muss sogar den Kopf nach vorn neigen, wenn er einen Raum betritt, damit er nicht mit der Stirn an den Türrahmen stößt.

In dem Zirkel geht es nicht um Sit-ups, Liegestütze oder Klimmzüge. Die Jugendlichen gehören zum Basketballkader Nordrhein-Westfalen und sind zur Leistungsdiagnostik in die Deutsche Sporthochschule nach Köln gekommen. Auf dem Programm stehen ein Elektrokardiogramm (EKG), eine Lungenfunktionsuntersuchung und eine Blutabnahme. Dr. med. Ursula Hildebrandt (31) ruft den nächsten in ihr Sprechzimmer. Der Basketballer ist 14 Jahre alt und trainiert drei- bis viermal die Woche. Zunächst einmal macht die junge Ärztin eine ausführliche Anamnese. Sie fragt nach Vorerkrankungen, Verletzungen, Impfungen. Dann hört sie Herz und Lunge ab, testet die Reflexe.

Das, was Hildebrandt tut, hat wenig mit Hightech zu tun. Die Sportmedizinerin interessieren „banale“ Dinge wie Größe, Gewicht und Blutdruck. Und die Frage: Wie reagiert der Körper auf Belastung? An dieser Stelle kommt der „Belastungsraum“ ins Spiel. Hier stehen Fahrradergometer. Die Patienten fahren unter steigender Wattzahl. Hildebrandt kontrolliert Herzfrequenz, Blutdruck und achtet auf EKG-Veränderungen. „Wichtig ist, dass man wirklich ausbelastet“, sagt Oberarzt Dr. med. Joachim Latsch. Man solle nicht einfach 220 minus Lebensalter als maximale Herzfrequenz annehmen. Vielmehr müsse man so lange weitermachen, bis der Sportler nicht mehr könne. Erst dann könne der Arzt beurteilen, ob es zu EKG-Auffälligkeiten komme. Nach der Belastung schauen die Sportmediziner, wie lange es dauert, bis Blutdruck und Puls wieder beim Ruhewert sind.

Sportmediziner müssen sich gut mit Physiologie auskennen. Aber auch Gespräche mit den Patienten sind wichtig.
Sportmediziner müssen sich gut mit Physiologie auskennen. Aber auch Gespräche mit den Patienten sind wichtig.

Im Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin gibt es nicht nur Fahrradergometer. Für Rollstuhlfahrer steht eine Drehkurbelergometrie zur Verfügung. Die Belastungssituation soll zur Sportart passen. So kann die Diagnostik als Ruderergometrie oder auf dem Laufband erfolgen. Auch die Beurteilung der Lungenfunktion unter Anstrengung ist möglich. Spiroergometrie heißt diese Untersuchung, bei der der Patient eine Atemmaske trägt.

Wie belastbar ein Mensch ist, liest der Sportmediziner an der Konzentration der Milchsäure (Laktat) ab. Dazu wird Kapillarblut aus dem Ohrläppchen entnommen – bei Untrainierten alle zwei Minuten, bei Sportlern alle drei. Der Laktatwert verrät, wie der Körper die Energie herstellt – mit Sauerstoff (aerob) oder ohne (anaerob). Unter anaeroben Bedingungen entsteht mehr Laktat. Bei großer Anstrengung „übersäuert“ man. „Anhand der Laktatwerte kann man den Trainingszustand beurteilen“, erläutert Hildebrandt. Fitte Menschen sind besser dazu in der Lage, ihre Muskeln mit sauerstoffreichem Blut zu versorgen.

Die Analyse hat einen praktischen Wert für das Training. Laktat und Herzfrequenz werden grafisch ausgewertet. An den Kurven kann man ablesen, bei welcher Belastung sich der Patient in welcher Stoffwechsellage befindet. Will nun zum Beispiel ein übergewichtiger (adipöser) Patient in erster Linie Fett verbrennen, bleibt er besser in dem Frequenzbereich, in dem die Laktatwerte niedrig waren. Oder anders gesagt: Wer Fett verbrennen will, für den reichen oft schon niedrigere Herzfrequenzen.

„Sportmediziner müssen sich gut mit Physiologie auskennen“, meint Hildebrandt. Anatomische Kenntnisse sind wichtig und ein fundiertes internistisches Wissen. Die Ärztin macht jetzt noch einen Ultraschall vom Herzen. „Fantastisch, eine sehr gute Pumpfunktion“, sagt sie zu dem jungen Basketballer. Das Herz-Echo ist für Hildebrandt Routine. Zuvor hat sie in einer kardiologischen Abteilung in einem Krankenhaus gearbeitet. Doch was gefällt ihr an der Sportmedizin? „Ganz viel“, sagt sie. Vor allem genießt sie, dass ihre Patienten motiviert sind. „Das ist ein großer Unterschied zur Klinik.“ Und noch etwas ist anders: Die Ärzte haben Zeit für die Patienten, wenn es nötig ist. Was Hildebrandt außerdem sehr viel Spaß macht: Die Lehre und Forschung, die ebenfalls Bestandteil der Arbeit an der Sporthochschule sind. ►

„Das Medikament Sport wird noch eine viel größere Bedeutung bekommen.“ Hans-Georg Predel
„Das Medikament Sport wird noch eine viel größere Bedeutung bekommen.“ Hans-Georg Predel

Hildebrandt ist selbst sehr sportlich, macht Triathlon. Früher hat sie erfolgreich voltigiert. Die Begeisterung für den Sport sei eine Voraussetzung für ihre Arbeit, findet sie. Man müsse schon eine gesunde Lebensweise verkörpern, wenn man sich mit Sport und Prävention befasse. „Wer selbst keinen Sport macht, kann sich kaum vorstellen, was es für einen Leistungssportler bedeutet, ein Trainingsverbot zu bekommen“, betont sie. In einigen Fällen könne es lebensrettend sein, die Bedeutung des Verbots klarzumachen. Beispiel Herzmuskelentzündung: Immer wieder gibt es Medienberichte über Sportler, die einfach tot umfallen. Das kann Folge einer verschleppten Myokarditis sein. Manchmal müssen die Sportler einige Monate pausieren, was für viele undenkbar ist. Da sind dann kommunikative Fähigkeiten gefragt. Ohnehin sei Leistungssport mit psychischem Druck verbunden. „Manchmal ist es wichtig, sich Zeit für ein ausführliches Gespräch zu nehmen“, berichtet sie.

Viele von Hildebrandts Patienten sind gesund. Manchmal behandelt sie aber auch kranke Menschen. Es handelt sich etwa um Menschen mit Bluthochdruck, die mit Sport beginnen wollen – nach medizinischer Abklärung. „Das Schöne ist, dass auch diese Patienten compliant sind, weil sie etwas ändern wollen“, erklärt Hildebrandt. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen eine solche Leistungsdiagnostik nicht. Sie kostet etwa 300 Euro.

Die Sportmedizin ist abwechslungsreich: Vom Adipösen, der sein Leben umstellen will, bis hin zum Top-Athleten, der einen Leistungsknick hat. Profis wie der Fußballer Lukas Podolski, Speerwerferin Steffi Nerius oder Fechterin Britta Heidemann waren schon zur Diagnostik hier. Das Institut betreut den Kölner Olympiastützpunkt und die Bundesleistungszentren für Hockey und Judo. Das Verhältnis Leistungssportler – Freizeitsportler ist bei uns etwa drei zu eins“, sagt Oberarzt Latsch.

Er und seine Kollegen befassen sich mit dem Einfluss von Bewegung auf gesunde und kranke Menschen. Latsch berichtet von einer Studie über Auswirkungen von körperlicher Aktivität bei Hypertonikern. Sport kann zudem Krankheiten verhindern. „Wir sehen die Sportmedizin auch als Präventionsmedizin“, sagt der Oberarzt. Die Prävention ist ebenfalls für Institutsleiter Prof. Dr. med. Hans-Georg Predel eines der Zukunftsthemen. „Das Medikament Sport wird noch eine viel größere Bedeutung bekommen“, ist er sich sicher.

Die Sportmedizin ist ein Nischenfach. In dem Kölner Institut sind nur vier der 25 Mitarbeiter Ärzte. Andere Berufsgruppen sind zum Beispiel Sportwissenschaftler. Eine Facharztbezeichnung ist die Sportmedizin nicht. Predel rät daher, zuvor in einem anderen Bereich zu arbeiten: „Man sollte vorher einen Facharzt machen.“ Er selbst ist Internist. Sportmedizinisches Wissen sei für viele Fächer wichtig – für Hausärzte, Internisten oder Orthopäden.

Der Umgang in dem Institut ist kollegial. Alle duzen sich – vom Chef bis zur Assistenzärztin. Vielleicht färbt die offene Atmosphäre der Sporthochschule ab. Und noch etwas, das in vielen Kliniken undenkbar wäre: „Zwischendurch kann ich sogar mal eine Stunde laufen gehen“, berichtet Hildebrandt. Das sei in Ordnung, wenn es von den Terminen her passe und sie die Zeit nacharbeite. Schließlich sollen auch die Ärzte gesund bleiben. Hildebrandt kommt jeden Tag gern zur Arbeit. „Ich habe hier meinen Traumjob gefunden“, sagt sie. Dr. med. Birgit Hibbeler

Was macht ein Sportmediziner?

Ein Sportmediziner betreut Leistungs- und Freizeitsportler. Dabei geht es vor allem um die Diagnostik der Leistungsfähigkeit und der Fitness. Fortschritte beim Training werden analysiert. Der Sportmediziner hilft außerdem bei der Erstellung von Plänen für das Training und die Ernährung. Auch das Erkennen und Behandeln von Sportschäden und -verletzungen ist ein Bestandteil des Faches.

Sportmediziner befassen sich nicht nur mit dem Einfluss von Bewegung auf den gesunden Körper, sondern auch mit den Auswirkungen von Sport auf kranke Menschen. Wegen der Zunahme von Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes und Bluthochdruck dürfte Sportmedizin künftig immer wichtiger werden. Bewegung spielt für die Prävention und Therapie dieser Erkrankungen eine Rolle. Das gilt auch für Krebs.

Wie wird man Sportmediziner?

Die Sportmedizin ist keine Facharztbezeichnung. In der Weiter­bildungs­ordnung gibt es aber die Zusatzbezeichnung Sportmedizin. Wer diese Qualifikation erwerben möchte, muss allerdings vorher eine Facharztprüfung in einem Bereich der direkten Patientenversorgung ablegen – zum Beispiel in der Inneren Medizin.

Für den Erwerb der Zusatzbezeichnung muss man bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten nachweisen. Unter anderem muss man eine gewisse Zeit sportärztlich tätig gewesen sein.

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