Karriere

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: Hilfe auf Abruf

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 4/2012: 14

Gromes, Angelina

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata

Eine Praxis kommt für einige Medizinstudierende nicht infrage. Sie wollen Akutmedizin praktizieren, schnell Entscheidungen treffen. Doch dies ist auch im ärztlichen Bereitschaftsdienst gefragt.

Die Knöpfe im Fahrstuhl sind mit einem schwarzen Edding beschmiert. Dr. med. Elisabeth Martin findet dennoch die Zehn und fährt zügig in die zehnte Etage des Hochhauses. Es muss schnellgehen: Denn Frau Khamasmi* hat Schmerzen in der Lunge. Sie kann nicht vernünftig Luft holen und hat deshalb den Bereitschaftsdienst angerufen.

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Den ärztlichen Bereitschaftsdienst gibt es deutschlandweit, er wird von der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung organisiert. Jeder niedergelassene Arzt in Deutschland ist prinzipiell verpflichtet, daran teilzunehmen. Berlin bildet jedoch eine Ausnahme. Die Ärzte können sich dort freiwillig für den Dienst melden.

Eine dieser Freiwilligen ist Martin, Allgemeinmedizinerin mit einer Praxis in Berlin-Reinickendorf. Heute ist sie den ganzen Tag im Bereitschaftsdienst unterwegs und versorgt Menschen, die medizinische Hilfe brauchen. Sie ist eine zierliche Frau, die oft lacht. Sie trägt keinen weißen Kittel, sondern sportliche Alltagskleidung. Oben im zehnten Stock öffnet Herr Khamasmi* die Tür. Im Wohnzimmer läuft laut der Fernseher. Auf dem Fernsehtisch liegen eine Packung Zigaretten und ein Inhaliergerät. „Ich bin Asthmatiker“, sagt Herr Khamasmi. Er raucht dennoch. Auch nach zwei Herzinfarkten. „Selbst kurz vor der Operation habe ich noch eine geraucht“, erzählt er lachend. Elisabeth Martin erklärt ihm kurz die Konsequenzen des Rauchens. So viel Zeit muss sein.

Jetzt muss sie sich um die eigentliche Patientin kümmern: Frau Khamasmi liegt auf der Couch im Wohnzimmer, ist 40 Jahre alt und übergewichtig. Sie hustet und stöhnt. Zwischen dem Luftholen will sie der Ärztin erklären, wo es schmerzt. Martin kann sie nicht verstehen. Tochter und Ehemann übersetzen für sie. Als die Ärztin wenig später die Wohnung verlässt, bleibt Herr Khamasmi im Flur stehen, bis Martin in den Fahrstuhl eingestiegen ist. „Sie müssen nicht warten“, sagt sie. „Doch, das tue ich gerne. Bei uns gehört sich das so“, antwortet er.

Vor dem Hochhaus wartet der Fahrer im Bereitschaftsdienstwagen. Per Funk erfährt die Ärztin im Auto vom nächsten Einsatz: Es geht in ein Altersheim zu einer 85-jährigen Frau. Die Beschwerden werden nicht per Funk übermittelt – aus Datenschutzgründen. Während der Autofahrt läuft ein Schlager im Radio. Die Ärztin summt mit. Einen Kaffee braucht sie jetzt nicht. „Sonst bin ich heute Abend zu aufgeputscht, wenn ich ins Bett gehe“, sagt sie.

Trotz des Stresses – Elisabeth Martin nimmt gern am Bereitschaftsdienst teil. „Gerade alte Menschen können oft nicht zum Arzt gehen, deshalb sind Hausbesuche wichtig. Außerdem nimmt man den Patienten in seinen eigenen vier Wänden ganz anders wahr“, sagt sie. „Manchmal ist es aber auch erschütternd zu sehen, unter welchen Umständen Menschen leben“, fügt die Ärztin hinzu. Doch nicht alle Ärzte, die am Bereitschaftsdienst teilnehmen, untersuchen die Patienten in deren Wohnungen. Je nach Region gibt es unterschiedliche Strukturen. Eine Behandlung kann beispielsweise auch in einer Bereitschaftsdienstpraxis stattfinden.

Martin ist bei der nächsten Patientin angekommen. Die Wände des Altersheimes sind in Pastelltönen gestrichen, es riecht scharf nach Desinfektionsmittel. An den Zimmertüren hängen Fotos der Bewohner. So auch bei Frau Bollmann*. Es zeigt eine Dame mit weißen, kurzen Haaren. Sie lächelt freundlich in die Kamera. Drinnen bietet sich ein anderes Bild: Frau Bollmann liegt auf dem Bett. Den Mund leicht geöffnet starrt sie an die Decke. Ihre Augen sind stumpf, ihr Gesicht eingefallen. Die dünnen Beine schauen unter dem hellblauen Nachthemd hervor. Die Knie sind spitz. „Wie geht es Ihnen?“, fragt Dr. Martin und streichelt die Hand der 85-Jährigen. Frau Bollmann antwortet nicht, ihr Blick ist immer noch an die Zimmerdecke gerichtet. Die Ärztin misst Blutdruck, horcht ab und spricht mit der Pflegerin. Die Patientin habe Demenz und nehme neue Psychopharmaka gegen die Aggressionen, berichtet die Pflegerin. Martin studiert daraufhin ausführlich die Krankenakte: „Die Medikamente sind falsch dosiert, sie muss noch mal ins Krankenhaus“, meint sie dann und leitet zügig alles in die Wege.

So viel Zeit muss sein: Das Gespräch mit den Angehörigen – und auch das Messen des Blutdrucks – ist für Dr. Martin besonders bedeutsam, auch wenn es im Bereitschaftsdienst schnell gehen muss.
So viel Zeit muss sein: Das Gespräch mit den Angehörigen – und auch das Messen des Blutdrucks – ist für Dr. Martin besonders bedeutsam, auch wenn es im Bereitschaftsdienst schnell gehen muss.

„Im Bereitschaftsdienst muss ich schnell entscheiden, sonst kann es gefährlich werden“, sagt Martin dann während der Fahrt zum nächsten Patienten. Gleichzeitig füllt sie verschiedene Papiere zur Dokumentation aus. Vor einem dreistöckigen Mehrfamilienhaus bleibt der Wagen stehen. Oben in der zweiten Etage wartet schon Frau Krüger*. Sie führt Martin ins Wohnzimmer. An dessen Tür wartet bereits Herr Krüger* gespannt auf die Ärztin. Er ist seit zwei Tagen beim Gehen unsicher, hat Schwindelanfälle. Eine kleine Tasche steht in der Ecke neben der Wohnzimmertür. „Die habe ich vorsichtshalber schon gepackt, man weiß ja nie“, sagt seine Frau leise und lächelt unsicher. Martin spricht erst einmal beruhigend mit dem Patienten, misst den Blutdruck. Ihre neurologische Untersuchung ergibt keinen Befund. Doch einen Schlaganfall kann sie nicht ausschließen. Die Ehefrau hatte also richtig vermutet: Herr Krüger muss doch noch in die Klinik. Die Ärztin ruft einen Krankenwagen und bespricht noch einige Details mit der besorgten Ehefrau. Da der Patient stabil ist, muss Martin nicht mit in die Klinik. Zeit für eine Pause hat sie dennoch nicht, denn ihre Schicht ist noch nicht zu Ende. Angelina Gromes

*Namen geändert



Ärztlicher Bereitschaftsdienst

Schwindelanfälle und Gangunsicherheit: Herr Krüger* ist sichtbar angespannt und verunsichert. Dr. Martin gelingt es, ihn zu beruhigen.
Schwindelanfälle und Gangunsicherheit: Herr Krüger* ist sichtbar angespannt und verunsichert. Dr. Martin gelingt es, ihn zu beruhigen.

Erreichen gesetzlich oder privat Versicherte in dringenden Fällen ihren Hausarzt nicht, befinden sich aber auch nicht in einer lebensbedrohlichen Situation und benötigen keinen Notdienst, können sie rund um die Uhr den ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) kontaktieren. Im ÄBD werden bundesweit jährlich circa 3,9 Millionen Patienten behandelt. Niedergelassene aller Fachgruppen nehmen daran teil. Allerdings müssen sie dafür regelmäßig Fortbildungen besuchen.

116 117: Eine Nummer für alle

Bislang mussten Patienten am Wochenende oder am Abend in der Lokalzeitung nachschlagen, welcher Arzt Bereitschaftsdienst oder welche Telefonnummer die örtliche Bereitschaftsdienstpraxis hat. Etwa 1 000 verschiedene Rufnummern gab und gibt es in Deutschland, in Berlin die 31 00 31.

Seit diesem Jahr gilt jedoch eine bundesweit einheitliche, für die Anrufer kostenfreie Rufnummer: die 116 117. Auch europaweit ist sie mittlerweile für den ärztlichen Bereitschaftsdienst reserviert.

Organisiert haben die einheitliche Bereitschaftsdienstnummer die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) in den einzelnen Bundesländern. Sie sind für die Organisation des ambulanten Notfalldienstes zuständig.

Patienten, die jetzt die 116 117 wählen, werden über die Vorwahlnummer automatisch dem richtigen Bereitschaftsdienstbezirk zugeordnet. Ist das nicht eindeutig möglich, beispielsweise bei Mobiltelefonen, wird der Anrufer gebeten, seine Postleitzahl anzugeben. Je nachdem, wie in den KVen der Bereitschaftsdienst organisiert ist, klingelt dann in der Leitstelle, in der Bereitschaftsdienstpraxis oder direkt beim diensthabenden Arzt das Telefon. Sie erreicht man auch über die alten Telefonnummern.

Am ärztlichen Bereitschaftsdienst selbst ändert sich durch die Einführung der neuen Rufnummer nichts. Bereitschaftsdienstplanung, Diensttausch und Rufnummernverwaltung regelt weiterhin die KV. ER

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