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Patientendarsteller: „Herr Roth, Sie haben Lungenkrebs.“

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 2/2013: 14

Protschka, Johanna

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Einem Menschen zu sagen, dass er bald sterben wird, ist schwer. An einigen Universitäten können Medizinstudenten solch sensible Patientengespräche mit Laiendarstellern üben – Für die Schauspieler ist ein solches Gespräch aber mitunter eine Herausforderung.

Fotos: Jardai/mdousphoto
Fotos: Jardai/mdousphoto

Herr Roth, ich kann Ihnen leider keine günstigere Prognose geben“, sagt der Arzt und nestelt sich dabei nervös an seinen Ärmeln. Er hat dem älteren Herrn ihm gegenüber gerade mitgeteilt, dass dieser unheilbaren Lungenkrebs und voraussichtlich nur noch wenige Wochen zu leben hat. Herr Roth schaut derweil apathisch auf seine im Schoß gefalteten Hände und seufzt.

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„Die größte Herausforderung ist es, authentisch zu wirken.“ Albert Möller, Patientendarsteller. Foto: privat
„Die größte Heraus­forderung ist es, authentisch zu wirken.“ Albert Möller, Patienten­darsteller. Foto: privat

„Herr Roth. . .!?“, setzt der junge Mann im weißen Kittel wieder an und fixiert den Patienten über den Schreibtisch hinweg, „Herr Roth!? – Möchten Sie jetzt mit Ihrer Frau sprechen?“ Aber Herr Roth reagiert nicht und murmelt mit gebrochener Stimme: „Was soll ich denn jetzt machen?“ Der Arzt stutzt ein wenig und sagt mit ernster Miene: „Also, wenn Sie beispielsweise vorhatten, eine große Reise anzutreten, dann verschieben Sie sie nicht.“ Stille. „Ich würde außerdem vorschlagen, dass Sie zunächst einmal mit Ihrer Frau telefonieren und sich dann ein wenig in Ihrem Zimmer ausruhen. Ich werde nachher noch einmal zu Ihnen kommen, und wenn Sie dann Fragen haben, können wir alles Weitere besprechen.“ Der Arzt und Herr Roth stehen von ihren Stühlen auf und geben sich die Hand. Langsam begleitet der Arzt den älteren Mann zur Tür und entlässt ihn dann auf den Flur. Nachdem Herr Roth aus dem Zimmer gegangen ist, legt der junge Mediziner den Kittel ab, atmet auf und setzt sich still auf einen Stuhl. Er ist nicht allein. Etwa zehn Studentinnen und Studenten haben die Szene gerade beobachtet. Sie sitzen um den Schreibtisch, keiner sagt ein Wort. Eine Minute vergeht, dann richtet die Kursleiterin das Wort an den Arzt, der eigentlich Medizinstudent im Grundstudium ist, und fragt: „Und? Wie war es für dich? Was ist dein Eindruck?“

Feedback in der großen Gruppe: Nach der Beobachtung vom Nebenraum aus können viele von dem Rollenspiel profitieren.
Feedback in der großen Gruppe: Nach der Beobachtung vom Nebenraum aus können viele von dem Rollenspiel profitieren.

Unterdessen steht Herr Roth, der im wirklichen Leben Albert Möller heißt, auf dem Seminarflur des Instituts für klinische Epidemiologie und Biometrie der Universität Würzburg und wartet darauf, zum Feedbackgespräch wieder hereingeholt zu werden. Der ehemalige Personalleiter ist Laienschauspieler und mimt seit mehreren Jahren Patienten, damit die Studenten ein schwieriges Patientengespräch üben können: „Die größte Herausforderung ist es, authentisch zu wirken“, meint der knapp Siebzigjährige. „Außerdem muss man als Schauspieler flexibel sein, um denselben Charakter nicht immer völlig gleich zu spielen – das wäre für die Studenten ja völlig vorhersehbar.“ Er spielt Herrn Roth in „zwei Ausführungen“: Einmal mit der Diagnose Lungenkrebs, der heilbar ist, und ein anderes Mal mit der Diagnose unheilbarer Lungenkrebs. Möller kann Studenten verstehen, die sich schwertun, diese Diagnose zu vermitteln. Jedes „gespielte“ Gespräch verlaufe anders, und es sei interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die Studierenden reagieren. „Wer hier schon Empathie zeigt, der wird das auch später im Beruf tun“, da ist sich der ehemalige Personalleiter sicher, „doch manchmal gerät man auch an Studenten, denen möchte man später als Patient im wirklichen Leben nicht begegnen.“ Er sagt das, ohne zynisch sein zu wollen. Trotzdem könne man bei den meisten aber eine Entwicklung erkennen. Er spielt für Studenten aus dem zweiten und siebten Semester – die älteren seien fachlich und im Gespräch schon viel sicherer, so Möller. Ab und an geht er nach Hause und denkt darüber nach, wie es wäre, wenn er selbst so eine schwere Diagnose gestellt bekäme. Auch die Studenten stecken die Gespräche manchmal nicht so gut weg und wirken währenddessen und danach sehr bedrückt.

Die Tür geht auf, und Möller wird wieder in den Raum gebeten. Zunächst soll er dem Studenten ein Feedback zu seinem Verhalten und seiner Gesprächsführung geben. „Wichtig ist“, sagt er noch, „dass man gegenüber den Studenten auch bei einer Rückmeldung professionell bleibt. Vor allem, wenn die Chemie nicht gestimmt hat. Man nutzt am besten Formulierungen wie: Das hat auf mich gewirkt, als ob. . .“ Wie ein Arzt wahrgenommen werde, unterscheide sich ja auch von Patient zu Patient. Möller geht wieder in den Seminarraum. Noch zweimal wird er heute den Herrn Roth geben, und noch zweimal wird er die Diagnose Lungenkrebs bekommen. Johanna Protschka

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