Karriere

Rechtsmedizin: Ermittler in Weiss

Medizin studieren, 3/2014: 16

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
„Es ist ja nicht so, dass wir nur im Keller sind und obduzieren.“ Assistenzärztin Judith Cortis arbeitet seit fast zwei Jahren in der Kölner Rechtsmedizin und findet die Arbeit vielseitig.
„Es ist ja nicht so, dass wir nur im Keller sind und obduzieren.“ Assistenzärztin Judith Cortis arbeitet seit fast zwei Jahren in der Kölner Rechtsmedizin und findet die Arbeit vielseitig.

Wenn ein Arzt eine Verletzung sieht, fragt er sich: Was kann ich tun, damit die Wunde heilt? Ein Rechtsmediziner hat eine völlig andere Denkweise. Er versucht zu rekonstruieren, was passiert ist. Er will wissen: Wie ist die Wunde entstanden?

War es einfach nur ein Sturz – vielleicht ganz unspektakulär über eine Teppichkante? Oder hat möglicherweise jemand nachgeholfen – mit einem Schubser oder sogar mit einem Schlag auf den Kopf? Den Patienten konnte das niemand mehr fragen. Als man ihn in seiner Wohnung fand, war er bewusstlos. Im Krankenhaus wurde ein Computertomogramm des Schädels angefertigt. Die Diagnose: Subdurales Hämatom, ein Bluterguss zwischen harter und weicher Hirnhaut. Die Klinikärzte konnten dem Patienten nicht mehr helfen. Er starb.

Nun liegt er im Sektionssaal der Rechtsmedizin der Uni Köln. Ein Fall für Dr. med. Judith Cortis (29). Die Assistenzärztin und ihre Kollegen wollen herausfinden, was passiert ist mit dem „72 Jahre alt gewordenen Patienten“, wie es in der Sprache der Rechtsmediziner heißt. Ein Subduralhämatom spricht für ein Trauma. Doch war es ein Sturz aus innerer Ursache, vielleicht durch einen Herzinfarkt? Oder liegt Fremdverschulden vor? Die Krankenakte verrät: Der Tote nahm den Blutverdünner Marcumar. Auch das könnte eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Beim Fach Rechtsmedizin denken viele an den ARD-Tatort, insbesondere den in Münster. Das weiß auch Cortis. „Ich liebe den Münster-Tatort, einfach weil ich auch den Rechtsmediziner Boerne mag und den Kommissar Thiel“, sagt sie. Mit der Realität habe das aber nichts zu tun. „Die Ermittlungsarbeit überlassen wird dann schon der Polizei.“ Die Aufgabe von Cortis ist es, medizinische Indizien zu sammeln, um einen Tathergang zu rekonstruieren. Dabei geht es nicht in erster Linie um High-Tech und hoch komplizierte Verfahren wie in dem Serienformat CSI. Der Rechtsmediziner schaut zunächst einmal ganz genau hin.

Auf dem Sektionstisch in der Rechtsmedizin landen Todesfälle mit gesicherter oder fraglicher Fremdeinwirkung.
Auf dem Sektionstisch in der Rechtsmedizin landen Todesfälle mit gesicherter oder fraglicher Fremdeinwirkung.

Der Tote auf dem Sektionstisch wird entkleidet und von außen inspiziert. Sichtbar ist eine großflächige Hautrötung auf der Rückseite des Patienten – die Totenflecken. An diesen kann man vieles ablesen. Sie breiten sich nach dem Tod der Schwerkraft folgend aus. Die Aufliegeflächen sind wegen des Gegendrucks ausgespart – also in Rückenlage am Steißbein und im Bereich der Schulterblätter. In den ersten Stunden kann man Totenflecken noch wegdrücken. Wird eine Leiche auf dem Bauch liegend aufgefunden, die Hautrötung ist aber auf der Rückseite, wurde sie gedreht. „Rechtsmedizin ist auch viel logisches Denken“, meint Cortis. In diesem Fall sind die Flecken unauffällig. Trotzdem wird alles dokumentiert. Die Ärztin hat immer wieder ein Diktiergerät in der Hand, in das sie ihre Beobachtungen spricht.

Bei einer Obduktion werden alle Körperhöhlen eröffnet. Die Rechtsmediziner suchen nach Auffälligkeiten und dokumentieren alles ganz genau.
Bei einer Obduktion werden alle Körperhöhlen eröffnet. Die Rechtsmediziner suchen nach Auffälligkeiten und dokumentieren alles ganz genau.

Nun beginnt die Präparation der Leiche. Das ist Teamarbeit. Cortis ist heute mit dem Facharzt Dr. med. Ulrich Cremer am Tisch. Außerdem sind eine Famulantin dabei und ein Sektionsassistent. Alle Körperhöhlen müssen eröffnet werden: Bauchraum, Brustkorb – und der Schädel. Dem gilt im vorliegenden Fall besonderes Interesse, denn der Patient hat ja das Hämatom im Kopf. Die Haare werden abrasiert. Eine markante Prellmarke ist allerdings auch danach nicht erkennbar. Um den Schädel zu eröffnen erfolgt zunächst ein Hautschnitt oberhalb des Nackens. Die Kopfhaut wird nach vorne in Richtung Gesicht gezogen, als wäre es ein Kleidungsstück, das man „auf links“ zieht. Mit einer kleinen Kreissäge öffnet der Präparationsassistent den Schädel. Nachdem das Schädeldach und die obere Hirnhälfte mit einem Parenchymmesser entfernt wurden, kommt ein linksseitiger Bluterguss zum Vorschein. Cortis fotografiert.

Auch entlang der Mittellinie von Bauch und Brustkorb erfolgt ein großer Hautschnitt. Die Rechtsmediziner arbeiten sich Schritt für Schritt in die Körperhöhlen vor, entfernen das Brustbein und öffnen das Abdomen. Nach und nach werden alle Organe entfernt, in Scheiben geschnitten, gemessen, gewogen und auf makroskopische Veränderungen untersucht. Und es werden Proben für die histologische und toxikologische Untersuchung genommen. Als die Rechtsmediziner schließlich mit ihrer Arbeit fertig sind, ist der Patient „leer“. Bisheriges Fazit der Obduktion: Kein Hinweis auf Fremdeinwirkung.

Der Schädel wird mit Zellstoff aufgefüllt. So kann er mit der abgetrennten Kalotte wieder verschlossen werden, ohne dass später etwas verrutscht. Die Kopfhaut wird wieder „auf rechts“ gezogen, so dass das Gesicht des Toten aussieht wie vorher. Alle Organteile – inklusive Gehirn – werden in Bauch- und Brusthöhle gegeben, bevor der Leichnam zugenäht wird.

Obduktionen sind für Außenstehende gewöhnungsbedürftig. Assistenzärztin Cortis hingegen findet sie spannend. Ihr ist aber auch wichtig, dass diese nur ein Teil der Arbeit sind. „Es ist ja nicht so, wie es oft im Fernsehen dargestellt wird, dass wir nur im Keller sind und obduzieren“, stellt sie klar. Rechtsmediziner haben eine Vielzahl weiterer Aufgaben. Und sie haben mehr mit Lebenden zu tun, als viele glauben.

In die „rechtsmedizinische Ambulanz“ kommen Opfer von Verbrechen, aber auch Beschuldigte. Spuren werden gesichert und dokumentiert – von Hautpartikeln bis hin zu Abwehrverletzungen. Der Rechtsmediziner muss mitunter auch zum Fundort einer Leiche – meist bei klaren oder fraglichen Tötungsdelikten. „Dann werden wir in der Regel dazugerufen“, sagt Cortis. Wenn jemand tot in der Wohnung aufgefunden wird und nichts auf Fremdverschulden hindeutet, eher nicht. Rechtsmediziner treten zudem als Sachverständige bei Gerichtsverhandlungen auf. Sie müssen zu wichtigen Fragen Stellung beziehen: Lag das Opfer schon tot auf der Straße und wurde von einem Auto überrollt? Oder war der Unfall die Todesursache?

Es gibt auch viele reine Aktengutachten, die Cortis erledigen muss. Zum Beispiel zu Krankenakten mit der Frage der Staatsanwaltschaft, ob ärztliches Fehlverhalten vorliegt. Blutalkoholanalysen und Gutachten zur Fahrsicherheit sind ebenfalls häufig. Hinzu kommen toxikologische Untersuchungen und DNA-Analysen. Und die gehen dann doch etwas in Richtung High-Tech und CSI. Immerhin hat die Kölner Rechtsmedizin ein Gerät, dass Proben auf rund 500 Substanzen screenen kann. Diese Analysen werden aber nicht von den Ärzten, sondern von anderen Naturwissenschaftlern beziehungsweise medizinisch-technischen Assistenten vorgenommen. In rechtsmedizinischen Instituten wird vor allem interdisziplinär gearbeitet.

Warum Rechtsmedizin? „Ich wollte tatsächlich immer schon Pathologie oder Rechtsmedizin machen“, sagt Cortis. Sie absolvierte in beiden Fächern eine Famulatur. Das hat sie in ihrem Wunsch bestätigt. In der Pathologie machte sie ihre Doktorarbeit. Die Rechtsmedizin hatte sie aber immer im Hinterkopf. Wer sich für das Fach entscheidet, muss wissen: Rechtsmediziner haben eine andere Denkweise als Ärzte in der kurativen Medizin. Die typische ärztliche Motivation „helfen und heilen“ gilt hier nicht. Rechtsmediziner rekonstruieren, was passiert ist. „Aber ein bisschen helfen wir dadurch ja schon“, findet Cortis. Etwa wenn Opfer oder deren Angehörige zu ihrem Recht kämen. Rechtssicherheit ist für die Assistenzärztin ein hohes Gut „Wir sind die neutrale Instanz“, sagt sie. „Es kann ja genauso gut sein, dass die Staatsanwaltschaft jemanden zu unrecht verdächtigt.“

Die Rechtsmedizin ist ein kleines Fach. Im Kölner Institut arbeiten nur acht Ärzte – drei Assistenzärzte und fünf Fachärzte. Rechtsmedizinische Institute sind in der Regel an Universitäten angesiedelt. Stellen in anderen Bereichen gibt es kaum. „Die Möglichkeit der Niederlassung kommt praktisch nicht infrage“, sagt Prof. Dr. med. Markus A. Rothschild, Direktor der Kölner Rechtsmedizin. „Darüber muss man sich im Klaren sein.“ Außerdem ist der Tariflohn in der Regel niedriger als in Fächern der Patientenversorgung. Das ist im Übrigen ein Problem, dass die Rechtsmedizin mit vorklinischen Fächern wie der Anatomie und der Physiologie teilt. Trotzdem merkt man Rothschild und auch Cortis an, dass sie von ihrem Fach fasziniert sind.

Kriminalfälle sind spannend. Aber ist es nicht bedrückend, immer wieder mit menschlichen Abgründen zu tun zu haben? Cortis findet das nicht. „Mein Bruder ist Rettungsassistent. Wenn dem jemand stirbt und die Angehörigen stehen noch daneben, ist das viel belastender“, sagt sie. Insofern sei die Tätigkeit nicht schwieriger als in klinischen Fächern. „Eigentlich lasse ich die Arbeit hier, wenn ich nach Hause gehe.“

@Die Bildergalerie zum Thema:
www.aerzteblatt.de/galerie/89

Was macht ein Rechtsmediziner?

Wenn es um Rechtsmedizin geht, denkt jeder als erstes an Obduktionen. Diese sind tatsächlich eine wichtige Aufgabe – aber nur ein Teil der Arbeit. Rechtsmediziner untersuchen auch Lebende: Täter und Opfer von Straftaten. Bei ihnen sichern sie zum Beispiel Spuren, die helfen können, einen Tathergang zu rekonstruieren und als Beweismittel dienen. Rechtsmediziner sind außerdem als Gutachter tätig und werden als Sachverständige zu Gerichtsverhandlungen geladen. Weitere Bereiche sind toxikologische und molekularbiologische Untersuchungen.

Die Rechtsmedizin ist eine eigene Facharztbezeichnung. Die Weiterbildung dauert fünf Jahre. Je ein halbes Jahr muss man in der Pathologie und in der Psychiatrie absolvieren.

Rechtsmediziner sind so gut wie immer an Universitäten tätig und arbeiten dort auch in Forschung und Lehre. Außerhalb von Hochschulen sind Stellen rar. Möglichkeiten zur Niederlassung in einer eigenen Praxis gibt es faktisch nicht.

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Zum Artikel

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort