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Allgemeinmedizin: Individualität garantiert

Medizin studieren, 4/2014: 16

Richter-Kuhlmann, Eva

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Frei nach dem Motto „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ genießt Schmidt außerhalb der Sprechzeiten die Freiräume in der eigenen Praxis. Fotos: Jens-Ulrich Koch/picture alliance
Frei nach dem Motto „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ genießt Schmidt außerhalb der Sprechzeiten die Freiräume in der eigenen Praxis. Fotos: Jens-Ulrich Koch/picture alliance

Mark Schmidt gehört zu den ersten Stipendiaten der „Stiftung zur Förderung ambulanter ärztlicher Versorgung in Thüringen“, die sich jetzt als Hausärzte niedergelassen haben. Sein Beispiel macht bereits Schule.

Sie kennen sich bereits seit Kindertagen, waren gemeinsam auf der Sportschule in Erfurt und studierten beide ab 1996/97 in Gießen Medizin. Nun arbeiten sie gemeinsam und quasi im Partnerlook in einer hausärztlichen Praxis im Erfurter Norden – weiße Hose und Poloshirt in Gelb beziehungsweise in Türkis mit aufgesticktem Namen: Dr. med. Mark Schmidt und Dr. med. Jeanin Brückner.

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Das klingt nach Bilderbuchkarrieren und ganz gezielten Werdegängen. Doch weit gefehlt! „Ich wollte zunächst unbedingt in ein operatives Fach und arbeitete deshalb als Assistenzarzt in der Herzchirurgie in Bad Berka“, erzählt Mark Schmidt. „Mein Herz hing als ehemaliger Leistungssportler zudem an der Sportmedizin.“

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Als Kind und als Jugendlicher hatte Schmidt „Ski alpin“ trainiert und als junger Arzt auf dem Gebiet der Leistungsdiagnostik promoviert. „Ich merkte in der Klinik schnell, dass sich die Arbeit dort nicht sehr gut mit dem Sport, der Sportmedizin und der Wettkampfbetreuung vereinbaren lässt. Das geht im ambulanten Bereich sehr viel besser. Gerade als Hausarzt hat man die Möglichkeit, seine Individualität zu entfalten. Deshalb beschloss ich, diese Richtung zu wählen und absolvierte auch die Zusatzbezeichnung Sportmedizin.“ Mittlerweile ist die Praxis von Schmidt, die er gemeinsam mit seiner Mutter führt, lizenzierte Untersuchungsstelle des Landessportbundes Thüringen. „Wir betreuen hier etwa 50 bis 60 Sportler regelmäßig: vor allem Schwimmer, Radsportler, Fußballer, Handballer und Leichtathleten“, erklärt der junge Arzt.

Ganz unbedarft und allein vom Interesse an der Sportmedizin getrieben traf Schmidt jedoch nicht diese Wahl: Wie sein Arbeitsalltag in einer hausärztlichen Praxis aussehen würde, wusste er ganz genau von seiner Mutter, die seit den neunziger Jahren die Praxis im Erfurter Norden führte. „Ich hatte schon früher in der Praxis ausgeholfen und kannte den Alltag eines Hausarztes genau“, berichtet er. In der Praxis im Erfurter Norden absolvierte er auch den ambulanten allgemeinmedizinischen Teil seiner Facharztweiterbildung, hinzu kamen Weiterbildungsabschnitte in der Inneren Medizin an der Sportklinik Lüdenscheid sowie in einer Kinderarztpraxis.

Während der ambulanten Weiterbildungsabschnitte erfuhr Schmidt über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Thürigen von der vor fünf Jahren neu gegründeten „Stiftung zur Förderung ambulanter ärztlicher Versorgung in Thüringen“. Diese fördert junge Ärztinnen und Ärzte, die sich in Thüringen niederlassen wollen, mit einem Zuschuss von 250 Euro pro Monat. Er bewarb sich und wurde einer der ersten Stipendiaten.

Inzwischen gehört Schmidt zu den ersten neun „Ehemaligen“, die sich jetzt in Thüringen als Hausärzte niedergelassen haben. Er ist überzeugt, dass nicht nur die finanzielle, sondern auch ideelle Förderung tatsächlich dazu beitragen kann, junge Ärzte in die Niederlassung zu ziehen. „Viele möglichen Fallstricke bei einer neuen Niederlassung lassen sich so umgehen“, erklärt er.

Sein Beispiel macht Schule: Derzeit erhalten 106 künftige Allgemeinmediziner und fünf künftige Augenärzte dieses Stipendium. Sieben weitere Anträge liegen vor. Voraussetzung ist, dass die Stipendiaten nach Abschluss ihrer Weiterbildung vier Jahre in der ambulanten medizinischen Versorgung in Thüringen arbeiten. Eine von den neuen Stipendiatinnen ist Schmidt’s Schulfreundin, Jeanin Brückner, mittlerweile Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie. Sie wechselte vom Krankenhaus in die Praxis von Schmidt, um die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin zu absolvieren. Jetzt ist sie – wie einst Schmidt – Stipendiatin der gemeinsam von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und dem Freistaat Thüringen gegründeten Stiftung. „Die ambulante Tätigkeit ermöglicht es mir, Beruf und Familie besser unter einen Hut zu bekommen und ist zudem sehr befriedigend“, erläutert sie gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Kooperation und Austausch trotz getrennter Sprechzimmer: Dr. med. Mark Schmidt...
Kooperation und Austausch trotz getrennter Sprechzimmer: Dr. med. Mark Schmidt...
...und Dr. med. Jeanin Brückner
...und Dr. med. Jeanin Brückner

Der Spagat zwischen Beruf und Familie war auch der Grund, weshalb Brückner ihre Klinikkarriere aufgab. Sogar eine Stelle als Oberärztin schlug sie aus. „Es ging einfach nicht mehr“, erzählt sie. „Die Geburt meines Sohnes Carlo im Jahr 2010 hat mein Leben komplett umgekrempelt.“ Eine ganze Weile versuchte sie, Klinikdienste und das Versorgen eines Kleinkindes unter einen Hut zu bringen. „Es ging irgendwie: Carlo war oft der Erste und der Letzte im Kindergarten, auch die Großeltern waren in der Nähe und konnten gelegentlich einspringen. Doch da mein Lebensgefährte auch Unfallchirurg und oft in der Klinik eingespannt ist, sahen wir uns als Familie kaum noch.“ Ostern beispielsweise hätte es nicht einen einzigen Tag gegeben, an dem die kleine Familie komplett war. „Mein Anspruch an ein Familienleben sieht einfach anders aus“, betont Brückner.

Mit Schmidt stand Brückner zu dieser Zeit immer noch in Kontakt. Auch die Arbeit in der Praxis seiner Mutter kannte sie: „Hier hatte ich als Studentin schon oft ausgeholfen und beispielsweise das Blutabnehmen gelernt“, erklärt sie. So kam eins zum anderen: Brückner kündigte ihre Stelle in der Orthopädie und begann die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in der Praxis von Schmidt. Teile ihrer ersten Weiterbildung werden dabei anerkannt. „Etwa ein Drittel der Krankheitsfälle in der Praxis sind orthopädischer Natur“, erklärt Brückner. Beispielsweise jetzt gerade untersucht sie das schmerzhafte Sprunggelenk einer Patientin, bei der vor Jahren eine Weber-C-Fraktur operiert wurde. Ihre Fachkenntnisse als Orthopädin und Unfallchirurgin kommen ihr dabei sehr zu Gute. Und nicht nur ihr: „Auch ich hole mir bei Jeanin bei orthopädischen Fällen gern eine zweite Meinung ein“, ergänzt Schmidt.

Dafür gibt es andere Dinge, bei denen sie gern bei Mark nachfragt. „Manchmal hat man kein so gutes Bauchgefühl. Ein Kollege in der Nähe gibt da Sicherheit.“ Noch ist Brückner ja auch keine Allgemeinmedizinerin. Draufsatteln auf ihre Orthopädie-Weiterbildung muss sie noch eineinhalb Jahre ambulante Weiterbildung in der Allgemeinmedizin, eineinhalb Jahre stationäre Weiterbildung in der Inneren Medizin sowie eine Qualifikation in psychosomatischer Medizin.

Mit dem Wechsel in die ambulante Medizin änderten sich schlagartig die Arbeitszeiten für Brückner: Zwar gibt es für niedergelassene Ärzte auch Fahrdienste und Bereitschaftsdienste, doch meist kann sie trotz ihrer Vollzeittätigkeit Carlo zwischen drei und vier Uhr aus dem Kindergarten abholen, bis auf montags, wenn sie einen langen Sprechstundentag bis 18.30 Uhr hat. Finanziell ist Brückner jetzt zwar ein bisschen schlechter gestellt, bereut hat sie diesen Schritt nicht: „Carlo freut sich sehr und ich bin beruflich wie privat auch total zufrieden und habe deutlich mehr Erholungsphasen als vorher“, sagt sie. Als Gehalt bekommt sie die 3 500 Euro, die die Kassenärztliche Vereinigung an die Praxis für die Weiterbildung eines jungen Kollegen zahlt, hinzu kommt noch ein Bonus der Praxisinhaber sowie 250 Euro Förderung durch die Thüringer Stiftung, deren Stipendiatin sie jetzt ist.

Die Stiftung habe gezeigt, wie man Ärzte unterstützen kann, sich in Erfurt, in Eisfeld, in Bad Klosterlausnitz oder in Heringen niederzulassen“, betonte Dipl.-Med. Regina Feldmann, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Stiftung am 22. Juli die Praxis von Schmidt in Erfurt besuchte. Vor fünf Jahren habe sie als damalige Vorsitzende der KV Thüringen und „Mutter der Stiftung“ Mühe gehabt, der Landesregierung zehn Stipendien abzuringen. Heute habe die Stiftung mehr als 100 Stipendiaten. „Das ist ein großer Erfolg.“

Konkret fördert die Stiftung die ambulante fachärztliche Weiterbildung bis zu 60 Monate lang mit monatlich 250 Euro. Neu im Förderpaket der Stiftung sind ferner Stiftungspraxen, in denen junge Ärzte zunächst angestellt arbeiten, jedoch mit dem Ziel, die Praxis später zu übernehmen. Eine solche Praxis gibt es im Moment in Gräfenthal, eine weitere soll im Oktober in Gera öffnen. Seit Juli dieses Jahres werden zudem auch Famulaturen in einer thüringischen Hausarztpraxis sowie Tertiale in der Allgemeinmedizin im praktischen Jahr mit monatlich 250 Euro gefördert.

Das Thüringer Modell diene inzwischen auch als Vorlage für eine Stiftungsidee zur Förderung der ambulanten Weiterbildung auf Bundesebene, sagte Feldmann. Ein Konzept sei fertig; derzeit befinde man sich in Gesprächen mit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. „In Thüringen wird sichtbar, was erreicht werden kann, wenn alle an einem Strang ziehen“, betonte sie. „Das, womit wir in Thüringen vor Jahren angefangen haben – nämlich um junge Ärzte zu werben, die sich niederlassen – das versuchen wir jetzt auch bereits gezielt im Bundesmaßstab“, erklärte Feldmann mit Verweis auf die KBV-Kampagne „Lass Dich nieder!“, die gezielt Medizinstudierende anspricht. Es sei nötig, bereits im Studium mit der patientennahen Betreuung im ambulanten Bereich zu beginnen und die Studierenden mit den Arbeitsbedingungen in der ambulanten Versorgung vertraut zu machen.

In der Tat sind bei vielen Medizinstudierenden die Vorstellungen darüber, wie die Arbeit als Hausarzt aussieht, sehr unkonkret. Fakt ist, dass ein Hausarzt viel mehr ist, als ein „Husten-Schnupfen-Doktor“. „Natürlich spielen Infektionen in der Praxis eine große Rolle“, räumt Schmidt ein. Phasenweise wiesen bis zu 50 Prozent der Patienten solche Symptome auf. Und auch jetzt untersucht er eine Patientin mit Verdacht auf Angina tonsillaris.

Die häufigsten Krankheitsbilder im Praxisalltag seien jedoch die Volkskrankheiten, vor allem bei den älteren Patienten, die einen Großteil des Patientenstamms ausmachen: Hypertonie, Herzinsuffizienz, COPD/Asthma und Diabetes mellitus. Der Hausarzt habe dabei den Vorteil, dass er die Familiensituation der Patienten kenne. Dies helfe dabei, die richtigen therapeutischen Maßnahmen bei den Krankheiten auszuwählen. Das Betreuen der Patienten über Jahre ermögliche zudem, einen positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf zu nehmen, indem man die Patienten unterstütze.

Neben den orthopädischen Krankheitsbildern und den Volkskrankheiten gehören psychosomatische Erkrankungen zum Alltag eines Hausarztes. Brückner hält deshalb das „Zuhören können“ und eine gewisse Begabung im Umgang mit Menschen für eine Hausarzttätigkeit für wesentlich. Aber auch Prävention gehört zu den Aufgaben der Hausärzte, beispielsweise das Verabreichen von Impfungen. Hier ist sich Brückner manchmal noch ein bisschen unsicher. Das ist jedoch kein Problem: „Bei Unklarheiten kann ich jederzeit Mark fragen“, erklärt sie schmunzelnd. Nachdem auch die beiden besprochen haben, welche Impfungen das junge Mädchen vor ihrer Urlaubsreise noch benötigt, und die Vormittagssprechstunde beendet ist, ist Schmidt verschwunden. Kurze Zeit später steht er in Alltagskleidung am Tresen und verkündet: „Ich bin dann mal weg.“

Brückner weiß Bescheid: „ Er hat heute einen Grillabend und muss noch Fleisch und Bier besorgen.“ Undenkbar in der Klinik – in der Praxis sei das jedoch kein Problem. „Hier ist die Zeiteinteilung einfach viel freier und individueller.“

@Die komplette Bildstrecke finden Sie unter:
www.aerzteblatt.de/galerie/104

So wird man Allgemeinmediziner

Insgesamt fünf Jahre dauert die Weiterbildung zum „Facharzt für Allgemeinmedizin“. In der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung der Bundes­ärzte­kammer sind während der Weiterbildung drei Jahre im Gebiet der Inneren Medizin vorgesehen. Davon können bis zu anderthalb Jahre in den Gebieten der Patientenversorgung und diese auch im ambulanten Bereich angerechnet werden. Außerdem sind zwei Jahre in der ambulanten hausärztlichen Versorgung vorgesehen. Man kann aber auch bis zu sechs Monate dieser Zeit in der Chirurgie absolvieren. Die Inhalte können ein weites Spektrum umfassen. Die Grundlagen der Palliativmedizin gehören genauso dazu wie die Sportmedizin. Seit 2012 zudem ist das sogenannte Landarztgesetz in Kraft getreten. Um das Arbeiten auf dem Land attraktiver zu machen, fällt die „Residenzpflicht“ weg, das heißt, ein Allgemeinarzt muss nicht mehr direkt vor Ort wohnen, wenn er eine Praxis führen will.

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