Medizin

Cannabis: Risiken bei nichtmedizinischem Gebrauch

Medizin studieren, 2/2015: 26

Hoch, Eva; Bonnet, Udo; Thomasius, Rainer; Ganzer, Florian; Havemann-Reinecke, Ursula; Preuss, Ulrich W.

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Zusammenfassung
Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Droge weltweit. In Deutschland wird sie jährlich von circa 4,5 % aller Erwachsenen verwendet. Ein intensiver Cannabiskonsum ist mit gesundheitlichen Risiken assoziiert.

Abhängig von Alter, Dosis, Frequenz, Applikationsform, Situation und individueller Disposition eines Menschen können unterschiedliche akute Folgeschäden durch Cannabiskonsum auftreten. Hierzu gehören Panikattacken, psychotische Symptome, beeinträchtigte Aufmerksamkeit, mangelnde Konzentration, gestörte motorische Koordination und Übelkeit.

Eine Kombination aus Motivationsförderung, kognitiver Verhaltenstherapie und Kontingenzmanagement sind aktuell die effektivsten Behandlungsansätze der Cannabisabhängigkeit.

Summary
Cannabis is the most commonly consumed illicit drug around the world; in Germany, about 4.5% of all adults use it each year. Intense cannabis use is associated with health risks.

Various medical conditions can arise acutely after cannabis use, depending on the user’s age, dose, frequency, mode and situation of use, and individual disposition; these include panic attacks, psychotic symptoms, deficient attention, impaired concentration, motor incoordination, and nausea.

At present, the most effective way to treat cannabis dependence involves a combination of motivational encouragement, cognitive behavioral therapy, and contingency management.

Foto: iStockphoto
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Cannabis wurde vor kurzem in einigen US-Bundesstaaten zum Gebrauch in der Freizeit legalisiert. Gleichzeitig verbessert sich der wissenschaftliche Kenntnisstand bezüglich des therapeutischen Potenzials von cannabishaltigen Arzneimitteln. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass Patienten häufiger von ihren Ärzten und anderen Berufsgruppen im Gesundheitssystem über gesundheitliche Risiken und medizinischen Nutzen von Cannabis aufgeklärt werden wollen.

Cannabis ist weltweit die am häufigsten konsumierte illegale Substanz. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen konsumieren weltweit 125 bis 227 Millionen Menschen Cannabis. Laut aktuellem nationalen epidemiologischen Suchtsurvey haben 4,5 % der deutschen Erwachsenen im letzten Jahr Cannabis gebraucht. Besonders häufig ist der Konsum bei 18- bis 20-Jährigen (12-Monats-Prävalenz: 16,2 %). Schätzungsweise 1 % der EU-Bevölkerung (zwölf Millionen) verwenden täglich Cannabis. Insgesamt entwickeln etwa 9 % aller Personen, die jemals Cannabis probiert haben, eine Abhängigkeit. Diese Rate beträgt 17 %, wenn der Cannabiskonsum in der Adoleszenz beginnt und 25 bis 50 %, wenn Cannabinoide täglich gebraucht werden.

Cannabis wird meistens als „Marihuana“ (getrocknete Blüten und Blätter) oder „Haschisch“ (Delta-9-Tetrahydrocannabinol[THC]-haltiges Harz der Blütenstände) konsumiert. Seltener wird THC-haltiges Öl in Nahrungsmitteln ingestiert. Polizeiberichten zufolge werden Cannabispflanzen zunehmend auch im eigenen Land angebaut und seltener importiert.

Der Gehalt an THC, der psychotropen Hauptsubstanz in Cannabis, ist im letzten Jahrzehnt deutlich angestiegen. Ein anderer Wirkstoff, Cannabidiol (CBD), ist in vielen Züchtungen nicht mehr vorhanden. Diesem werden unter anderem anxiolytische, antipsychotische, anti-inflammatorische, antiemetische und neuroprotektive Effekte zugeschrieben, die eventuell die aversiven Wirkungen von THC ausgleichen können. Dem Konsum von Cannabisprodukten mit hohem THC- und gleichzeitig niedrigem CBD-Gehalt werden bei Menschen mit entsprechender Prädisposition unerwünschte Effekte zugeschrieben. Die Gesamtzahl der Suchtbehandlungen aufgrund von Cannabiskonsum nimmt in Europa und den USA zu.

Störungen durch Cannabinoide

Beim Rauchen von Cannabis gelangt das THC über die Lungen in die Blutbahn. Es dringt innerhalb von Minuten in die inneren Organe und ins Gehirn. Dort entfaltet das THC seine Wirkung vor allem über die Cannabinoid-Rezeptoren CB1. Diese sind am häufigsten in zerebralen Regionen lokalisiert, die mit Körperbewegung, Lernen, Gedächtnis und dem Belohnungssystem assoziiert sind. Das Rauchen von pflanzlichem Cannabis kann zu einer akuten Intoxikation führen. Die Wirkung hängt von der Zusammensetzung des Präparates, der Dosis, der Frequenz, der Applikationsform, der Situation sowie der individuellen Disposition und Konsumerfahrung eines Menschen ab. Die Symptome bilden sich nach Abklingen der pharmakologischen Wirkung wieder zurück. Cannabis kann nach dem Konsumstopp im Urin über den Metaboliten THC-COOH noch zwei bis sechs Wochen lang nachgewiesen werden.

Eine Metaanalyse berichtete leichte negative Effekte auf das Lernvermögen und das Gedächtnis bei nichtabstinenten, gewohnheitsmäßigen Konsumenten. Diese Effekte waren auch noch nach mindestens 24-stündiger Abstinenz nachweisbar. Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit waren nicht beeinträchtigt. Eine neuere Metaanalyse liefert ebenfalls Belege für leichte, globale kognitive Einschränkungen bei akutem Cannabiskonsum. Im Vergleich zu abstinenten Personen waren bei nichtabstinenten Cannabiskonsumenten in den folgenden Bereichen leichte Einschränkungen zu verzeichnen:

abstraktes Denken beziehungsweise die Fähigkeit zu exekutiven Leistungen

Aufmerksamkeit

Merkfähigkeit

Lernen

psychomotorische Funktionen.

Diese Unterschiede waren nach mindestens einmonatiger Abstinenz nicht mehr nachweisbar. Die Effekte sind bei Erwachsenen möglicherweise reversibel. Andere Studien zeigen, dass insbesondere bei frühem Beginn des Cannabiskonsums in der Jugend die kognitiven Einschränkungen auch nach vierwöchiger Abstinenz noch vorhanden sein können. Überdauernde leichte bis moderate Defizite zeigten sich in den Bereichen:

psychomotorische Geschwindigkeit

Aufmerksamkeit

Gedächtnis

Planungsfähigkeit.

Zwischen 50 und 90 % aller cannabisabhängigen Personen haben eine lebensgeschichtliche Diagnose einer weiteren psychischen Störung beziehungsweise einer gesundheitlichen Störung durch Alkohol- und anderen Substanzkonsum. Einige Studien legen einen positiven Zusammenhang von Cannabiskonsum und bipolaren Störungen beziehungsweise von vermehrt manischen Symptomen und Cannabiskonsum nahe. Weniger eindeutig ist die Studienlage bei Depressionen.

Früher, regelmäßiger, langandauernder und hochdosierter Konsum von Cannabinoiden ist, in Kombination mit anderen Stressoren wie zum Beispiel Gewalt- und Missbrauchserfahrungen in der Kindheit oder Psychosen in der Ursprungsfamilie, mit einem erhöhten Risiko für psychotische Störungen in Zusammenhang gebracht worden. Bei einem bestimmten genetischen Muster können Cannabinoide und Stress, wie im Tierversuch gezeigt, die Entwicklung einer Psychose begünstigen.

Verschiedene Studien belegen einen Zusammenhang zwischen frühem, regelmäßigem Cannabisgebrauch und einem weiterführenden Konsum von anderen illegalen Drogen oder Alkohol. Dass Cannabis als Zugangssubstanz für den Gebrauch weiterer Substanzen fungiert („Gateway-Hypothese“) ist jedoch empirisch nicht belegt.

Möglicherweise verwenden viele der Betroffenen Cannabis, um damit unerwünschte psychische oder körperliche Symptome zu lindern. Dies ist für Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung oder chronischen Schmerzen berichtet worden. Cannabis wird, möglicherweise aufgrund der antipsychotischen Wirkung des Cannabidiols, auch vermehrt von Personen mit schizophrenen Psychosen geraucht und erhöht bei 40 % der Konsumenten das Risiko für mehr und längere paranoide Syndrome und Intoxikationserscheinungen.

Weitere Forschung ist notwendig, um die Kausalität der Zusammenhänge zwischen Cannabiskonsummustern und adversen Folgeschäden zu klären. In künftigen Studien sollten vor allem konfundierende Variablen besser kontrolliert werden.

Behandlung

Der Konsum von Cannabis ist in Europa die Hauptursache, wegen der Patienten erstmals eine Drogenbehandlung aufgrund des Gebrauchs illegaler Substanzen antraten. Die Zahl der Erstbehandlungen stieg in den Jahren 2006 bis 2011 von 45 000 auf 61 000 an und stabilisierte sich 2012 bei 59 000.

In Deutschland werden cannabisbezogene Störungen meist ambulant behandelt, zum Beispiel in Suchtberatungsstellen, Suchtambulanzen oder Schwerpunktpraxen. Auch der unkomplizierte Entzug erfolgt in der Regel ambulant.

Eine qualifizierte stationäre Behandlung ist indiziert bei:

kompliziertem Intoxikationsverlauf

schwerem Entzugssyndrom und/oder schweren Folgestörungen

hoher Rückfallgefährdung

komorbiden psychischen Störungen.

Die Therapie besteht dabei aus der Akut- und der Postakutbehandlung. In der Akuttherapie (Dauer: zwei bis vier Wochen; bei Jugendlichen vier bis zwölf Wochen) kann eine körperliche Entgiftung, Diagnostik, Behandlung von Entzugssymptomen sowie Abklärung und gegebenenfalls Behandlung komorbider Störungen erfolgen. Neben intensiven stützenden Gesprächen und Tagesstrukturierung mit gegebenenfalls psychopharmakologischer Unterstützung wird der Patient dazu motiviert, eine abstinenzstabilisierende Therapie aufzunehmen, wenn bei beeinträchtigtem psychosozialem Funktionsniveau (das heißt bei Schwierigkeiten in der Organisation des Alltags und der Tagesstrukturierung) der Behandlungswille noch fehlt.

Kompliziertere Intoxikationsverläufe können durch Panikattacken, psychotische oder delirante Symptome gekennzeichnet sein. In diesen Fällen sind Gespräche mit dem Patienten und gegebenenfalls eine zeitlich limitierte Gabe von Antipsychotika (vorzugsweise Atypika) und/oder Sedativa hilfreich.

Die rehabilitative Postakutbehandlung (Dauer: drei bis neun Monate) dient der Sicherung der Abstinenz, der Rückfallprophylaxe, der psychischen, sozialen und beruflichen Stabilisierung sowie der Behandlung der Komorbidität. Bei Jugendlichen sind zusätzlich pädagogische Förderung, schulische Wiedereingliederung sowie Klärung der Familien- und Wohnsituation relevant.

Eine Metaanalyse und mehrere systematische Reviews von randomisiert-kontrollierten Studien belegen, dass Kurzinterventionen (sechs bis zwölf Sitzungen) mit Kombinationen aus Motivationsförderung, kognitiv-behavioraler Therapie und Kontingenzmanagement (Lernen durch systematische Belohnung) die höchste Effektivität aufweisen. Bei Kindern und Jugendlichen haben sich darüber hinaus familientherapeutische Interventionen als wirksam erwiesen. Die Abstinenzraten liegen zwischen 10 und 50 %. Etwa die Hälfte dieser Patienten wird innerhalb eines Jahres nach der Behandlung wieder rückfällig.

Nachhaltiger als der Versuch, eine Cannabisabstinenz zu bewirken, sind Verbesserungen von Häufigkeit und Schwere des Cannabiskonsums, assoziierten psychosozialen Problemen sowie anderen gesundheitlichen Störungen in Verbindung mit Cannabiskonsum. Internet- und computerbasierte Interventionen sind wirkungsvoll, um junge Menschen zu Beginn des problematischen Cannabiskonsums zu erreichen und eine Konsumreduktion zu erzielen.

Medikamente sind zur Behandlung der cannabisbezogenen Störungen bisher nicht zugelassen. Eine Medikation ist nur bei schweren Entzugssymptomen erforderlich.

Resümee

Der Gebrauch von Cannabis ist in der Bevölkerung verbreitet und reicht von experimentellem bis zu abhängigem Konsum. Empirisch mittlerweile sehr gut belegt ist, dass biografisch früher, hochdosierter, langjähriger und regelmäßiger Cannabisgebrauch das Risiko für unterschiedliche Störungen der psychischen und körperlichen Gesundheit und der altersgerechten Entwicklung erhöht. In vielen Studien wurden konfundierende Variablen nur unzureichend kontrolliert, so dass sich die Frage eines kausalen Zusammenhangs zwischen Cannabiskonsummustern und kognitiven Schädigungen beziehungsweise der Entwicklung von komorbiden psychischen oder körperlichen Störungen noch nicht abschließend beantworten lässt. Die weltweite Zunahme des THC-Gehalts in Cannabisprodukten erhöht möglicherweise die gesundheitlichen Risiken, vor allem wenn Cannabis im Jugendalter konsumiert wird. Weitere Forschung sollte klären, warum manche Personen mehr und andere weniger von den ungünstigen Folgen betroffen sind.

Anschrift für die Verfasser

Dr. rer. nat. Eva Hoch

Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin

Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim

eva.hoch@zi-mannheim.de.

@ Langfassung und Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/15m271

*Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Universität Heidelberg: Dr. rer. nat. Hoch; Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Evangelisches Krankenhaus Castrop-Rauxel, Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Duisburg/Essen: Prof. Dr. med. Bonnet; Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Prof. Dr. med. Thomasius, Dr. med. Ganzer; Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Göttingen und DFG Center for Nanoscale Microscopy and Molecular Physiology of the Brain, Universitätsmedizin Göttingen: Prof. Dr. med. Havemann-Reinecke; Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Kreiskrankenhaus Prignitz, Perleberg, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: Prof. Dr. med. Preuss

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