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Politik

Junge Ärzte in Lan­des­ärz­te­kam­mern: Mitgestalten als Privileg

Medizin studieren, WS 2017/18: 28

Schlitt, Reinhold

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Viele junge Ärzte verbinden mit Lan­des­ärz­te­kam­mern eine Behörde, zu die Formulare geschickt werden müssen. Dass Ärzte sich dort für ihre Interessen einsetzen können, merken viele erst später. In Hessen und Baden-Württemberg soll sich das nun ändern.

Foto: racorn 123RF
Foto: racorn 123RF

Mitgestalten statt nur zuschauen – das ist das Motto von immer Aktivitäten junger Ärzte in den Lan­des­ärz­te­kam­mern. Immer mehr Kammern gründen einen Ausschuss für Weiterbildung – gerade ist Brandenburg hinzugekommen. Besonders aktiv sind junge Ärzte in Baden-Württemberg und Hessen: Dort hatte kürzlich die Ärztekammer Medizinstudierende und junge Ärzte aus Hessen nach Frankfurt am Main zu einem Gesprächskreis eingeladen. Mehr junge Kammermitglieder sollen für eine ehrenamtliche Tätigkeit in der ärztlichen Selbstverwaltung gewonnen werden.

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Für den Präsidenten der Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, steht fest: „Es ist ein Privileg, über Angelegenheiten der Ärzte selbst entscheiden zu dürfen. Und deswegen gibt es für Ärzte eine gute Pflicht, in der ärztlichen Selbstverwaltung mitzuarbeiten.“ Doch im Alltag scheint das nicht ausreichend durchdrungen zu sein – auch nicht beim ärztlichen Nachwuchs. Den möglichen Ursachen will die Kammerspitze nun auf den Grund gehen.

Eine der Fragen: Welches Bild haben junge Ärzte und Medizinstudierende überhaupt von der Ärztekammer? „Das erste Bild, das ich mir von einer Ärztekammer gemacht habe, war das einer berufsinternen Gerichtsbarkeit“, sagte Matthias Rosenthal, Medizinstudierender in Marburg. Eine Ärztin in Weiterbildung erlebte die Kammer anfangs als eine Einrichtung, „die Arbeit macht und zu der man Formulare schicken muss“. Von der privilegierten Stellung, innerärztliche Angelegenheiten und Fortbildungsfragen in einer eigenen Berufskammer selbst regeln zu können, habe sie überhaupt nichts geahnt. Wenig schmeichelhaft klingt auch die Wahrnehmung von Lauritz Blome, der in Frankfurt Medizin studiert: „Die Ärztekammer und die ärztlichen Verbände werden bei uns häufig mit einer Versicherung verwechselt.“ Von einer „geschlossenen Veranstaltung mit einer sehr komplexen Thematik, bei der man viel Hintergrundwissen benötigt, um überhaupt einsteigen zu können“, sprach Yvonne Jäger, Ärztin in Weiterbildung aus Friedrichsdorf im Taunus.

Die Allgemeinmedizinerin Monika Buchalik aus Maintal bei Hanau, sie ist Vizepräsidentin der Lan­des­ärz­te­kam­mer, bedauerte, dass die ersten Kontakte junger Ärztinnen und Ärzte zur Berufskammer häufig über Prüfungen, das Beantragen von Arztausweisen und anderer Formalitäten zustande kämen und die Arbeit des Hauses dadurch auf Verwaltungsfunktionen mit bürokratischen Abläufen reduziert würde: „Das ist schade und da müssen wir besser werden. Gerade in den so wichtigen Bereichen wie der Weiterbildung wollen wir schließlich Service bieten und diesen für unsere jungen Kolleginnen und Kollegen ausbauen.“ Darin, so glauben mehrere Teilnehmer der Gesprächsrunde, könnte auch eine Chance liegen, sich näher mit der Ärztekammer zu befassen und um Verständnis für ihre unterschiedlichen administrativen und berufspolitischen Rollen zu ringen.

„Ich selbst habe über meine Weiterbildung entscheidend mehr Kontakt zur Ärztekammer bekommen und bin dann in die Aufgaben hineingewachsen“, konstatierte Dr. med. Lars Bodammer, Präsidiumsmitglied der Lan­des­ärz­te­kam­mer und dort auch Vorsitzender des Ausschusses für den ärztlichen Nachwuchs (Gespräch rechts). Er wünscht sich einen Lotsen, der die Nachwuchsmediziner „durch die Institution führt“ und der auch Fragen zur Sinnhaftigkeit bestimmter Regeln in der Berufsausübung beantworten könne. „Die Berufsverbände sind da weiter und schaffen es besser, den beruflichen Nachwuchs in ihre Strukturen zu integrieren.“

Doch wie gewinnt man künftige Ärztinnen und Ärzte, sich ehrenamtlich in der Selbstverwaltung zu engagieren? Die Antworten der Studierenden in der Gesprächsrunde waren durchwachsen. Die meisten Kommilitonen seien froh, wenn sie ihr Pensum im Studium schafften, hieß es. Chancen, sie für eine Mitarbeit in ärztlichen Gremien zu gewinnen, bestünden am ehesten bei denen, die schon im Studium in der Studierendenvertretung engagiert seien. Die Kammer solle aus sich heraus mehr auf Studierende zugehen und sie informieren, am besten schon im fünften und sechsten Semester.

Und die Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung? „In der Weiterbildung hat man nicht den Status, über seine Zeiteinteilung autonom entscheiden zu können“, berichtete die Ärztin Yvonne Jäger. Oft bliebe dann nur die Freizeit.

Präsidiumsmitglied Bodammer teilte die Skepsis: „Ich erlebe, dass es für viele ein Problem ist, regelmäßig einen Teil ihrer arbeitsfreien Zeit für ehrenamtliche Aufgaben einzuplanen.“

Einigkeit bestand darin, die Kammerarbeit transparenter, ihre Angebote für Studierende und junge Ärztinnen und Ärzte bekannter zu machen und sich über Twitter und Facebook sowie informative Internetauftritte unmittelbar an den Nachwuchs zu wenden. Ärzte würden politischen Einfluss verlieren und ihre Anliegen nicht verstanden, wenn ihre Selbstverwaltung nicht funktioniere und ihr Selbstverständnis von den eigenen Mitgliedern nicht rezipiert werde.

Mehr gemeinsame Arbeit streben die Hessen auch mit jungen Ärzten in Baden-Württemberg an: Beide Ausschüsse planen eine gemeinsame Sitzung im Dezember.

Lars Bodammer ist Mitglied im Präsidium der Landesärztekammer Hessen und hat dort den Ausschuss „Ärztlicher Nachwuchs“ gegründet. Foto: Vera Friederich
Lars Bodammer ist Mitglied im Präsidium der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen und hat dort den Ausschuss „Ärztlicher Nachwuchs“ gegründet. Foto: Vera Friederich

Lars Bodammer

Das Recht zum Mitgestalten

Wie sind Sie selbst zum Engagement in der Kammer gekommen?

Als Arzt in Weiterbildung war ich zunächst beim Marburger Bund aktiv und bin während der Weiterbildung immer mehr mit den Fragen zur Weiter­bildungs­ordnung in Kontakt gekommen, das ja ureigenes Thema der Ärztekammern ist. Seit 2009 bin ich Mitglied der Delegiertenversammlung, seit 2013 auch Präsidiumsmitglied der Kammer. Aus meiner Sicht sollte die Kammer nicht nur als Pflicht für junge Ärztinnen und Ärzte verstanden werden. Denn ärztliche Selbstverwaltung bedeutet auch das Recht zur Mitwirkung, auch von jungen Stimmen, die sich für ihre Interessen in der Weiterbildung und weitere Themen einsetzen.

Welche „jungen“ Themen und Interessen konnten Sie schon in ihrer Funktion im Präsidium der Kammer durchsetzen?

Zunächst haben wir den Ausschuss „Ärztlicher Nachwuchs“ ins Leben gerufen, zu dem auch Studenten eingeladen werden, um möglichst frühzeitig eine Anbindung an den Berufsbeginn zu schaffen. In der Weiterbildung haben wir durchgesetzt, dass die Mindestweiterbildungszeit von sechs auf drei Monate gesenkt wurde, um auch jungen Eltern oder Alleinerziehenden die Anrechnung kürzerer Weiterbildungsabschnitte zu ermöglichen. Im Rahmen der Novellierung der Musterweiterbildungsordnung möchten wir erreichen, dass weniger hohe Untersuchungszahlen eine Rolle spielen und Inhalte und verlässliche Rotationen wichtig sind.

Wieso profitierten junge Ärztinnen und Ärzte vom ehrenamtlichen Engagement in einer Kammer?

Die Kammer vertritt die Ärzteschaft in der Gesellschaft, berufspolitisch, gestaltet die Berufsordnung und insbesondere auch die Weiterbildung. Bis Veränderungen wirken, dauert es meist einige Jahre. Umso wichtiger ist es, dass junge Kolleginnen und Kollegen beginnen, sich für ihre Belange einzusetzen. Damit kommen sie auch in den Genuss, von ihrer Mitgestaltung zu profitieren. Ich bin jetzt über acht Jahre in der Kammer aktiv und merke: Je länger das Engagement, umso effektiver.

Die Fragen stellte Rebecca Beerheide

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