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Global Health: Mehr als ein Nischenfach

Medizin studieren, WS 2017/18: 16

Geffert, Karin; Hagedorn, Carolin; Havemann, Matthias; Hommes, Franziska; Moser, Fabian

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Nach Ansicht von vielen Medizinstudierenden ist eine Stärkung der Lehre zu Globaler Gesundheit dringend notwendig. Bereits zwei studentische Veranstaltungen „Global Health at University“ fanden dazu in Berlin und Würzburg statt.

Global Health at University in Berlin im November 2016: Gemeinsam ergriffen die Teilnehmer die Initiative zur Stärkung von Lehre und Forschung zu Globaler Gesundheit an medizinischen Fakultäten in Deutschland. Foto: privat
Global Health at University in Berlin im November 2016: Gemeinsam ergriffen die Teilnehmer die Initiative zur Stärkung von Lehre und Forschung zu Globaler Gesundheit an medizinischen Fakultäten in Deutschland. Foto: privat

Globale Gesundheit (Global Health, GH) ist in der Öffentlichkeit und der Politik angekommen. Aber auch Medizinstudierende fordern zunehmend eine Stärkung von Lehre zu Globaler Gesundheit (GH-Education, GHE) in Deutschland. Im November 2016 fand die Veranstaltung „Global Health at University“ an der Charité in Berlin statt, zu deren Ausrichtung sich mehrere studentische Initiativen in eigener Verantwortung unter dem Titel Global Health Deutschlandweit (GHD) zusammengefunden hatten. Ein weiteres Treffen – „Global Health at University II“ – gab es Anfang September in Würzburg. Ziel der Treffen war der Austausch über derzeitige Angebote und Strukturen an Universitäten in Deutschland, die Bündelung aktueller Initiativen sowie die Erarbeitung von Lösungsansätzen zur Überwindung bestehender Barrieren. „Global Health at University“ in Berlin war das erste derartige Zusammentreffen seit dem Treffen von Lehrenden im Rahmen der Global Health Alliance Workshops im Frühjahr 2011.

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Forderungen nach einer stärkeren Verankerung von GH im Medizinstudium sind jedoch nicht neu: Bereits 2009 veröffentlichte GandHI (Globalisation and Health Initiative, das GH-Projekt der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V., bvmd) in einem Positionspapier konkrete Inhalte und methodische Mittel zur Verankerung von GH-Themen im medizinischen Curriculum. Doch deutschlandweit ergibt sich ein sehr lückenhaftes Bild der GH-Landschaft. 2010 gaben fast 90 Prozent aller Medizinstudierenden im fünften und sechsten Studienjahr in einer deutschlandweiten Umfrage an, noch nie an einem GH-Lehrangebot teilgenommen zu haben, wobei sich 94 Prozent gegenüber einer Aufnahme von GH-Inhalten im medizinischen Curriculum aufgeschlossen zeigten. Eine 2016 veröffentlichte Studie zeigt, dass derzeit 33 Angebote zu GHE an 18 von insgesamt 38 Universitätsstandorten bestehen, davon der größte Anteil an medizinischen Fakultäten (42 Prozent). Die Angebote umfassen überwiegend freiwillige und teils durch ehrenamtliches Engagement getragene extracurriculare Aktivitäten. Insgesamt besteht nur an etwa einem Drittel der medizinischen Fakultäten die Möglichkeit, Lehrangebote zu GH zu belegen. Auch im internationalen Vergleich liegt Deutschland als Standort für GHE noch weit hinter den Angeboten in Ländern wie den USA, Großbritannien und Schweden zurück.

Foto: peshkova stock.adobe.com
Foto: peshkova stock.adobe.com

Außerdem hat sich gezeigt, dass die Absolvierung von Auslandsaufenthalten, tropenmedizinischen Kursen und GHE-Angeboten mit mehr Interesse und Sensibilität für Aspekte Globaler Gesundheit und sozialer Determinanten von Gesundheit einhergeht und sich Theorie und Praxis auf diese Weise gegenseitig befruchten können. Nach Zahlen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) absolvierten 2013 etwa ein Drittel aller Medizinstudierenden Studienaufenthalte im Ausland.

Ein wichtiges Hindernis in der Weiterentwicklung und Förderung von GHE ist eine niedrige Priorisierung dieses Felds an den Fakultäten. Ein entscheidendes Instrumentarium zur flächendeckenden Implementierung des Themas im medizinischen Curriculum könnte der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin darstellen. Das 2015 verabschiedete Dokument umfasst die Inhalte eines Kerncurriculums für Absolventen und Absolventinnen des Medizinstudiums und beschreibt verschiedene Dimensionen der ärztlichen Verantwortung und Tätigkeit. Bislang findet das Thema jedoch lediglich an einigen Stellen implizit Erwähnung. Zudem sollten die deutsche Hochschulpolitik und Universitäten Ausbildungswege für diese Kompetenzen als essenzielle und längst überfällige Investition in die mittel- und langfristige Zukunft verstehen. In Deutschland ist es jedoch bisher nicht im ausreichendem Maße gelungen, das große Engagement Einzelner und das Potenzial bestehender Initiativen in fortschrittliche institutionelle Strukturen zu übersetzen. So gibt es derzeit nur eine geringe Anzahl von Masterprogrammen mit Fokus auf GH. Die wenigen medizinischen Universitätsstandorte in Deutschland, die Ausbildungsprogramme in Public Health mit Schwerpunkt auf GH haben, können Erfahrungswerte und Modelle aufzeigen, wie GHE integriert werden kann. Bessere strukturelle Möglichkeiten zur interfakultären Zusammenarbeit sind notwendig, um die komplexen Inhalte geeignet zu vermitteln und wissenschaftlich zu erfassen. Bisher konnte das Engagement von Studierenden einen großen Beitrag zur Stärkung von GHE leisten und eine Vielzahl an Projekten und freiwilligen Initiativen an unterschiedlichsten Standorten in Deutschland etablieren. Dieses Potenzial muss in Zukunft in Verknüpfung mit dem Engagement vieler Lehrender durch institutionelle Unterstützung besser ausgeschöpft werden, um GHE mit dem Ziel einer gerechten Gesundheitsversorgung für alle zu fördern.

* Karin Geffert, Julius-Maximilians Universität Würzburg, cand. med., Globalisation and Health Initiative (GandHI) der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd Carolin Hagedorn, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, cand. med., Globalisation and Health Initiative (GandHI) Aachen Matthias Havemann, Philipps-Universität Marburg, BMedSc Franziska Hommes, Julius-Maximilians Universität Würzburg, cand. med., Globalisation and Health Initiative (GandHI) der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) Fabian Moser, Charité Universitätsmedizin Berlin, cand. med., Global Health AG Charité

Global Health in der Politik

Auf dem Gebiet Global Health gab es dieses Jahr gleich mehrere Premieren: Zum ersten Mal brachten sich im Frühjahr die Wissenschaftsakademien der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) über ein neues Dialogforum „Science20“ in das Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs im Juli in Hamburg ein.

Beigetragen dazu hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Als erstes Regierungsoberhaupt setzte sie 2015 das Thema „Globale Gesundheit“ auf die internationale Agenda. Im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft wurde in diesem Sommer somit erstmals bei einem G20-Treffen nicht nur über Finanzmärkte und Wirtschaftswachstum, sondern auch über die Weltgesundheit diskutiert.

Foto: dpa
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„Globale Fragen benötigen globale Antworten“, betonte Merkel in ihrer Ansprache vor den Vertretern der internationalen Wissenschaftsakademien. Spätestens seit Ebola wisse man, dass Krankheiten sehr schnell zu einem globalen Problem werden könnten. Verantwortungsvolle Politik sei deshalb auf wissenschaftliche Empfehlungen angewiesen, betonte sie.

Ein Beispiel für noch ungenutztes Potenzial ist nach Ansicht der Wissenschaftler der weltweite Kampf gegen Antibiotikaresistenzen. Ein besonderes Augenmerk sei aber auch auf den Zusammenhang zwischen übertragbaren und nicht übertragbaren Krankheiten zu richten.

Eine weitere Premiere stellte das im Vorfeld des G20-Gipfels in Berlin stattgefundene Treffen der G20-Ge­sund­heits­mi­nis­ter dar. Dabei standen die Themen „Globales Krisenmanagement“ und die „Globale Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen“ im Fokus. ER

Globale Gesundheit

Globale Gesundheit ist ein interdisziplinäres Gebiet, das all jene Themen umfasst, die Gesundheit von Menschen auf Bevölkerungsebene betreffen und einer globalen Zusammenarbeit bedürfen. Hierbei stehen die Untersuchung und Beeinflussung weltweiter sozialer, politischer, ökonomischer und ökologischer Determinanten und ihre Auswirkungen auf Gesundheit im Vordergrund. Globale Herausforderungen, wie unter anderem Klimawandel, Migration, Epidemien und steigende Antibiotikaresistenzen haben immer auch Bezug zu lokalen Strukturen und Verantwortlichkeiten.

Blog zu Global Health im Deutschen Ärzteblatt:

https://www.aerzteblatt.de/blogs/189/Global-Health

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