StudierenArchivMedizin studieren2/2017Leistungssteigerung im Studium: Lernst Du noch, oder dopst du schon?

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Leistungssteigerung im Studium: Lernst Du noch, oder dopst du schon?

Medizin studieren, WS 2017/18: 7

Clausen, Eva; Kötter, Thomas

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Die Verbreitung der Einnahme leistungssteigernder Substanzen bei Medizinstudierenden

Die Themen Selbstoptimierung und Leistungssteigerung sind so alt wie die Menschheit selbst. Die Einnahme von Substanzen zu diesem Zweck wird bereits für Zeiten lange vor Christus beschrieben. Was für den Körper im Volksmund als Doping bezeichnet wird, nennt man für den Geist in Fachkreisen „Neuroenhancement“ oder „Hirndoping“. Hierunter wird vom Kaffee trinken bis zur Einnahme illegaler Drogen alles verstanden, was mit dem Ziel einer geistigen Leistungssteigerung eingenommen wird. Die Häufigkeit von Hirndoping scheint dabei eng verknüpft zu sein mit der Entwicklung hin zu einer Leistungsgesellschaft beziehungsweise einer Gesellschaft der Selbstoptimierer.

Foto: Galina Peshkova 123RF

Foto: Galina Peshkova 123RF
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mit_Einzug">In den vergangenen Jahren häufen sich sowohl Presseberichte als auch wissenschaftliche Studien, die eine Zunahme von Neuroenhancement unter Studierenden postulieren. Gerade die Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente oder illegaler Substanzen mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung soll von bis zu einem Viertel der Studierenden US-amerikanischer Hochschulen betrieben werden. In Deutschland legen verschiedene Studien der vergangenen Jahren zwar eine deutlich niedrigere Rate nahe, jedoch finden sich auch hierzulande Zahlen von bis zu zehn Prozent für das sogenannte Hirndoping unter Studierenden. Mehrere Erhebungen der vergangenen Jahre unter deutschen Studierenden zeigen eine deutliche Zunahme der Stressbelastung, auch die Einnahme von Psychopharmaka ist nach Krankenkassendaten unter Studierenden deutlich verbreiteter als unter ihren berufstätigen Altersgenossen. Hirndoping könnte also auch unter deutschen Studierenden ein Versuch sein, mit zunehmendem Leistungs- und Konkurrenzdruck umzugehen. Dies wiederum würde eine verhängnisvolle Spirale in Gang setzen, die nur schwer wieder rückgängig zu machen sein dürfte.

Zum Abschalten verwendete Substanzklassen (in Prozent)
Zum Abschalten verwendete Substanzklassen (in Prozent)
Grafik 1
Zum Abschalten verwendete Substanzklassen (in Prozent)
Zur Leistungssteigerung verwendete Substanzklassen (in Prozent)
Zur Leistungssteigerung verwendete Substanzklassen (in Prozent)
Grafik 2
Zur Leistungssteigerung verwendete Substanzklassen (in Prozent)

Dass Medizinstudierende (und auch Ärztinnen und Ärzte) sich beispielsweise aufgrund ihres Wissens zu erwünschten und unerwünschten Wirkungen leistungssteigender Substanzen und des anspruchsvollen Studiums und Berufsbildes öfter damit dopen, ist bisher nicht belegt worden. Zum einen mangelt es an vergleichenden Studien zu dieser Fragestellung und zum anderen sind Ergebnisse beispielsweise aus den USA aufgrund unterschiedlicher Definitionen für Neuroenhancement nicht ohne Weiteres übertragbar. Das Medizinstudium gilt jedoch als besonders anstrengend und leistungsbetont, und neben dem Wissen über die Substanzen dürfte auch deren Verfügbarkeit im Kontext des Medizinstudiums niederschwelliger sein. Zumindest für Ärztinnen und Ärzte ist eine erhöhte Rate an Suchterkrankungen im Vergleich zum Rest der Bevölkerung nachgewiesen. Die Frage nach der Verbreitung von Hirndoping unter Medizinern ist daher vor allem für gezielte Präventionsmaßnahmen von großem Interesse.

An der Uni Lübeck, an der man neben Medizin auch diverse weitere Fächer aus dem Bereich der sogenannten Lebenswissenschaften studieren kann, sind die Autoren daher im Rahmen einer groß angelegten Studie zur Studierendengesundheit der Frage nach der Häufigkeit von Neuroenhancement nachgegangen. Der Begriff wurde dabei als die Einnahme von Substanzen ohne eine medizinische Indikation, sondern mit dem Motiv der geistigen Leistungssteigerung, deren Wiederherstellung oder der Stresskompensation definiert. Es wurde zwischen Genussmitteln wie Kaffee, dem sogenannten Soft-Enhancement, also der Einnahme freiverkäuflicher Substanzen wie beispielsweise Koffein in Form von Tabletten, dem pharmakologischen Neuroenhancement (Einnahme verschreibungspflichtiger Substanzen) und der Einnahme illegaler Substanzen unterschieden.

Befragt wurden knapp 1 300 Studierende aller Jahrgänge und Fächer, davon etwa die Hälfte Medizinstudierende. Das Durchschnittsalter der Befragten betrug circa 23 Jahre. Von den Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern hatte ungefähr ein Drittel in ihrem Leben bereits einmal Neuroenhancement betrieben, knapp zehn Prozent gaben an, dies regelmäßig (mindestens einmal pro Woche) zu tun. Unterschiede zwischen Medizinstudierenden und Studierenden anderer Fächer fanden sich dabei nicht. Auch zwischen Studentinnen und Studenten fanden sich auf den ersten Blick keine Unterschiede, allerdings scheinen Studentinnen häufiger Soft-Enhancement zu betreiben, während Studenten häufiger illegale Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung einnahmen.

Überwiegend tranken die Studierenden der Uni Lübeck zur Leistungssteigerung Kaffee oder Energy Drinks oder betrieben Soft-Enhancement mit frei verkäuflichen Substanzen. Dabei wurde eine große Variation von Mitteln von Vitamintabletten über bestimmte Tees bis hin zu Gingko-biloba-Extrakt genannt. Bemerkenswerterweise nahmen fast zehn Prozent der Studierenden illegale Substanzen, vornehmlich Cannabis, „zum Abschalten“ ein und weitere vier Prozent gaben an, zu diesem Zweck Alkohol zu trinken. Ein weiteres interessantes Ergebnis: Diejenigen Studierenden, die in einem Fragebogen zur Erkennung von klinisch relevanter Depressivität oder Ängstlichkeit auffällige Werte zeigten, hatten eine vierfach höhere Wahrscheinlichkeit, regelmäßig leistungssteigernde Substanzen einzunehmen (Grafiken).

Die Frage, ob Hirndoping mit einem höheren Risiko der Entwicklung psychischer Symptome verbunden oder eher als Selbsttherapie für bereits bestehende derartige Beschwerden genutzt wird, konnte in dieser Studie nicht geklärt werden. Die Zahlen zeigen aber, wie verbreitet unter (Lübecker) Studierenden die Einnahme jedweder Substanzen „als Mittel zum Zweck“ ist. Jede zehnte Studentin und jeder zehnte Student nimmt Mittel ein, um ihre oder seine geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Verschreibungspflichtige Medikamente und illegale Drogen machen zwar nur einen kleinen Teil der eingenommenen Mittel aus. Und das Trinken von Kaffee beispielsweise wird oftmals nicht als Hirndoping im engeren Sinne empfunden. Wenn es allerdings explizit mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung erfolgt, dann ist, ähnlich wie bei der Anwendung von „harmlosen“ Schmerzmitteln beim Sport, das Risiko höher, später auch mal zu „härteren“ Substanzen zu greifen.

Auch wenn teilweise andere Definitionen und Fragen verwendet wurden, passen die Ergebnisse zu denen größerer Untersuchungen in Deutschland. Aufgrund des begrenzten Fächerspektrums an der Uni Lübeck kann die Frage, ob Medizinstudierende häufiger als andere Studierende zu Hirndoping greifen, noch nicht abschließend geklärt werden. Neuroenhancement scheint aber an deutschen Hochschulen ein relevantes Thema zu sein. In Lübeck werden als Konsequenz aus den Ergebnissen alle Erstsemesterstudierenden über Hirndoping aufgeklärt. Hierzu gehört auch die Vermittlung bisheriger wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Nutzen von Hirndoping. So konnten zwar interessanterweise für einzelne Substanzen positive Effekte auf den Wachheitsgrad oder die Reaktionszeit gezeigt werden. Es gibt aber bislang keinen Nachweis dafür, dass sich über einen Placeboeffekt hinaus höhere kognitive Funktionen verbesserten, Studierende also bessere Klausur- oder Examensnoten erreichten. Und das bei teilweise erheblichen unerwünschten Wirkungen bekannter Hirndoping-Mittel, nicht zuletzt auf den Geldbeutel der Studierenden. Vor diesem Hintergrund erscheint eine ethische Debatte über das Für und Wider von Neuroenhancement überfällig.

Zum Abschalten verwendete Substanzklassen (in Prozent)
Zum Abschalten verwendete Substanzklassen (in Prozent)
Grafik 1
Zum Abschalten verwendete Substanzklassen (in Prozent)
Zur Leistungssteigerung verwendete Substanzklassen (in Prozent)
Zur Leistungssteigerung verwendete Substanzklassen (in Prozent)
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Zur Leistungssteigerung verwendete Substanzklassen (in Prozent)

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