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Nepal: Medizin in den Bergen

Medizin studieren, WS 2017/18: 12

Fürst, Johanna

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Am Fuß der Hauptkette des Himalaja-Gebirges liegt das Amppipal Hospital, in dem Patienten jeden Alters ambulant und stationär behandelt werden. Häufig sind Krankheitsbilder wie Asthma, chronische Bronchitis, Durchfall, Typhus, Würmer, Fieber und Infekte, aber auch Alkoholabhängigkeit und Depressionen. Die Medizinstudentin Johanna Fürst war vergangenes Jahr dort.

Foto:maroznc iStockphoto
Foto:maroznc iStockphoto

Einer anderen Art von Medizin begegnete ich während meiner zweimonatigen Famulatur im Sommer 2016 in Nepal im Krankenhaus von Amppipal. Ich hoffte, basale ärztliche Fertigkeiten zu vertiefen. Dies war in der Tat so: Auch wenn vielles ganz anders als in Deutschland war, fand ich mich schnell in den täglichen Ablauf im Krankenhaus von Amppipal ein. Dieses liegt auf einer Höhe von 1 000 Metern über dem Meeresspiegel im Distrikt Gorkha und bietet einen herrlichen Blick auf die verschneiten Berge der Annapurna-Bergkette und des Manaslu. Für die umliegenden Orte ist die Klinik derzeit der einzige Ort mit regulärer, chirurgischer Behandlungsmöglichkeit.

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Die Patienten nehmen oft einen weiten und beschwerlichen Marsch durch die Berge auf sich, um die Klinik zu erreichen. Insgesamt verfügt das Krankenhaus über 46 Betten; diese sind, abhängig von der Jahres- und vor allem der Festivalzeit, unterschiedlich belegt. Wenn große hinduistische Feste wie Darsai oder Diwali bevorstehen, möchte niemand im Krankenhaus sein. Auf den Körper wird weniger Rücksicht genommen.

Jeden Morgen – außer Samstag – wurden wir als ausländische Studenten und Ärzte pünktlich um acht Uhr im Schwesternzimmer erwartet, um bei den Visiten mitzulaufen. Denn die nepalesische Woche kennt sechs Arbeitstage, die in Amppipal gut strukturiert sind. Da die meisten Patienten kein Englisch sprechen, wurde in der Regel auf Nepali kommuniziert. Übersetzungen gab es meist in Form kurzer Zusammenfassungen. Auf diese Weise konnten wir jedoch unseren klinischen Blick schulen: Wir achteten vermehrt auf vermeintliche Kleinigkeiten, beispielsweise auf Körperhaltung und Gesichtsausdruck der Patienten oder Utensilien um die Krankenbetten herum.

In Anschluss an die Morgenvisite mussten zwei große Patientengruppen versorgt werden. Zum einen all die Patienten, die über zum Teil abenteuerliche Wege zur Sprechstunde gekommen waren und dafür keine Mühe gescheut hatten. Zum anderen aber auch all die stationären Patienten, bei denen Wundversorgungen, Verbandswechsel und chirurgische Eingriffe durchgeführt werden mussten. Viele Aufgaben für meist nur einen vollausgebildeten nepalesischen Arzt, von dem zu allen möglichen Symptomen Rat und Antwort 24 Stunden am Tag erwartet wurde.

Die Mittagspause um 12.45 Uhr wurde mit unglaublicher Präzision eingehalten. Für ausländische Gäste kochte die Haushälterin „Didi“ der Unterkunft jeden Tag den immer leckeren und nahrhaften Daal Bhaat (Reis mit Linsen und Gemüse). Nach einer Tasse des süßen Masala-Tees ging es wieder hinunter ins Krankenhaus und es wurde so lange gearbeitet, bis alle Patienten versorgt waren. Abgeschlossen wurden die Tage mit einer Abendvisite, die je nach Uhrzeit und „Erschöpfungszustand“ des Arztes unterschiedlich intensiv ausfiel. In den Nächten bestand immer Rufbereitschaft, um eventuelle Notfälle aus jeglichen Fachrichtungen zu versorgen und bei Geburten Hilfestellung zu leisten.

Studierende konnten frei aus dem vielfältigen Programm der Klinik wählen und sich persönliche Lernziele setzen. Kleine chirurgische Eingriffe, wie die Spaltung von Abszessen oder die Entfernung kleiner Fremdkörper, konnte ich beispielsweise unter Anleitung durchführen und bei aufwendigeren Operationen assistieren. Zudem habe ich mich bei den Sprechstunden dazugesetzt, um einen Eindruck von der Bandbreite der Krankheiten zu erhalten, mit denen ein Arzt in Amppipal täglich konfrontiert wird. Von Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Pneumonien und Impetigo über komplizierte Frakturen, Schwangerschaftsuntersuchungen und psychische Störungen bis hin zu lebensbedrohlichen Tumorerkrankungen konnte alles dabei sein. Da die diagnostischen und therapeutischen Methoden begrenzt waren, wurde viel Einfallsreichtum und Kreativität vom medizinischen Personal verlangt.

Während ihrer Famulatur im Krankenhaus von Amppipal lernte Johanna Fürst (rechts) Menschen aus der ganzen Welt kennen. Fotos. privat
Während ihrer Famulatur im Krankenhaus von Amppipal lernte Johanna Fürst (rechts) Menschen aus der ganzen Welt kennen. Fotos. privat

Der verantwortliche nepalesische Arzt legte viel Wert darauf, dass wir Studierende die pathophysiologischen Zusammenhänge von Krankheiten verstehen und uns aus diesen Überlegungen heraus auch Therapiemöglichkeiten ableiten können. Vor dem Hintergrund der eingeschränkten Behandlungsmethoden ist dies in abgelegenen nepalesischen Bergdörfern essenziell.

Bei kleinen Kindern standen virale Atemwegsinfektionen, akute Bronchitiden und Pneumonien im Vordergrund, die meist großzügig mit Antibiotika behandelt wurden. Aber auch infektiöse Hautkrankheiten, wie Impetigo, Tinea und Abszesse waren häufige Diagnosen. Verbrennungen kamen auch immer wieder vor. Im Jugendalter spielten Frakturen eine große Rolle. Die COPD (chronisch obstruktive Lungenkrankheit), Depressionen und Alkoholabhängigkeit waren bei erwachsenen Patienten entweder Haupt- oder Nebendiagnose. Atemwegsprobleme waren angesichts des Lebensstils (Kochen in engen, fensterlosen Räumen, Rauchen) ja zu erwarten, doch über das Ausmaß der psychischen Störungen und des Substanzmissbrauchs war ich regelrecht schockiert. Regelmäßig wurden Alkoholsüchtige und Drogenabhängige ins Krankenhaus gebracht, meist bewusstlos und mit Sturzverletzungen. Depressionen sind keine Wohlstandskrankheit und in Amppipal wurde mir die zerstörerische Kraft dieser Erkrankung bewusst. Professionelle Hilfe in Form von Psychologen war dort jedoch nicht verfügbar und die Betroffenen erhielten meist eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva.

Historischer Liglikot- Marathon: Johanna Fürst gewann unter großem Jubel in der Kategorie „Foreign people“ – ein besonderer Höhepunkt der Famulatur.
Historischer Liglikot- Marathon: Johanna Fürst gewann unter großem Jubel in der Kategorie „Foreign people“ – ein besonderer Höhepunkt der Famulatur.

Abgesehen von den medizinischen Aspekten war die Famulatur aber auch aus anderen Gründen ein unvergessliches Erlebnis: Ärzte, Krankenschwestern und Medizinstudenten aus aller Welt nehmen den langen Weg nach Amppipal auf sich, um im Bergkrankenhaus für einige Wochen oder Monate zu arbeiten. Vom Austausch mit ihnen habe ich sehr profitiert. Es sind Freundschaften entstanden, die sicherlich noch lange fortbestehen werden. An den Nachmittagen und Samstagen blieb zudem oft freie Zeit, die problemlos mit Erkundungstouren in die Umgebung zu füllen waren. Aufgrund der Lage am Fuße des Annapurna- und Manaslu-Massivs boten sich Wanderungen in das hügelige Vorland an.

Besondere Höhepunkte sind in Nepal jedoch die Feste: Jeder Besucher dieses kleinen, zwischen China und Indien eingeklemmten Berglandes wird schnell feststellen, dass Nepalesen – aus welchem Anlass auch immer – sehr gerne Feste feiern und Reden halten (vor allem die Männer). Ein aufregendes Ereignis zu Beginn des Oktobers ist der Ligligkot-Marathon. Sein Hintergrund: In früherer Zeit musste der nepalesische König seine Macht verteidigen, indem er aus diesem Rennen zum Gipfel des Ligligkots als Sieger hervorging. Dieser Lauf ist eine Veranstaltung, zu der Nepalesen aus dem ganzen Land anreisen, und ich bekam dank der Unterstützung von Nepalmed die Gelegenheit, daran teilzunehmen. Ein anstrengendes, aber dennoch einmaliges Erlebnis: Obwohl der Start der Frauen eigentlich um sieben Uhr am Morgen erfolgen sollte, ging es erst gegen neun Uhr los. Die ersten drei Läuferinnen von einem Leichtathletikverein aus Kathmandu sprangen beim Startschuss wie nepalesische Bergziegen die steile und steinige Straße hinauf. Ich sah sie erst im Ziel wieder.

Doch angetrieben von einem tollen Publikum lief und kletterte ich zum Ligligkot hoch. Unterwegs reichte man mir immer wieder Wasser und Bananen. Der Lauf war ein Höhepunkt der Famulatur: Als ich auf die Zielgerade in Form von vielen und hohen Steinstufen einbog, kam mir ein ohrenbetäubender Lärm entgegen und die Nepalesen feuerten mich aus ganzen Herzen an. Kaum im Ziel angekommen, musste ich mich sofort für Fotos zur Verfügung stellen. Die Menschen freuten sich sehr, dass jemand aus der Kategorie „Foreign people“ am Lauf teilgenommen hatte. In dieser Wertung hatte ich als einzige Läuferin natürlich den ersten Preis gewonnen!

Nepalmed e.V. ist eine im Jahr 2000 von dem deutschen Internisten Dr. med. Arne Drews gegründete Hilfsorganisation, die nepalesische Initiativen auf dem Gebiet der Medizin und des Gesundheitswesens fördert. Besonders Aus- und Weiterbildung von medizinischem Personal sowie die Finanzierung von Instandhaltungsmaßnahmen der Krankenhäuser in Nepal werden von Nepalmed unterstützt, wobei Amppipal Hospital das Hauptprojekt ist. Das Hospital ist staatlich, der Haushalt setzt sich jedoch vor allem aus Einnahmen aus der Behandlung und Spenden von Nepalmed zusammen. Seit Ende 2012 kooperiert Nepalmed mit der Patan Academy of Health Sciences (PAHS), die einen erfahrenen nepalesischen Arzt für das Amppipal Hospital stellt, dessen Gehalt weitgehend von Nepalmed finanziert wird. Durch die Kooperation mit PAHS ist das Amppipal Hospital zu einem Lehrkrankenhaus avanciert. PAHS entsendet junge Ärzte und Medizinstudierende zu Praktika nach Amppipal.

Praktika: Nepalmed freut sich über jedes ernst gemeinte Interesse an der medizinischen Arbeit in Nepal und koordiniert die Vergabe von Famulaturen nicht nur in Amppipal, sondern auch in mehreren Partnerkrankenhäusern. Bewerbungen für Famulaturen unter: work.nepal@gmx.de.

Buchtipp: Nepalmed hat einen eigenen Verlag gegründet: Edition Nepalmed. Dr. med. Arne Drews veröffentlichte dort bereits die Nepal-Krimis „Himalaya Gold“ und „Monsun“. Ein dritter Nepal-Krimi „Dämonen“ soll 2018 erscheinen. Die Einnahmen aus dem Verkauf dieser Bücher gehen an die ehrenamtliche Projektarbeit von Nepalmed e.V.

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