Karriere: Die Reportage

Radiologie: Durchblick garantiert

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 3/2011: 14

Richter-Kuhlmann, Eva

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Wer gern selbstständig und doch interdisziplinär arbeitet, es liebt, an Diagnosen zu tüfteln, aber bei therapeutischen Eingriffen auch gern selbst Hand anlegt und für innovative Technik zu begeistern ist, für den ist die Radiologie möglicherweise genau das richtige Fach.

Der Radiologe als Therapeut: Minimalinvasive Techniken gehören zum Behandlungsrepertoire. Fotos: Georg J. Lopata
Der Radiologe als Therapeut: Minimalinvasive Techniken gehören zum Behandlungsrepertoire. Fotos: Georg J. Lopata

Nein, im Dunkeln sitze er nicht ständig, lacht Dr. med. Dirk Schnapauff. Die Zeiten, in denen der Radiologe den ganzen Tag in der Dunkelkammer hockte, seien vorbei. Überhaupt sei er nicht nur ein „Bildchengucker“, stellt der 33-Jährige klar, der sich im letzten der fünf regulären Weiterbildungsjahre im Fach Radiologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin befindet.

Die Radiologie ist in viele Spezialgebiete untergliedert, beispielsweise die diagnostische und die interventionelle Radiologie, die Strahlentherapie, die Nuklearmedizin und den Strahlenschutz. Tätig ist Schnapauff seit gut einem Jahr in der Interventionellen Radiologie am Virchow-Klinikum der Charité im Berliner Stadtteil Wedding – und hier strahlt tatsächlich die Frühlingssonne durch die Fenster. „Wir haben bei uns an der Klinik eine eigene Bettenstation und eine eigene Ambulanz“, berichtet Schnapauff. Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Arbeit seien zurzeit Angiographien. „Wir behandeln Aneurysmen, dilatieren Beckenarterien und öffnen Unterschenkelarterien wieder“, erklärt er. Allein im vaskulären Bereich sei das Spektrum der interventionellen Radiologie breit. Hinzu käme aber noch das große Gebiet der onkologischen Therapie: Radioembolisationen, Chemoembolisationen von Karzinomen, Radiofrequenzablationen (RFA), Biopsien und viele palliative Therapien, die perkutan unter Bildkontrolle mittels Computertomographie (CT) durchgeführt werden.

Teamwork und Teaching von PJlerin Theresa Weiland: Ohne Zweitmeinung geht keine Diagnose raus.
Teamwork und Teaching von PJlerin Theresa Weiland: Ohne Zweitmeinung geht keine Diagnose raus.

Heute morgen auf dem Programm steht jedoch erst mal die Therapie einer Patientin mit chronischen Rückenschmerzen. Schnapauff unterhält sich mit der 61-jährigen Barbara B.: Vor etwa zwei Jahren hatte sie eine Stabilisierungsoperation an der Lendenwirbelsäule, LWK 3 und 4. Nun hat sie wieder starke Schmerzen und einen leichten Bandscheibenvorfall an der Wurzel L5 links. Eine Schmerztherapie, die ein konservatives Patientenmanagement ermöglicht und die Physiotherapie erleichtert, ist angezeigt. Schnaupauff injiziert an der entsprechenden Stelle zunächst das Lokalanästhetikum Lidocain. Später punktiert er mit einer Spinalkanüle unter CT-Kontrolle das Segment und setzt ein Depot des Schmerzmittels Bupivacain. Seine Wirkung wird etwa zwei Wochen anhalten, bevor die Patientin erneut in die radiologische Ambulanz kommen soll, erklärt der Radiologe und beruhigt Barbara B.: „Nach drei Anwendungen und der anschließenden Physiotherapie hat sich Ihr Zustand bestimmt deutlich verbessert.“

Wie Angela K. werden viele Patienten in der Interventionellen Radiologie nicht unter Narkose versorgt. Intensiver Patientenkontakt ist möglich.
Wie Angela K. werden viele Patienten in der Interventionellen Radiologie nicht unter Narkose versorgt. Intensiver Patientenkontakt ist möglich.

Anders als der Operateur im Operationssaal können die Radiologen mit ihren Patienten, die zumeist nicht in Narkose sind, sprechen und haben einen intensiven Kontakt mit ihnen. „Wer also Patienten gern langfristig betreuen möchte und Therapien verordnen will, ist in der interventionellen Radiologie genau richtig“, erläutert Schnapauff. Am Anfang sei das ja nicht so sein Ding gewesen, räumt er ein. Da habe er es vor allem spannend gefunden, mit Hilfe verschiedener bildgebender Verfahren Diagnosen herauszufinden. „Aber inzwischen hat sich die manuelle Tätigkeit bei mir regelrecht zur Leidenschaft entwickelt“, berichtet der gebürtige Rheinländer. Grundsätzlich habe er sich für die Radiologie beim Lernen fürs Examen entschieden, weil das Fach eine Kombination aus nahezu allen Fachdisziplinen darstellt und sich daraus viele Kooperationsmöglichkeiten ergeben.

Eine besonders enge Kooperation besteht zu den Chir- urgen und Internisten im Bereich der Onkologie. Denn aus einem Nischendasein heraus haben sich in den letzten zehn Jahren die minimalinvasiven onkologischen Therapieverfahren entwickelt, die wie an der Berliner Charité bereits in vielen Kliniken in die onkologischen Behandlungskonzepte integriert sind. „Regelmäßig treffen wir uns mit den Kollegen zu interdisziplinären Fallbesprechungen und können dann unsere minimalinvasiven bildgesteuerten Therapien anbieten“, erklärt Schnapauff. Diese umfassen ein breites Spektrum an Methoden und Indikationen. So lassen sich durch Embolisation gezielt Tumorgefäße verschließen, wobei die hierfür verwendeten Substanzen neben den embolisierenden Materialien (beispielsweise Mikrokügelchen) hochdosierte Chemotherapeutika enthalten können. Thermoablative Verfahren erlauben, Tumorgewebe in der Leber, der Lunge, den Nieren oder den Nebennieren hochpräzise durch Hitze zu zerstören, ohne umgebendes Gewebe zu verletzen. Krebsgewebe kann ferner mit Kälte oder Radiowellen zerstört werden. „Die Radiologie wandelt sich gerade von einer ‚nur‘ diagnostischen Disziplin zur behandelnden Medizin“, bestätigt auch Schnapauffs Chef, Prof. Dr. med. Bernd Hamm. Dies verdeutliche auch der Schwerpunkt „Tumorablation“ auf dem diesjährigen deutschen Röntgenkongress Anfang Juni in Hamburg. „Die Ablation stellt mehr und mehr eine Therapieoption für Tumoren dar, die dem Chirurgen nicht zugänglich sind oder in Fällen, in denen sich eine Chemotherapie nicht anbietet“, erläutert Hamm, der gleichzeitig in diesem Jahr deutscher Kongresspräsident ist.

Für Schnapauff war die Radiologie schon zu Beginn des Studiums „Liebe auf den ersten Blick“.
Für Schnapauff war die Radiologie schon zu Beginn des Studiums „Liebe auf den ersten Blick“.

Auch Schnapauff versorgt viele onkologische Patienten. Heute steht die 1950 geborene Angela K. auf seinem Programm, die unter einem Adenokarzinom des Magens mit multiplen Metastasen leidet. Ihr implantiert Schnap- auff unter lokalanästhetischer Betäubung und CT-Kontrolle einen Port, über den später gezielt das Chemotherapeutikum verabreicht werden kann. Nach dem Eingriff dokumentiert er diesen kurz vor Ort. „Das ist ein weiterer Vorteil der Arbeit als Radiologe“, erläutert er dabei lächelnd. „Man hat nicht viel Schreibarbeit: Keine Rentenanträge oder anderes Bürokratisches, durch das man sich kämpfen muss. Man kann sich ganz auf das Medizinische konzentrieren.“ Völlig ohne Dokumentation geht es jedoch natürlich nicht: Radiologische Befunde müssen geschrieben beziehungsweise diktiert werden. Sie werden auch immer im Team besprochen oder von einem erfahrenen Facharzt gegenkontrolliert. Gegen Mittag trifft sich Schnapauff dazu mit Oberärztin Dr. med. Ulrike Engert und Theresa Weiland. Sie ist seit gut einem Monat PJlerin in der Radiologie am Virchow-Klinikum und befundet Röntgenbilder unter Anleitung bereits selbst. „Ob ich nach dem Examen eine Weiterbildung in der Radiologie beginne, weiß ich noch nicht genau“, erzählt sie. Aber das interdisziplinäre und vielfältige Arbeiten gefiele ihr bisher sehr gut. Und noch ein Pluspunkt: „Ich habe hier geregelte Arbeitszeiten“, berichtet Weiland. Gerade für junge Ärztinnen und Ärzte mit Kindern ist dies ein nicht zu vernachlässigender Fakt bei der Wahl der Fachrichtung. Dienstbeginn ist am Virchow um 7.30 Uhr. Dienstags und donnerstags starten die Kollegen dann mit einem „Coffee und Learn“ in den Tag; 8.00 Uhr folgt eine kurze Röntgenbesprechung, bei der die Fälle vom Vortag diskutiert werden. Dienstschluss ist gegen 16.30 Uhr, nachdem es montags, mittwochs und donnerstags noch eine fakultative Fortbildung für alle gab, auf die sich die Kollegen im Wechsel vorbereiten und einen Fall oder ein Forschungsthema vorstellen.

Für Schnapauff ist der Facharzt für Radiologie auf jeden Fall die richtige Entscheidung: eine ideale Mischung aus Diagnostik und Therapie sowie der Arbeit mit Patienten und hochmodernen Großgeräten, wie Computertomographen, Magnetresonanztomographen oder digitalen Subtraktionsangiographen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Warum Radiologie?

„Die Radiologie ist ein Schlüsselfach der medizinischen Versorgung. 80 Prozent aller schwerwiegenden Krankheiten werden durch bildgebende Verfahren diagnostiziert. Hinzu kommt: Das Innovationspotenzial der bildgebenden Verfahren ist ungebrochen hoch. Und schließlich ist die Radiologie nicht ‚nur‘ ein diagnostisches Fach. Mit der interventionellen Radiologie bestimmt seit vielen Jahren eine überaus attraktive operative Disziplin das Feld minimal- invasiver Therapiemöglichkeiten. Wer sich für die Radiologie als Facharztrichtung entscheidet, entscheidet sich für eines der vielfältigsten und zukunftsträchtigsten Fächer der Medizin.“

Prof. Dr. med. Gerhard Adam, Präsident der Deutschen
Röntgengesellschaft e.V., im Gespräch mit DÄ Studieren
.de

Wo gibt es Unterstützung?

Die hellsten Köpfe für die Radiologie“ – Das Patenschaftsprogramm der Deutschen Röntgengesellschaft ermöglicht seit 2010 dem medizinischen Nachwuchs die kostenfreie Teilnahme an den jährlichen Deutschen Röntgenkongressen.

● Online-Angebot der Gesellschaft für Medizinstudierende und Weiterbildungsassistenten in der Radiologie: Unter www.hellste-koepfe.de gibt es Expertenforen und interaktive Bereiche.

Informationsbroschüre zur Facharztweiterbildung Radiologie „Durchblicker – Die Welt der Radiologie“ berichtet in Essays, Interviews und Fotostories von der vielfältigen Tätigkeit in der bildgebenden Medizin. Infos ebenfalls unter: www.hellste-koepfe.de.

Das Mentorenprogramm „Club 100“ der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie startete jetzt im Juni. Nachwuchsmedizinern sollen dort künftig Praktikumsplätze, Auslandaufenthalte sowie Doktorarbeiten vermittelt werden. Infos unter: www.degro.org

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