Vom Arztdasein in Amerika

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Das Staatsexamen wurde 2007 abgelegt, und nicht nur die Frage der Fachrichtung, sondern auch die des Arbeitsortes musste beantwortet werden. Nachdem das Assistenzarztdasein in Frankreich und Deutschland ausprobiert wurde, ging es nach Minneapolis im Jahr 2009. Es schreibt Dr. Peter Niemann über seine Ausbildung zum Internisten (sowie der Zeit danach) und über die Alltäglichkeiten, aber auch Skurrilität eines Arztlebens in USA.

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Vom Arztdasein in Amerika

Alternativmedizin: Großmundige Versprechen

Montag, 20. Mai 2019

Seit einigen Jahren bewege ich mich vermehrt auf dem Gebiet der komplementären und integrativen Medizin (CIM), die manche der Einfachheit halber als Alternativmedizin bezeichnen. Dieses Fachgebiet versteht sich als holistische oder ganzheitliche Medizin, die jeden einzelnen Menschen mit den verschiedensten Methoden heilen möchte. Das klingt doch erst einmal gut, oder? 

Doch wenn wir Schulmediziner ehrlich sind, dann ist das auch unser Ziel. Aber aus diversen Gründen heraus steckt die Schulmedizin aktuell in einer tiefen Krise und ist unter Beschuss. Hohe Kosten und wenig Zeit des Arztes für ein Patientengespräch sind nur ein Teil des Problemes, wie auch eine als anonym wahrgenommene Apparate- und Labormedizin. Das Problem ist so vielschichtig, dass ich seitenweise zu diesem Thema schreiben könnte. 

In den deutschsprachigen Ländern ist Alternativmedizin ein alter Hut, denn wir kennen schon seit vielen Jahrzehnten, zum Teil sogar Jahrhunderten, Heilkräuter, Homöopathie, Badekuren und vieles mehr. Akupunktur ist sehr beliebt, wie auch Hypnose, Nahrungs­ergänzungsmittel und diverse Kuraufenthalte. Aber eben nicht in den USA, und hier ist das Vorrücken dieser Behandlungsmethoden wirklich wie eine kleine Revolution.

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Doch auch hier machen viele Kollegen in der Alternativmedizin den Fehler, den Schulmediziner und andere in der Vergangenheit gemacht haben: Man verspricht zu viel. Manche versprechen ein Leben bis 150, andere eine Heilung (fast) aller Leiden und andere wiederum eine lebenslange Verjüngung. Gut, etwas Optimismus und Euphorie ist angebracht angesichts eines tatsächlich vorhandenen großen Potenzials, wie ich bestätigen kann: Mit einfachen Veränderungen kann man viel Positives bewirken. Dennoch wünsche ich mir doch etwas mehr Nüchternheit und Sachlichkeit. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur zu deutsch, wenn ich mir das wünsche.

Denn wie sonst will man diese reichen Praxen in Los Angeles, New York oder Miami am Laufen halten, wenn man nicht großmundig kleine (oder große) Wunder verspricht? Ich bin mittlerweile lange genug Teil dieser Gemeinschaft, um zu wissen, dass man zum Teil vierstellige Beträge für eine Konsultation bezahlen muss. Und wer würde schon 2.000 US-Dollar bezahlen, wenn man ihn mit einfachen Ratschlägen abspeist? Nein, dann lieber einige Superkapseln, Darmreinigungen, eine Injektion mit Stammzellen und das Versprechen, bis 150 – wahrscheinlich, denn man darf aus juristischen Gründen nie etwas zu 100 Prozent versprechen – zu leben, oder? Da ist die Rechnung dann Nebensache.

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Avatar #759489
MITDENKER
am Mittwoch, 29. Mai 2019, 14:39

Potenzial ist da, keine Frage

Auf die Frage von Weymayr könnte man Roman schreiben, hier nur einige kleinere Hinweise:
Bei großen Gerac-Akupunktur-Studie war sogar die Scheinakupunktur (!) immerhin noch doppelt so erfolgreich wie orthopädische plus physiotherapeutische Behandlung. Die "echte Akupunktur" nach den Regeln der Kunst noch etwas besser im Ergebnis. Die entsprechende Publikationen:
http://www.gerac.de/de_index_publikationen.htm

Auch die Homöopathie ist deutlich besser wie ihr Ruf, näheres siehe hier:
https://www.homoeopathie-online.info/category/studien/

Ich korrigiere: Besser wie ihr Ruf in angeblich "wissenschaftlich aufgeklärten Kreisen"; der Bürger - ja, der steht auf die Homöopathie, keine Frage.

Weitere Hinweise: Siehe Buch "Weltmedizin" von Dr. Grönemeyer oder das hervorragende relativ neue Buch von Dr. Müller-Wohlfahrt (zu dem die Stars gehen, WEIL er Naturheilkunde macht u. damit Erfolg hat - eben mehr wie die anderen mit Cortison, Ibu etc. Letzteres ist simpel, das verschreibt jeder Orthopäde u. jeder Hausarzt).
Avatar #2443
Weymayr
am Dienstag, 21. Mai 2019, 12:21

Potenzial?

Möge Asklepios verhüten, dass auch die US-Amerikaner von dieser Revolution heimgesucht werden. Da Sie im "Ärzteblatt" und nicht in "Wohlfühlen" schreiben, nehme ich an, Sie meinen ein nachweisbares, therapeutisches Potenzial, wenn Sie von "tatsächlich vorhandenem großen Potenzial" sprechen? Wo sehen Sie dieses Potenzial in der Alternativmedizin konkret?
Avatar #704484
Dr. Eckhoff
am Dienstag, 21. Mai 2019, 11:54

Dr. med. Eckhoff

In den 90 jahren gab es in Kalifornien den Studiengang Oriental Medizin. Die Ausbildung der Chirotherapeuten, der "Orientalen" und der klinisch tätigen ( CHirug, Internist u.A:) war bis zur ersten Zwichenprüfung gleich, alle hatten das gleiche Basiswissen. Dann erfolgte die Spezifizierung. Darüber war es dann möglich eine fundierte Ausbildung in der traditionellen chinesichen Medizin mit all Ihren Facetten zu bekommen. Einige dieser so ausgebildeten Kollegen habe ich kennen- und schätzen gelernt. Leider ist dieser Studiengang wieder eingestellt worden. Die Gründe sind mir nicht bekannt. Wahrscheinlich mangels Nachfrage, denn die Ausbildung war sehr anspruchsvoll. Ähnliches beobachte ich in Deutschland. Wenn ich die Kollegen etwas in diese MEthodik einführen möchte, bekomme ich immer Ablehnung zu spüren wegen des ZEitaufwandes.
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