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Avatar #106067
am Mittwoch, 17. April 2019 um 22:39

Exit oder Nicht-Exit, das ist hier die Frage?

Mein 91-jähriger multimorbider Patient A. S., der trotz seiner schweren Kriegsverletzung das Leben lange genießen und viele Reisen mit seinem Enkel nach Südafrika unternehmen konnte, fragte mich beim letzten Hausbesuch auf der Pflegestation ganz verhalten nach einer Atemtherapie: Er wolle lernen, mit eigenem Willen seinen Atem selbst so lange anhalten zu können, dass sein Leben damit beendet würde. Wir haben dann darüber gesprochen, dass dies leider nicht funktioniert. Der biologisch einprogrammierte Überlebens-Atemantrieb ist so stark, dass er sogar beim Ertrinkenden unter Wasser paradox zum Tod führt.

Wäre hier theoretisch ein ärztlich assistierter Suizid indiziert? Ich persönlich meine, Nein! Mein Patient hat keine Schmerzen, er muss nicht leiden, sein sozialer und familiärer Nahbereich ist weitgehend intakt.

Wenn ich mir allerdings vorstelle, mein Patient würde unter den Einfluss ehrenamtlicher, vereinsmäßig organisierter, professioneller oder gar kommerzieller Sterbehilfe-Organisationen geraten, wie labil und manipulierbar wäre er dann?

Er könnte für seinen Plan des aktiven Atem-Anhaltens Unterstützung dahingehend bekommen, dass Sterbehilfe-Organisationen sein Bedürfnis aufgreifen, ihn als zahlendes Mitglied anwerben und ihm "helfen" möchten?

Doch damit gewinnt das Ganze eine gewisse Eigendynamik: Mein Patient könnte sich vielleicht gar nicht mehr aus den Gedankenkreisen um Tod, Sterben, Erlösung, Abschied nehmen befreien. Er würde Signale seiner Familie, seines Enkels gar nicht mehr wahrnehmen, um vielleicht noch einmal sagen zu können "Ich beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens führt, in der Gewissheit, dass über meinem Land [Amerika] immer wieder ein strahlender Morgen heraufdämmern wird" (Ronald Reagan, 40. US-Präsident, am 5.11.1994 im 84 Lebensjahr).

Meine 44-jährige medizinische Laufbahn von 1975-2019 hat mich gelehrt, wie schwierig es ist stellvertretend für mental und Bewusstseins-mäßig eingeschränkte, seelisch be- und einge-trübte Patienten die richtigen medizinischen Entscheidungen zu treffen. Eine aktive, assistierende Entscheidungsfindung über Leben und Tod, Exit oder nicht Exit, kann auch ins Überhebliche, Menschen-verachtende abgleiten. Sie führt mich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen als der humanen Humanmedizin Verpflichtete zu einer äußerst schwierigen Gratwanderung.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #766245
am Donnerstag, 18. April 2019 um 13:08

Zum Kommentar "Exit oder Nicht-Exit, das ist hier die Frage?"

Sehr geehrter Herr Dr. Schaetzler,

Sie beschreiben die Schwierigkeiten, für andere über Leben und Tod zu entscheiden, die selbst dazu nicht in der Lage sind. Und es gibt vermutlich in der Tat keine Entscheidung, die schwieriger sein könnte.

Sie beschreiben die mögliche Bevormundung durch einen Verein, eine Sterbehilfe-Organisation.

Aber glauben Sie nicht, dass Sie - bei Ignorieren eines artikulierten Sterbewunsches oder aber - falls das nicht möglich ist - bei Übergehen einer quälenden Dauersituation - derjenige sind, der den Patienten bevormundet?

Angenommen, ein Patient verspürt sehr starken Dauerschmerz, ist im Übrigen bei vollem Bewusstsein und geistig klar. Er bittet Sie darum, ihn einzuschläfern (wie der Tierarzt einen Hund), um ihm zu erlösen. Bei der heutigen Rechtslage werden Sie ihm das vermutlich verweigern.

Warum geben wir dem Hund die Erlösung, aber nicht dem Menschen?

Zum Verein möchte ich folgendes anmerken. Ich unterstelle, dass es keine Zwangsmitgliedschaft gibt. Wenn also ein Patient dort beitritt, dann tut er das sicherlich nicht ohne eine Dokumentation dessen, unter welchen Voraussetzungen er die Hilfe der Organisation in Anspruch nehmen möchte.

Es ist doch seine Entscheidung, sich in die Hände des Vereins zu begeben. Er hätte vielleicht für diesen Fall auch die Hilfe oder Beratung seines Arztes in Anspruch nehmen können. Das setzt aber voraus, dass der Arzt seinen Glauben an die wiederaufgehende Sonne nicht über den Patientenwillen setzt.

Entsteht das moralisierende Element in der deutschen Debatte nicht genau deshalb, weil wir immer noch ein "Aber" finden, wenn der Patient uns sagt, er hätte gerne ein Ende.

Oder - was glauben Sie? - warum hat der Patient mit 91 Jahren Lebenserfahrung Sie nach der Atemtherapie gefragt? Sie werden den Lesern hier nicht sagen wollen, dass er seine Kenntnisse in Biologie oder Medizin aufbessern wollte. Für mich klingt es eher so, als hätte er nach einem Weg gesucht, sein Leben zu beenden - ohne Ihre Hilfe, damit Sie nicht ins Gefängnis kommen. Er scheint mir damit sehr intelligent und rücksichtsvoll. Als Sie ihm dann erklärt haben, "dass dies leider nicht funktioniert.", so frage ich mich, welchen Gesichtsausdruck er dabei hatte. Und ich frage mich, warum Sie "leider" gesagt haben.

Ich bin kein Arzt. Ich bitte deshalb um Nachsicht, wenn ich manches schwer verständlich finde. Und natürlich kenne ich die Einzelheiten Ihres geschilderten Falles nicht.

VG Wolfgang Wagemann

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