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Avatar #801719
am Sonntag, 1. Dezember 2019 um 01:32

Wo leben wir eigentlich?

Ich finde es großartig, dass dieses Thema hier aufgegriffen wird. Ich bin leider selbst betroffen und Sie können sich nicht vorstellen wie schlimm es ist, wenn der eigentlich schönste Tag im Leben einer Frau und eines Neugebohrenen in einem Trauma endet. Ich habe ein hohes Maß an Verständnis, dass die Arbeitsbedingungen in vielen Kliniken sehr schwierig sind. Das man einen schlechten Tag haben kann und das eine Geburt für ein Krankenhaus auch irgendwo ein Geschäft ist. Aber es kann einfach nicht sein, dass man so mit uns Frauen - gerade auch bei Erstgebährenden - umgeht. Das man uns quasi so „misshandelt“ egal ob physisch oder verbal. Da kommt ein neuer Mensch auf diese Welt. Das ist für eine Frau eine absolute Grenzerfahrung und man ist Ihnen (Ärzte, Hebammen) in dieser Situation hilflos ausgeliefert. Wir vertrauen Ihnen uns, unseren Körper und unser Baby an und werden dann teilweise wie ein Stück Vieh behandelt. Das ist eine Schande. Auch wenn es noch so hektisch und stressig ist kann man nett und freundlich bzw. emphatisch sein. Und es ist Ihr Job das wir aufgeklärt werden. Sie müssen uns motivieren und nicht einfach gegen unseren Willen intervenieren nur damit es schneller geht. Sie haben sich diesen Job ausgesucht also vermute ich mal Sie haben Freude an dem was Sie tun. Also denken Sie ab sofort bitte immer daran. Sie tragen nachhaltig dazu bei wie wir gebären. 🌹
Avatar #687997
am Sonntag, 1. Dezember 2019 um 20:51

Gewalt ist, was die Mutter-Kind-Bindung stört

Eine wahre Begebenheit: Eine Frau entbindet im Krankenhaus. Ihr wird eine Periduralanäthesie empfohlen, der sie zustimmt. Nun fängt für sie den Leidensweg an: Die Wehen setzen aus, dafür bekommt sie die schlimmsten Kopfschmerzen ihres Lebens. Die Wehen werden künstlich wieder in Gange gesetzt; das Kind kommt schließlich mit Verspätung zur Welt. Weil die Mutter immer noch "außer Gefecht" ist, wird dem Vater das Kind in die Arme gelegt. Weil das Baby nicht gleich saugen darf, bekommt es mit Verspätung abgepumpte Muttermilch aus der Flasche. Wegen der Periduralanäthesie ist die Mutter wochenlang beeinträchtigt; die Großmutter muss einspringen. Die Mutter stillt nicht. Nennt man das eine Erfolgsgeschichte der Schulmedizin? Nein, das ist eine Gewalterfahrung. Heute: Der Vater hat eine wunderbare Beziehung zum Kind; die Mutter ist außen vor. Sie steht ganz am Anfang des Leidenswegs mit ihrem Kind, weil Erziehungs-/Beziehungsprobleme vorgezeichnet sind. Wie soll eine Mutter ihr Kind ohne Bindung erziehen?
Avatar #802175
am Dienstag, 3. Dezember 2019 um 22:57

Respektlosigkeit und Gewalt IST ein tägliches Thema. Es reicht! Jede Geburt ist eine zu viel!

In diesem Artikel wie in allen Diskussion sehe ich, dass MedizinerInnen und Hebammen die Grauzone nicht sehen/ nicht sehen wollen, in der ihre Routinehandlungen glasklare Gewalt in der Geburtshilfe sind. Sie wollen nicht sehen, dass sie schon jetzt in Gesetzen geregelte Patientenrechte für medizinisch und juristisch korrekte Aufklärung, für die Beachtung der Patientenwünsche, für einen menschenwürdigen Umgang in grober Weise missachten. Vor allem auf der Ebene der Kommunikation! Das auf die fehlende 1:1 Betreuung und auf belastete Frauen zu schieben nenne ich Borniertheit und Blindheit. Damit wird die Verantwortung für das eigene Tun verschoben. Patienten sind Patienten sind Patienten. Jeder einzelne muss darauf vertrauen können, dass man medizinisch und juristisch korrekt und menschenwürdig handelt.

Weil bis 2017 alle Mütter aus meiner Praxis ihre Kinder in gewaltfreien guten Geburten gebaren, glaubte ich, dass die Ergänzung der üblichen Schwangerschaftsvorsorge/Geburtsvorbereitung mit mentalen Methoden und der Bindungsanalyse Geburten vor unnötigen Interventionen und Gewalt schützt. 2017 und 2018 erlebten dann drei „meiner Praxismütter/Babys“ Gewalt. Ich selbst habe die letzte dieser Geburten begleitet und war schockiert. Ich wurde also selbst Zeugin und sah in einem langen Geburtsverlauf immer mehr Routinehandlungen, die in der geplanten und teilweise vollzogenen Ausführung als „Gewalt in der Geburtshilfe“ zu werten sind. Hiernach sah ich die Notwendigkeit etwas zu tun. Ich habe eine Patientenverfügung & Vorsorgevollmacht für die Geburt entwickelt

Wer einen medizinischen helfenden Beruf ausübt, hat ebensowenig eine ausgereifte Persönlichkeit wie alle anderen Menschen. Auch ÄrztInnen und Hebammen haben blinde Flecken und Unbewusstsein. Sie werden neurophysiologisch und psychologisch - wie wir alle - zu 95 % davon gesteuert. In der Kommunikation drücken sich diese unbewussten 95 % in der Körpersprache und im Tonfall aus. Dies hat einen direkten Einfluss auf den Geburtsverlauf. Hier korellieren die Verletzungen aus der Kindheit und der eigenen Geburtserfahrung von Hebammen und ÄrztInnen mit denen der Eltern, die sich ihnen anvertraut haben. Da ÄrztInnen und Hebammen jedoch aufgrund ihres Berufes in der "überlegenen" Position sind, sprechen wir hier von Abhängigkeitsverhältnissen und dann wird Gewalt in der Geburtshilfe zu Machtmissbrauch! Eltern müssen sich schon alleine aufgrund der Klinikregeln unterlegen fühlen, denen sie sich zu "unterwerfen" haben (Beispiel Branüle legen, CTG). Zur Eleminierung von Gewalt in der Geburt sehe ich, dass dies nur Hebammen und ÄrztInnen wirklich durch ihre Arbeit an sich selbst leisten können. Das bedeutet, dass sie sich selber auseinandersetzen mittels Selbsterfahrung, die die vorgeburtliche Zeit mit einbezieht, und Persönlichkeitstraining.

Ich war schockiert, sekundär traumatisiert und empört, was ich während einer 24-stündigen Geburt einer Klientin, die ich begleitet habe, gesehen und gehört habe. In einer großen Klinik in Kölner Umland, in der Hebammen ausgebildet werden und die vor 30 Jahren ihre Geburtshilfe im Sinne der natürlichen Geburt umgestellt hat und von diesem guten Ruf noch heute profitiert. Neun Mal!!! waren Routinehandlungen glaskare Gewalt. Und wir hatten noch keinen Geburtsverlauf, in dem es dem Baby schlecht ging und sofort gehandelt werden musste. Im Gegenteil: Wäre ich nicht dabei gewesen, wären die Eltern in genau diese Situation mit ihrem Baby hineingeraten - trotz ihrer wirklich gründlichen Geburtsvorbereitung und den vorbereitenden Gesprächen mit der Klinik. Darunter Missachtung vorher schriftlich in die Patientenakte abgegebene, mit dem Arzt im Geburtsplangespräch besprochene und von ihm zugesagte "PatientInnenwünsche" ganz allgemeiner Art. Dann eine Blutabnahme trotz Bitte zu warten, bis die Wehe vorbei sei. Dafür mit einem indiskutablen Spruch.

Der Gipfel war eine medizinisch und juristisch inkorrekte Aufklärung zum Medikament, das für die Geburtseinleitung dann nach 24 Stunden eingesetzt werden sollte mit den Worten "kommen Sie in den Kreißsaal, wir sagen Ihnen dann was wir machen werden." Das Medikament wurde bagattelisierend wie die Einladung zu einer Partie angeboten ohne Nennung der Risiken. Auf Nachfrage wurde ein Risiko benannt, das aber selten auftritt und wenn dann habe man dafür auch ein toll wirksames Medikament. Ich war sprachlos, weil mit der geplanten Einleitung die seelische und die körperliche Gesundheit von Mutter und Kind fahrlässig gefährdet wurde. Es wurde vorher keine vollständige Anamnese erhoben zur Kindslage und es wurde die Vorgeschichte nebst sämtlichen Gesprächen missachtet. Dass die Anamnesen nicht korrekt erhoben werden, dass Geräte nicht funktionieren haben mir Ärztinnen während der Aufarbeitung ihrer Geburtserfahrung erzählt, weil sie dies selbst erleben mussten. Darunter war auch eine Ärztin, die für den Fall eines Kaiserschnitts darum gebeten hatte, dass man sie nicht in OP Nr. ... bringen wolle, da sie dort während ihrer Arbeit miterlebt hat, dass eine Gebärende dort gestorben ist. Dies wurde missachtet. Sie kam mit einer Posttraumatischen Belastung und einem Baby mit Regulationsstörungen zu mir.

Ich glaube, dass es weit mehr als 50 % der Frauen sind, die Gewalt in der Geburt erleben.

Nur abgestumpfte Väter würden die Gefahr für das Baby und die Mutter bei solchem Vorgehen im Raum nicht spüren. Für jeden empathisch fähigen Menschen ist die Lebensgefahr und Bedrohung, in der die Gebärende und das Baby sind und deren Ohnmacht und Ausgeliefertsein greifbar. Deshalb kann ich jeden Vater verstehen, der dann aggressive Mordsgedanken ausspricht. Genau so eine Mordswut habe ich in dem Moment auch gefühlt. Das ist berechtigt.

Gewalt in der Geburt gibt es seit jeher. Als ob 1:1 Betreuung, Zahlen und Statistiken daran etwas ändern würden. 1957 mit unsäglicher Gewalt auf die Welt. Mein Kind 1987. Und seither ist es in der Geburtshilfe nach meiner Erfahrung nicht besser geworden. Im Gegenteil, der Druck auf die Mütter ist immens. Jede 5. Geburt wird eingeleitet, meistens ohne Not. Wenn nur noch 7 Babys von ihren Müttern ohne jeden Eingriff geboren werden, obwohl es nur für 10 bis 15 von 100 Babys einen eindeutig medizinischen Grund für Eingriffe gibt, dann stimmt da was nicht mit der Geburtshilfe in Kliniken.

Avatar #802075
am Donnerstag, 5. Dezember 2019 um 22:31

Prävalenz zur Gewalt in der Geburtshilfe weiterhin unklar.

Dipl. Marita Klippel-Heidekrüger
am Donnerstag 5.12.2019
Als Referentin zum Thema: Beeinträchtigungen der Mutter/Kind-Einheit während Schwangerschaft und Geburt, begrüße ich es außerordentlich, dass das Ärzteblatt (29.11.2019) das Thema "Gewalt in der Geburtshilfe" aufgegriffen hat, auch wenn eine Prävalenz hierzu weiterhin unklar sei.
Ich selbst beziehe mich in meinen Vorträgen auf die Dokumentation von Iris Eichholz "Kinderrechtsverletzungen während Schwangerschaft, Geburt und in den ersten Lebenstagen" Hrsg. GreenBirth e.V. 2019) Die dort erwähnten folgenreichen Routinehandlungen werden durch evidenzbasierte Studien gestützt. Die Schrift weist vor allem auf wechselseitige Beeinträchtigungen durch direkte und indirekte Interventionen bei Mutter und/oder Kind während der für beide bedeutenden Entwicklungsphase der Geburt hin. In Kauf genommenen Kinderrechts- und Frauenrechtsverletzungen werden dargelegt.

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