StudierenForenAufstand KassenärzteVon 118 000 €/a Praxis-Überschuss (Gewinn) auf 34 000 €/a "netto" für die ganze Familie?

Aufstand Kassenärzte

Aufstand Kassenärzte

Nach den Klinikärzten gehen nun auch die Niedergelassenen auf die Straße: Kassenärzte protestieren gegen Honorarverluste, Arzneiregresse, Bürokratie und politische Gängelung.

Avatar #89759
am Dienstag, 9. Dezember 2008 um 13:32

Von 118 000 €/a Praxis-Überschuss (Gewinn) auf 34 000 €/a "netto" für die ganze Familie?


Ein Freund von mir (BWLer) von hat mir gestern Abend grinsend über einen Besuch seiner Mutter bei ihrem Hausarzt berichtet.

Die ist eigentlich noch ziemlich fit und war nur kurz wegen einer Impfung hingegangen.

Sie habe dort im Wartezimmer einen Flyer gefunden, in dem vorrechnet werde, wie ein alleinverdienender Familienvater als Hausarzt von 118 000 Euro/a Praxis-Gewinn (Gewinn, nicht Umsatz!!!) auf ein monatliches netto-Einkommen von 2800 Euro für eine vierköpfige Familie komme.

Sie sei davon so beeindruckt gewesen, dass sie beinahe die Helferin an der Rezeption nach der Kontonummer des Spendenkontos gefragt hätte. ;)

Mein Freund hat sich fast schlapp gelacht und ihr dann geraten, sich einen anderen Hausarzt zu suchen.

Die Rechnug auf dem Flyer habe ähnlich ausgesehen wie die Rechnung aus einer Leserzuschrift in diesem Blog, die wir hier bereits einen anderen Thread ausführlich diskutiert haben:

http://www.aerzteblatt.de/v4/foren/beitrag.asp?id=83783

Damals hatte jemand vorgerechnt, wie einem Familienvater von einem 117 000 Euro Praxis-Überschuss für die ganze Familie gerade mal 33 000 Euro/Jahr bzw. 2750 Euro/Monat "netto" übrig bleiben sollten.

Mein Freund hatte mir damals schon erklärt, welche gravierenden sachlichen Fehler in dieser Rechnung enthalten seien und dass einem Familienvater als alleinigem "Ernährer" der Familie von jährlich 117 000 Euro Überschuss/Gewinn nicht 33 000 Euro "netto" übrig bleiben, sondern ca. 65 000 Euro/Jahr bzw. ca. 5500 Euro/Monat.


Der wesentliche sachliche Fehler, den wir bereits damals hier im Forum richtiggestellt hatten, besteht im Verschweigen der Tatsache, dass in den Praxiskosten, die bei der Ermittlung des Praxisgewinns von den Praxiseinnahmen (dem "Umsatz") abgezogen werden, auch ein Betrag für "Absetzung für Abnutzung" (Abschreibung, AfA) enthalten ist.

Dieser Betrag wird bei der Ermittlung des Gewinns vom Umsatz abgezogen, ganz egal, ob bzw. wofür er verwendet worden ist.

Er kann zum Beispiel für die Tilgung von Krediten oder das Ansparen eines Guthaben für zukünftige Neuanschaffungen verwendet werden.

Mit anderen Worten: Es ist imho unseriös, vom errechneten Praxisgewinn noch Beträge für die Tilgung praxisbezogener Kredite abzuziehen.

Die "Aufwendungen für Tilgungen" tauchen zwar in der Aufstellung der Praxiskosten nicht wörtlich auf, aber es gibt dort den Posten "Abschreibung für Aufwendungen" (AfA) und dieser Betrag kann, muss aber nicht für Tilgungen verwendet werden. (Die tatsächlich geleisteten Tilgungen können höher oder niedriger als die AfA sein.)

In dem Flyer, der die Mutter meines Freundes schwer beeindruckt hatte, seien von 118 000 Euro Praxisgewinn nicht nur 14 000 Euro an Tilgungen abgezogen worden, sondern auch noch ein paar tausend Euro an Kosten für ein Auto, das für Hausbesuche benötigt würde.

Auch das wäre laut Auskunft des BWLers falsch:

Alle anteiligen Kosten für ein Kfz, das für Hausbesuche benötigt würde, seien bereits in den Kosten Praxiskosten enthalten, müssten also nicht vom Praxisgewinn bezahlt werden.

Für Alters- und Krankheitsvorsorge seien in dem Flyer vom Praxisgewinn noch 28 000 Euro abgezogen worden.

Als Einkommensteuer seien 34 000 Euro genannt worden.

So seien laut dieser Berechnungen einem alleinverdienenden Familienvater von 117 000 Euro Praxisgewinn (wie gesagt: von 118 000 Euro Gewinn, nicht vom Umsatz!) für den Unterhalt seiner Familie gerade noch ca. 34 000 Euro/Jahr "netto" übrig geblieben.

Der BWLer kommt da zu einem ganz anderen Ergebis.

Die Berechnung des Einkommens eines niedergelassenen Arztes mit einem rechnerischen Praxisüberschuss/Gewinn von 118 000 Euro sieht bei ihm für einen alleinverdienenden Familienvater mit z.B. zwei Kindern so aus:

a) Berechnung der Einkommensteuer:

Von den 118 000 Euro Praxisüberschuss gehen dabei noch Abzüge für Vorsorgeaufwendungen und Sonderausgaben weg.

Dann bleiben noch ca. 108 000 Euro/a als zu versteuerndes Einkommen übrig.

Beim Single (nach Grundtarif) gingen 37 000 € Ekst. + 2000 € Soli + 3 000 € Kirchensteuer, also insgesamt 42 000 Euro an Steuern weg, falls man Kirchenmitglied wäre.

Ein alleinvedienender Familenvater würde aber nach dem Splittingtarif besteuert:

Nach dem Splittingtarif gingen nur 29 000 € Ekst. + 1 600 € Soli + 2 600 € Kst., also ca. 33 000 Euro an Steuern weg.

Die 33 000 Euro Steuern stimmen etwa mit den Angaben auf dem Flyer überein.



b) Bererchnung der Ausgaben für Krankheitsvorsorge:

Als alleinverdienender Familienvater ist es ratsam, in der GKV zu sein. Das wären dann 7000 Euro/Jahr für Kranken- und Pflegeversicherung.

c) Pflichtausgaben für die Altersvorsorge:

Das sind bei einem niedergelassenen Kollegen noch ca. 1200 € als Pflichtbeitrag für das Ärzte-Versorgungswerk.

Berechnung des Familineneinkommens eines Alleinverdieners nach Abzug der Ausgaben für Alters- und Krankheitsvorsorge und der Einkommensteuer:

118 000 Euro Praxisüberschuss/Gewinn
- 33 000 Euro Steuern
- 7 000 Euro GKV-Beitrag
- 12 000 Euro Pflichtbeitrag zum Versorgungswerk
_____________________________________________

66 000 Euro/Jahr

bzw. ca. 5500 Euro/Monat "netto"

Dieser Betrag wäre dann mit dem netto-Gehalt eines Angestellten nicht ganz vergleichbar, denn als Freiberufler käme noch eine Versicherung für ein Krankentagegeld hinzu, das ich im Angestelltenverhältnis nicht brauche, solang mir im Krankheitsfall mein Gehalt weitergezahlt wird.

Für eine Krankentagegeldversicherung gingen meines Wissens noch ca. 50-100 Euro/Monat vom netto-Einkommen weg. (Kann sicher auch mal mehr sein.) Die Höhe der Prämie hängt sehr stark von der Höhe gewünschten Tagegelds und dem Bezugszeitraum ab. Hab mal die Tarife angesehen, mich aber nicht näher damit beschäftigt.



Nach den Berechnungen des BWLers gingen also von den 118 000 Euro Praxisgewinn an Pflichtbeiträgen zum Versorgungswerk 12 000 Euro/Jahr und an Beiträgen zur GKV 7 000 Euro/Jahr weg. Summe: 19 000 Euro.

In den Berechnungen, die seine Mutter gelesen hatte, seien ca. 28 000 Euro für Alters- und Krankheitsvorsorge genannt worden.
Dafür wäre die Familie aber PKV-versichert und/oder es müssten zusätzliche freiwillige Beiträge zum Versorgungswerk enthalten sein. Das wäre dann etwa so als würde ich bei der Berechnung meines netto-Einkommens vom brutto-Gehalt nicht nur die Pflichtabgaben abziehen, sondern auch noch alle meine Ausgaben für vermögenswirksame Leistungen und Beiträge zur zusätzlichen freiwilligen Altervorsorge.
Avatar #87250
am Dienstag, 9. Dezember 2008 um 16:24

Buchungstechnisch

Also mit Buchungen und Auswertungen hat dein Freund sicherlich mehr Ahnung als ich und 120.000 Euro Praxisüberschuss sind reichlich. Aber die sind auch nicht ganz so einfach zu bekommen. Wenn es nur KV-Scheine sind, dann sind das so viele Patienten, dass der Tag mehr als 24 und die Woche mehr als 8 Tage haben muss.( Grins). Nunja.
Aber auch in der Wirtschaft ist es so. Jedes Unternehmen kann seine Zahlen schön rechnen oder einen Verlust ausweisen. Das ist ja bekannt.
ABer wir sind halt beim alten Thema:Transparenz.

Wenn du mal in D als Niedergelassener arbeiten wirst, dann wirst du die Realitäten sehen. Als Aussenstehender kann man kaum das System durchschauen.
Avatar #89759
am Dienstag, 9. Dezember 2008 um 18:51

Sollte wohl eher eine Musterberechnung zwecks Patientenaufklärung sein ;)

Zitat=adonis:__________________________________________________________
120.000 Euro Praxisüberschuss sind reichlich. Aber die sind auch nicht ganz so einfach zu bekommen. Wenn es nur KV-Scheine sind, dann sind das so viele Patienten, dass der Tag mehr als 24 und die Woche mehr als 8 Tage haben muss.( Grins). Nunja.
__________________________________________________________________

Ich gehe davon aus, dass sich die 118 000 Euro, um die es in dieser "Patienteninformation" gegangen sein soll, nicht nur auf den GKV-Umsatz bezogen, haben, sondern auf den _gesamten_ Umsatz .

( Zum Thema Arbeitszeit will ich später noch etwas sagen. In dem Flyer hat gestanden, man müsse für die 2800 Euro netto /Monat 80-100 h/Woche arbeiten. Aber dazu später mehr.)

Ich vermute mal, dass der Kollege nicht die Absicht hatte, Patienten über seine tatsächlichen Einkommensverhältnisse zu informieren, sondern dass er die Zahlen über Umsätze und Überschüsse verwendet hat, die seit einiger Zeit in den Medien kursieren. Da werden unter Bezug auf das statistische Bundesamt häufig ca. 120 000 Euro pro Jahr als durchschnittlicher Überschuss aller Fachgebiete genannt und es wird von einem durchschnittlichen monatlichen Brutto-Einkommen niedergelassener Kollegn im Bereich von ca. 10 000 Euro gesprochen.

Ich vermute, die niedergelassenen Kollegen wollen mit dem Verbreiten eigener Berechnungen zu ihren Einkünften verhindern, dass Patienten die in den Medien genannten 120 000 Euro "brutto" mit ihrem eigenen Brutto-Gehalt vergleichen und daraus möglicherweise falsche Schlüsse ziehen.

Im Internet gibt es schließlich genug Seiten mit Gehaltsrechnern. Da kann sich jeder leicht ausrechnen lassen, dass einem verheirateten Angestellten mit zwei Kindern nach dem Splitting-Tarif von 120 000 Euro brutto nach Abzug der gesetzlichen Abgaben ca. 75 000 Euro/Jahr bzw. ca. 6250 Euro/Monat netto übrig bleiben.

Um bei Patienten nicht den Eindruck zu erwecken, auch ihr Arzt habe netto-Einkünfte in dieser Größenordnung bietet es sich offensichtlich an, denen weiszumachen, einem Freiberufler blieben von 120 000 Euro "brutto" (Praxisgewinn) nicht 75 000 Euro übrig blieben, sondern nur knapp 36 000 Euro/a, also knapp 3000 Euro/Monat.

Wenn ich alles, was mir der BWLer erklärt hat, richtig verstanden habe, bleiben einem freiberuflich tätigen Kollegen bei gleichen brutto-Einkommen "netto" zwar tatsächlich ein paar Tausender weniger übrig als einem an einem angestellten Kollegen, aber so groß, wie er betriebswirtschaftlichen Laien gegenüber gern dargestellt wird, ist der Unterschied ganz sicher doch nicht.

Nach dem Splittingtarif müsste man als Freiberufler bei 120 000 Euro/a Praxisüberschuss ca. 34 000 Euro/Jahr an Steuern (Einkommensteuer, Soli und Kirchensteuer) zahlen.

An das Versorgungswerk müsste man 12 000 Euro/a an Pflichtbeiträgen zahlen. (Also das Doppelte dessen, was man als Angestellte als Arbeitnehmeranteil zahlen müsste.)

An die GKV müsste man 7000 Euro/a zahlen. (Auch etwa das Doppelte des Arbeitnehmeranteils)

Deshalb blieben dem Freiberufler von den 120 000 Euro/a "brutto" nur ca. 67 000 Euro/a "netto" übrig; dem Angestellten aber ca. 75 000 Euro.
Aber selbst wenn man beim Freiberufler noch 2000 Euro/a für eine Krankentagegeldversicherung abzöge, blieben noch 65 000 Euro/a übrig.

Außerdem hat der BWLer noch gesagt, bei dieser Einkommensklasse sei es günstiger, auf Kindergeld zu verzichten und statt dessen Kinderfreibeträge in Anspruch zu nehmen. Dann läge der Abzug für die Steuern nur noch bei ca. 30 000 Euro/Jahr, also das netto-Einkommen um 4 000 Euro/Jahr höher. (Das gilt allerdings sowohl für den Freiberufler als auch für den Angestellten mit zwei Kindern.)
Avatar #89759
am Dienstag, 9. Dezember 2008 um 22:12

@adonis: Niederlassung - nein, Danke

Zitat=adonis:
Wenn du mal in D als Niedergelassener arbeiten wirst, dann wirst du die Realitäten sehen. Als Aussenstehender kann man kaum das System durchschauen.
________________________________________________________________________

Stimmt. Man blickt da wirklich kaum durch. Vielleicht sogar nicht nur als Außenstehender?

Wie sollte ich mir sonst erklären, dass jemand überzeugt ist, bei einem Praxisgewinn von 120 000 Euro nur 35 000 für seine Familie "zum Leben" zur Verfügung zu haben und dafür bis zu 100 Stunden pro Woche arbeiten zu müssen?

Meine Recherchen zum Thema Niederlassung haben mich jedenfalls darin bestärkt, mich hierzulande niemals niederzulassen, solang sich an diesem intransparenten und meiner Meinung nach auch verlogenen System nichts geändert hat.

Bin bis jetzt mit den Arbeitsbedingungen an "meinen" KH ganz zufrieden. Wer weiß, vielleicht finde ich dort auch später als FA mal einen interessanten Job.
Avatar #89475
am Mittwoch, 10. Dezember 2008 um 08:29

at Konny

siehst Du, offensichtlich ist es besser im KH als Knecht als als Hausarzt zu arbeiten. Damit ist zumindest im Vergleich zwischen Dir und dem Hausarzt (oder dem, was Du Dir erwartest)) alles gesagt, nämlich das du nicht soi dämlich wärst, dafür deinen Klinikjob aufzugeben.

Letzte Beiträge zu diesem Thema

Zusatzinfos