StudierenForenPriorisierungDie Gefahr wächst, dass das Notwendige immer mehr vom Finanzierbaren bestimmt wird

Priorisierung

Priorisierung

Die für das Gesundheitssystem zur Verfügung stehenden Finanzen sind begrenzt. Brauchen wir in Deutschland eine Priorisierung etwa nach skandinavischem Vorbild? Wie sinnvoll ist, medizinische Leistungen nach ihrer Vorrangigkeit zu klassifizieren und zu erbringen?

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am Mittwoch, 18. März 2009 um 00:00

Die Gefahr wächst, dass das Notwendige immer mehr vom Finanzierbaren bestimmt wird

Eine Artikelserie im Deutschen Ärzteblatt soll zur Klärung zum Thema "Priorisierung in der Medizin" beitragen.

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=63854

„Priorisierung“ war Thema des dritten „Wortwechsels“ des Deutschen Ärzteblattes

Jörg-Dietrich Hoppe wies auf die stetig zunehmenden staatlichen Einflüsse auf die medizinische Versorgung hin und warnte: „Damit wächst die Gefahr, dass das Notwendige immer mehr vom Finanzierbaren bestimmt wird. Es ist sinnvoll, öffentlich über Priorisierung zu diskutieren, um zu einer ehrlichen Bewertung der Lage zu kommen.“

Dagegen lehnte Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Forderungen nach einer Priorisierung entschieden ab: „Mich wundert die Kleinmütigkeit der Debatte, die hier geführt wird, vor dem Hintergrund dessen, was das GKV-System geleistet hat.“

„Der Gesetzgeber hat bereits priorisiert, hat Dinge in der Krankenversorgung ausgeschlossen, die nicht immer leicht zu verkraften sind, wie zum Beispiel OTC-Arzneimittel oder Krankentransportfahrten“, bemerkte Eckhard Nagel, Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth. Gemeinsam müsse die Gesellschaft Wege finden, mit dem Mangel umzugehen.
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am Montag, 3. August 2009 um 10:55

Priorisierung in der Krise - Korrosion von Normen und Prinzipien

Priorisierung in der Krise

Bezug: Raspe, H., Meyer, T.: Priorisierung. Vom schwedischen Vorbild lernen. Deutsches Ärzteblatt 106(21): A-1036-A1039.

Die Arzt-Patienten-Beziehung wird von Normen und Prinzipien bestimmt.

Prinzipien 1. Ordnung…………………………..
I Gesundheits- und Wohbefindensfürsorge
II Selbstbestimmung des Patienten………..
III soziale Zuträglichkeit………………………
Prinzipien 2. Ordnung……………………..
I Vertrauen………………………………
II Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit..
III Schweigepflicht………………………..

Werte, welche unserer eigenen Rolle Form und Festigkeit verleihen, legitimieren sich im Dienst für diese Prinzipien. Arztrollen unterliegen dem historischen Wandel und sind kulturell geprägt. In einem Rechtsstaat ist der Arzt reguliert und verpflichtet. Nicht zuletzt der Schweigepflicht. Voran steht jedoch die Selbstbestimmung des Patienten. Die Fürsorge für den Ratsuchenden bei Gesundheit und Krankheit hat Grenzen in ihrer sozialen Zuträglichkeit.

Priorisierung ist daher kein neuer Aspekt der Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland. Die Priorität der Fürsorge ist jedoch beständig aufgeweicht und Prinzipien zweiter Ordnung sind korrodiert worden. Die Spur diese Erosion zieht sich durch die Gesundheitsreformen. Ärzte können nur innerhalb des ordnungsstaatlichen Rahmens gestalten. Dieser schafft Korridore und zwingt Richtungen auf. Mitte finden wir in der Gestaltung, auch in der Formung neuer Interessensvertretungen.

Auf der Suche nach einer neuen Identität wenden sich Wissenschaftler dem Kern zu . Die Fragestellung offenbart die Suche nach Selbst und Sinn. Sie hinterfragt aber auch die zugrunde liegenden Modelle. Wenn der Lebenslauf eines Arztes nicht mehr den Spannungbogen von Studium, präklinischen Fächern wie Lehrjahre in Anatomie und Pathologie, Chirurgie, Innere, Weiterentwicklung in der klinischen Hierarchie und Sesshaftwerdung nach chefärztlicher Tätigkeit zeigt, wo bleibt dann die treibende Kraft für die selbständige Tätigkeit? Ärzte gingen aus den freien Berufen des 19. Jahrhunderts hervor. Zusammen mit Rechtsanwälten und Künstlern waren sie die ideologischen Bannerträger der jungen Republik. Die Rückbesinnung auf Werte kann Ärzten neuen Antrieb in einem System geben, das unbeweglich wie ein Mehlsack doch sichtbar angenagt die Ressourcen der Gemeinschaft symbolisiert. Kriterien freier Berufe sind hohe Professionalität, Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl, strenge Selbstkontrolle und Qualitätssicherung, letztlich die Eigenveranwortlichkeit. Wir finden die Grundwerte Freiheit, Verantwortung und Wahrhaftigkeit in der Definition des Bundesverbandes der Freien Berufe. Diese Grundwerte sind notwendig um anderen Werten zu dienen.

Begegne ich den von Patienten an die Versorger angetragenen Anliegen, so ist der vorgetragene Standpunkt nicht mehr der wählenden Ärzteschaft zu vermitteln. Mißbrauchen Bürger den Notruf als Auskunft für die diensthabende Apotheke, weiten Patienten mit Allgemeinbeschwerden ihre Arztkonsultationen aus, so ist hier Regulierung und Priorisierung gefordert. Wird das mit Expertise ausgestattete Beschwerdewesen zu einem Ort der Erleichterung für Querulanten, so werden nach sachlicher Prüfung auch Gebühren für die Vortragenden unvermeidbar.
Diese Reaktionen von Kammer und Kassenärztlichen Vereinigungen können eine Priorisierung abmildern. Wenn Bürger mit Bagatellbeschwerden Doctorhopping praktizieren, so ist dies die Ursache der in Deutschland außerhalb der Plausibilität gehäuften Arztkonsultationen. Wir schleichen uns nicht nächtens zu jungen Damen, um das Pülslein wohl zu fühlen, wenn Inkommodiät zum Anlaß genommen wird, den Notdienst herbei zu zitieren.

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