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Medizin

Diskussion um transgenerationellen Effekt bei Glyphosat

Dienstag, 30. April 2019

Eine Flasche mit Unkrautvernichtungs- und Pflanzenschutzmittel (Roundup), das den Wirkstoff Glyphosat erhält. /dpa

Pullman – Ein neuer Aspekt könnte die Debatte um Glyphosat vorantreiben und die Risikoeinschätzung von Umweltgiften erweitern. Das zumindest erhoffen sich Forscher um Michael Skinner von der Washington State University aufgrund einer Studie mit Ratten, die sie in Scientific Reports publiziert haben (2019; doi: 10.1038/s41598-019-42860-0). Diese soll erstmals gesundheitliche Schäden in der zweiten und dritten Generation nachweisen und somit den Beleg für einen transgenerationellen Effekt liefern.

Die Health and Environment Alliance (HEAL) war einer der Initiatoren der Europäischen Bürgerinitiative zum Verbot von Glyphosat, nachdem die WHO-Krebsforschungsagentur IARC Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ eingestuft hatte.

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Während die Health and Environment Alliance (HEAL) Alarm schlägt und die Europäische Kommission aufruft, mehr Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz der Gesundheit zu ergreifen, äußert sich das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) skeptisch. Unter anderem beurteilt das BfR die Versuche „methodisch als problematisch“ und kommt zu dem Schluss: „Durch die Studie ergeben sich keine Änderungen der existierenden behördlichen Einschätzung der Gesundheitsrisiken durch Glyphosat.“ Auch der Epigenetiker Jörn Walter von der Universität des Saarlandes kritisiert die Methodik – sie sei nicht „state of the art“ in der Epigenetik und die Schlussfolgerungen seien daher nicht nachvollziehbar und stark überzogen. Grundsätzlich hält Walter die Erforschung transgenerationaler Effekte aber für sehr relevant und unterbeforscht.

In seinem Versuch injizierte der Biologe Skinner weiblichen Ratten (F0-Generation) an den Tagen 8 bis 14 der Trächtigkeit reines Glyphosat unter die Bauchdecke, und zwar in einer hohen Dosierung von 25 mg/kg Körpergewicht täglich. Das entspricht der Hälfte des NOAEL-Werts von 50 mg/kg/Tag, den das BfR festgelegt hat. NOAEL steht für „no observed adverse effect level“. Dabei handelt es sich um die Dosis, bei der im Tierversuch noch keine negativen Auswirkungen auf die Tiergesundheit beobachtet werden konnten. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hatte 2015 jedoch eine zulässige tägliche Aufnahmemenge (Acceptable Daily Intake, ADI) von 0,5 mg/kg Körpergewicht vorgeschlagen.

Der Unkrautvernichter Glyphosat (enthalten in Roundup) wurde 2017 für einen Zeitraum von 5 Jahren auf dem europäischen Markt neu zugelassen. Die Europäische Kommission hat kürzlich Frankreich, Ungarn, die Niederlande und Schweden ernannt, um zu prüfen, ob das Pestizid nach diesem Zeitraum verboten werden soll oder nicht.

Die Tiere der F1-Generation, die direkt fetal exponiert waren, wurden weiter gezüchtet, um die F2-Generation zu erzeugen. Diese Generation diente dann der Erzeugung der F3-Generation, die Glyphosat nicht direkt exponiert waren. Um Inzuchtartefakte auszu­schließen, wurden keine Kreuzungen unter Geschwistern oder Cousins und Cousinen durchgeführt. Zur Kontrolle züchteten die Forscher eine weitere F0-Generation nach dem gleichen Schema, der entweder Dimethylsulfoxid (DMSO) oder phosphatgepufferte Kochsalzlösung (PBS) injiziert wurde statt Glyphosat. Die Ratten der Kontroll- und Glyphosatlinien erreichten ein Alter von bis zu einem Jahr, bevor eine epigenetische Analyse folgte.

Pathologien häufen sich in der zweiten und dritten Generation

Dabei fanden die Forscher vernachlässigbare Auswirkungen von Glyphosat auf die direkt exponierte F0-Generation und die F1-Generation. Damit bestätige die Studie bisherige Studien, die den direkten Effekt als minimal toxisch einordnen würden, erklärt Seniorautor Skinner auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes (DÄ).

„Glyphosat ist eine relativ sichere Verbindung für die direkte Exposition, aber wir zeigen zum ersten Mal, dass es zukünftige Generationen beeinflussen kann.“ Denn bei den Urenkeln in der F2-Generation und in der F3-Generation wurde ein Anstieg der Pathologien beobachtet: Prostataerkrankungen, Fettleibigkeit, Nierenerkrankungen, Eierstock­erkrankungen und Geburtsanomalien nahmen zu.

Schuld daran sein sollen epigenetische Veränderungen, die über Spermien und Eizellen an die Nachkommen weitergeben wurden. Dies sei ein transgenerationeller Effekt, der sich von den klassischen, in der Vergangenheit getesteten direkten Expositionseffekten unterscheide, erklärt Skinner. Seine Hypothese untermauert er mit den Ergebnissen der epigenetischen Analyse. Dabei kam eine Reihe von DNA-Methylierungsregionen (DMRs) zum Vorschein, die Skinner mit den beobachteten Pathologien in Verbindung bringt.

Wenn überhaupt hat die Exposition in der F0-Generation ein epigenetisches Chaos ausgelöst, das sich erst in der F2-Generation auswirkt. Jörn Walter, Universität des Saarlandes

Studie mit Mängeln

Für den Epigenetiker Jörn Walter geht diese Interpretation viel zu weit. Fest steht seiner Einschätzung nach nur: Die epigenetischen Muster der Spermien der ersten, zweiten und dritten Generation haben sich verändert. Hieran gebe es keinen Zweifel. „Dass das eine Folge der Glyphosatinjektion sein soll, kann die Studie aber nicht zeigen“, kritisiert Walter den fehlenden kausalen Zusammenhang. „Wenn überhaupt hat die Exposition in der F0-Generation ein epigenetisches Chaos ausgelöst, das sich erst in der F2-Generation auswirkt.“

Eine weitere Schwachstelle der Studie sieht Walter bei der Wahl der Versuchstiere. Es handle sich hierbei um Auszuchtratten, die genetisch variabel seien. Um epigenetische Auswirkungen auf die Phänotypen untersuchen zu können, hätte Skinner eine genetisch identische Versuchstierlinie einsetzen müssen. „Genetische Konstellationen wurden in der Studie nicht ausgewertet“, führt der Genetiker aus dem Saarland weiter aus. Dabei könne es durchaus sein, dass eine bestimmte Kombination genetischer Muster erst bestimmte epigenetische Muster erlaube. „Das haben wir in Versuchen schon häufig gesehen.“

Skinner erläutert zudem, dass er in der Kontrollgruppe eine Gruppe adipöser Nachkommen einer Ratte aussortieren musste, da ihr Phänotyp zu stark abwich. Dieses Vorgehen hält Walter für wissenschaftlich inakzeptabel und unsauber. Auch das BfR kritisiert die Methodik, weil die Kontrolle im Laufe des Versuches verändert wurde und die statischen Auswertungen zudem nur unzureichend beschrieben seien, teilt die Pressestelle mit.

BfR stellt Falschaussage richtig

Skinner wies darauf hin, dass toxikologische Prüfverfahren nur direkte Expositionen untersuchen würden. Er fordere stattdessen Generationsstudien. Dieser Aussage kann das BfR nicht bestätigen. Schon jetzt würden bei der EU-Wirkstoffprüfung richtlinienkonforme Mehrgenerationen-Studien bis zur F2-Generation durchgeführt, um das Risiko eines Umweltgifts einzuordnen. Im Falle von Glyphosat wurde dieses allerdings nicht injiziert, sondern verfüttert, so das BfR. „Eine intraperitonealer Injektion der Testsubstanz in die Bauchhöhle stellt kein für eine regulatorische Bewertung realistisches Expositionsszenario dar und ist von sehr eingeschränkter Relevanz“, erklärt das BfR und weiter: „Transgeneratio­nelle Effekte konnten unsere Toxikologen nicht bestätigen.“

In einem Punkt stimmt der Genetiker Walter mit Skinner dennoch überein: Grundlagen­forschung zu transgenerationellen Effekten müsse gefördert werden, auch im Zusammenhang mit Umweltgiften. „Bisher ist weitestgehend unklar, wie transgenerationelle Effekte überhaupt entstehen“, sagte Walter dem . Er selbst koordinierte das erste Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Epigenetik in Deutschland sowie das Epigenomprojekt DEEP zur Erstellung des ersten humanen epigenetischen Atlas aller menschlichen Zelltypen. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #107994
Adolar
am Mittwoch, 1. Mai 2019, 20:25

Gibts sowas überhaupt?

Es müßte doch möglich sein, Veränderungen im Erbgut direkt zu ermitteln, statt Mäuse zu züchten. Scheint mir Beschäftigungstherapie für Institute zu sein, was da gemacht wird, um mal wieder einen neuen, reißerischen Artikel promoten zu können.
LNS

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