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Medizin

Adipositas: Roux-en-Y-Bypass im Jugendalter hat Vor- und Nachteile

Freitag, 17. Mai 2019

/dpa

Denver/Colorado – Ein Roux-en-Y-Bypass, eine der einschneidendsten bariatrischen Operationen, kann bei Jugendlichen eine gleich große Gewichtsreduktion erzielen wie bei Erwachsenen. Ein Vorteil der frühzeitigen Operation könnte die Ausheilung eines Typ-2-Diabetes und eine Normalisierung des Blutdrucks sein. Der Vergleich von 2 prospektiven Kohortenstudien im New England Journal of Medicine (2019; doi: 10.1056/NEJMoa1813909) zeigt jedoch auch, dass die erzwungene neue Ernährungsweise einige Jugendliche überfordert.

Die Adipositaswelle hat dazu geführt, dass immer häufiger bereits Jugendliche die Kriterien für eine bariatrische Operation erfüllen. Auf eine Magenverkleinerung oder einen Magenbypass, die nach derzeitigem Kenntnisstand die effektivste Methode zur Gewichtsregulierung sind, wird in der Regel verzichtet, bis die Patienten ausgewachsen sind und ihre Persönlichkeit weit genug entwickelt ist, dass sie die lebenslangen Folgen des Eingriffs verstehen. Diese bestehen nicht nur in einem erzwungenen veränderten Essverhalten. Patienten mit einem Roux-en-Y-Bypass müssen auch auf die aus­reichende Aufnahme von Vitaminen und Spurenelementen achten, was Jugendlichen häufig schwer fällt.

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Dennoch gibt es Argumente, die für eine frühzeitige Operation sprechen. Die Jugend­lichen sollen durch die Gewichtsabnahme nicht nur vor einem Mobbing in der Schule geschützt werden. Im Jugendalter ist ein Typ-2-Diabetes, eine häufige Folge der Adipositas, noch reversibel, weil die Insulinüberproduktion die Beta-Zellen noch nicht erschöpft hat. Die arterielle Hypertonie hat bei den Jugendlichen noch nicht die Gefäße oder Herz und Nieren beschädigt.

Die Teen–LABS-Studie („Teen–Longitudinal Assessment of Bariatric Surgery“) begleitet seit 2006 eine Gruppe von 161 Teenagern (13 bis 19 Jahre), die einen Roux-en-Y-Bypass erhalten hatten, weil ihr Body-Mass-Index im Mittel auf 50 kg/m2 angestiegen war. Fast jeder dritte hatte eine unkontrollierte arterielle Hypertonie und jeder siebte einen Typ-2-Diabetes entwickelt.

Ein Team um Thomas Inge vom Children's Hospital Colorado in Aurora bei Denver verglich die Entwicklung der Kinder in den 5 Jahren nach der Operation mit der Entwicklung von 396 erwachsenen Teilnehmern der parallelen LABS-Studie, die zum Zeitpunkt der Roux-en-Y-Operation zwischen 25 und 50 Jahre alt waren und einen vergleichbaren BMI von im Mittel 50 kg/m2 hatten.

In beiden Studien kam es zu einer vergleichbaren Gewichtsreduktion. Die meisten Teilnehmer verloren in den ersten 6 Monaten nach der Operation rasch an Gewicht. Nach 5 Jahren hatten die Jugendlichen 26 % (95-%-Konfidenzintervall 23 bis 29 %) des Ausgangsgewichts verloren. Bei den Erwachsenen war es zu einem Rückgang um 29 % (27 bis 31 %) gekommen. Alle Teilnehmer waren mit einem BMI von 35 bis 40 kg/m2 (Jugendliche) und 34 bis 38 kg/m2 (Erwachsene) weiterhin adipös. Ihr Gesundheitszustand hatte sich jedoch verbessert, wobei es bei den Jugendlichen häufiger zu einer Remission von Diabetes und Hypertonie kam.

Der Anteil der Typ-2-Diabetiker ging bei den Jugendlichen von 14 auf 2,4 % zurück, was einem relativen Rückgang um 86 % entsprach. Bei den Erwachsenen fiel die Prävalenz von 31 auf 12 %, was einem relativen Rückgang um 52 % entsprach. Inge ermittelte eine Risk Ratio von 1,27 (1,03 bis 1,57) für eine erfolgreiche Beseitigung der Stoffwechselstörung.

Von den Jugendlichen benötigte keiner mehr Antidiabetika oder Insulin (zuvor 88 % beziehungsweise 20 % der diabetischen Jugendlichen). Bei den Erwachsenen erhielten weiterhin 26 % der Diabetiker Antidiabetika und 4 % Insulin (vor der Operation waren es 79 % beziehungsweise 22 % gewesen). Die bariatrische Operation hatte bei den im Durchschnitt 17,0 Jahre alten Jugendlichen häufiger zu einer kompletten Ausheilung des Typ-2-Diabetes geführt als bei den 20 Jahre älteren Erwachsenen (Durchschnittsalter 37,9 Jahre).

Auch beim Blutdruck war die Entwicklung bei den Jugendlichen günstiger. Vor der Operation hatten 57 % der Jugendlichen und 68 % der Erwachsenen Antihypertonika eingenommen. 5 Jahre nach der Operation war der Anteil bei den Jugendlichen auf 11 % gegenüber 33 % bei den Erwachsenen gefallen. Bei 68 % der Jugendlichen und 41 % der Erwachsenen kam es zu einer Remission der Hypertonie (Risk Ratio 1,51; 1,21 bis 1,88).

Bei Jugendlichen bietet die bariatrische Operation demnach häufiger die Chance auf eine „Heilung“ von Typ-2-Diabetes und Hypertonie. Es kann aber auch zu Problemen kommen.

Das erste Problem war eine erhöhte Rate von Reoperationen. Die wurden bei 20 % der Jugendlichen erforderlich gegenüber 16 % der Erwachsenen (19 versus 10 Reoperationen pro 500 Personenjahre).

Das zweite Problem war eine schlechtere Adhärenz bei der notwendigen Substitution von Spurenelementen und Vitaminen: 48 % der Jugendlichen hatten nach 2 Jahren einen Eisenmangel (niedriges Ferritin) gegenüber nur 24 % der Erwachsenen. Der Anteil der Patienten mit einem Vitamin-D-Mangel stieg bei den Jugendlichen um 38 %, während er bei den Erwachsenen um 24 % abnahm. Einen Vitamin-B12-Mangel entwickelten in beiden Gruppen 4 % der Jugendlichen und Erwachsenen.

Das dritte Problem könnte psychischer Natur sein. Unter den Jugendlichen gab es 3 Todesfälle, 2 davon waren auf eine Überdosis von Drogen zurückzuführen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #753654
Rudolf Weiner
am Freitag, 17. Mai 2019, 21:14

Titelbild

Sei Jahren wird zum Thema Adipositaschirurgie auf ein Bild aus dem Archiv zurückgegriffen, welches einen Chirurgen zeigt, der es wegen Skandalen zweimal in den „Spiegel“ geschafft hatte. Nachdem Verlust des Professorentitels sollte man Bild aus dem Archiv entfernen.
Prof.Dr. R. Weiner
LNS

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