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Medizin

Jobpflicht kostet Tausende US-Bürger Kranken­versicherungsschutz

Donnerstag, 20. Juni 2019

Patient übergibt dem Arzt seine Versicherungskarte. /Bits and Splits stock.adobe.com
Das US-Gesundheitsfürsorgeprogramm Medicaid richtet sich vor allem an Personen mit geringem Einkommen, aber auch Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. /Bits and Splits stock.adobe.com

Boston – Die Einführung einer verpflichtenden beruflichen oder gemeinnützigen Tätigkeit als Voraussetzung für Gesundheitsfürsorge hat im US-Bundesstaat Arkansas zu „signifikanten Verlusten beim Kran­ken­ver­siche­rungsschutz geführt – ohne die Beschäftigungszahlen zu erhöhen“. Das zeigt eine im New England Journal of Medicine erschienene Auswertung (2019; doi: 10.1056/NEJMsr1901772).

„Fast 17.000 zuvor Bezugsberechtigte aus dem US-Gesundheitsfürsorgeprogramm Medicaid sind im Dezember in einem Brief darüber informiert wurden, dass sie aus dem Medicaid-Programm gefallen sind“, berichten Benjamin D. Sommers von der Harvard University, Boston, und seine Kollegen.

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Der Anstieg der Zahl der 30- bis 49-Jährigen ohne Kran­ken­ver­siche­rungsschutz um vier Prozent innerhalb von nur sechs Monaten veranlasste einen US-Bundesrichter im März dazu, das Projekt zu stoppen.

Medicaid ist ein US-Gesundheitsfürsorgeprogramm für Personen mit geringem Einkommen, für Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen, das von den einzelnen Bundesstaaten organisiert wird. Als erster Bundesstaat hatte Arkansas im Juni 2018 festgelegt, dass in der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen nur noch diejenigen Medicaid-Leistungen erhalten, die mindestens 80 Stunden im Monat arbeiten oder einer gleichwertigen gemeinnützigen Tätigkeit nachgehen – und dem Staat dafür Nachweise erbringen.

Eine Befragung von knapp 6.000 Einwohnern Arkansas mit niedrigem Einkommen ergab, dass unter den 30- bis 49-Jährigen die Zahl der Medicaid-Versicherten von 70,5 auf 63,7 % sank, eine Abnahme um 6,8 Prozentpunkte. Die Versicherungsraten in anderen Altersgruppen sowie in anderen Bundesstaaten (Louisiana, Kentucky, Texas) bewegten sich in dieser Zeit zwischen einem Plus von 3,9 % und einem Minus von 1,3 %.

Die Zahl der nicht krankenversicherten 30- bis 49-Jährigen in Arkansas stieg nach Einführung der Jobpflicht von 10,5 auf 14,5 %. Die Hoffnung, die betroffenen Personen durch das Programm in Arbeitsverhältnisse zu überführen, habe sich nicht erfüllt, so Sommers und seine Koautoren – zu sehen an den Zahlen zur Kran­ken­ver­siche­rung über den Arbeitgeber, die gerade einmal um 1,6 % anstiegen. Auch die Raten an Beschäftigungsverhältnissen von mindestens 20 Stunden pro Woche zeigten keine anderen Entwicklungen als in den anderen Altersgruppen.

Weitere Befragungen ergaben, dass den hohen Verlustzahlen beim Versicherungsschutz nicht unbedingt ein mangelnder Wille, die Arbeitsanforderung zu erfüllen, zugrunde lag. Ein Drittel der 30- bis 49-Jährigen gab an, nichts von der neuen Regelung gewusst zu haben, dies galt speziell für Männer und Menschen mit niedrigerem Bildungsstand.

Unwissenheit und Unsicherheit führten zum Versicherungsverlust

Viele Medicaid-Bezugsberechtigte in der Altersgruppe der 30- bis 49-Järhigen waren sich auch unsicher, ob sie von der neuen Regelung betroffen sind. „Gerade einmal ein Viertel von ihnen dachte, dass die neuen Anforderungen auch für sie gelten“, berichten die Autoren.

Hinzu kamen organisatorische Hürden, wie das Fehlen eines Internetzugangs, um Arbeitsnachweise online einzureichen. Und eine weitere Gruppe versuchte gar nicht erst Rechenschaft über ihre Tätigkeiten abzulegen, weil sie – fälschlicherweise – davon ausging, die Anforderungen sowieso nicht zu erfüllen.

„Ein mangelndes Bewusstsein und Verwirrung könnten ein Grund dafür gewesen sein, weshalb so viele Menschen ihren Versicherungsschutz verloren haben, obwohl die Mehrheit der Zielpopulation eigentlich die Anforderungen erfüllt hätten oder Kandidaten für Ausnahmeregelungen gewesen wären“, resümieren Sommers und seine Kollegen. Der Verlust des Versicherungsschutzes durch Medicaid sei auch nicht durch private oder vom Arbeitgeber getragene Versicherungen aufgefangen worden, wie die steigende Zahl an Personen ohne Kran­ken­ver­siche­rung zeige.

In den ersten 3 Monaten nach dem Verlust der Medicaid-Berechtigung gab es noch keine Hinweise, dass medizinische Behandlungen sich dadurch verzögert hätten oder ausgeblieben seien. Die Bewertung der längerfristigen Auswirkungen sei jedoch essenziell, so die Autoren.

Im April 2019 erhielten 9 weitere US-Bundesstaaten die Genehmigung für die Einführung einer Jobpflicht, 6 weitere entsprechende Anträge befinden sich noch im Zulassungsprozess. © nec/aerzteblatt.de

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